Adventmail 2024/20 (Farben)

„I’m dreaming of a white Christmas / Just like the ones I used to know“: So beginnt die mit rund 50 Millionen Exemplaren meistverkaufte Single der Welt, gesungen von Ober-Crooner Bing Crosby. Er nahm den von Irving Berlin 1940 komponierten Song zwei Jahre später auf und landete damit zu Weihnachten für elf Wochen an der Spitze der US-Charts. Damit nicht genug: Das Lied kehrte im Dezember 1943 und 1944 erneut auf Platz eins zurück – der Weltkrieg weckte wohl Sehnsüchte nach Idylle –, außerdem 1945 und 1946 und war in den folgenden Jahren ein Dutzend Mal in den Top 40 vertreten.
Schnee gehört zu Weihnachten einfach dazu, glauben viele. Die meteorologische Statistik sagt allerdings etwas anderes. In Wien konnte man die letzten richtigen Weihnachtstage mit Schnee, wie man es aus klischeehaften Weihnachtsfilmen kennt, im Jahr 1996 erleben. Damals lag schon ab dem 21. Dezember eine geschlossene Schneedecke, die über den Jahreswechsel hin anhielt. Am Heiligen Abend gab es sogar neun Zentimeter Neuschnee. 2016 gab es zuletzt am Morgen an der Wetterstation Hohe Warte eine Schneedecke. Die war jedoch durchbrochen und mit weniger als 1 Zentimeter Höhe auch sehr dünn.
„Weiße Weihnachten kommen in Österreich in tiefen Lagen nicht allzu oft vor und in den letzten Jahren wurden sie noch seltener“, erklärte Klimatologe Alexander Orlik von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). „Im Zeitraum von 1951 bis 1980 gab es in den Landeshauptstädten noch doppelt so oft einen 24. Dezember mit einer geschlossenen Schneedecke wie im Zeitraum von 1983 bis heute. „
In den fast durchwegs sehr milden 2000er-Jahren sind weiße Weihnachten aber nochmals deutlich seltener geworden und die meisten Landeshauptstädte verzeichneten die jeweils längste Serie an Weihnachten ohne Schnee am 24. Dezember. So erlebt St. Pölten seit 2008 in Serie grüne Weihnachten, in Bregenz, Salzburg, Linz, Graz und Klagenfurt gibt es seit 2011 keinen Schnee an den Festtagen, in Innsbruck seit 2017.
Ich habe den Eindruck, als sollten immer öfter Weihnachtsbeleuchtung und Lichterketten statt des ausbleibenden Schnees für Weihnachtsstimmung sorgen. Da gibt es Weihnachtsmänner, die sich von Balkonen abseilen, ein ganzes Rentier-Gespann im Vorgarten, blau blinkende Eiszapfen und in allen Farben leuchtende Sterne. All das sorgt manchmal für einen optischen Overkill. Erlaubt ist, was gefällt, auch wenn es die Nachbar:innen nervt. In Österreich gibt es noch keine Rechtsprechung zu privater Weihnachtsbeleuchtung, teilt die Mietervereinigung mit.

Adventmail 2024/19 (Farben)

Ich komme aus der „grünen Mark“ (was politisch leider so gar nicht zutrifft). 60 Prozent der Fläche der Steiermark sind von Wald bedeckt. Sogar noch etwas drüber liegt der Waldflächenanteil von Kärnten, in Gesamtösterreich beträgt er ca. 47 Prozent. Zum Vergleich: In Finnland – Europas Spitzenreiter – sind es 73,7, im landschaftlich wunderschönen Island nur 0,5 Prozent. Die waldreichsten Länder der Erde gemessen an ihrer Fläche sind Gabun, Guayana und Surinam mit jeweils um die 90 Prozent der Bodenfläche.
Zurück zu meiner Heimat: Die ersten zehn Jahre meines Lebens lebte ich in der baumfreien Innenstadt von Bruck/Mur, die nächsten ca. zehn Jahre in der Hochschwabsiedlung von Kapfenberg am Waldrand. Zwischen den Monokulturfichten spielte ich mit selbst gebastelten Pfeilen und Bogen Winnetou-Geschichten nach, baute Verstecke aus Geäst und beobachtete manchmal ein Reh, das sich aus dem Wald auf die Wiese traute. Wald wurde mir vertraut und zur Wohlfühlumgebung, im späteren Leben immer wieder genossen z.B. rund um den Hilmteich bei Graz, in der Korneuburger Au, auf dem Weg zum Michelberg bei Stockerau oder heuer auf der Ostsee-Radtour im Gespensterwald kurz vor Rostock.
Auch wenn ich sie nicht umarmen möchte: Bäume sind meine Freunde, der Duft des Waldes und das Grün in vielen Schattierungen sind Reichtümer, die ich nicht missen möchte.

Radtour auf einer aufgelassenen Bahnstrecke von Hamburg nach Lübeck

Adventmail 2024/18 (Farben)

„Das Einzige, was man den handelnden Personen vorwerfen kann, ist, dass sie Trottel sind.“ Das ist das Zitat eines ÖVP-Politikers über ÖVP-Politiker, näherhin das, was der ehemalige Vizekanzler Erhard Busek 2021 als 80-Jähriger, ein Jahr vor seinem Tod, über die Chats zwischen Kurz, Blümel und Schmid (Stichworte: „Kriegst eh alles, was du willst“ und „Ich liebe meinen Kanzler!“) anmerkte. Der christlichsoziale Busek wechselte 1976 vom ÖVP-Generalsekretariat zur Wiener Landespartei, der er gleich mal unter dem Siegel „bunte Vögel“ ein grünes Image gab, noch bevor die Umweltschutz-Bewegung eine politische Partei wurde. Buseks liberaler Kurs machte die Stadtpartei zu einer von der Bundespartei unabhängigen Marke: Er sammelte Querdenker und Quereinsteiger – eben „bunte Vögel“ – um sich und erzielte bei den Wahlen 1978 und 1983 im roten Wien Erfolge, von denen die ÖVP heute nur träumen kann. Erst als Helmut Zilk 1984 Bürgermeister wurde, sank Buseks Stern in der Kommunalpolitik.
Ich Mur-Mürz-Furchen-Spross habe noch kein einziges Mal die Volkspartei gewählt. Und doch gab es immer auch Vertreter:innen, vor denen ich den Hut zog. Hätten die Buseks, Schaumayers, Neissers, Fischlers oder Rieglers dort heute noch das Sagen statt der schwer erträglichen NÖ-Schwarzen, der FPÖ-affinen Landeshäuptlinge und der ethikunbelasteten IV-ler und Wirtschaftsbündler, könnte ich es mir aber vorstellen. Und sollte Othmar Karas bei der nächsten Bundespräsidentschaftswahl antreten (wohl mit türkisem Gegenkandidaten), dann ist meine Stimme für ihn eine ernsthafte Option.
Parteien müssen „bunt“ sein, Vielfalt zulassen und anderen Meinungen mit Respekt begegnen, finde ich. Die Hasspostings und Fake News in Plattformen wie „X“, formerly known as Twitter, nehme ich ausdrücklich davon aus. Bei demokratischen Standards oder Menschenrechten. darf es aber keine Abstriche geben. Stephen Bannons Aufforderung „Flood the zone with shit“ macht bunt zu kackbraun.
Das Schlusswort gebührt dem bunten, überzeugten Europäer Erhard Busek: „Europa hat die moralische Pflicht, Menschen, die in Not sind, Schutz zu gewähren. Alles andere untergräbt unsere Werte.“

Adventmail 2024/17 (Farben)

Bei meinen Recherchen bin ich auf die Behauptung des Farbpsychologen Klausbernd Vollmar in einem SZ-Interview gestoßen, dass Frauen deutlich mehr Farben wahrnehmen können als Männer. Das habe evolutionsbiologische Gründe: „In der Tierwelt sind die Männchen oft viel bunter, um die Weibchen anzuziehen und damit die Fortpflanzungschance zu erhöhen. Deswegen sind Frauen für Farben sensibler. Männer achten mehr auf die Form, Frauen auf die Farbe.“
Tatsächlich sind in vielen Tierarten die Männchen oft auffälliger und farbenprächtiger. Weibchen hingegen sind oft schlichter gefärbt, um sich besser vor Fressfeinden zu tarnen und somit ihre Nachkommen zu schützen. Bei Säugetieren sind männliche Mantelpaviane ein gutes Beispiel dafür: Sie haben ein rotes Hinterteil und eine auffällige Mähne, Weibchen nicht. Oder Pfauen, Stockenten, Paradiesvögel: Die Männchen haben ein beeindruckendes buntes Federkleid, die Weibchen eine unauffällige, braune Farbe. Auch bei Fischen, Reptilien und Insekten gibt es Beispiele für dieses Muster.

Ein schöner (verlängerter) Rücken kann auch entzücken

Männer in bestimmten afrikanischen Stämmen oder in südpazifischen Kulturen legen großen Wert auf Schmuck und Körperbemalung. Wer jedoch heute ins Neujahrskonzert, zum Opernball oder einfach durch die Innenstädte geht, muss den Eindruck gewinnen, dass zumindest in unseren Breiten Frauen mehr Spielraum zu Auffälligkeit und Buntheit haben. Warum eigentlich? Diese Frage beantwortet ChatGPT so: „In vielen europäischen Gesellschaften … wurden Frauen oft als Repräsentantinnen von Familie, Status und Ästhetik betrachtet, was zu einer größeren Betonung auf Kleidung, Schmuck und Make-up führte.“ Und auch Rollenvorstellungen spielen mit: „Während Männer oft durch ihren beruflichen Erfolg oder sozialen Status beurteilt wurden, wurde von Frauen oft erwartet, durch Aussehen und Weiblichkeit zu überzeugen. Dies hat Schönheitsideale stärker auf Frauen projiziert.“

Adventmail 2024/16 (Farben)

Heute – passend zur eben beendeten Schach-WM – eine Art Schachspiel zwischen weißen und schwarzen Figuren. Weiß beginnt sonst immer, ich starte mit …
Roy Black. Der hieß eigentlich Gerhard Höllerich und wurde als Kaufmannssohn und Kriegskind 1943 in der Gegend von Augsburg geboren. Statt sein Betriebswirtschaftsstudium abzuschließen, begann er nach Anfängen als Rock’n’Roller in den 1960er-Jahren eine erfolgreiche Karriere als Schlagerfuzzi. Black nannte er sich wegen seiner schwarzen Haare, Roy wegen seiner Vorliebe für Roy Orbison. Roys Single „Du bist nicht allein“, die manche von euch als Titelmelodie der ORF-Kuppelshow „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ kennen, wurde sein erster kommerzieller Erfolg, der Schmachtfetzen „Ganz in Weiß“ 1966 sogar zum Nr. 1 Hit. Schon 1971 verzeichnete Black seinen letzten großen Erfolg mit dem Kinderliedduett „Schön ist es auf der Welt zu sein“.
Danach gings bergab. Über den „Schnulzensänger“ wurde die Nase gerümpft, ORF-GI Gerd Bacher verfügte einen gegen Black gerichteten Schnulzenerlass auf dem noch jungen Sender Ö3, was nicht nur André Heller als „Ent-Roy-Blackisierung“ begrüßte. Sein Millionenvermögen verlor Black durch unredliche Berater, er litt unter Scheidung, Alkoholexzessen, Depressionen, Selbstmord des Vaters. Sein eigener früher Tod 1991 allein und schwer alkoholisiert in einer Fischerhütte war von Suizidgerüchten begleitet. Dass er Probleme mit seinem Image hatte, zeigt sei Lieblingswitz: Wie bekommt man das Gehirn eines Schlagersängers auf Erbsengröße? – einfach aufblasen!
Auch Barry White hieß nicht so, sondern wurde als Barrence Eugene Carter 1944 in Texas geboren. Die große Zeit des übergewichtigen Soul- und Disco-Stars – Spitzname „The Walrus of Love“ – waren die 1970er-Jahre. Wäre interessant, wie viele Liebesakte Barry mit seinem erotisch-sonoren Sprechgesang in Songs wie „Never, Never Gonna Give Ya Up“, „You’re the First, the Last, My Everything“ oder „Can’t Get Enough of Your Love, Babe“ akustisch begleitete. Naja, bei DIESER Stimme … In seiner Autobiografie behauptet Barry, seinen Stimmbruch im Alter von 14 Jahren zweimal hintereinander gehabt zu haben; dadurch sei er erst zum Tenor und dann zum tiefen Bass geworden. Hört mal in das Intro zum von ihm gecoverten Billy-Joel-Hit „Just the way you are“ an: Diese Gottesgabe verhalf dem Crooner zu mehr als 100 Millionen verkauften Tonträgern.
Back to black, in weiblicher Ausgabe: „La Negra“ – die Schwarze – nennen sich gleich drei Sängerinnen aus dem spanischsprachigen Teil der Welt. Toña la Negra (eigentlich Maria Antonia del Carmen Peregrino Álvarez) stammt aus Veracruz und starb 1982 in der Hauptstadt ihres Heimatlandes Mexiko – nach einer gefeierten Karriere als Bolero-Interpretin.
Auf Amparo Velasco, die auch unter La Negra veröffentlicht, stieß ich zufällig auf Spotify. Wo man trotz ihrer beeindruckenden Stimme und ihrer musikalischen Mischung aus Flamenco, Jazz, lateinamerikanischen und afrikanischen Einflüssen kaum was über die aus Alicante stammende Spanierin erfährt. „Hard to categorise but easy to love“ heißt es auf Womax über die Canciones dieser Negra.
Die berühmteste der Negras ist die mit diesem Spitznamen bedachte argentinische Ikone Mercedes Sosa (1935-2009), deren „Gracias a la vida“ mich immer wieder tief berührt. Als Österreichs Kicker 1978 in Cordoba die deutschen Noch-Weltmeister 3:2 putzten und Edi Finger darob dem Herzkasperl nahe war, waren die sozialkritischen Platten der Sosa verboten. Die Militärjunta ließ die Sängerin 1979 bei einem Konzert mitsamt Publikum verhaften, bis zu deren Sturz blieb sie im spanischen Exil. Ihr Konzert im Opernhaus Buenos Aires wird oft als Schlüsselereignis in der Übergangszeit gewertet und steht für eine politische und musikalische Erneuerung der argentinischen Kultur – Gracias a la Sosa!
Der nächste „Weiße“ ist ein Weltenbürger. Roberto Blanco – er heißt wirklich so – wurde 1937 in Tunis als Sohn eines kubanischen Künstlerpaars geboren. Als Halbwaise wuchs er zunächst in Beirut auf, wo er als einziger Junge in einem von Nonnen geführten Mädcheninternat erzogen wurde, danach bis zum Ende der Schulausbildung in Madrid. 1956 kam er mit seiner Familie nach Deutschland, wo er Schlagerstar und 1971 eingebürgert wurde. Einen Skandal gab’s, als sich Roberto nach 50 Jahren von seiner Schweizer Frau Mireille trennte und eine 42 Jahre jüngere Kubanerin heiratete. Dass er in finanzielle Turbulenzen geriet und sich Unterhaltszahlungen entzog, griff Roberto gemäß seinem größten Hit „Ein bisschen Spaß muss sein“ selbstironisch in der Video-Parodie „Ein bisschen spar’n muss sein“ auf.
Der letzte Schwarz heißt Berthold und war angeblich ein Franziskaner und Alchemist im 14. Jahrhundert aus Freiburg im Breisgau. Er gilt heute unter Historikern als fiktive Gestalt und die ihm zugeschriebene Erfindung von Schwarzpulver und Kanonen als Legende. Aber die erzählt sich gut:
Bei chemischen Experimenten zerstampfte Berthold in einem Mörser Salpeter, Schwefel und Holzkohle, stellte diesen mit dem Stößel zusammen auf den Ofen und verließ den Raum. Kurze Zeit später großes Karacho. Die herbeigeeilten Ordensmänner stellten fest, dass der herausgeschleuderte Stößel so fest in einem Deckenbalken steckte, dass er selbst nach Berühren mit den Reliquien der heiligen Barbara nicht herausgezogen werden konnte. Anschließend dienten die verwendeten Mörser bzw. Töpfe Berthold als Vorlage für erste primitive Kanonen. Auf diesen Vorfall sollen die Bezeichnung für das (längst davor in China erfundene) Schwarzpulver, der Name „Mörser“ für kurzläufige Steilfeuergeschütze und die heilige Barbara als Schutzpatronin der Artilleristen zurückgehen.
Kurz erwähnt seien noch Jack White, Mastermind der Garage-Rock-Band The White Stripes („Seven Nation Army“!), und Jack Black, exaltierter Sänger und Schauspieler („School of Rock“).
Zuletzt noch ein rockiger Schwarzweiß-Ausklang auf Spotify.

Adventmail 2024/15 (Farben)

Die „NAACP“ (National Association for the Advancement of Colored People) ist eine der ältesten und einflussreichsten Organisationen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA. Gegründet wurde sie – nicht nur von coloured people – 1909, sie spielte in den 1950er- und 1960er-Jahren im Kampf gegen Rassentrennung eine wichtige Rolle und legte sich 2021 wegen des Sturms auf das Kapitol juristisch mit Donald Trump an.
Martin Luther King verwendete den Begriff „citizens of color“, aber auch häufig den Begriff „Negro“, um sich selbst und die afroamerikanische Gemeinschaft zu beschreiben. Dies war damals die gängige Bezeichnung. Der Begriff wurde von Schwarzen-Führern, einschließlich King, als neutrale oder sogar würdige Bezeichnung verwendet, um Stolz und Identität auszudrücken. Für viele jüngere Aktivisten war „negro“ jedoch – wie das explizite „nigger“ – mit Unterdrückung und Rassismus verbunden, das „N-Wort“ wurde zugunsten des heute verbreiteten „Black“ oder „African American“ aufgegeben.
Etymologisch ist das Wort harmlos. Im Deutschen ist „Neger“ ein Lehnwort nach dem französischen „nègre“, das wie das spanische „negro“ auf das lateinische „niger“ („schwarz“) zurückgeht. Warum also ist „black“ politisch korrekt, „Neger“ dagegen wie auch „Rothaut“ („Redskin“) oder „gelb“ als Bezeichnung für Ostasiaten/Chinesen verpönt?
Das hat mit dem gewachsenen Unrechtsbewusstsein gegenüber Kolonialismus und Rassismus zu tun. Schon im Mittelalter wurde Schwarzsein mit Heidentum bzw. Islam assoziiert und rhetorisch dem weißen Christentum in Europa untergeordnet. Mit der Verwendung im Portugiesischen und Spanischen im 16. Jht. wurde „negro“ mit „Sklave“ konnotiert und im Weiteren mit anatomisch-ästhetischen (hässlich), sozialen (wild, ohne Kultur), sexuellen (abnorm) und psychologischen (kindlich) Vorstellungen verknüpft. Und in der sich danach ausbildenden und sogar durch Aufklärer wie Immanuel Kant popularisierten Rassentheorie galt die „weiße Rasse“ als überlegene und am weitesten entwickelte Menschenspezies.
Es dauerte bis 1999, da im Duden „Neger“ erstmals markiert wurde als „wird heute meist als abwertend empfunden“. Wer das No-Go heute noch ignoriert, leistet einer Stereotypisierung durch biologistische Einteilungen und der Legitimation des Konstruktes „Rasse“ Vorschub, finde ich als Stiefvater zweier „farbiger“ Twens… wobei – wenn ich sie so nenne, bin ich selbst dann farblos?

Adventmail 2024/14 (Farben)

Eine Metallschachtel mit lauter verschiedenfarbigen Jolly-Buntstiften drin – darauf, dass ich so einen Schatz in meiner Schultasche hatte, war ich als Bub stolz. Ich mochte sie lieber als die öfter im Zeichenunterricht verwendeten Ölkreiden oder Aquarellfarben.

Das für Buntstifte erforderliche Zuschneiden einer Mine und deren Einpassung in eine Holzfassung gibt es seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das hatte den Vorteil, dass die Farbminen nicht so leicht brechen und die Hände beim Zeichnen sauber bleiben. Es dauerte noch ziemlich lange, bis das Problem gelöst war, dass die Minen beim Zuspitzen splittern und dass sich die Farbe auf dem Papier leicht wieder verwischt.
Einer der Pioniere war hier Joseph Hardtmuth, der 1790 eine Bleistift- und Steingutfabrik in Wien gründete. Sein Sohn Carl erfand später die „Koh-i-noor“-Bleistifte, die (benannt nach einem der größten geschliffenen Diamanten der Welt) in 17 Härtegraden erzeugt wurden. In Böhmen existiert die Firma „Koh-i-Noor Hardtmuth“ immer noch; der österreichische Zweig ging 1996 in Konkurs.
Die bis heute wirksame entscheidende technologische Neuerung gelang Mitte des 19. Jht.s dem Nürnberger Unternehmer Johann Sebastian Staedtler (Firma „J.S. Staedtler“): Er imprägnierte die Minen mit Wachs, wodurch die Farben viel besser haften blieben. Ein weiterer Big Player im Bereich der Schreibwarenproduktion wurde die deutsche Faber-Castell-AG, heute die weltgrößte Herstellerin von Bunt- und Bleistiften mit Fertigungsstätten in zehn Ländern und einem Ausstoß von jährlich 1,5 Milliarden Stiften.
Es gibt Leute, die lieben es, mit solchen Stiften Mandalas auszumalen und sich dabei zu entspannen. Ich habe in meinem Schreibtisch immer noch eine Jolly-Box, die in Österreich seit 1965 von „Brevillier Urban & Sachs“ unter diesem Namen vertrieben werden. Am häufigsten verwende ich Buntstifte, wenn ich mit meiner Liebsten „Der Kartograph“, unser liebstes Flip-and-Write-Game, spiele und dabei Dörfer in Rot, Wald in Grün, Gewässer in Blau und Äcker in Gelb markiere.

Adventmail 2024/13 (Farben)

Vor der wunderschönen Alten Handelsbörse in Leipzig steht eine überlebensgroße Bronzestatue (s. Foto) des jungen Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), der in der damals blühenden Handelsstadt ab 1765 fast drei Jahre lang Rechtswissenschaft studierte. Unser Führer, der meine Claudia und mich im Sommer durch die Stadt geleitete, meinte, der damalige Teenager habe sich aber mehr der Dichtkunst und den Frauen gewidmet. Später interessierte er sich auch für das Thema Farbe brennend – spätestens ab 1777, als er am Brocken (auch Blocksberg genannter höchste Erhebung im Harz) farbige Schatten in der Abendsonne auf Schnee wahrnahm.
„…die Sonne senkte sich eben gegen die Oderteiche hinunter. Waren den Tag über, bei dem gelblichen Ton des Schnees, schon leise violette Schatten bemerklich gewesen, so musste man sie nun für hochblau ansprechen, als ein gesteigertes Gelb von den beleuchteten Teilen widerschien“, schrieb er darüber. „Als aber die Sonne sich endlich ihrem Niedergang näherte und ihr … Strahl die ganze, mich umgebende Welt mit der schönsten Purpurfarbe überzog, da verwandelte sich die Schattenfarbe in ein Grün … Die Erscheinung ward immer lebhafter, man glaubte sich in einer Feenwelt zu befinden, denn alles hatte sich in die zwei lebhaften und so schön übereinstimmenden Farben gekleidet, bis endlich mit dem Sonnenuntergang die Prachterscheinung sich in eine graue Dämmerung und nach und nach in eine mond- und sternhelle Nacht verlor.“

Statue des jungen Goethe in Leipzig

Farbe, nicht nur dichterisch umschwärmte, auch wissenschaftlich erforschte, beschäftigte Goethe sein Leben lang. In seinem 1810 erschienenen dreiteiligen Werk „Zur Farbenlehre“ – der Dichter war damals längst eine europaweit anerkannte literarische Größe – bündelte er seine während vieler Jahre gemachten Überlegungen, Literaturstudien und Versuche über das Wesen der Farbe. Goethe wollte das Phänomen Farbe nicht einseitig physikalisch oder lediglich von einem ästhetischen oder praxisbezogenen Standpunkt aus beurteilen und erklären, sondern in seiner Gesamtheit erfassen und beschreiben. Und erstaunlich: Er selbst schätzte die Ergebnisse seiner Forschungen zur Farbe höher ein als sein gesamtes literarisches Schaffen.
Aus heutiger Sicht wird Goethes Farbenlehre in der Naturwissenschaft als veraltet und ungenau angesehen. Die Physik widerlegte Goethes Auffassung, dass Farben nicht – wie von Newton schon 1671 experimentell bewiesen – auf Lichtbrechung, sondern auf Wechselwirkungen von Licht und Dunkelheit basieren. Einflussreich etwa für die Farbpsychologie blieben am ehesten seine Untersuchungen zur Farbwirkung, wie etwa die emotionale und psychologische Reaktion auf Farben (z. B. Blau als beruhigend oder Rot als stimulierend).
Es sei somit dahingestellt, ob man die Farbenlehre des damals schon 60-Jährigen als schrullige Abirrung sehen will, die ihn von seiner eigentlichen Kompetenz ablenkte. In den 22 Jahren nach diesem Werk erschien von Goethe literarisch nur mehr wenig Maßgebliches, am ehesten noch die Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ und die Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“. Posthum erschien der mühsam zu lesende zweite Teil des „Faust“.

Adventmail 2024/12 (Farben)

Über das Thema Farben in der Pop-und Rockmusik könnte man eine endlos lange Liste zusammenstellen. Die Palette in entsprechend getitelten Songs reicht von Rot („Little Red Rooster“) über Gelb („Yellow Submarine“), Blau („Azzurro“), Grün („Green Green Grass of Home“), Braun („Brown Sugar“), Violett („Purple Rain“), Schwarz („Back to black“), Weiß („White Rabbit“) bis hin zum lyrics-mäßig recht seltenen Orange („Du hast mir mein Orange verpatzt“).
Meine diesjährige Spotify-Liste konzentriert sich auf 24 Bands bzw. Stars, die eine Farbe im Namen haben. Für jeden Adventkästchentag ein Ohrenschmaus: Black Sabbath, Pink, White Stripes, Rosa Linn, Red Hot Chili Peppers, James Brown, Pink Floyd, Black Pumas, Green Day, Deep Purple, Blue Oyster Cult, Simply Red, The Black Keys, Goldfrapp, Black, Blue, Orange Blue, Shocking Blue, Barry White, Lila Downs, Les Negresses Vertes, Martina Schwarzmann, Black & Funk.
Es sind Klassiker dabei, die jedeR kennt – wie Seven Nation Army, Paranoid, Venus oder Wish You Were Here. Aber auch (mir vor der Recherche) völlig Unbekanntes, das zu entdecken hoffentlich auch euch Spaß macht. Viel Hörvergnügen!

Adventmail 2024/11 (Farben)

Wenn wir „farbenblind“ sagen, stimmt das meist nicht. Denn “Achromatopsie“ – wie der Fachbegriff heißt – bezeichnet jene Sehstörung, bei der gar keine Farben, sondern nur Hell-Dunkel-Kontraste wahrgenommen werden können. Weniger schwerwiegend und weiter verbreitet sind Probleme bei der Unterscheidung von Rot und Grün. Das sollte richtigerweise als Farbenfehlsichtigkeit bezeichnet werden.
Farbe ist ein durch das Auge vermittelter und das Gehirn aufbereiteter Sinneseindruck, der durch Licht hervorgerufen wird. Genauer durch die Wahrnehmung elektromagnetischer Strahlung der Wellenlänge zwischen 400 und 780 Nanometern – etwa jener Spektralbereich, in dem die Intensität der Sonnenstrahlung am größten ist. Darunter liegt Ultraviolett, noch weiter darunter Röntgenstrahlen; darüber Infarot (+Radar, Mikrowellen, Radiowellen).
Das menschliche Auge kann Farben sehen, weil es spezielle Lichtempfänger in der Netzhaut hat: Während die Stäbchen uns helfen, bei wenig Licht Schwarz, Weiß und Grautöne wahrzunehmen, erlauben uns die Zapfen, bei viel Licht Farben zu erkennen. Wir haben S-Zapfen für Blau, M-Zapfen für Grün und L-Zapfen für Rot. Je nachdem, welche Zapfen wie stark reagieren, „mischt“ das Gehirn die Farbinformationen. Wenn zum Beispiel L- und M-Zapfen stark aktiviert werden, sehen wir Gelb. Werden alle Zapfen gleich stark aktiviert, sehen wir Weiß.
Manche Tiere sind mit besserem Sehvermögen ausgestattet, andere wiederum sehen schlechter als wir Menschen. Raubvögel können sogar UV-Licht sehen, was Spuren von Beute (z.B. Urinspuren) für sie deutlicher sichtbar macht. Und durch die hohe Dichte an Bildrezeptoren ist ihre Sehschärfe bis zu achtmal höher als unsere. Mantis-Garnelen sind aber die Superstars beim Farbsehen. Die Meerbewohner haben statt nur drei wie wir bis zu 16 verschiedene Farbrezeptoren.
Hunde und Wölfe sind dichromatisch, das heißt, sie sehen nur zwei Farbspektren (Blau und Gelb) und können Rot und Grün nicht unterscheiden. Für Raubtiere sind Kontraste und Bewegungen wichtiger als Farben. Daher genügt oft zweizapfiges Sehen. Etliche Säugetiere mit nur zwei Zäpfchenarten würden daran scheitern, in diesem Kreis eine Zahl zu entdecken. Du kannst sie aber sicher erkennen – oder?