Adventmail 2004/14 (Glücksmomente)

Glück, weiblich, 36: Zeit, Sonne, Ruhe
Wer hätte mit 20 gedacht, dass das Leben so sein wird:
Glück heißt schon, wenn der Sonntag mal frei ist, Zeit für einen Spaziergang, an einem kalten, sonnigen Nachmittag durch Schönbrunn hinauf zur Gloriette, und Kaffee mit einer Freundin.
Oder Leute nach Hause einladen, sie fühlen sich wohl und es schmeckt (wollte man nicht mal die Welt verändern?)
Oder durch die Stadt flanieren, ein Buchgeschäft, eine Boutique, was Schönes finden.
Am Morgen die Kinder im Bett und Zeit zum Spielen und Kuscheln.
Der Tag, nachdem die Arbeit glückte.
Einfach in der Kirche sitzen.
Der Mann guter Dinge.
Nora, 36, Journalistin

Adventmail 2004/13 (Glücksmomente)

10 Sekunden Crowdsurfen
Ich hatte ein tolles Erlebnis, als ich diesen Sommer beim ‚Two Days A Week‘-Festival in Wiesen war. Spätabends, es spielten gerade die ‚Kings of Leon‘ – eine großartige amerikanische Rockband – und ich war ziemlich weit vorne in der Menge. Die Stimmung war atemberaubend, und ich selbst gebadet in Schweiß und gefüllt mit Bier.
Das einzig nervige war, dass man ständig aufpassen musste, nicht plötzlich einen Schuh im Gesicht zu haben. Denn überall wanderten ‚Crowdsurfer‘ durch die Menge, also Leute, die sich auf den Armen der anderen nach vorne tragen ließen (oder wieder fallengelassen wurden).

Doch ich kann ihnen nachträglich nicht böse sein – denn auch ich durfte ihre Erfahrungen teilen. Ich hörte ihn nur jemanden sagen: „Willst du auch mal?“, und im selben Moment wurde ich gepackt und in die Lüfte gehoben. Obwohl nachher noch Franz Ferdinand, die beste Band auf dem Festival, spielten, waren diese 10 Sekunden, in denen ich über den Köpfen schwebte und von zig Armen bis hinter die vordere Absperrung zu den Securities gereicht wurde, die denkwürdigsten des Abends. Und ein Ereignis, das mich in der kalten Weihnachtszeit an das unbeschwerte Glück des Sommers zurückerinnert.
Gregor, 17, Schüler

Adventmail 2004/12 (Glücksmomente)

für untauglich erklärt
ich sitze in einem raum mit ca. 30 anderen leuten. den kopf auf die hände gestützt warte ich jetzt schon fast eine stunde, dass mein name aufgerufen wird. ich muss an die schule denken. an der wand ein foto von thomas klestil, der vor ca. zwei monaten gestorben ist. bezeichnend für diese institution, dass es noch immer hängt.
es ist mittlerweile schon 11 am vormittag, und ich bin seit 6 Uhr hier in klagenfurt. am vortag noch extra angereist, um nicht zu spät zu kommen. vier der letzten 5 stunden verbrachte ich mit warten. gespräche mit den ärzten. und immer wieder warten. zwei alte kickerkollegen sind auch da. hätte nicht gedacht, dass die dasselbe problem wie ich haben. wir sprechen nur kurz miteinander, denn die stimmung ist gedrückt, und jeder von uns macht ein gesicht, als müsste er in den nächsten minuten sterben. man könnte glauben, man ist auf einer intensivstation. einer meiner kumpels hat schwere herzrhythmusstörungen, beim anderen sind kreuz und knie kaputt und er hat alle allergien, die bis heute bekannt sind.
dann meint eine ärztin, ich muss in einem jahr wiederkommen. ich war fertig: „aber warum? ich war doch schon zweimal hier“. – „Ja, aber der psychologe sagt, sie müssen wiederkommen.“ Ich entgegne, dass ich heute noch mit keinem psychologen gesprochen habe. sie kontrolliert ihre unterlagen und meint, da ist ein fehler passiert, sie hat irrtümlich die unterlagen vom letzten besuch verwendet. ich werde sofort zum psychologen geschickt. was wäre passiert, wenn ich nichts gesagt hätte?
„T. in zimmer 8 bitte“. anspannung pur. ich spüre meinen herzschlag im hals. ich betrete den raum und ein mann um die 50 stellt mir einige kurze fragen. wie ich heiße, wann ich geboren bin usw… „aufgrund ihrer schwerwiegenden und seit mehreren jahren andauernden panikstörungen und phobien werden sie für den wehrdienst für untauglich erklärt…“
dann habe ich den bescheid in händen. endlich. ich fühle mich besser als bei meiner sponsion und nehme die urkunde wie einen pokal entgegen, verlasse das gebäude auf schnellstem weg, und schreie mir auf dem parkplatz meine freude aus dem leib. meine zwei kumpels haben es auch geschafft, und wir gehen noch einen trinken. das war einer der besten tage seit langem…
Tom, 29, Manager

Adventmail 2004/11 (Glücksmomente)

„Dickes Stolzseinbussi!“
Bis heute habe ich jene SMS nicht gelöscht, die mir meine 19jährige Tochter am 4. Februar von Wien nach Kaprun geschickt hat, wo ich mit Freunden Schi fahren war.
Ich hatte seit allzu jugendlichen Tagen nicht über-, aber regelmäßig geraucht – abgesehen von den paar Jahren zwischen Schwangerschaft und Kindergartenalter meiner beiden Prachtstücke. So sehr ich den blauen Dunst auch von ihnen fernzuhalten trachtete (Rauchen unter der Dunstabzugshaube, auf der Terrasse, am Gang …), so vehement, vorwurfsvoll und angewidert waren ihre Missfallensäußerungen, derer sie nicht müde zu werden schienen. Ich quittierte diese meist mit der lakonischen Bemerkung, dass ich das Rauchen sicher eines Tages aufgeben würde.
Wie sehr meine Glaubwürdigkeit in dieser Hinsicht nach all den Jahren gelitten hatte, zeigte sich, als sie mir nach dem 4. November des Vorjahres, meinem ersten „Nichtraucher-Tag“, immer und immer wieder ihre Bewunderung über meine Stärke aussprachen. Das trübte meine Freude über ihre Anerkennung doch ein wenig und ich spielte die Entrüstete. Hatten sie mir das etwa nicht zugetraut? Also wirklich!
Der 4. Februar war – wie die übrigen Tage der Semesterferienwoche – sonnig und außergewöhnlich warm – selbst in der luftigen Höhe des Kitzsteinhorns. Nur die sternklare Nacht war kalt, als während eines Abendspazierganges mein Handy tönend diese SMS empfing: „Hallo Mutti! Alles Gute zum 3monatigen Nichtrauchen! Dickes Stolzseinbussi! Lena“
Nichts konnte die sonnige Wärme trüben, die in mir aufstieg und der nächtlichen Kälte trotzte.
Christine, 48, AHS-Lehrerin

Adventmail 2004/10 (Glücksmomente)

Ein erster Blick, sie schaut auch
Ich bin letzten Freitag müde im Auto von der Arbeit nach Hause wieder viel zu langsam weitergekommen – und schon dunkel, und November, und leichtes Nieseln und viel zu kalt und viel zu viele Menschen – genug, um grantig zu sein… Vor, hinter, neben mir Autos.
Neben mir ein rotes, im Vorbeifahren seh ich ein Kind, vermutlich ein Mädchen hinten sitzen, gelangweilt. Ein erster Blick, sie schaut auch. Dann geht’s bei mir wieder weiter, also neue Nachbarn. Kurz darauf zieht das rote Auto wieder auf gleiche Höhe, wieder ein Blick, ein Erkennen. Und so ging’s weiter, beim zweiten Mal schon mit einem Lächeln, und dann hatten wir beide Spaß am einander Wiedersehen, Verlieren und wieder Finden. Als sie dann endgültig links abbog, blieb das Lächeln in mir.
Marion, 46, Psychologin

Adventmail 2004/09 (Glücksmomente)

wo sind die eierschwammerl???
ich komme von einem seminar im waldviertel nach hause … hungrig.
im wohnprojekteigenen beisl nach studium der speisekarte bestelle ich gebratene eierschwammerln auf blattsalat.
nach einer weile kommt das essen. ich sehe viel blattsalat.
ich: wo sind die eierschwammerl???
beislwirt: öh…
ich: jetzt bin ich aber enttäuscht, ich hab mir so viele gebratene eierschwammerl erwartet, und jetzt hab ich so viel salat.
beislwirt verschwindet.
ich beginne zu essen, stochere die schwammerln aus dem salat, bemühe mich zu genießen.
……
nach kurzer zeit steht ein kleiner teller mit einer extraportion duftender schwammerln neben mir.
ich (ganz gerührt): danke
beislwirt: soll aber nicht zur gewohnheit werden!
dankbar genieße ich nun wirklich.
beatrix, 46, shiatsu praktikerin und selbstheilungsberaterin

Adventmail 2004/08 (Glücksmomente)

Söhneküsse
Für mich ist das Leben durch meine kleinen beiden Söhne und die Arbeit an einem Buch sehr intensiv, aber trotzdem gibt es unbeschreibliche – im wahrsten Sinne des Wortes – Momente, die mich innehalten lassen und mein Glück genießen lassen. So ein Moment war, als sich meine Söhne (bald 5 und 16 Monate) vor kurzem innig auf unserer Treppen küssten.
Ulrike, 44, Sprachwissenschaftlerin

Adventmail 2004/07 (Glücksmomente)

„Out Of Time“
„Feel the sunshine on your face…“ Immer wenn diese Passage aus dem Walkman ertönt ist, ist es mir kalt über den Rücken gelaufen, auch wenn es 30 Grad plus hatte. Jetzt liebe ich diese Musik schon so lange, habe Schwärmereien und Bilder-Ausschneiden des hübschen Sängers hinter mir; der Wandel vom luftig leichten Getüdel hin zum erwachsenen Tiefgrund fiel zeitlich ziemlich mit meiner persönlichen Entwicklung und Wandlung zusammen. Aber noch nie hat mich ein Lied so bewegt wie jenes, das im Frühling 2003 als erster Song* auf dem Album „Think Tank“ veröffentlicht wurde. Wenn es das einzige Lied gibt, das Lied schlechthin, dann ist das Lied meines!
Die Stimmung, das Licht, die Aura am 9. November 2003 im Wiener Gasometer, als „feel the sunshine on your face, it’s in a computer now, gone at the future way out in space. And you’ve been so busy lately that you haven’t found the time, to open up your mind. And watch the world spinning gently out of time…“ erklungen ist, hat für größeren Schauder gesorgt, als die Hand, die ich dort für Sekunden ergattern konnte – aber das wäre eine eigene Geschichte…
Martina, Soziologin, 27

*Der Song der britischen Rockgruppe Blur heißt „Out Of Time“; Text siehe http://www.lyricsfreak.com/b/blur/21090.html

Adventmail 2004/06 (Glücksmomente)

3mal Ausweicherfolg
Ich war an dem Tag noch Drittklässler. Wir (also die Drittklässler) gingen mit der vierten Klasse turnen. Wir spielten Völkerball. Unsere Mannschaften waren gemischt. Unsere Spieler wurden der Reihe nach abgeschossen. Als unser Freigeist besiegt war, war nur noch ich am Feld. Ich hatte 3mal Ausweicherfolg. Beim dritten Mal schoss der Freigeist den Ball auf mich zu. Der Ball rollte über das Feld bis zu unserem Freigeist. Der Reihe nach schossen wir uns frei. Dann kam der Freigeist der anderen ins Spielfeld. Der verlor nacheinander seine ganzen Leben. Wir hatten noch gewonnen!
Fabian, Schulkind, 8,3 Jahre

Adventmail 2004/05 (Glücksmomente)

Ich habe mich getraut
Es war einer dieser Tage, an denen ich aus mir selbst heraus zufrieden und voller Lebensfreude war, ohne dass ich einen konkreten Grund dafür hätte nennen können. Schon auf der Treppe zum Bahnsteig hinauf half ich einer jungen Frau den Kinderwagen hochzutragen. Die U-Bahn war schon eingefahren und damit Sie in den niederen Einstieg des mittleren Waggons noch einsteigen konnte, lief ich bis zur Mitte des Zuges vor, um ihr die Türe aufzuhalten… und bin auch selbst dort eingestiegen. Zum Glück! Da stand ich nun, ein wenig außer Atem, und ließ meinen Blick über die anderen Fahrgäste schweifen.
Meine Augen blieben an einem Mann hängen, der in einem Buch las. Braungebrannt, dunkle Haare, grau melierter Drei-Tage-Bart, heller Sommeranzug…. Er gefiel mir und ich ließ meinen Blick auf ihm ruhen. Die Energie meiner unbewussten Aufmerksamkeit hat ihn wohl berührt, er sah hoch und fing meinen Blick auf. Ich lächelte ein wenig verlegen – fühlte mich ertappt. Er aber erwiderte mein Lächeln gleich, ermunterte mich mit seinem Blick und nickte mir zu. Wir lächelten uns ungewöhnlich lange an. Solange ich es eben konnte, dann musste ich verlegen wieder wegsehen, wieder hinsehen… – bis er ein kleines Büchlein aus der Jackentasche zog und anfing etwas aufzuschreiben. Ich war mir ganz sicher: „Der schreibt mir jetzt seine Telefon-Nummer auf! Endlich ein Mann, der in einer einmaligen Situation ‚richtig’ reagiert!“, dachte ich.
Kurz bevor er aussteigen musste, stand er auf, kam auf mich zu und sagte mit angenehm tiefer Stimme: „Sie haben ein wunderschönes Lächeln. Trauen Sie sich!“ Dann gab er mir den Zettel, lächelte mich noch mal mit leuchtenden Augen an, und stieg aus. Er hatte mir seinen Namen und seine Telefon-Nummer aufgeschrieben!
Nun – ich habe mich getraut (!), und wir sind seit eineinhalb Jahren ein Paar…
Damaris, 41, Sozialarbeiterin