Heute 3 Fragen an einen langjährigen Freund, mit dem ich vor mehr als zwei Jahrzehnten schon ein Wohnprojekt plante:
HEINRICH, 50, Architekt und Gründer von „ATOS“, Sierndorf (NÖ).
1.) Welche Elemente sind für dich unverzichtbar für ein lebenswertes Haus?
Ganz eindeutig die Menschen, die es bewohnen. Am schlimmsten finde ich diese schicken Designerlofts, die eher wirken wie ein Museum mit seiner Sterilität, Kälte und Leblosigkeit. Also ist demgemäß das schönste Haus eines voller Kinder. Da ich das aber als Architekt nicht beeinflussen kann, versuche ich ein Haus so lebens- und liebenswert wie möglich zu machen. Dazu gehören Faktoren wie viel Tageslicht, direkte Sonne, schöner Ausblick, gemütliche Ecken, Materialien, die man gerne berührt, gute Gerüche, schöne Proportionen, passende Farben, saubere Luft und ein Garten. Das ist überhaupt was ganz Wichtiges. Ein Grünraum, der direkt vor der Türe betretbar ist. Keiner dieser spartanischen Minibalkone, die Einblicken, Wind und Lärm ausgesetzt sind. Dieser Garten muss nicht groß sein. Entscheidend ist seine Qualität.
2.) Gibt’s ein Gebäude in Wien (oder anderswo), vor dem du immer wieder bewundernd stehenbleibst?
Meist ist es gerade das neueste Haus, das ich geplant habe. Es gehört immer wieder zu den Momenten, die mich stolz machen, das Ergebnis einer meist mehrjährigen Arbeit zu sehen. Auch zu sehen, wie die Bewohner stolz ihr Haus Besuchern zeigen. Bei guten Gebäuden anderer Planer befällt mich ganz ehrlich Neid. Wirklich schön finde ich meist nur traditionelle Gebäude, Wiener Jugendstilhäuser, südspanische Innenhöfe, indische Tempel, japanische Teehäuser, mongolische Jurten, türkische Moscheen, skandinavische Holzhäuser und diese weißen Südstaatenhäuser.
3.) Eine Mitgliederzahl von überschaubaren 70 galt in der frühen Kirche als Richtschnur für die Größe einer christlichen Gemeinde. Welche Gruppengröße hältst du beim Zusammenleben für optimal, um sowohl individuelle Freiräume als auch Zusammenhalt zu sichern?
Die vergleichende Verhaltensforschung weist den Menschen eindeutig als Kleingruppenwesen aus, wobei die Partnerschaft von Mann und Frau auf Basis der gegenseitigen sexuellen Anziehung den Kern unserer zwischenmenschlichen Beziehungen bildet. Die erste und wichtigste Kleingruppe ist daher die Familie. Die verwandtschaftlichen Bande zwischen Eltern und Kind sind die stärksten, dann folgen Großeltern, Onkeln, Tanten, Nichten usw.
Darüber hinaus gibt es den Freundes- und Bekanntenkreis. Leopold Kohr („Die überentwickelten Nationen“, bekannt durch „small is beautiful“) nennt diesen die „gesellige Gemeinschaft“ und beziffert ihn mit 80 bis 100 Mitgliedern: „Durch eine größere Gruppe würde zwar die Mannigfaltigkeit gesteigert, aber die Beständigkeit gefährdet. Durch eine kleinere Gruppe würde der Zusammenhalt gefestigt, aber die Mannigfaltigkeit verringert“.
Weiters unterscheidet Kohr die „Wirtschaftsgesellschaft“, die für eine gelingende Arbeitsteilung etwa 5.000 Einwohner umfassen sollte, eine noch größere „Politische Gesellschaft“, um Ordnung, Recht und Verteidigung zu gewährleisten (bis zu 12.000 Menschen) sowie die „Kulturgesellschaft“, die – um Kunst, Literatur, Wissenschaft und Medien erweitert ab ca. 200.000 Menschen umfasst. Kohrs These: Was über 15 Millionen hinausgeht, senkt den Lebensstandard der Mitglieder.