Margaret Atwood: Der Report der Magd (Piper 2024/5. Aufl.) ******

Die jüngst 87 gewordene Kanadierin Margaret Atwood begann mit den Arbeiten zu „The Handmaid’s Tale“, wie ihr Buch im Original heißt, schon in den 1960ern. Damals erschien die Vorstellung, dass sich in Amerika jemals eine antidemokratische, theokratische Gewaltherrschaft etablieren könnte, aber zu abwegig. Erst 1985 erschien der nunmehrige Klassiker der dystopischen Literatur, der an Orwell und Huxley denken lässt. Und heute erscheint ein Szenario, bei dem eine christlich-fundamentalistische Gruppierung wie Atwoods „Söhne Jakobs“ durch einen Staatsstreich an die Macht kommen und die Verfassung außer Kraft setzen, nicht mehr so völlig abwegig.

Die titelgebende „Magd“ oder „Handmaid“ Desfred (im Englischen: Offred wie „offered“) ist eine der wenigen fruchtbaren Frauen in den durch Umweltkatastrophen, Pestizide und Verhütung schrumpfenden USA. In der neuen Republik Gilead wird ihr eine entsprechende Aufgabe zugewiesen, ja unter strengster Strafandrohung aufoktroyiert: Die völlig entrechtete, als Magd erkennbar gekleidete Frau soll im Haus eines Kommandanten für Nachwuchs sorgen und ist dabei dem Hausherren und seiner alt und unfruchtbar gewordenen Gattin Serena Joy in entwürdigenden monatlichen Zeremonien rund um den Eisprung „zu Diensten sein“.

Desfred selbst ist Mutter eines von ihr erzwungen getrennten Mädchens, ihren früheren Mann Luke hat sie nach einem missglückten Fluchtversuch aus der Republik Gilead aus den Augen verloren. Ihre rebellische beste Freundin endet in einem Bordell, das den Privilegierten des Regimes als Ventil dient. Aber auch in den Klassen der Rechtlosen zeigen sich Risse, die die tief in den Alltag eingreifenden Regularien unterminieren. Dabei ist die Gefahr, entdeckt und bestraft zu werden, allgegenwärtig. Atwoods Darstellung, wie individuelle Freiheiten und menschliche Würde unter dem Deckmantel göttlicher Ordnung vernichtet werden, ist beklemmend; die Opfer ereilt Folter, Wahnsinn, Suizid und auch die Günstlinge erscheinen alles andere als glücklich.

Das Ende des als eine Art Tagebuchaufzeichnung konzipierten Romans ist überraschend und soll hier nicht gespoilert werden. Denn es lohnt sich, dieses packende Buch zu lesen – und sei es nur als Warnung, wohin die Aushöhlung demokratischer Freiheiten führen kann.

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