Adventmail 2012/21 (Geburt)

„Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen“, heißt es provokant im Johannesevangelium. „Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden“, sagt Jesus dort dem alten Pharisäer Nikodemus. Und weiter: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.“
Nicht von Reinkarnation ist hier die Rede – das war dem jüdischen Denken fern. Sondern von Wiedergeburt durch die Kraft des schöpferischen Geistes Gottes, meist verdeutlicht durch das Wasserritual der Taufe.
Claudia und ich wählten diese Worte als Evangelium 1986 bei unserer Hochzeit. Die Überlegung dabei: Am Beginn einer Ehe ist es gut, sich zu vergegenwärtigen, dass man im Leben auf Führungen vertrauen kann, die auf gute Wege führen. Und im weiteren Verlauf des Zusammenlebens wollten wir uns abseits vorgegebener Bahnen für das Neue, Überraschende, Unplanbare offenhalten. Das bewährte sich, als eine unerwartete dritte Schwangerschaft zumindest mir anfangs Angst vor jahrelanger Einschränkung machte. Und das führte mich in Talsohlen des Lebens, als wir uns vor fast zehn Jahren trennten und ich lange brauchte, um mich neu zu verwurzeln.
Und immer noch bin ich überzeugt: Lebendigkeit kann nicht in streng abgezäunten Terrains bewahrt werden. Das Sich-Einlassen auf Neues geschieht und beglückt schon im Moment der Geburt und dann noch hunderte Male im weiteren Leben mit großen und kleinen Unvorhersehbarkeiten bis zur gewaltigen letzten Pforte – dem Tod.

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