Katholischer, weltoffener Publizist im aktiven Ruhestand; gebürtiger Steirer, durch Theologie- und Germanistikstudium ausgebildeter Lehrer, später Redakteur bei Kathpress, verheiratet mit Claudia, dreifacher Vater, fünffacher Großvater
Marina Abramović (1946 in Belgrad geboren) gilt als eine der wichtigsten zeitgenössischen Performance-Künstlerinnen. Sie setzt sich selbst und ihren Körper vor Publikum aus, dessen Reaktion Teil des künstlerischen Prozesses werden soll – etwa in ihrer frühen Performanceserie „Rhythm“: Ein weiß gedeckter Tisch mit Utensilien wie Ketten, Messer, Schal, Rasierklingen, einer dornigen Rose u.a. lud Besucher:innen dazu ein, damit und mit der regungslos davor stehenden Künstlerin etwas zu gestalten. Männer entblößten sie, legten ihr eine Kette um, küssten sie, verletzten sie mit Dornen – bis sie durch Blickkontakt Scham auslöste. Noch reduzierter Abramovićs Aktion „The Artist is Present“: Da saß sie stundenlang nur da und blickte einem wechselnden Gegenüber in die Augen – so lange, wie der/die Gegenübersitzende das wünschte.
An den Wiener Aktionismus und Valie EXPORT erinnert Abramovićs Zusammenarbeit mit ihrem Lebenspartner von 1976 bis 1988, Ulay: Zu sehen sind Videos mit wechselndem Anschreien, Ohrfeigen, Selbstverletzungen. Explizit politisch wurde ihr Schaffen mit dem Krieg in Ex-Jugoslawien. Aufgetürmte blutige Rinderknochen und filmische Ausführungen über die Vernichtung von Ratten veranschaulichten die alltägliche Gewalt.
In ihrem Spätwerk wendet sich die inzwischen fast 80-Jährige immer mehr der Natur und der darin verborgenen Spiritualität zu. Esoterisch mutet z.B. die Einladung an die Albertina-Besuchenden an, die Energie verschiedener Metalle und Gesteine durch Anlehnen oder Draufliegen zu erspüren. Naja.
All das verstört und fasziniert zugleich. Es weckt Lachen und Angst, Wut und Abscheu, Scham und Voyeurismus – jedenfalls Neugier. Und hielt mich knapp zwei Stunden in der noch bis 1. März 2026 zugänglichen Sonderausstellung fest.
Können Feministinnen religiös sein, gläubige Mitglieder einer abrahamitischen Weltreligion? Wenn es nach der ukrainischen Femen-Aktivistin („Pussy Riot“) Inna Schewtschenko geht, eher nicht. Sie betrachtet Christentum, Judentum und Islam als unheilbar patriarchalisch und zitiert dazu die mir noch von meinem Theologiestudium bekannte Mary Daly: „If God is male, then male is God.“ In einer der ersten Szenen des auf einem Drehbuch Schewtschenkos basierenden Film sind barbusige Feministinnen zu sehen, die in Kiew triumphierend ein Holzkreuz umsägen und danach schnell die Flucht ergreifen. Ohje, dachte ich da. Das wird jetzt ein filmisches Pamphlet, das Identifikationsfiguren keinerlei Raum gibt, die Religion und Feminismus sehr wohl für vereinbar halten. Da kann dann auch ich nicht mit, denn ein Gott, der Unterdrückung von Frauen gutheißt oder sogar verlangt, ist weit entfernt von dem, an den ich glaube.
Aber dem war dann gar nicht so. Es kamen auch religiös offene wie die (widerrechtlich geweihte) katholische Bischöfin Christine Mayr-Lumetzberger zu Wort, selbstbewusste Musliminnen, die aus Überzeugung den Hidschāb tragen, eine jüdische transsexuelle Rabbinerin u.a. Schewtschenko traf sich mit diesen Frauen in Europa und in den USA, widersprach ihnen zu Themen wie Abtreibung und Bekleidungsvorschriften, ließ ihre andere Sichtweise aber letztlich gelten.
Schmunzeln machte mich die russische Pussy-Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa, die wegen ihrer feministischen Haltung ins Gefängnis musste und dort – „It was a torture!“ – nur die Bibel zu lesen bekam. Jesus sei ihr dabei sehr sympathisch geworden, und sie habe bei der Lektüre genug Stoff zum Argumentieren gegen die Putin-freundliche, den Krieg rechtfertigende russisch-orthodoxe Kirchenleitung gesammelt.
Seit einer Georgienreise im Jahr 2019 bin ich Fan von Nino Haratischwili. Ihr Roman „Das achte Leben“ gehört zum besten, was ich in den 2000er-Jahren las. Umso gespannter war ich auf „Das mangelnde Licht“, das ebenfalls georgische Zeitgeschichte mit individuellen Schicksalen verquickt. Und ich finde auch dieses 830-Seiten-Buch absolut empfehlenswert.
Worum geht es? Drei von der eskalierenden Gewalt im Georgien der 1990er-Jahre betroffene, GEtroffene Frauen treffen sich 20 Jahre später anlässlich einer Fotoausstellung in Brüssel wieder. Sie sehen Werke über die Zeit, als der Kaukasus-Staat nach dem Zerfall der Sowjetunion eigenständig wurde und dennoch dem Zugriff der früheren Machthaber in Moskau ausgesetzt blieb. Die Bilder – darunter das titelgebende – schuf die in den Wirren des Krieges verstorbene Journalistin und Fotokünstlerin Dina, die das lebensenergievolle Epizentrum des einstigen Freundinnenquartetts bildete. Sie selbst und ihre drei Gefährtinnen sind darauf oft zu sehen. Begonnen hatte der Bund zwischen den vier sehr unterschiedlichen Charakteren in der frühen Jugendzeit von Dina, der späteren Restauratorin Keto, der lesbischen Juristin Ira und der einer Gaunerfamilie entstammenden Femme fatale Nene.
Die Wirren der Zeit mit ihren politischen Verwerfungen und mafiösen Machtspielchen, den Familienbanden, den Liebschaften unter dem Eindruck des Machismo in Georgien, aber auch die enge Verschwesterung der vier Mädchen, dann Frauen, haben Spuren hinterlassen – und sogar sichtbare Narben. Bei der (wie Haratischwili) in Deutschland lebenden Haupterzählerin Keto lösen die Fotografien aus Tiflis und dem umkämpften Abchasien teils qualvolle Erinnerungen aus, ebenso bei Ira und Nene, und bei allen scheint der Tod der schmerzlich fehlenden, inzwischen zu internationalem Ruhm gekommenen Dina eine unüberwindbare Lücke zu hinterlassen.
Haratischwili schildert die vier Protagonistinnen in schillernden Farben und mit ständigen, chronologisch geordneten Rückblenden. Ihr teils gegensätzliches Handeln folgt einer nachvollziehbaren Logik. Die Männerfiguren bleiben daneben etwas blass. Dennoch ist „Das mangelnde Licht“ kein „Frauenroman“, sondern ein eindrückliches, fesselndes Zeitkolorit – auch wenn „Das achte Leben“ mein Favorit der 42-jährigen georgisch-deutschen Theaterregisseurin, Dramatikerin und Romanautorin bleibt.
Erstmals Best-of-Lesung meiner „Adventmails“: Alljährlich versende ich von 1. bis 24. Dezember Texte zu jeweils einem Jahresthema an einen immer größer werdenden Bezieher:innenkreis. Dabei mixe ich recherchiert Informatives, Unterhaltsames und Persönliches zu einer Infotainment-Melange. Viel positive Resonanz ermutigt mich, die via Mail und Facebookgruppe verbreiteten Texte auch mal live zu präsentieren. Und das an einem Ort, an dem ich noch sowas wie „Heimvorteil“ habe: in der autofreien Siedlung, wo ich von 2004 bis 2018 wohnte.
Außer mir liest auch die diesbezüglich erfahrene Autorin Sonja Rosenzweig, sie präsentiert einen noch unveröffentlichten literarischen Text. Davor und danach lese ich – in einer Art Doppelkonferenz.
Wer dabei sein möchte, möge sich bitte bei mir melden (treborme@gmx.at). Es soll ja genügend Platz für alle Interessierten geben.
WANN: 10. Dezember, 19 Uhr
WO: „Aquarium“ (gleich beim Biotop in der Mitte) in der autofreien Siedlung Wien-Floridsdorf, Nordmanngasse 27
Das zu Unrecht touristisch unterschätzte Weinviertel schwimmt seit 15 Jahren mit einem Abschnitt des Jakobsweges im Pilgerboom mit – 2500 „Betende mit den Füßen“ machen sich jährlich auf den 153-Kilometer-Weg von der tschechischen Grenze bis nach Krems
Wien, 8.11.2025 (KAP) Eine Etappe auf dem Jakobsweg beginnen Pilger am besten bei einer Jakobskirche, im konkreten Fall bei jener in Falkenstein im nördlichen Weinviertel: Das 15-jährige Bestehen des Vereines „Jakobsweg Weinviertel“ mit insgesamt 153 Kilometern Streckenlänge von der tschechischen Grenze bis nach Krems war Anlass für eine Pressefahrt, bei der die Teilnehmenden die rund 8 km lange Teilstrecke von Falkenstein nach Poysdorf marschierten. Von Pilgerexperte Franz Knittelfelder erfuhren sie Wissenswertes über das Projekt, für das Kirche, Landespolitik und die Weinviertel Tourismus GmbH an einem Strang zogen. Anfangs sei man vom Erfolg nicht überzeugt gewesen, doch mittlerweile seien jährlich rund 2.500 Pilgerinnen und Pilger auf den idyllischen Wegen fernab vom Massentourismus unterwegs.
Knittelfelder, Direktor der aus dem früheren diözesanen Bildungshaus Schloss Großrussbach hervorgegangenen Bildungsakademie Weinviertel, ist „zuagroaster“ Steirer, lebt seit vielen Jahren im Weinviertel. Die Schönheit der Gegend werde von den Einheimischen unterschätzt. „Bei uns gibt’s ja nichts. Wer soll denn da kommen?“, habe er anlässlich der Planungen für den Pilgerweg öfters vernommen. Dass die Landschaft mit ihren Hügeln, Weingärten, Wäldern und Kellergassen unterschätzt wird und viele Reize hat, wurde der kleinen „Pressepilgergruppe“ bei herrlichem Herbstwetter verdeutlicht. Nicht zu vergessen die oft auf Anhöhen gelegenen Gotteshäuser. Die dem Apostel Jakobus d. Ä. geweihte Pfarrkirche Falkenstein gleich zu Beginn der Tour blickt auf Ursprünge am Beginn des zweiten Jahrtausends zurück und liegt direkt unter der ebenfalls im Hochmittelalter errichteten, über der Landschaft thronenden Burgruine. In einem Seitenraum eine kulturhistorisch wertvolle gotische Madonna aus Sandstein, über dem barocken Altarbild ein theologisches Kuriosum: die Dreifaltigkeit, dargestellt als Christus-Drilling in je identischer Himmelskönigspose.
Drei Pilgernde, die „stempeln gehen“; in der Mitte Franz Knittelfelder mit Pilgerstab und Wander-Büchlein
Nicht nur im Eingangsbereich, auch außen an der Kirchenwand findet sich eine der vielen Stempelstationen entlang des Weinviertler Jakobsweges. Hier können Pilgernde sich und anderen mit einem Eintrag im eigens aufgelegten Pilgerpass beweisen, was sie geleistet haben. Neben den Feldern für die Stampiglien vermitteln Texte und Gebete Inspiration, Kraft und Zuversicht. „Die Leute stehen auf sowas“, weiß Franz Knittelfelder. Manche würden extra mit dem PKW zu „versäumten“ Kirchen fahren, um die Stempelsammlung zu komplettieren und – wie die Absolventen des Camino nach Santiago de Compostela – eine Pilgerurkunde zu bekommen. „Originalgetreu“ sind auch die käuflich zu erwerbenden Jakobsmuscheln, die üblicherweise am Rucksack oder am Wanderstab fixiert werden, aufgelegt wurde auch ein informativer „Jakobswegweiser Weinviertel“, beziehbar um EUR 14,90 über den Buchhandel (ISBN 978-3-7079-2158-8) oder bei der Weinviertel Tourismus GmbH.
Sich zu verirren ist angesichts der übersichtlichen Markierungen mit dem Jakobsweg-Logo kaum möglich. Einzelne schon etwas verblichene Info-Tafeln sollen laut Franz Knittelfelder demnächst wieder auf Vordermann gebracht werden. Und Krems samt dem dortigen „Dom der Wachau“ soll anlässlich des 15-Jahr-Jubiläums als Zielort klarere Kontur bekommen.
Wobei der Jakobsweg Weinviertel beliebig verlängerbar ist: Lohnend sei das Wandern in Mähren nach einem Start in Brünn oder noch weit davor in Krakau, und nach Krems führt der klassische, vom Pilgerpionier Peter Lindenthal beschriebene Weg durch das Donautal, über Salzburg und das Inntal bis nach Vorarlberg. Knittelfelder weiß von ambitionierten Wanderern, die die gesamte Strecke ins galicische Santiago de Compostela gleich mehrfach auf verschiedenen Routen zurücklegten. Wien wird vom Jakobsweg Weinviertel – anders als beim Weg über die Hainburger Pforte – übrigens nicht berührt, die Strecke führt von Stockerau westwärts bis in die Wachau.
Kellergasse im Weinort Poysdorf fast schon am Ziel des herrlichen „Pressepilgermarsches“
Für den Streckenverlauf wurden alte Wegelisten aus dem Mittelalter gesichtet, wegen der Nordautobahn wurden einige Abschnitte jedoch nach den Kriterien Verkehrsarmut und landschaftliche Schönheiten abgeändert. Die „Pressepilger“ beendeten ihre Tour in einer der schönsten Kellergassen des Weinviertels, in Poysdorf, und mit einer Einkehr im Wein.Hotel Neustifter. In der Ortskirche brachte eine Innungsfahne die Wanderer zum Schmunzeln: Über der Abbildung eines auf Trauben stampfenden, also kelternden Jesus steht ein Zitat aus dem alttestamentlichen Buch Jesaja (63,3): „Ich habe allein die Presse getreten.“
Pilgern steht spätestens seit Papst Johannes Pauls II. Aufruf bei der Europafeier 1982 in Santiago, die geistlichen Wurzeln des Kontinents wieder zu beleben, hoch im Kurs; einen weiteren Schub löste das Buch von Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“ von 2006 aus. Prälat Matthias Roch, als ehemaliger Bischofsvikar unter dem Manhartsberg einer der Gründerväter des dortigen Jakobsweges, nennt beim abschließenden Mittagsmahl die schon davor im Weinviertel einsetzende Freude am „Beten mit den Füßen“ eine Initiative zum richtigen Zeitpunkt. Und ein Ende des Booms ist nicht absehbar.
(Die Website www.jakobsweg-weinviertel.at bietet viel Wissenswertes über das Pilgern generell, über Streckenverlauf und Etappenempfehlungen, Gastronomie und Unterkünfte)
(COMPLIANCE-HINWEIS: Diese Berichterstattung erfolgt im Rahmen einer Pressereise auf Einladung der Weinviertel Tourismus GmbH. Die Reisekosten wurden vom Veranstalter getragen, die Berichterstattung erfolgt unter unabhängiger redaktioneller Verantwortung der Kathpress-Redaktion.)
„Gothic Modern“: Der Titel der großen Herbstausstellung der Albertina drückt (neben der auf den Tourismus ausgerichteten Internationalisierung) die Begegnung zweier Kunstepochen bzw. Zeitalter aus. Meisterwerke vom Symbolismus bis Expressionismus mit dem Schwerpunkt auf Kollwitz, Modersohn-Becker, Munch und Beckmann werden neben Arbeiten des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit (Dürer, Holbein, Cranach oder „Grien“) gehängt. Dabei wird veranschaulicht, dass sich die „Modernen“ hinsichtlich Themenwahl und auch Technik vielfach an den Vorbildern der Gotik orientierten, die rund um die Jahrhundertwende hoch im Kurs war.
BarlachTotentanzMunch
Spannende war der Vergleich mit der aktuellen Ausstellung „Du sollst dir ein Bild machen“ im Künstlerhaus, in der die Distanzierung von christlich-religiösen Sujets in der zeitgenössischen Kunst noch viel deutlicher zum Ausdruck kommt. Wobei sich auch z.B. in Edvard Munchs nackt-verführerischer „Madonna“ oder in säkularisierten Pietà-Darstellungen eine Distanzierung von traditionellen Deutungen zeigt. Der Be-Deutungsverlust des Christlichen innerhalb von zwei, drei Generationen ist offenkundig.
KollwitzSchjerfbeck
Faszinierend fand ich in „Gothic Modern“ die Exponate vieler weiblicher Kunstschaffenden. Großartig etwa die Blätter von Käthe Kollwitz, von denen die Albertina viele besitzt, oder die Gemälde von Paula Modersohn-Becker und von der Finnin Helene Schjerfbeck (von der ich noch nie gehört hatte). Lange stand ich auch vor einer Kopie von Hans Holbein d.J., „Der tote Christus im Grab“, dessen Original ich schon mal in einem Adventmail am Heiligen Abend aufgriff. Und spannend zu lesen, dass Matthias Grünewalds Isenheimer Altar, den ich in Colmar anbetete, auch für viele Künstler:innen rund um 1900 zur Pilgerstätte wurde.
Dieses ungeschönte Todesbildnis des Gekreuzigten faszinierte Generationen von Künstlern – und mich!
Eine Ausstellung über Kunst und Religion – so einen Kelch lasse ich nicht an mir vorübergehen. Zumal der Titel „Du sollst dir ein Bild machen“ ja schon ein Stück Widerspruch bzw. Ungehorsam gegenüber biblischen Vorgaben bedeutet, wonach wir uns eben KEIN Bildnis … Aber bitte: Wie anders als über (bildhafte) Vorstellungen können wir uns dem letztlich unvorstellbaren Gott annähern? Und hat nicht auch Jesus mit seiner vertraulichen Anrede „abba“ (Papa) familiäre Anschaulichkeit provoziert?
„In Konzeption und Ausrichtung steht die Schau nicht für vordergründige Provokation oder lauten Protest, sondern für einen differenzierten Blick, für die Suche nach Gemeinsamkeiten und das Bestreben, einen Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und Religion zu fördern“, erklärt Kurator Günther Oberhollenzer in den Presseunterlagen. Aber ganz ohne Provokation und Protest geht es bei den Werken der 42 ausgestellten Kunstschaffenden (darunter Marina Abramović, Manfred Erjautz, Valie Export, Martin Kippenberger, Arnulf Rainer, Bettina Rheims – und Johannes Rass, Sohn meiner Freundin Gaby) nicht ab, dazu ist die Last des Jahrhundertelang mit weltlicher und „Seelenbesetzungs“-Macht einhergehenden Christentums noch zu präsent.
In dieser Holzbox kann man mit einem „KI-Jesus“ hinterm Beichtgitter über Glaubensfragen sprechen
Unterteilt ist die Schau in sieben Kapitel: Ikone, (Schein-)Heiligkeit, Kreuz, Auferstehung, Göttlichkeit, Madonna und Letztes Abendmahl. Gleich im ersten Raum eine Begegnung mit Jesus, wie sie „moderner“ kaum sein könnte: In einer einzeln zu betretenden hölzernen „Beicht-Box“ kann man mit einem digitalen Christus über Glaubensfragen sprechen. Die KI geht in Sekundenschnelle auf das jeweilige Gegenüber ein – „nicht als technische Spielerei, sondern als ernsthafter Austausch über persönliche und spirituelle Fragen“, wie es heißt. Hochinteressant!
Vorne an der Box eine Variante des bekannten „Lego-Kreuzes“ von Manfred Erjautz, rechts davon ein Stück der „Himmelsleiter“ aus Neonröhren, die Billi Thanner für den Südturm des Stephansdoms schuf.
Kippenbergers „Fred the Frog Rings the Bell“ erregte 2008 in Bozen fromme Gemüter
Schon berühmt ist der unter Blasphemieverdacht stehende gekreuzigte Frosch von Martin Kippenberger; viel expliziter kirchenkritisch ist Deborah Sengls Wachsskulptur „Von Schafen und Wölfen“, die ein zähnefletschendes tierisches Zwitterwesen mit wollenem Kraushaar im liturgischen Priestergewand zeigt. Einige Arbeiten blicken aus feministischer Perspektive auf Glaubensgestalten und -inhalte: So die Projektion „Göttin schuf Eva“, die Michelangelos berühmtes Sixtina-Fresko persifliert, die „Putzmadonna“ von Valie Export oder ein Triptychon von Bettina Reims mit einer gekreuzigten barbusigen Frau.
Erfreulich oft bekommt Humor in der Ausstellung Platz, und das nicht nur in sarkastischer Abgrenzung vom Althergebrachten. Ein Beispiel: Lois Hechenblaikners fotografische Gegenüberstellungen alter Glaubensrituale und heutiger kommerzverseuchter Alm-Rausch-Seligkeit. Oder ein in Schokolade gegossener Jesus als wörtlich genommener „my sweet Lord“ (Timm Ulrichs).
Geistlicher als Wolf im Schafspelz … nicht gerade vertrauenserweckend
Einige Werke wie Thomas Riess‘ „Transsurfing“, das im Raum „Auferstehung“ eine sich in Licht auflösende Gestalt zeigt, leisten Übersetzungsarbeit: Wie könnte Spiritualität heute veranschaulicht werden – jenseits der Notwendigkeit, sich an unjesuanischen Altlasten der Glaubensgeschichte abzuarbeiten? Besonders eindrucksvoll in diesem Kontext auch die Holzarbeiten des aus der Schnitzerei-Tradition des Grödnertals entstammenden Südtirolers Aron Demetz.
„Chapeau zu dieser Schau! Unbedingte Empfehlung!“ schrieb Johannes Rauchenberger, der selbst gerade seine „Gott hat kein Museum“-Ausstellung im Grazer KULTUM kuratierte. Dem kann ich mich nur anschließen.
Durch meine jetzt drei dort lebenden Söhne bin ich regelmäßig in der Wiener Seestadt. Noch nie war ich allerdings in der Buchhandlung „Seeseiten“, wo meine liebe Freundin und Kollegin Johanna Grillmayer aus dem dritten Band („Ein guter Mann“) ihrer Dystopie-Trilogie las. Über das dort gekaufte und von Johanna nett signierte Buch kann ich anders als über die beiden ersten Bände noch nichts schreiben, wohl aber über die überaus sympathische Buchhandlung. Die Seeseiten sind geräumig, bieten viel Platz zum Schmökern in entspannter Atmosphäre, sogar Getränke kann man dazu erwerben. Ein Wohlfühlladen.
Und der Chef – der auch aus ORF-Sendungen bekannter Buchliebhaber Johannes Kößler – machte es der Autorin und den leider nur 15 Besucherinnen und Besuchern so angenehm wie möglich: mit einer launigen Begrüßung, viel Wertschätzung für das Romangroßprojekt von Johanna, klugen Fragen nach der Lesung und Wein und Brötchen zum Ausklang.
Romanautorin Johanna Grillmayer las in der Seestadtbuchhandlung „Seeseiten“
Und für den Rest des Jahres sind weitere interessante Veranstaltungen in der Buchhandlung angekündigt…