Adventmail 2011/19 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meine Nichte …
SOPHIE, 20, Studentin, Graz

1.) Liebe Sophie, du studierst – wie ich das Anfang der 1980er tat – Theologie (und Germanistik) in Graz. Begeisterung à la „Wow, dann wirst du ja für die Kirche arbeiten!“ hat meine Studienwahl schon damals nicht ausgelöst – und seither ist das Image der katholischen Kirche noch viel mehr gesunken. Bist du mit Vorbehalten konfrontiert, und wie antwortest du darauf?
Ich war durchaus am Beginn meines Studiums mit Vorbehalten konfrontiert, da ich mein Studium zu einem Zeitpunkt begonnen habe, an dem das Thema Kirche in den Medien eher negativ präsent war. Die häufigste Frage war: “Wie kannst du nur zu so einer Kirche und solchen negativen Ereignissen stehen?” Meine Antwort ist heute noch dieselbe: “Ich studiere nicht Kirche, sondern Religion. Religion umfasst sehr viele Themengebiete und das Studium an sich bietet sehr viel Raum, sich eigene Gedanken und Meinungen zu bilden. Ich stehe einzig hinter dem, was ich unter Religion und meinem Glauben verstehe.

2.) Weil’s grad zum Advent passt: Glaubst du, Maria von Nazaret hatte eine Ahnung davon, was für ein Kind da in ihrem Bauch heranwächst?
Maria ist als Mutter Jesu heutzutage so ziemlich jedem bekannt, wobei sie im Neuen Testament eigentlich nicht sehr oft genannt wird. Die Beziehung von Jesus zu seiner Mutter ist nur mithilfe der Bibel schwer auszumachen. Wenn ich jetzt kurz über einige Passagen lese, erscheint sie mir als eher sorgsame Mutter. Hätte sie Ahnung davon gehabt, was für ein Kind ihr Kind ist, ich denke, sie wäre in der Bibel anders dargestellt worden: Sie wäre noch mehr in das Leben Jesu integriert gewesen und ihm mit ihrer “Voraussicht” zur Seite gestanden – und deshalb im Neuen Testament viel öfter erwähnt worden.

3.) Wenn man dich googelt, kommt man auf den Satz: „Der Anschlusstreffer von Sophie Weinberger kam zu spät.“ Was meinst du als Landesliga-Strikerin: Mit welcher Leistungsebene im Männerfußball könnte es ein Super-Frauenteam wie Turbine Potsdam aufnehmen?
Das Champions-League-Spiel von Turbine Potsdam gegen Lyon ist leider das einzige, das ich von dieser Mannschaft gesehen habe. Interessant war, dass der Durchschnittswert der während dem Spiel zurückgelegten Kilometer der Spielerinnen 10 km betrug. Den ungefähr gleichen Wert haben zum Beispiel die Spieler des FC Barcelona. Somit sind die Damen, was das anbelangt, schon auf gleichem Niveau, das Problem ist logischerweise der Körperbau und -einsatz. Ich schätze, dass Turbine Potsdam es mit der österreichischen Oberliga aufnehmen kann. Vielleicht ist auch mehr möglich, ich habe leider keinen guten Vergleichswert, da ich wie gesagt zu wenige Spiele gesehen habe.

Adventmail 2011/18 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meine Arbeitsbekannte und Freundin …
CLAUDIA, Fotokünstlerin, Salzburg

1.) Ich kenne niemanden, der so ausdrucksstarke Fotos macht wie du. Was müssen Nichtprofis am meisten beachten, um etwas bestmöglich ins rechte Licht zu rücken?
Licht und Schatten. Beides im richtigen Verhältnis zu sehen bzw. zu nutzen, sind in meinen Augen das A und O. Davon lasse ich mich leiten und setze beides gezielt ein. Denn dadurch wird “Dramatik” und “Atmosphäre” erzeugt. Licht und Schatten sind für mich noch wichtiger als der Einsatz von Farbe.

2.) Du hast schon Reisen u.a. nach Haiti, in den Kosovo oder ins Heilige Land für deine „photos with a message“ gemacht. Was ist denn deine „message“?
Meine Botschaft, Vision und Mission ist “connect – communicate – cooperate”. Das bedeutet für mich: in Beziehung treten, zu kommunizieren (mit Herz und Verstand), sich auszutauschen und zusammenzuarbeiten, jenseits von kulturellen, religiösen oder sozialen Barrieren. In Kürze geht es mir um die Förderung von Mensch und Menschlichkeit durch die Fotografie.

3.) Könntest du als Geschenk für die MailempfängerInnen einen link posten zu einem deiner Fotos, das dir besonders am Herzen liegt?
Link: www.henzlerworks.com
Kurzfotovideo: „Under my skin“ http://www.youtube.com/watch?v=bjkoS-dZFns

Adventmail 2011/17 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meinen Freund und Mit-Cineasten …
RUDI, 56, Werbegrafiker, Religionslehrer, Langenzersdorf (NÖ.)

1.) Du hast als katholischer Theologe sowohl Hebräisch als auch Arabisch gelernt und dich viel und wertschätzend mit dem Judentum und Islam beschäftigt. Meinst du eigentlich, dass alles Reden von Gott letztlich kulturbedingte Varianten desselben „höchsten Wesens“ sind?
Als Student in Jerusalem hat es angefangen, bei diversen Bibelschulen in Israel hab ich es eifrig weitergepflegt und beim Studieren (Judaistik) hab ich es vertieft: mein Interesse für das Judentum. War es das Fremde im eigenen Glauben? War es das phantasievolle Spielen mit Buchstaben als legitime Auslegungsweise der Bibel? War es der Eindruck, in der katholischen Theologie nur „halbherzig“ über „unsere älteren Brüder und Schwestern“ informiert worden zu sein? –
Was den Islam angeht, waren es zunächst Lebensweise und Kulturen im „Orient“, aber auch die neue gesellschaftliche Situation in Europa, die mich angeregt haben. Ehrlicherweise aber auch einige Mystiker wie z.B. Dschalal ad-Din Rumi: „Komm, wer du auch seiest! Wanderer, Anbeter, Liebhaber des Loslassens, komm. Dies ist keine Karawane der Verzweiflung. Auch wenn du deinen Eid tausendmal gebrochen hast, komm nur, und noch einmal: komm!“
Ist es legitim, die Frage nach den kulturbedingten Varianten des letztlich selben „höchsten Wesens“ mit einem Zitat aus dem Qur’an zu beantworten? „Und sprecht: ,Wir glauben an das, was zu uns herabgesandt ward und was zu euch herabgesandt ward; und unser Gott und euer Gott ist Einer; und Ihm sind wir ergeben.’“ (Sure 29:47)

2.) Seit September unterrichtest du nach 24 Jahren Pause wieder Religion – neben deinem bisherigen Beruf. Inwiefern hat sich das System Schule (die Schüler, die Lehrerkollegen, die inhaltlichen Vorgaben) seit damals verändert?
Ich bin angetan vom Interesse der am Unterricht teilnehmenden SchülerInnen am Thema Religion(en) und an gesellschaftlichen und alltäglichen Themen, die davon berührt werden. Ich bin nicht überrascht über das Bild, das sie von der Kirche haben …
Wie soll ich es sagen? Früher hätte man/frau es vielleicht „postmodern“ genannt, was ich bei meiner teilweisen Rückkehr in den Religionsunterricht (halbe Lehrverpflichtung) vorfinde. Ich bin in der nächsten, besser: in der übernächsten Generation gelandet. Eine uniforme Gesellschaft ist längst vergangen, Pluralität ist angesagt – ein Konsens lässt sich im Glücksfall über Kommunikation herstellen … und das tun wir eifrig im Unterricht.
Ein Beispiel: Unlängst stand in der Maturaklasse das Thema Schöpfung/Verantwortung auf dem Programm. Ich hab meinen SchülerInnen zunächst das Projekt www.neotopia.ch vorgestellt, also die Abschlussarbeit (Buch und Webseite) einer Schweizer Grafikerin Manuela Pfrunder (ja, eine Grafikerin …) zum Thema „Uniform“ nach ihrer Ausbildung. Sie hat – ausgehend von weltweiten Daten der UNO – errechnet, wie die Welt aussehen würde, wenn alle von allem (Sonne, Wasser, Land, Essen, Kleidung, Internet …) gleich viel hätten und hat einen „utopogeografischen“ Atlas der beendeten Schöpfung, eine Apokalypse der Gerechtigkeit gestaltet … jedeR auf einer kleinen Insel. Wir würden zum Beispiel alle 60 Tage einen Kaffee trinken … die Arbeit wurde vielfach prämiert.
Und im Unterricht waren wir damit neben einer intensiven Diskussion, wie sich heute Gerechtigkeit herstellen lässt, gut eingestimmt auf die biblischen Schöpfungsberichte, ihre literarische Form, ihre Anliegen … und in diesem Zusammenhang geben die Kreationisten ein gutes Beispiel ab, wie „Fundis“ einer pluralen Welt entkommen möchten…

3.) Seit 1999 bist du Werbegrafiker. Schick uns doch bitte einen link zu einer Webseite, auf die du besonders stolz bist…
Besondere Freude gemacht hat mir u.a. die Gestaltung der folgenden Seiten, weil es Kooperationen mit interessanten Menschen waren, bzw. wichtige Anliegen: www.armutskonferenz.at, www.bildungsberatung-noe.at, www.impulsleben.at, www.ksoe.at, www.ausbildungsinstitut.at, gaby.rass-hubinek.at, www.morenomuseum.at
Die interessantesten Bücher, die ich gemacht, bzw. mitgearbeitet habe: „Umwelt Stadt. Geschichte des Natur- und Lebensraumes Wien“; Josef Mann, „Nie wieder Jerusalem?“

Adventmail 2011/16 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meinen jüngsten Sohn …
FABIAN, 15, Schüler, Korneuburg.

1.) Im Moment wird sehr viel über Schulreformen geredet. Könnte man sich auf der Suche nach Verbesserungen was von einer Hochbegabtenschule wie dem Poppergymnasium abschauen?
Einige Lehrer an unserer Schule erwähnen hin und wieder, dass sie es eigentlich enttäuschend finden, dass andere Schulen keine erprobten Systeme von der Popperschule übernehmen. Sie ist ein Schulversuch, den Schülern geht es sehr gut an der Schule – aber dennoch sind andere Schulen skeptisch gegenüber Neuerungen, die bei uns sehr gut funktioniert haben. Beispielsweise das Contracting-System: Jeder Schüler entscheidet mit jedem Lehrer gemeinsam darüber, wie er zu seiner Note kommt. Oder das Coaching: Alle zwei Wochen treffen sich die Schüler mit einem eigens zugeteilten Coach (aus dem Lehrkörper), dem sie alle ihre Beschwerden/Anregungen/Probleme (z.B. mit Lehrern oder Schülern) bezüglich der Schule anvertrauen können.

2.) Was findest Du am schwierigsten beim Erwachsenwerden?
Das Ansteigen der Erwartungen. Ich habe manchmal das Gefühl, den Herausforderungen nicht gewachsen zu sein und damit andere zu enttäuschen. Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn man je älter ich werde, mehr von mir verlangt, aber das geht mir ein bisschen zu schnell.

3.) Du hast kürzlich mal gesagt, Arno Geigers Buch über seinen demenzkranken Vater („Der alte König in seinem Exil“) hat dir gefallen. Ich hab’s inzwischen auch gelesen. Was genau hat dich daran beeindruckt?
Ich hatte einmal im Fach KoSo (Kommunikation und Sozialkompetenz) bei einem Sozialprojekt in einem Altersheim mit dem Thema Demenz zu tun. Als ich für den Deutschunterricht dann später ein Buch beschreiben sollte, bin ich auf das von Geiger gekommen. Ich fand das Buch sehr berührend – ich fühlte mich in die Geschichte hineingezogen und empfand mit Arno Geiger mit. Es lässt verstehen, wie es ist, einen demenzkranken Vater zu haben. Es zeigt, dass mit der Krankheit nicht nur Trauer und Verzweiflung verbunden sein müssen, sondern auch unerwartete Erkenntnisse und gelegentlich sogar Humor.

Adventmail 2011/15 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meine Freundin …
KATHI, 42, Soziologindiplomarbeitscoachlektorinautorin, Wien

1.) Du hast mit „Indico“ ein Institut für Diplomarbeitscoaching gegründet. Sind die Unis mit immer mehr und immer dümmeren MaturantInnen so überfordert, dass es so etwas braucht?
nein, die unis sind nicht in der lage, den nötigen kompetenzaufbau zum “derheben” einer wissenschaftlichen arbeit zu leisten. würde es mehr/bessere einschlägige lehrveranstaltungen geben bzw. tatsächliche betreuung durch die profs, bräuchte es mich eh nimmer… mal sehen, ob die künftigen maturantInnen durch die verpflichtende vorwissenschaftliche arbeit diese kompetenzen schon in der schule lernen….

2.) Könnte man mit deiner Hilfe – jetzt rein theoretisch gefragt – seine Abschlussarbeit so zusammenkopieren, dass das Plagiat nicht auffällt?
diese frage ist ja fast eine ehrenbeleidigung… natürlich nicht. ich unterstütze studierende dabei, ihre eigenen forschungsfragen, methodendesigns, theorie-einbettungen und interessenszusammenhänge zu finden und nicht, fremde zu collagieren….

3.) Du hast Soziologie und Europäische Ethnologie studiert, lehrst an diesen Instituten und auch an jenem für Bildungswissenschaften, bist Organisationsentwicklerin, Coach, Bewährungshelferin und angehende Psychotherapeutin. Warum hast du eigentlich die Theologie, die Mutter aller Wissenschaften, ausgelassen?!?
priester konnt‘ ich nicht, religionslehrerin wollt‘ ich nicht werden…. und zur pastoralassistentin fehlt mir irgendwie der hang zum faltenrock… 🙂

Adventmail 2011/14 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meine Freundin …
MARTINA, 50, Arbeits- und Gesundheitspsychologin, Wien

1.) Ich hatte bis vor 2 Jahren einen Chef, der alles an sich zog, seither einen, der wenig präsent ist und viel delegiert. Was ist deiner Erfahrung nach der beste Führungsstil? Braucht es neben Teamfähigkeit auch Leadership?
Meiner Erfahrung nach vermissen MitarbeiterInnen häufig Orientierung, Klarheit, Information, Feedback und Anerkennung. Eine gute Führungskraft sorgt dafür, dass daran kein Mangel herrscht. Gelingt das nicht, dann fließt die Energie der MitarbeiterInnen nicht in die gemeinsame Aufgabenbewältigung, sondern in viele unzufriedene Fragen und Diskussionen.

2.) Ich hab den Eindruck, an Büroarbeitsplätzen wie meinem hat sich die soziale Interkommunikation von Raucherkammerln und Kaffeeküchen in Richtung E-Mail-Schreiben und Facebook-Einträge verlagert. Wie viel „Geplauder“ braucht’s, um sich im Job wohlzufühlen?
Ich glaube, die Reduktion der Plauderzeiten am Arbeitsplatz hat nicht nur mit den neuen Technologien und sozialen Netzwerken zu tun. In vielen Betrieben bleibt kaum mehr Zeit für “zweckfreie” Kommunikation (für zweckmäßige übrigens auch immer weniger;-) Es wird immer üblicher, dass auch in Sitzungen im Internet gesurft wird oder SMS beantwortet werden. Häufig wird angenommen, dass ein Mensch sich gleichzeitig auf zwei Dinge konzentrieren kann und das Schlagwort von der “Multitasking-Fähigkeit” geht um. In Wirklichkeit ist Aufmerksamkeit immer nur an einer Stelle möglich. D.h., wir befinden uns in einer Zeit der kommunikativen Ungleichzeitigkeit und Zerstreutheit. Alle sind physisch da, aber psychisch doch irgendwo anders.

3.) Ich weiß schon, Ferndiagnosen sind ganz schwierig. Aber: Hast du eine Vorstellung, warum die jetzige Regierung gar so wenig weiterbringt und sich die beiden Koalitionsparteien immer wieder blockieren?
Ich habe Vermutungen.
a.) Die Welt und die zu lösenden Aufgaben sind komplex und es ist nicht mehr so leicht möglich, Lösungen aus dem Bauch zu produzieren. Wenn Politiker selbst nicht mehr alles verstehen, lassen sie sich beraten und bekommen widersprüchliche Auskünfte, das macht sie unsicher und zögerlich. Es ist also alles sehr kompliziert, wie schon der alte Sinowatz sagte.
b.) In unserem Land neigt man zu “kniawachen” Entscheidungen, also schmiegsame und biegsame Konstrukte, die es allen recht machen wollen. Da kommt dann natürlich kaum ein großer Wurf heraus, denn dazu braucht es den Entschluss, auch gegen Interessen einzelner Gruppen Positionen zu erklären, zu verteidigen und umzusetzen. Aber vielleicht macht ja die aktuelle Finanzkrise genug Druck, um die lang auf der Bank liegenden Reformbrocken endlich anzugehen.
c.) Es würden mir noch mehr Gründe einfallen, aber das wird dann doch zu lang und kompliziert 😉

Adventmail 2011/13 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an die Frau, mit der ich am 13.12. vor 25 Jahren am Traualtar stand und am 13.12. vor 8 Jahren vor dem Scheidungsrichter …
CLAUDIA, 53, Lehrerin und Liedermacherin (www.mitscha.at), Korneuburg

1.) Du schreibst seit Teenagertagen Lieder, die letzte CD ist allerdings schon ein Weilchen her. Was brauchst du, um ein furioses Alterswerk wie Johnny Cash hinzulegen?
Gute Voraussetzungen für meine Kreativität sind a) Anlässe, die mich an- und aufregen, sowie b) viel Zeit und Muße.
Das bedeutet für das Alterswerk, ich müsste vielleicht
a) von einer neuen Leidenschaft gepackt werden: Förderlich ist z.B. eine unerfüllbare erotische Anziehung, vor der man ja auch im Alter nicht gefeit sein soll. Aber es könnte natürlich auch eine politische Herausforderung sein. Kontraproduktiv ist, dass ich den Eindruck habe, ich werde mit dem Älterwerden immer gelassener.
b) eine Pension kassieren, die ein gemütliches Leben erschwinglich macht, und dann die ehrenamtlichen Engagements, für die ich endlich Zeit hätte, sowie Sorgezeiten für Enkelkinder, über die ich mich freuen würde, in strikten Grenzen halten. Dann könnte einmal so richtig Muße einkehren. Was natürlich bedeuten würde, dass ich all die anderen Projekte, die ich bereits für die Pension hege – endlich wieder Blockflöte und Cello spielen, gründlich Französisch oder Spanisch lernen, viel Wandern gehen, einen großen Garten bepflanzen – ein Stück weit zurückstellen müsste.
So gesehen sind die Chancen für ein fulminantes Werk nicht so gut, aber die Kreativität ist unberechenbar, man kann nie wissen. Und irgendwie wäre es schon nett, mit 70 noch „Ich möchte einmal einen Mann vernaschen“ von der Bühne zu trällern, und ein paar neue Songs müsste ich da ergänzend schon zu bieten haben…

2.) Du bist vor einiger Zeit Protestantin geworden. Mir fielen ja einige gute Gründe für einen solchen Schritt ein – was waren deine?
Ein paar ideelle Gründe sind:
– weniger Zentralismus und Hierarchie, keine Überhöhung des Priesteramtes, mehr demokratische Strukturen
– weniger Dogmatismus, Glaube wird stärker individuell verstanden
– weniger moralische Regelsysteme, größere Offenheit für individuelle Lebens- und Beziehungsformen
– Offenheit für Frauen in allen kirchlichen Positionen
Mein persönlicher – und damit letztlich ausschlaggebender – Grund ist, dass ich mich in der evangelischen Gemeinde in Korneuburg wohlfühle und hier das Glück hatte, einer Pfarrerin zu begegnen, mit der ich mich theologisch und menschlich gut verstehe.

3.) Du bist feministische Theologin, die immer wieder mit Musliminnen zu tun hatte. Wie ist deine Meinung zur Kopftuchdebatte?
Als wir vor 25 Jahren in der katholischen Privatschule erstmals ein Mädchen mit Punkfrisur und Nasenflinserl hatten, gab es deswegen große Aufregung (das Nasenflinserl wurde ihr in der Schule verboten!) und alle dachten, ihre Aufmachung wäre Ausdruck einer pubertären Protesthaltung. Bis wir ihre Mutter kennenlernten: die war noch viel extremer aufgemacht. Die Kleidung des Mädchens war also Ausdruck von Anpassung und Loyalität. Was in der Kleidung der anderen gesehen wird, ist meistens eigene Projektion – die wirklichen Motive dahinter sind äußerst vielfältig. Bei Musliminnen, die ein Kopftuch tragen, umfassen sie alles Mögliche, von Anpassung an Regeln bis hin zu tiefster spiritueller Überzeugung. Im Gespräch mit jungen Studentinnen der 2. Einwanderergeneration hörte ich am häufigsten das Argument, dass sie damit ihre Zugehörigkeit zum Islam zum Ausdruck bringen wollen, und dass das ganz schön viel Mut erfordert. Ich finde es unangemessen, wenn die pauschale Meinung vertreten wird, das muslimische Kopftuch sei grundsätzlich ein Zeichen der Unterdrückung von Frauen. Ich kann hier keinen eindeutigen „Symbolgehalt“ erkennen.
Zu den persönlichen Freiheiten, auf die wir in unserer westlich-liberalen Kultur Wert legen, gehört die Freiheit, sich nach eigenem Geschmack zu kleiden, und die sollte für alle gleichermaßen gelten – wie frei jemand dabei innerlich ist, darüber steht mir kein Urteil zu, es liegt in der Eigenverantwortung derer, die sich so oder anders kleiden.
Von dieser Freiheit würde ich nur ganz pragmatische Ausnahmen gelten lassen: keine High-Heels beim 100-Meter-Lauf, keine Gesichtsverschleierung beim Passfoto, keine tiefsitzend-losen Hosen mit freiem Hinternausblick in Pflege- und Betreuungsberufen (die würde ich ja gern bei mir im Unterricht verbieten! Finde den Anblick meistens eine Zumutung!).

Adventmail 2011/12 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meinen früheren Schulfreund und Studenten-WG-Mitbewohner
GERNOT, 50, Mediziner, Hamburg

1.) Du bist als „Exilsteirer“ vor einiger Zeit Deutscher geworden. Inwiefern passt das besser zu dir?
Ich bin seit 1997 im Norden und wohne seit 6 Jahren in Hamburg. Die Menschen in Hamburg sind – ganz allgemein – nett, weltoffen, interessiert, wenig ausgrenzend… Großstadt eben, mit einem Schuss “Tor zur Welt”. Obwohl es in der Stadt sehr viele sehr reiche Menschen gibt, gilt Understatement: “Über Geld spricht man nicht, das hat man eben (wenn man Glück hat)”. HH ist die Stadt der Stiftungen: Dies geht von wohltätigen Stiftungen bis hin zu wissenschaftsfördernden.
Persönlich: ich habe hier den Mann fürs Leben gefunden, aber auch Freunde fürs Leben. Für einen schwulen Mann ganz wichtig: In Hamburg wird eine schwule Szene immer uninteressanter, da man hier integriert ist und Freunde nicht nach sexueller Orientierung, sondern nach Interessen aussucht – so wie es sich eben gehört.

2.) Du warst einer von vier MitschülerInnen in der AHS Kapfenberg, die ein Jahr lang via afs-Austauschprogramm im Ausland zur Schule gingen. Hat das deinen Horizont nachhaltig erweitert?
Ja, ganz eindeutig. Ich habe gelernt zu akzeptieren und mich darüber zu freuen, dass Menschen unterschiedlich sind und dadurch viel zur Lebendigkeit im Leben beitragen können – wenn man es will.

3.) Was meinst du als Chefarzt für Psychosomatik: Hat jede Epoche ihre spezifischen (psychischen) Erkrankungen? Und was wären die heute typischen?
Es hat immer psychische Krankheiten gegeben und wird sie immer geben. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Zahl zunimmt, vor allem im Bereich Burnout und Depression. Dies hat sicher einerseits mit der “Leistungsgesellschaft” zu tun, aber auch damit, dass psychische Krankheiten zunehmend entstigmatisiert sind, die Betroffenen darüber offener sprechen und auch Therapieangebote da sind (böserweise könnte man sagen “Angebot schafft Nachfrage”). Vieles ist beim Alten geblieben: Hysterie im klassischen Sinne gibt es zwar nicht mehr, damit würde man sich heute lächerlich machen. Da muss Betroffene(r) sich was Neues suchen, d.h. der Kern bleibt, aber die Phänomenologie ändert sich.

Adventmail 2011/11 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meine Cousine
KARIN, 37, Schneiderin und Internethändlerin, Zürich

1.) Liebe Karin, Deine (und meine) Oma nähte selbst das Gewand für ihre neun Kinder, deine Mutter hatte viel Erfolg mit Quilts, und du bietest Selbstgeschneidertes via http://meinkleid.ch im Internet an. Hat deine Tochter Oona die Chance, was Anderes zu lernen?
ja! zumal sie sich in verschiedenster Hinsicht von mir unterscheidet. Pferde und Bauernhöfe stehen grad hoch im Kurs, allerdings kann sie sich auch ein Leben als Prinzessin vorstellen. Den Prinz dazu gibt es auch schon… Ist doch alles sehr sympathisch!! und garantiert anders als bei mir.

2.) „Der einfache Kniff, die schönsten Objekte aus Privathaushalten, Flohmärkten oder Brockenhäusern (=Gebrauchtwarenläden) zu holen und im Internet ansprechend zu präsentieren, hat den Nerv einer anspruchsvollen Kundschaft getroffen“, schrieb das Zürcher „Tagblatt“ über deinen virtuellen Secondhandshop www.secondseconds.com. Immer noch erfolgreich damit?
auch ja!! soeben sind wir von einem munteren und herzerwärmenden OFF-line-Verkauf zurückgekehrt. Da wir unsere Trouvaillen immer noch so lieben, sind wir stets mit Herzblut und Engagement dabei – der beste Motor für den Erfolg.

3.) Gab‘s jemals ein Stück, von dem du dich nicht trennen konntest und es lieber selbst behalten hast?
nochmals ja. immer wieder mal, dann trag ich es, und irgendwann steht es dann doch auf dem Netz. Weil ich dann schon wieder ein neues Lieblingsstück entdeckt habe. Und: ich häng nicht so sehr an Dingen ; )

Adventmail 2011/10 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meinen liebsten deutschen Arbeitskollegen
HENNING, 35, Journalist und Theologe, Wien

1.) Österreicher liegen im Europa-Vergleich in puncto Fremdenfeindlichkeit an der Spitze. Kriegst du als Piefke auch manchmal dein Fett ab?
Die Fremdenfeindlichkeit gehört ja als “Etikette” fast schon zu Österreich wie die Alpen. Tatsächlich bin ich bislang aber – außer in freundlich-witzigen Wortfechtereien – nie zum “Opfer” dieser Fremdenfeindlichkeit geworden. Was mir aber selbst nach acht Jahren als “Zua’groaster” noch (oder immer mehr?) auffällt, ist das sich vielleicht hinter dem Begriff “Fremdenfeindlichkeit” verbergende Motiv einer gewissen nationalen Grund-Neurose – generös und unseriös-allgemein gesprochen: Österreicher leben im ständigen Dilemma, sich selbst in allem zu “Weltmeistern” (Spenden-, Ski-, …) erklären zu müssen – gerade gegenüber den deutschen Lieblingsnachbarn – zugleich pflegen sie einen ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex. Daraus ergibt sich m.E. ein dringendes Mir-san-Mir-Kuschelbedürfnis und eine ständige Suche nach “nationaler Identität” – dem die rechten Parteien durch Exklusivitäts-Denken und also Fremdenfeindlichkeit entsprechen. Auf dass diesem “Psychogramm-Versuch” heftig widersprochen werden möge…

2.) Kannst du nach acht Jahren in Österreich schon unfallfrei „Oachkatzlschwoaf“ sagen?
Die Sprache… schon bei meinen ersten Begegnungen mit “dem Österreicher an sich” vor nunmehr 16 Jahren in Innsbruck (wo ich meine damalige Freundin und jetzige Frau regelmäßig besuchte) bin ich über die Gutural-Ästhetik der Tiroler gestolpert. Jeder Versuch der Imitation blieb bis heute erfolglos – vor allem, weil ich für eben jene Dialekt-Versuche stets belacht – wenn nicht gar verlacht – wurde. Aber einige Begriffe und Redewendungen habe ich mir eh schon angewöhnt… Was dazu führt, dass meine Eltern mir am Telefon immer wieder sagen, ich solle bitte Deutsch mit ihnen reden…
Im Übrigen wurde mir die Sprachbarriere auch zu einer journalistischen Barriere: und zwar bei meiner Volontariatsbewerbung beim ORF. Dort absolvierte ich leidlich erfolgreich im Jahr 2002 das Assessment-Center und scheiterte dann an der unüberwindbaren Sprach-Hürde: Ich musste einen Text lesen. Juryurteil: “Wir würden sie ja prinzipiell gerne nehmen, aber wissen Sie – die Sprache… das akzeptiert der österreichische Hörer nicht…” (womit wir wieder bei Frage 1 angekommen wären…)

3.) Du kommst aus einem Land, in dem „Die Zeit“, „FAZ“ und „Süddeutsche“ gelesen werden. Welches österreichische Printmedium kann da am ehesten mithalten?
Ich habe tatsächlich erst durch mein journalistisches Arbeiten in Österreich und mein Mich-Einfinden in den österreichischen Journalismus gemerkt, wie gut eigentlich (dagegen) der deutsche ist… Seit meiner “Immigration” sind wir Standard-Abonnenten – und ich wüsste ehrlich gesagt auch nicht, welche Zeitung ich sonst lesen sollte. Dennoch vermisse ich – auch durch meine medientheoretisch gelagerten Diss darauf sensibilisiert – sehr eine wirkliche “mediale Öffentlichkeit” in Österreich. Es gibt Erregungsjournalismus, Kampagnisierungen,… wem sage ich das…, und leider nur einige wenige kleine publizistische Inseln wie den Falter, die Furche, manchmal Standard und Presse, in denen Texte mal mehr als 5.000 Zeichen haben dürfen – aber das war’s aber auch schon. Eine Presse-Diskurskultur, wie man sie etwa in der “Zeit” erleben kann, in der Journalismus nicht nur in einer spröden Neutralitäts-Akrobatik der Schreibenden besteht, sondern in Argumentation, gibt es so gut wie gar nicht. Vielleicht wäre es ein lohnendes Forschungsfeld, die Krise des Politischen hierzulande als Krise der politischen und damit der medialen Öffentlichkeit zu untersuchen…