Adventmail 2011/09 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meine Freundin und „Ex-SchwieMu“
CHRISTA, 79, Pensionistin, früher Übersetzerin, Wien

1.) Du bist Jahrgang 1932, hast das erste bewusst erlebte Jahrzehnt deines Lebens in Diktaturen verbracht. Heute herrscht ringsum Krise. Kannst du dich an Lebensphasen erinnern, in der die Stimmung in der Gesellschaft vergleichbar schlecht war?
Meiner Ansicht nach kann man heutige Stimmungen in heutigen Krisen nicht mit denen vergleichen, die ich in meiner Kindheit und Jugend erlebt habe. Unter den Nationalsozialisten war die Situation, zumindest für meine Familie, zutiefst bedrückend und bedrohlich. Der Bombenkrieg war ein Horror, der Einmarsch der Russen in Wien schrecklich und gefährlich. Die Stimmung danach war allerdings sehr gut bei den Menschen, die dachten wie wir: ein Aufatmen, ein Aufbruch, ein Neubeginn! Persönlich habe ich das Gefühl, dass mein Leben im Frühjahr 1945 erst begonnen hat. Vorher hatte ich nur geschlafen, von da an war ich hellwach!

2.) Was macht dir im Blick auf die Zukunft Sorgen? Und was gibt Hoffnung?
Sorgen macht mir die Zukunft meiner Enkel und der noch ungeborenen Urenkel. Werden sie noch mit einem festen Arbeitsplatz, einer adäquaten Alterspension, guter medizinischer Versorgung rechnen können? Auch die zunehmende Verrohung der Gesellschaft macht mir Sorgen.
Hoffnung hingegen gibt mir, dass die Jugend so weltoffen, so international ist. Dass sie tolerant ist (von einigen radikalen Gruppen abgesehen) in Bezug auf Herkunft, Religion, Formen des Zusammenlebens; dass sie sich unserer Verantwortung für die Erde immer bewusster wird…

3.) Welche Ziele hat frau/man im Spätherbst des Lebens noch? Was möchtest du unterbringen in den verbleibenden Jahren?
Ich möchte unbedingt den guten Kontakt zu meiner Familie und zu lieben Freunden weiterpflegen. Es gibt nichts Spezielles, das ich NOCH unterbringen will, kein definierbares Ziel. Ich möchte so lang wie möglich selbstbestimmt und unabhängig bleiben, am kulturellen und geistigen Leben teilnehmen (und sei es nur dank Fernsehen und Internet), und habe vor, alles zu tun, um mich körperlich und vor allem geistig fit zu halten.

Adventmail 2011/08 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meinen ältesten Sohn…GREGOR, 24, Student, Wien

1.) Du studierst mit Mathematik ein ausgesprochenes „Angstfach“. Warum fällt Mathe deiner Meinung nach vielen so schwer, wenn es doch angeblich die Gesetze wiedergibt, nach denen unsere Welt aufgebaut ist?
Die Frage finde ich schwierig zu beantworten. Du suggerierst, dass die Gesetze, nach denen unsere Welt aufgebaut ist, etwas Einfaches und für jedermann leicht Verständliches sein müssten. Dabei ist unsere Welt doch wahnsinnig kompliziert, und beinhaltet Phänomene, die so unergründlich sind, dass man noch weit entfernt davon ist, sie mit was für Gesetzen auch immer zu beschreiben. Mathematik ist bestenfalls eine Vereinfachung dieser Gesetze, soweit sie sich überhaupt mit ihnen beschäftigt. Um Albert Einstein zu zitieren: “Insofern sich die Sätze der Mathematik auf die Wirklichkeit beziehen, sind sie nicht sicher, und insofern sie sicher sind, beziehen sie sich nicht auf die Wirklichkeit.”
Die Frage sollte also eher lauten: “Warum fällt Mathe deiner Meinung nach vielen so schwer, OBWOHL es NICHT die Gesetze wiedergibt, nach denen unsere Welt aufgebaut ist?”
Warum Mathematik ein Angstfach ist? Einerseits, weil einem Fähigkeiten abverlangt werden, die man im Alltagsleben nicht benötigt und folglich niemals zu erlernen gezwungen wurde (im Gegensatz zu, sagen wir mal, Deutsch oder Turnen), nämlich z.B. das Übersetzen von Textangaben in bestimmte Zahlen- und Buchstabenketten und das Umformen dieser anhand bestimmter festgeschriebener Regeln. Andererseits, weil diese Fähigkeiten vom Schulsystem als besonders wichtig eingestuft werden. Es gibt auch nicht sehr viele Menschen, die ein Instrument perfekt beherrschen oder gut zeichnen können; Musik wäre genauso ein Angstfach, wenn es Schularbeiten gäbe, bei denen jeder falsche Ton mit einem Minuspunkt bestraft und von denen das Aufsteigen in die nächste Schulstufe abhängen würde. Das hat also weniger mit Mathematik selber (und schon gar nichts mit dem, was ich studiere) zu tun, als vielmehr mit der Art, wie ihr Beherrschen in der Schule abgeprüft wird.

Der “Zahlenteufel” ist ein wirklich nettes Buch über Mathematik für Kinder, von denen es mehr geben sollte.
Bei Populärmathematik für Erwachsene sollte man aufpassen. Oft ist es zu viel Blabla und zu wenig Mathematik. Rudolf Taschner z.B. ist schrecklich.
Empfehlungen:
– “Prime Obsession”, John Derbyshire
– “Poincarés Vermutung”, Donal O’Shea
– “Fermats letzter Satz”, Simon Singh
Realistisch gesehen wird aber niemand über derartige Umwege zur Mathematik finden. Wer sich wirklich interessiert, fängt am besten gleich damit an: http://asc.tuwien.ac.at/funkana/skripten/ANA_I_2011.pdf (mein sehr empfehlenswertes Analysis 1 Skriptum. Setzt fast keine Oberstufenmathematik voraus.)

3.) Der Supercomputer Deep Thought („Per Anhalter durch die Galaxis“) hat „42“ als Antwort auf die Frage aller Fragen, nämlich die „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ errechnet. Was wäre deine Lösung auf diese Frage?
Also bei mir kommt 37 raus. (Rechenfehler…?)

Adventmail 2011/07 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meine Freundin und “Mit-Cineastin” (monatliche Kinorunde)…
MICHAELA, Theologin, Philosophin, PR-Beraterin, Autorin

1.) Mein Eindruck: Immer mehr Menschen werden angesichts der heutigen Krisen in Politik, Wirtschaft, Ökologie unzufrieden, doch den Eliten gelingt kein wirklicher Neubeginn. Muss erst alles den Bach runtergehen, bevor was Neues in Fluss kommt?
Die Eliten hinken den Veränderungen nach. Das klingt absurd, ist aber leicht erklärbar. Denn diejenigen, denen es mit dem Status Quo am besten geht, haben naturgemäß das geringste Interesse, die Situation zu verändern. Und sie haben – derzeit jedenfalls noch – auch die Macht, Veränderungen zu blockieren. Wer genau hinschaut, kann jedoch viele Zeichen und auch ganz konkrete Realisierungen von “Neubeginn” und “Veränderung” entdecken. Und das auf der ganzen Welt. Ich glaube, dass die Zeit für Systemveränderungen immer reifer wird und die Eliten mit ihrer Blockiererei auf Dauer nicht durchkommen werden. Ich glaube – und hoffe – jedoch nicht, dass es den einen ganz großen Knall geben wird. Das überkommene und zu verändernde “Alte” wird jetzt schon schleichend durch bessere Alternativen ersetzt (ich denke da z.B. an fairen Handel www.fairtrade.at, gemeinschaftliche Wohnprojekte www.parq.at, kooperative Gemüseprojekte www.ochsenherz.at u.v.m.) und für vieles weitere gibt es sehr konkrete und realistische Vorschläge, was zu tun wäre, nicht zuletzt im Hinblick auf den Umgang mit der aktuellen Finanz- und Schuldenkrise – www.wege-aus-der-krise.at.
Irgendwann werden die vielen kleinen Projekte der Weltveränderung zum großen Umbruch führen – so jedenfalls meine Hoffnung, für die es zum Glück auch bei paar historische Bestätigungen gibt – und bis dahin heißt es für uns alle, den Eliten weiter hin und immer die Glaubwürdigkeit abzusprechen und zu entziehen und weiter an verschiedenen Veränderungsprojekten zu arbeiten, damit die kritische Masse, der kleine vielleicht alles entscheidende Tropfen … eher schneller als langsamer erreicht wird.

2.) Würde die Welt anders aussehen, wenn es mehr Frauen an der Macht gäbe?
Hier möchte ich – auch aus aktuellem und traurigem Anlass ihres Todes – die klugen Worte der von mir hochverehrten Christa Wolf zitieren:
“Ich behaupte nicht, Frauen seien von Natur aus mehr als Männer vor politischem Wahndenken, vor Wirklichkeitsflucht gefeit. Nur: Eine bestimmte geschichtliche Phase hat ihnen die Voraussetzungen gegeben, einen Lebensanspruch für Männer mit auszudrücken … Wir werden uns daran gewöhnen müssen, daß Frauen nicht mehr nur nach Gleichberechtigung, sondern nach neuen Lebensformen suchen. Vernunft, Sinnlichkeit, Glückssehnsucht setzen sie dem bloßen Nützlichkeitsdenken und Pragmatismus entgegen – jener ‘Ratio’, die sich selbst betrügt: Als könne eine Menschheit zugleich wachsende Anteile ihres Reichtums für Massenvernichtungsmittel ausgeben und ‘glücklich’ sein; als könne es ‘normale’ Beziehungen unter Menschen irgendwo auf der Welt geben, solange eine Hälfte der Menschheit unterernährt ist oder Hungers stirbt. Das sind Wahnideen. Es kommt mir vor, daß Frauen, denen ihr neu und mühsam erworbener Realitätsbezug kostbar ist, gegen solchen Wahn eher immun sind als Männer. Und daß die produktive Energie dieser Frauen deshalb eine Hoffnung ist.”

3.) Michaela, du stehst für Organisationen wie Armutskonferenz und Schuldnerberatungen, bist als EAPN-Vizepräsidentin ständig in Europa unterwegs, hältst Vorträge und schreibst Artikel über gutes Leben… Damit du letzteres auch selbst ausreichend hast: Wo sind deine Erholungsoasen?
Mein wichtigstes und liebstes “Erholungsprogramm” ist das Kochen. Ich liebe alles daran: Das Rezepte aussuchen oder ausdenken, das Einkaufen gehen, das Schneiden und Rühren und Schnuppern und Brutzeln – und natürlich auch das Essen. Kochen ist entspannend und anregend, sinnlich und kreativ – und es ist DIE Tätigkeit in meinem Leben, auf die ich am wenigsten verzichten könnte und möchte. Beim Kochen lassen sich ferne Länder, bis dato unbekannte Geschmäcker und Gerüche und damit auch neue Welten entdecken, wildes Experimentieren ist genauso möglich wie das Eintauchen in Kindheitserinnerungen und Altbewährtes.
Und weil immer mehr meine FreundInnen wissen woll(t)en, was ich grade koche und WIE das geht, hab ich unlängst einen kleinen Kochblog zu befüllen begonnen: http://michaelakocht.tumblr.com/

Adventmail 2011/06 (Drei Fragen an…)


3 Fragen an meinen früheren WG-Mitbewohner und Studienkollegen in Graz,
FREDERIK, 51, Märchenerzähler, Kumberg (www.freudeanmaerchen.at)

1.) Du hast den wohl ungewöhnlichsten Beruf unter meinen AdventmailbezieherInnen, bist seit 1989 Märchenerzähler. Was für einen Rahmen brauchst du bzw. schaffst du dir, um eine Geschichte spannend erzählen zu können?
Für mich ist Märchen erzählen und Märchen hören ein Eintauchen in eine innere Welt. Darum ist mir Stille eine wichtige Voraussetzung. Meistens gestalte ich mit schönen Tüchern eine Bühne, verwende zartes Licht und die Klänge von Harfe, Flöte oder Maultrommel, um meine Zuhörer/innen einzustimmen.
Ein anderer Einstieg können absurde Lügengeschichten sein, die zum Lachen reizen. Wer miteinander lacht, fürchtet sich nicht voreinander. Lustige Erlebnisse aus meinem Leben, Rätsel oder gemeinsames Musizieren öffnen ebenfalls für die Märchen.

2.) Du erzählst deine Märchen Kindern, aber auch Erwachsenen. Welche Altersgruppe fordert dich besonders heraus?
Wenn ich auf die jeweilige Altersgruppe eingehe, hören alle gerne zu.
Eine Herausforderung für mich sind Menschen, die so realistisch eingestellt und von der materiellen Welt gefangen sind, dass sie mit Symbolen als Sprache der Seele nichts anfangen können.

3.) Es gibt Leute, die die biblische Weihnachtserzählung als eine Art Märchen empfinden. Was würdest du denen erwidern?
Religiöse Geschichten, auch biblische Erzählungen, sind so etwas wie der Finger, der auf den Mond zeigt, nicht aber der Mond selbst. Und Märchen erzählen ebenfalls tiefe Wahrheiten, nur eben in Bildern verschlüsselt.
Beide Arten von Texten oder Erzählungen müssen entschlüsselt und ins eigene Leben übersetzt werden. Sowohl von Pfarrern wie von Zeugen Jehovas habe ich erlebt, dass sie biblische Texte weit über Märchen stellen. Bibeltexte sind für sie die reine Wahrheit, Märchen aber eben Märchen, also Lügen. Sie übersehen, dass alle Worte, auch heilige Worte aus der Bibel, nur “Hinweise” auf die Wahrheit sind. Und darin sind sie Märchen gleich.

Adventmail 2011/05 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meine Freundin und Kollegin
ANNEMARIE, 51, Herzogenburg, Chefredakteurin der Zeitschrift „lebensart“

1.) „Mitwelt“ statt Umwelt, „Eine“ statt Dritte Welt – braucht Öko-Bewusstsein auch eine neue, politisch korrekte Sprache?
Ganz spontan hätte ich gesagt: NEIN, bitte nicht noch eine politisch korrekte Sprache! Wie soll das dann geschrieben werden? Noch schwerere Lesbarkeit durch kryptische Wortkonstruktionen à la Gendersprache und Binnen-I? Anderseits: Worte erzeugen Bilder. Und es fühlt sich doch saugut an, sich als Teil der Welt zu begreifen. Ich bin Teil der ganzen Fülle, die sie zu bieten hat! Ebenfalls sind mir vergiftete Böden oder soziale Missstände gleich viel näher, wenn sie in der „Mitwelt“ passieren, als in einer Welt, die mich nur umgibt.

2.) Ist das (ökonomische) Hemd den Leuten in der Wirtschaftskrise näher als der (ökologische) Rock?
Sicher wäre den Leuten das ökonomische Hemd näher, hätten sie eines. Was allerdings, wenn man ihnen das letzte Hemd ausgezogen hat? Ist den Leuten – wenn sie ihres ökonomischen Hemdes beraubt wurden – der ökologische Rock wieder näher? Kann man etwa gar Armut mit dem damit einhergehenden reduzierten Lebensstil als ökologische Trendwende verkaufen? Gnade uns, wenn die Politik diese Idee aufgreift!

3.) Gab’s einmal einen Artikel in der „lebensart“, der deine persönliche Lebensführung verändert hat?
Die Kunst des Müßiggangs, vor etwa zwei Jahren. Damit wurde meine Aufmerksamkeit auf einige ähnliche Bücher gelenkt, welche einen gemütlichen Lebensstil oder gar „Faulheit“ hochhalten! Da ist was dran! Denn es sind sicher nicht die Faulen, welche die Welt, die Ressourcen, die Menschen ausbeuten! Im Gegenteil: Je mehr geleistet wird, je schneller gelaufen wird, umso schneller brennt die Erde aus.
Darum: „Entspannen Sie sich! Das ist das Beste, das Sie zur Rettung der Welt beitragen können!“ (frei nach Fred Luks).

Adventmail 2011/04 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meinen Cousin…
TOMAS, 50, Leiter/Geschäftsführer des Literaturhauses
Salzburg und Vorsitzender des Dachverbands Salzburger Kulturstätten
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1.) Du hast schon 1984 als Germanistikstudent mit dem Band „Und nachts über die Grenze“ eigene Gedichte veröffentlicht, bist später zu einem DER Literatur-Vermittler in Salzburg geworden. Liegt dir das mehr? Oder ist selber schreiben zu „brotlos“?
Soso, da werden also meine literarischen Jugendsünden ausgebreitet … Na, welcher Germanistikstudent schreibt nicht? Mir war Schreiben immer sehr wichtig – und gute Literatur. Ob ich beides vereinen hätte können, kann ich nicht beantworten, weil ich das Risiko nicht eingegangen bin. Vielleicht hatte ich zu viele andere Interessen, vielleicht war ich zu feige, vielleicht war ich nicht gut genug, vielleicht hat es zu wenig in mir gebrannt, vielleicht war ich nicht bereit, auf Angenehmes und Schönes im Leben zu verzichten.
Ich kann heute auch nicht sagen, ob mir Schreiben mehr “liegen” würde, vorstellbar ist es. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten stand die Vermittlung von Gegenwartsliteratur – einst als Literaturjournalist und Hörspielredakteur, jetzt als engagierter Leser, Organisator, Anreger, Moderator – im Vordergrund. So ist es auch derzeit. Und ich bin glücklich – auch, dass meine wundervolle Arbeit zwar mein Leben erfüllt und ausfüllt, aber Arbeit, Literatur und Kunst natürlich nicht das Leben ersetzen können, und damit meine ich vor allem die Liebe zu Menschen, meine Frau und unsere Kinder.

2.) Für mich ist Arno Geiger der derzeit interessanteste Autor Österreichs. Wie ist deine Meinung dazu?
Ich nehme an, dass du “interessant” positiv meinst – und nicht wie etwa ein Gast, vom Kellner befragt, wie das Essen war, antwortet: “Interessant …”. Also. Ja. Arno Geiger ist ein guter Autor, ein guter Vortragender, ein guter Gesprächspartner und – soweit ich das beurteilen kann – ein guter Mensch. Alles zählt für mich, und die Kombination ist mir am allerliebsten.
Freilich gibt noch etliche andere interessante, gute lebende Autorinnen und Autoren in Österreich, von den bereits toten Schriftstellern ganz zu schweigen: z.B. Robert Musil, Karl Kraus, Stefan Zweig, Arthur Schnitzler, Joseph Roth, Ingeborg Bachmann, H.C. Artmann, Thomas Bernhard, Georg Trakl, Ernst Jandl, Marlen Haushofer.

3.) Gib mir und unserem Adventpublikum einen Tipp: Wie könnte man die Zugfahrt von Salzburg nach Wien literarisch bestmöglich nutzen? Was kannst du uneingeschränkt empfehlen?
Vorschläge können ganz schön wehtun. Und Geschmäcker sind ja verschieden. Außerdem: Was heißt schon literarisch “nutzen”? Vielleicht mit einem einzigen Gedicht von Ilse Aichinger. Oder mit Block und Bleistift bzw. Laptop für eigene Ergüsse. Oder mit Erzählungen von Julio Cortazar oder Raymond Carver. Oder man lausche dem Hörspiel “Unter dem Milchwald” von Dylan Thomas (die englische Version ist nur Native Speaker zu empfehlen). Oder doch ein Roman? Ausgehend von einer durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit von rund 1 Minute pro Taschenbuch-Seite empfehle ich für die rund dreieinhalbstündige Zugfahrt*) von Salzburg-Hauptbahnhof nach Wien-Westbahnhof das Buch “Picknick auf dem Eis” des ukrainisch-russischen Schriftstellers Andrej Kurkow. Vielleicht hat ja dazu passend der Zugbegleiter ein kleines Wodkafläschchen … Viel Vergnügen! PS. Den Band “Pinguine frieren nicht” desselben Autors sollte man auf der Rückreise beginnen.

*) Weder möchte ich zum Railjet ab 144 Minuten noch zum Nacht-Zug nach Wien-Meidling mit 245 Minuten raten – und der zwölfstündige Umweg über Graz ist wirklich nur was für hartgesottene Literaturfreaks mit Vorliebe für Red Bull und dicke Wälzer.

Adventmail 2011/03 (Drei Fragen an…)

Heute 3 Fragen an eine langjährige Freundin in Tirol,
ISOLDE, 43, Landeck, Biologin (arbeitet als Gleichbehandlungs- und Antidiskriminierungsbeauftragte und Naturschutzsachverständige).

1.) Wer ist denn deine Hauptzielgruppe als
Antidiskriminierungsbeauftragte? Frauen? Behinderte? PolitikerInnen?

Meine Hauptzielgruppe sind alle Menschen die Unterstützung brauchen um ihre Rechte in Bezug auf Diskriminierung (aufgrund von Geschlecht, Alter, Behinderung etc.) besser durchsetzen zu können. Wichtig sind dabei neben den Betroffenen BündnispartnerInnen (PolitikerInnen, Führungskräfte,
BürgermeisterInnen, Menschen die mitdenken und mitfühlen!)

2.) Wie stehst du eigentlich zur Angleichung des Pensionsalters von Frauen und Männern?
Grundsätzlich bin ich für Gleichbehandlung von Frauen und Männern – Beamte und Beamtinnen z.B. hatten immer schon dasselbe Pensionsantrittsalter – dort ist die Einkommensschere allerdings auch relativ geringer als in der Privatwirtschaft.
Die Diskussion muss mehr in Richtung gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, einer Anhebung der Mindestpension etc. gehen, vom gerechten Einkommen sind wir noch weit weg.
Bei der Gehaltsreform in der Landesverwaltung hatten wir u.a. die Ziele Marktkonformität und Diskriminierungsfreiheit – ein spannendes Unterfangen, sicher nicht perfekt, aber es hat viele Diskussionen ausgelöst!

3.) Wenn Gottvater und Gottsohn nur durch einen sächlichen Hl. Geist (griech. “pneuma”, n.) ergänzt werden – wäre dann das ein Fall für den Gleichbehandlungsausschuss der URO (United Religions Organization)?
Ja! Aber die Kampagne “Grüß Göttin” die z.B. bei den Tiroler Grenzübergängen steht, hat sehr viel Verwirrung ausgelöst und finde ich spannend – Gott ist – denke ich, weder männlich noch weiblich, aber das übersteigt mein biologisches Wissen!

Adventmail 2011/02 (Drei Fragen an…)

Heute 3 Fragen an einen langjährigen Freund, mit dem ich vor mehr als zwei Jahrzehnten schon ein Wohnprojekt plante:
HEINRICH, 50, Architekt und Gründer von „ATOS“, Sierndorf (NÖ).

1.) Welche Elemente sind für dich unverzichtbar für ein lebenswertes Haus?
Ganz eindeutig die Menschen, die es bewohnen. Am schlimmsten finde ich diese schicken Designerlofts, die eher wirken wie ein Museum mit seiner Sterilität, Kälte und Leblosigkeit. Also ist demgemäß das schönste Haus eines voller Kinder. Da ich das aber als Architekt nicht beeinflussen kann, versuche ich ein Haus so lebens- und liebenswert wie möglich zu machen. Dazu gehören Faktoren wie viel Tageslicht, direkte Sonne, schöner Ausblick, gemütliche Ecken, Materialien, die man gerne berührt, gute Gerüche, schöne Proportionen, passende Farben, saubere Luft und ein Garten. Das ist überhaupt was ganz Wichtiges. Ein Grünraum, der direkt vor der Türe betretbar ist. Keiner dieser spartanischen Minibalkone, die Einblicken, Wind und Lärm ausgesetzt sind. Dieser Garten muss nicht groß sein. Entscheidend ist seine Qualität.

2.) Gibt’s ein Gebäude in Wien (oder anderswo), vor dem du immer wieder bewundernd stehenbleibst?
Meist ist es gerade das neueste Haus, das ich geplant habe. Es gehört immer wieder zu den Momenten, die mich stolz machen, das Ergebnis einer meist mehrjährigen Arbeit zu sehen. Auch zu sehen, wie die Bewohner stolz ihr Haus Besuchern zeigen. Bei guten Gebäuden anderer Planer befällt mich ganz ehrlich Neid. Wirklich schön finde ich meist nur traditionelle Gebäude, Wiener Jugendstilhäuser, südspanische Innenhöfe, indische Tempel, japanische Teehäuser, mongolische Jurten, türkische Moscheen, skandinavische Holzhäuser und diese weißen Südstaatenhäuser.

3.) Eine Mitgliederzahl von überschaubaren 70 galt in der frühen Kirche als Richtschnur für die Größe einer christlichen Gemeinde. Welche Gruppengröße hältst du beim Zusammenleben für optimal, um sowohl individuelle Freiräume als auch Zusammenhalt zu sichern?
Die vergleichende Verhaltensforschung weist den Menschen eindeutig als Kleingruppenwesen aus, wobei die Partnerschaft von Mann und Frau auf Basis der gegenseitigen sexuellen Anziehung den Kern unserer zwischenmenschlichen Beziehungen bildet. Die erste und wichtigste Kleingruppe ist daher die Familie. Die verwandtschaftlichen Bande zwischen Eltern und Kind sind die stärksten, dann folgen Großeltern, Onkeln, Tanten, Nichten usw.
Darüber hinaus gibt es den Freundes- und Bekanntenkreis. Leopold Kohr (“Die überentwickelten Nationen”, bekannt durch “small is beautiful”) nennt diesen die “gesellige Gemeinschaft” und beziffert ihn mit 80 bis 100 Mitgliedern: „Durch eine größere Gruppe würde zwar die Mannigfaltigkeit gesteigert, aber die Beständigkeit gefährdet. Durch eine kleinere Gruppe würde der Zusammenhalt gefestigt, aber die Mannigfaltigkeit verringert”.
Weiters unterscheidet Kohr die “Wirtschaftsgesellschaft”, die für eine gelingende Arbeitsteilung etwa 5.000 Einwohner umfassen sollte, eine noch größere “Politische Gesellschaft”, um Ordnung, Recht und Verteidigung zu gewährleisten (bis zu 12.000 Menschen) sowie die “Kulturgesellschaft”, die – um Kunst, Literatur, Wissenschaft und Medien erweitert ab ca. 200.000 Menschen umfasst. Kohrs These: Was über 15 Millionen hinausgeht, senkt den Lebensstandard der Mitglieder.

Adventmail 2011/01 (Drei Fragen an…)

Die 3 ersten Fragen gehen an meine Schwester MARTINA, 33, Soziologin und seit September Vorsitzende der SPÖ Graz.

1.) Hast du so was wie ein politisches Vorbild? Dohnal? Kreisky? Maggie Thatcher?
Nein ich habe keine Vorbilder, es gibt jedoch Persönlichkeiten, die ich sehr schätze: Johanna Dohnal für ihre Hartnäckigkeit, J.L.R-Zapatero für seine Innovationskraft in seiner ersten Regierungsperiode, Jean Ziegler für seinen Mut, Bruno Kreisky für seine Fähigkeit zu verbinden.

2.) Gibt es in anderen Parteien Personen, die Du schätzt oder mit denen Du gar befreundet bist?
Freundschaft wäre zu weit gegriffen, aber ja, es gibt Menschen in anderen Parteien, mit denen ich gerne Kaffee trinken gehe…

3.) Mal ganz ehrlich: Wie viel Gefälligkeitspunsch musst du während der Adventzeit trinken?
Nachdem ich keinen Punsch mag, hoffentlich nicht viele… mehr zu schaffen machen mir die Kekse und die Brötchen, die immer zu essen sind, weil eine Verschmähung einer massiven Beleidigung gleichkommt.

Adventmails 2011 (Ankündigung)

Liebe Freundinnen und Freunde!
Meine Adventmails feiern heuer Jubiläum: Zum bereits zehnten Mal*) werde ich ab erstem Dezember wieder 24 vorweihnachtliche Impulse versenden und euch hoffentlich zum Nachdenken, Schmunzeln, Staunen oder was immer bringen.
Diesmal bitte ich wie schon 2004, 2006 und 2008 wieder um Mithilfe: Ich greife auf meine journalistische Profession zurück und werde in den nächsten Tagen „Kurzinterviews“ mit einigen von euch führen. Damit trage ich der Tatsache Rechnung, dass viele aus meiner exquisiten AdressatInnen-Liste Spannendes tun oder denken, das einen breiteren Kreis interessieren könnte. Überdies kennen viele von euch einander ja, und wenn nicht, gibt’s vielleicht Anlässe fürs Anknüpfen. Die Bandbreite meiner inzwischen rund 100 Personen umfassenden Liste reicht vom 14-jährigen Grazer Schüler bis hin zur 79-jährigen Pensionistin.
Konkret stelle ich mir das so vor: Unter dem Titel „drei Fragen an …“ nenne ich erst Namen, Alter, Wohnort und Beruf der/des Interviewten. Ich werde Fragen stellen, die über den Privatbereich hinausreichen, und um prägnante Antworten “in lesbarer Länge“ bitten. Mal sehen, was dabei herauskommt.
Zum Nachlesen und Kommentieren stelle ich die Adventmails 2011 auch heuer wieder auf Facebook in die Gruppe “virtueller Adventkalender”. Wer dort schon angemeldet ist und die Zusendungen nicht auch noch via gmx möchte, möge mich bitte kurz benachrichtigen. (Und wem das tägliche Mail hier zu viel wird, bitte ebenfalls melden.)
Einen angenehmen Restnovember wünscht Euch allen
Robert

*) Beim Start 2002 war das Thema Bucheinstiege; 2003 “letzte Sätze” in Büchern, 2004 “geglückte Momente”, 2005 Assoziationen zu “warten”; 2006: Listen aller Art, 2007: “Countdown” von 24 bis 1; 2008: Briefe ans Christkind und andere AdressatInnen, 2009: „Was geschah am 1., 2., 3.,… 24. Dezember?”, 2010: Namen/stage/ im Advent)