Jochen Malmsheimer, Kabarett, 29.3.25, Stadtsaal Wien *****

Es gibt Kabarettisten, die drucken Wuchteln, als würden sie an der Bar neben einem stehen. Alex Kristan z.B., der das richtig gut macht. Oder Andreas Vitasek, Lukas Resetarits, Roland Düringer. Und dann gibt es Literaten unter den Kabarettisten, die wie der großartige Josef Hader in eine Kunstfigur schlüpfen. Der „literarischste“, den ich bisher erlebte, war der Bochumer Jochen Malmsheimer bei seiner Wien-Premiere im Stadtsaal. Ein Meister der geschliffenen Sprache, ein Formulierungsvirtuose, der seine fremd- und selbstentlarvenden Wortkaskaden in einem Tempo auf das Publikum loslässt, das höchste Konzentration erfordert. Was nahelegt, dass der schwergewichtige Humorist vorliest und dabei sitzt, auch erwartbare Reaktionen der Zuhörerschaft in seinem Text vorausnimmt. Dass Malmsheimer dabei gekonnt verschiedene Rollen und Stimmlagen einnimmt, muss auch für ihn anstrengend sein.
Sein aktuelles Programm betitelt er ironisch mit „Statt wesentlich die Welt bewegt, hab ich wohl nur das Meer gepflügt“. Er gibt seinem unscheinbaren Oeuvre eine Stimme, das unsichtbar für andere an seinem Spitalsbett sitzt, wo er nach einem E-Bike-Unfall traktiert wird. Köstlich, wie Malmsheimer sich als unfreiwillig Sporttreibenden mit viel zu schmalem Hartgummisitz zwischen den Arschbacken beschreibt, in einem Outfit, in dem er nie freiwillig vor die Türe treten würde. Aber es war ja ein Geschenk von der „Einzigsten“… Auch die Sprachlosigkeit heutiger jugendlicher Brünstigkeit („Willste fickn?“) bekommt ihr Fett ab, ebenso das Besserwisserische eines Helmut Schmidt, der steinalt wurde, weil er geraucht hat („Wo Rauch ist, ist auch Feuer“) oder der Textklau durch Künstliche Intelligenz („Wenn man Scheiße noch so lange rührt, kommt kein Marzipan raus“)
Danke, Henning K., für deine Einladung zu dieser marzipanesken, dürnbergerisch bereicherten Abendunterhaltung eines in Österreich zu Unrecht weitgehend Unbekannten!

Jochen Malmsheimer bei einem der wenigen Direktkontakte zum Publikum

Pubquiz, 24.3.25, Café Benno

Meine Pubquizpremiere als Aktiver, nach einer Einladung von Helga G., Boomer-Generation wie ich. Dazu ihr Bruder, ein Endfuffziger, und drei musikaffine Twens. Das ergänzte sich gut, denn dass Jack Niklaus eine inzwischen 85-jährige Golflegende ist, wissen „Alte“ eher als die Jungen, dafür sorgten letztere dafür, dass unser Team namens „Quizsters ofr Mercy“ unter 18 Konkurrent:innen immerhin Platz 4 (erkennen der Songs) bzw. Platz 7 (Wissensfragen) belegte. Die zu jeder der 15 Fragen – darunter eine Scherzfrage, ein Anagramm und eine Schätzfrage – gespielte Musik stammte vorrangig aus der Zeit nach der Jahrtausendwende; fast unlösbar für mich Sixties- und Seventies-Kenner. Dass man aus „subtil ausbrechen“ den gesuchten „Lausbubenstreich“ bilden kann, war dann eine gemeinsam erarbeitete Lösung beim Buchstabenumordnen.
Souverän waren wir Quizsters beim Erkennen von Künstlern und dazugehörigen Stilrichtungen (siehe Foto vom Bildblatt) und beim Benamsen von neuen Regierungsmitgliedern. Nicht erkannt haben wir alle zusammen den Wawel, die Burg von Krakau, auch die Schauspielerin an der Seite von Tom Hanks in der Dan-Brown-Verfilmung „The Da Vinci Code – Sakrileg“; es wäre Audrey Tautou gewesen.

Das Bildblatt zu „Erkennen Sie die Melodie?“

Fazit: Pubquizzen boomt, und es macht Spaß. Mir würde es noch mehr gefallen, wäre die Hinweise auf die Lösung gebende Tracklist musikalisch breiter gestreut. Und vielleicht gäb’s ja – gute Idee, Helga – mal ein Quiz-Angebot speziell für Ältere wie mich…

Ausstellung 3.3.25. „Matthew Wong – Vincent van Gogh. Letzte Zuflucht Malerei“, Albertina *****

Matthew Wong (1984-2019), kanadischer Maler mit chinesischen Wurzeln, empfand sich als Geistesverwandter van Goghs. Beide waren von labiler psychischer Gesundheit, beide waren Autodidakten und hatten manische Arbeitsphasen, in denen ihnen die Malerei als „letzte Zuflucht“ diente. Der durch Suizid ums Leben gekommene Wong orientierte sich stark am flackernden Pinselstrich und auch an der Themenwahl des großen Niederländers. „Ich sehe mich selbst in ihm. Die Unmöglichkeit, Teil dieser Welt zu sein“, schrieb Wong einmal über sein Vorbild.
Vor einigen seiner 44 Gemälde stand ich länger und war beeindruckt von der emotionalen Wucht der dargestellten Einsamkeit, der Verlorenheit, der Lebensmüdigkeit. „See you on the other side“ betitelte Wong sein letztes (?) Bild. Darauf zu sehen. Eine einsame Gestalt, die vor einer leeren weißen Fläche auf ein offenbar ersehntes Gegenüber, ein schon nahes Jenseits blickt

Der einsame Künstler Mattew Wong schuf dieses Bild
kurz vor seinem Suizid

Ausstellung 17.2.25 „Hundert Jahre Radio“, Technisches Museum Wien ***

„Als Österreich auf Sendung ging“, lautet der Untertitel der aktuellen Sonderausstellung im gerade umgebauten TMW. In vier Räumen und auf vielen Hörstationen wird, für Historikerinnen und Techniker interessant, Radiogeschichte ausgebreitet, beginnend mit der ersten Radioansage „Hallo, hallo! Hier Radio Wien auf Welle 530“ im Oktober 1924. Dann weitere Meilensteine österreichischer Zeitgeschichte von Schuschniggs „Gott schütze Österreich“ über die Hitlerrede am Heldenplatz 1938 und Goebbels düsterem Kriegsbericht im Feber 1945 bis hin zu Figls „Österreich ist frei“ 1955 im Belvedere. Danach häufen sich Tondokumente zu weniger gewichtigen Themen wie Schranz‘ Olympiaausschluss 1972, Cortis „Schalldämpfer“ oder Udo Hubers „Die großen 10“. Auf den Vitrinen waren alte Empfangsgeräte wie der „Volksempfänger“ zu sehen, die mich im Fall von tragbaren Radiorekordern an meine Jugend erinnerten…
Eh nett. Aber ein wenig interaktiver hätte man das schon gestalten können. Und ins TMW gehe ich erst wieder, wenn die neuen Ausstellungsflächen fertig sind.

Eingangsbereich des TMW mit aktueller Sonderausstellung

Ausstellung 4.2.25 „Chagall“, Albertina ****

Marc Chagall (1887 – 1985) kenne ich von seinen bemerkenswerten Glasfenstern im Zürcher Münster. Der Surrealist, der nicht so genannt werden möchte, zählt zu den bekanntesten Künstlern des 20. Jahrhunderts, dessen unverwechselbares Schaffen einen Zeitraum ab 1905 bis in die 1980er-Jahre umspannt. Aufgewachsen in der heute belarussischen Kleinstadt Witebsk als Kind einer orthodoxen jüdisch-chassidischen Arbeiterfamilie blieben die frühen Kindheitserfahrungen des später in Frankreich beheimateten Moische Chazkelewitsch Schagal stets prägend.


Auch wenn ich mit den traum-haften, eigenwilligen Bildern nicht immer was anfangen kann, beeindruckt mich doch, zu welch künstlerischer Eigenständigkeit jenseits gängiger Kunstströmungen manche Meister doch gelangen. Hier male ich – und kann nicht anders, scheinen Chagalls Werke zu sagen. Chapeau!

Chagall malt die Gräueln des Holocaust unter Verwendung des christlichen Kreuzes

Ausstellung 8.1.25 „Rembrandt – Hoogstraten. Farbe und Illusion“, KHM *****

Meine erste Ausstellung als Nutzer der Bundesmuseen-Card führt mich ins Kunsthistorische: Sie veranschaulicht, wie die Kunst Rembrandts nachhaltigen Eindruck auf seinen begnadeten Schüler Samuel van Hoogstraten machte. Beide waren Meister der Illusion, ein Trompe ‚Augenbetrüger“(Trompe-l’œil)-Stillleben Hoogstratens mit täuschend echt gemaltem Rahmen verblüfft auch heute noch, da Fotorealismus dank technischer Hilfsmittel allgegenwärtig ist. Beeindruckend auch die ausdrucksstarken Porträts der beiden Niederländer.
Abseits der Sonderausstellungen gibt es im architektonisch faszinierenden KHM auch sonst viel zu entdecken. Sicher nicht mein letzter Besuch heuer.

Samuel van Hoogstratens barocker „Fotorealismus“

27.1.25 Ausstellung „Erwin Wurm. Die Retrospektive zum 70. Geburtstag“, Albertina modern *****

Kunst darf Spaß machen, schrieb ich auf Instagram über diese Hommage an den fünf Jahre vor mir in Bruck/Mur geborenen internationalen Kunststar. Viele kennen seinen gesellschaftskritischen Arbeiten wie die „Fat“-Skulpturen, die kleinbürgerliche Statussymbole wie Autos oder Einfamilienhäuser in einem „verfetteten“, aufgeblähten Zustand zeigen. Vergnüglich sind auch seine „One Minute Sculptures“, bei denen sich das Publikum selbst in einen Kunstkontext einbringen darf. Ich tat das auf einem Podium mit Polizeikappe, ein Museumswächter fotografierte mich in Stopp-Pose. Das postete ich zum Gaudium mancher Follower:innen später in den Social Media mit dem Text „Stopp, Trump! Lange sehe ich mir das nicht mehr an!“

Dieses Foto postete ich mit dem Kommentar „Stopp Trump!
Lange sehe ich mir das nicht mehr an…“ auf Facebook

14.2.25 „Zehn Jahre magdas Hotel“

Die Caritas Wien hatte allen Grund zu feiern: Seit einem Jahrzehnt betreibt sie, „nicht auf Gewinn ausgerichtet, sondern auf Menschen“, ein Social Business. Soll heißen: sinnstiftende Arbeitsplätze und eine fundierte Ausbildung für Menschen mit Fluchthintergrund, die hier in der Wiener Ungargasse zu professionellen Gastgeber:innen werden. Von der Professionalität der Küche konnte ich mich bei diversen Brunch-Besuchen (Empfehlung!) bereits mehrfach überzeugen, Geschäftsführerin Gabriele Sonnleitner kenne und schätze ich seit ihrer Zeit bei der Caritas Österreich.
Das Jubiläumsfest an diesem so sympathischen Ort mit originell eingerichteten Zimmern war liebevoll vorbereitet, es gab wohlschmeckende Snacks und Drinks, Musik im Parterre und im 7. Stock, gute Gespräche mit alten Bekannten. Ich bin sicher. Hier wird der magdas-Wahlspruch „stay open minded“ weiter hochgehalten.

21.1.25 „Luziwuzi“, Rabenhof Theater **

Erzherzog Ludwig Viktor, der Bruder von Kaiser Franz Joseph I., muss ein sehr schräger Vogel gewesen sein. Ihn, den der Wiener Hof nach homosexueller Übergriffigkeit in einer Badeanstalt einst ins Salzburger Schloss Kleßheim „auslagerte“, holt das famose Rabenhof Theater nun als Identifikationsfigur der LGTPQ-Bewegung auf die Bühne. Und „das Leben des wohl exzentrischsten Habsburgers als musikalisch-theatralisches Happening mit Tom Neuwirth aka Conchita Wurst“ wurde zum Erfolg.

 Mir lag diese exaltierte, schrille, billige Lacher auslösende, bunt vögelnde autobiografische Revue nicht wirklich – trotz der überzeugenden gesanglichen Leistung der bärtigen Songcontest-Siegerin Tom/Conchita. Die Inszenierung deutet vieles nur an, verzichtet aber auf eine differenzierte Zeichnung der eigentlich tragischen Gestalt des „Luziwuzi“.

Conchita/Tom – ein Lichtblick in einer sonst mäßigen Vorstellung

17.1.25 „Planet der Tiere“, Immersium Wien ***

Was ist eine „immersive“ Ausstellung? Nun, eine, die statt auf Exponate in Schaukästen mit kleingedruckten Erläuterungstexten auf Äktschn für die Besuchenden setzt. Bewegte Bilder statt Schrift, Unterhaltung statt Wissen, Mitmach-Turnübungen statt gedämpfter Schritte durch heilige Hallen – all das ein Trend, dem sich schon die Marxhalle mit Ausstellungen zu Monet, Van Gogh und zuletzt Pompeji erfolgreich verschrieben hat.
Ich war am ersten Tag der in Kooperation mit der ORF-Universum-Reihe erarbeiteten Schau vor Ort, als manche technischen Spielereien noch nicht so recht funktionierten. Dennoch gab’s Späße wie Gleichgewichthalten mit Pinguinen auf einer „Eisscholle“, eine Tiefseefahrt mit einer 3D-Brille oder eine wilde Fahrt auf dem Jeep durch eine tierreiche Landschaft, bei dem ich auf einer sich bewegenden Plattform stand… Eh nett, aber eher etwas, zu dem ich meine 12-, 10- und 8-jährigen Enkel hätte mitnehmen sollen.

Immer schön in der Mitte der Eisscholle bleiben!