Adventmail 2004/24 (Glücksmomente)

Mystik in der Konzilsgedächtniskirche
Wieder einer dieser unnötigen Arbeitsaufträge, dachte ich. Ins Kardinal König Haus schickte mich mein Chef, wo Ordensleute aus ganz Österreich zum Thema „Lebensquelle Liturgie“ tagten: „Berichten Sie darüber, irgendwas. Die Kathpress muss dort präsent sein.“ (Bei derart „brisanten“ Storys heißt es bei uns in der Redaktion meist ironisch: „Ruf schon mal den Kindermann an, damit er die Titelseite in der ‚Krone’ freihält…“) Ich erwartete also nichts, was journalistisch etwas abwerfen würde, zumal ich nur noch zum letzten Tagungspunkt, dem abschließenden Gottesdienst, zurechtkam.
Lustlos setzte ich mich in die Konzilsgedächtniskirche, einen großen Kirchenraum mit dem Charme einer Tiefgarage. Rund um mich etwa 300 Frauen und Männer in ihrer Ordenstracht, bis auf einige musizierende Klosterschüler fast alle jenseits der 50.
Die Liturgie begann. Alle hatten ein Heftchen mit Liednoten und -texten vor sich. Ich gestehe, ich bin kein großer Fan von Messen. Meist langweile ich mich, finde die liturgische Sprache angestaubt, die Musik betulich oder eben nicht die meine. Und dieses Aufstehen und wieder Setzen und noch immer nicht genau wissen, wann was.
Nach wenigen Minuten wurde ich ruhig. Der Stress des Tages (ich hatte schon eine Pressekonferenz und einige Kurzberichte hinter mir) fiel von mir ab, jetzt schätzte ich den altbekannten Ablauf und registrierte die achtsame Gottesdienstgestaltung.
Dann sang der Ordensschüler-Chor das Kyrie. „Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich“, tönte es in hübschen Harmonien. Nicht nur wegen meiner sechs Dioptrien fühlte ich mich betroffen. „Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich.“
Jetzt passierte etwas: Ich wusste mich mit einem Mal unmittelbar gemeint, in meinem Innersten berührt. „Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich. Wandle sie in Heimat, Herr, erbarme dich.“ Es war, als sängen sie für mich. Und ich fühlte mich nicht ertappt in meiner Bedürftigkeit, nicht erniedrigt durch die Bitte um Erbarmen, sondern mit einem Mal, völlig unerwartet, grund-los, unendlich getragen, beheimatet und geliebt.
Nach der letzten Strophe hatte ich Tränen in den Augen, vor Glück, vor Rührung und Dankbarkeit, dass so was passieren kann, mitten im Alltag, allen Umständen zum Trotz…
Robert, 45, Redakteur

Adventmail 2004/23 (Glücksmomente)

Wärmendes „comfort food“
Es beginnt mit dem Einkauf beim Inder am Naschmarkt. Gerichte, Gerüche, Farben und eine Ahnung von diesem einzigartigen Geschmack. Am allerliebsten koche ich Thomi mahaar dhal, ein Gericht aus diesen wunderbaren weißen Linsen, die es nur in Indien gibt. Das braucht Zeit – und es lohnt jede Minute davon.
Zuerst wird eine Tasse der Linsen gut gewaschen und mit zwei Tassen Wasser – gewürzt (und gefärbt) mit ein bisschen Salz und Kurkuma (oder Gelbwurz, wie es auch heißt) – dreißig Minuten lang geköchelt. Dann wird der Topf halb zugedeckt und die Linsen dürfen noch eine Viertelstunde weiter köcheln, eventuell mit ein bisschen zusätzlichem Wasser, sie sollen nicht trocken werden.
Schließlich noch einmal 15 Minuten mit ganz zugedecktem Topf.
Währendessen schneide ich eine Zwiebel und mindestens drei, wenn nicht vier Knoblauchzehen, gebe drei Dosentomaten in den Mixer, lasse Zwiebel und Knoblauch rösten, bis sie eine wunderbar goldene Farbe haben, rühr den Tomatenbrei dazu und würze mit frischem Ingwer, ein wenig grünen Chilis – je nach Lust und Laune auf Schärfe – ein bisschen Garam Masala und Asafoetida.
Den frischen Koriander lasse ich weg, weil ich – bei aller Liebe zur indischen Küche – finde, dass er nach Seife schmeckt.
Zuletzt wird das Dhal (das sind die Linsen) aus dem Topf in eine Pfanne gegeben, ein bisschen angebraten und dann mit der Tomatensauce serviert.
Das ist wirkliches „comfort food“, wie die Engländerinnen sagen würden. Beim Kochen, beim Riechen, bei Essen wird dir unweigerlich wohlig warm. Zuerst in der Nase, dann in den Händen, schließlich im Bauch – und überall.
Michaela, 37, Theologin und PR-Beraterin

Adventmail 2004/22 (Glücksmomente)

Ganz Wien schnarcht – bis auf zwei
Im Dunkeln blitzt schon Banales hell. Klingt verdammt philosophisch, ist aber so.
Zum Beispiel gestern Nacht: halb zwei Uhr früh, das Büro geleert, die letzten Muntermacher verdrückt (halbroher Hotdog und TWIX – aber reden wir nicht davon), das Wasser im Glas abgestanden, der Schreibtisch unter den Zetteln unauffindbar. Und vor der trüben Linse am verschmierten Monitor: ein halbfertiger Artikel.
Es ist wie Fegefeuer: Schreibblockade, Sinnsturm im Hirn, fast fertig – aber am Ende fehlt immer noch das dicke Ende. Was ja – wie alle wissen – das schwierigste ist. Langsam kriecht auch noch die übernächtigte Kälte in den Pullover, und der Möchtegern-Schlafschweiß dazu. Lieber heimgehen kuscheln? Sinnlos, am Morgen muss das Opus fertig sein.
Jetzt auch noch Unklarheit wegen zweier Telefonnummern. Welche ist richtig: die oder die? Da hilft nur probieren. Der Anrufbeantworter wird’s schon richten.
Doch – oops: Da ist ja wer. Da kämpft auch jemand gegen seine Synapsen. Da klingt es genauso müde und mürbe vom Hörer zurück.
„Ja unglaublich: Sie sind noch im Büro?“, stammle ich.
„Ja, das ist eben so, wenn man das Büro neben dem Schlafzimmer hat.“
„Was machen Sie denn noch, um Gottes Willen?“
„Ich plage mich durch drei Gesetzestexte. Und Sie?“
„Ich wollte eigentlich nur die Telefonnummer ausprobieren. Sie ist offenbar richtig. Gute Nacht – und tun Sie nicht mehr zu lange…“
Das war fein. Das war richtig nett. Ganz Wien schnarcht vor sich hin – und die zwei Traumtänzer, die sich das selbst vermurkst haben, finden sich…
Doris, 30, Journalistin

Adventmail 2004/21 (Glücksmomente)

Am höchsten Punkt des Indischen Ozeans
Nach fünf Tagen steilem Auf und Ab, durch Flüsse und über Pässe kam endlich der Tag des Höhepunkts. Um 4 Uhr früh raus aus den Federn in der kalten Hütte, rein in alle Kleidungsstücke, die wir mitgetragen hatten, die Stirnlampe rauf und dann 600 weitere Höhenmeter rauf auf den Piton de Neiges (3069 m). Auf dem schwarzen Lavaboden konnte man nichts sehen als die weißen Markierungen im Schein der Stirnlampe, und der klare Sternenhimmel wölbte sich über uns. Weithin sichtbare Lichter markierten die Küstenorte der Insel La Reunion. Es wurde immer kälter, je höher wir stiegen. Der gefrorene Boden knirschte unter unseren Tritten, und ich musste an Max Frisch denken, wenn er in „Homo Faber“ sagt, dass die Minuten vor Sonnenaufgang die kältesten sind.
Endlich am Gipfel: Langsam beginnt die Sonne, den Himmel, die Berge und das Meer in rosarotes, dann violettes und schließlich oranges Licht zu tauchen. Aus den schemenhaften Umrissen taucht eine Landschaft auf, die mir die Worte nimmt und das Herz öffnet. Ich stehe am höchsten Punkt und rundherum fällt es steil ab bis zur nahen Küste. Sogar jetzt, wenn ich das schreibe, spüre ich wieder dieses Gefühl der Einheit mit allem, aber auch den Stolz, es geschafft zu haben.
Karin, 48, Psychotherapeutin und Lehrerin

Adventmail 2004/20 (Glücksmomente)

Die besten Songs – und das live
Kennt ihr das? Es gibt Lieder, die einen einfach nicht loslassen. Lieder, die dich einen guten Teil des Lebens begleiten. Ich bin mir sicher, dass jedeR von Euch auf Anhieb ein, zwei Songs im Kopf hat, deren Melodie du liebst, wo es vielleicht nur ein zwei Textpassagen, einzelne Sätze sind, die dich in den Bann gezogen haben.
Aber am schönsten ist es, dann während eines Konzertes diese Songs live zu hören. Ich habe dann dieses warme Gefühl im Magen, dieses Kribbeln, diese Gänsehaut am Rücken und diesen unsichtbaren Druck, der meine Mundwinkel nach oben sausen lässt.
So passiert bei (eine kleine Auswahl) Cure „Boys don’t cry“, Nick Cave „Tupelo“ und letztens bei Die Sterne „Fickt das System“.
Andreas, 34, Sozialmanager

Adventmail 2004/19 (Glücksmomente)

In einem „modernen Antiquariat“
Wien – eine Buchhandlung mit vielen Mängelexemplaren – ein „modernes Antiquariat“. Vom Begriff her ein Unding. Aber ich fühl mich wohl darin und finde mich öfter unversehens da drin.
Letzte Woche halte ich dort ein Taschenbuch in Händen. Ein Freund ist mit dabei.
1) Ich kann ihm das Buch zeigen und
2) so ein wenig angeben, was für tolle Bücher ich nicht kenn und
3) meine Freude kann ich auch sofort teilen.
4) Ich brauch ohnehin ein Geschenk und freunde mich schweren Herzens mit dem Gedanken an, es weiterzuschenken.
5) Es bleibt eh im gleichen Haushalt und ich kanns lesen und
6) Wahrscheinlich landets ohnehin in „meinem“ Bücherregal
7) Wie ich das Buch in Händen halt denk ich an einen lieben Menschen, der’s mir empfohlen hat
8) An die Zeitschrift, wo die Rezension dazu zu finden war und die dazugehörige Redakteurin und den Layouter muss ich denken
9) Ein gutes Gefühl stellt sich ein und geht auch nicht gleich wieder weg
10) Der Buchhändler merkt meine Begeisterung
11) Ich zahl und hab noch genug Geld im Börsel
12) für einen Punsch gleich ums Eck
Irre, wie Glück kumuliert in einen Moment hinein.
Ach ja: http://www.perlentaucher.de/buch/5456.html
Josef , angehender Soziologe und Zuwenig-Leser trotz bald 38 Jahre

Adventmail 2004/18 (Glücksmomente)

Ein ganzes Buch voll Liebe!
Brrrrr, wie kalt und windig ist dieser November-Sonntag. Zeit ist’s, sich wieder gemütlich einzurichten, mal gründlich aufzuräumen und ein paar Dinge zu ordnen.
Dabei fällt mir ein schwarzes, in Leinen gebundenes Notizbuch in die Hände. Schon lange habe ich es nicht mehr durchgesehen. Beim Aufschlagen kollern mir lose eingelegte Blätter entgegen. Ich schmunzle: Was in früheren Zeiten ein Stapel Briefe war, mit einem rosa Bändchen umschlungen, sind jetzt auf bräunlichem Recyclingpapier ausgedruckte Mails, in einem ganz persönlichen „Schatz-Buch“ gesammelt.
Neugierig beginne ich zu lesen – vieles habe ich längst vergessen. Gefühle werden wieder wach. Da finde ich doch glatt noch ein paar Seiten meiner letzten unglücklichen Liebe, dabei war ich überzeugt, jede Erinnerung daran dem Feuer – oder zumindest dem Restmüll – übergeben zu haben.
Und hier, schöne Zeilen von meinem lieben Freund Robert an die „Herzogin der Wälder“.
Da, ein paar Seiten weiter ein Satz meiner Lieblingskollegin Gabi: „Bewahre die Sonnenstrahlen in deinem Herzen, die deine Umgebung so oft erhellen“…
Ohhhh, ein Brief meiner pubertierenden Tochter, zu der ich gerade so gar keinen Draht habe: „Du bist soooo lieb zu mir, obwohl ich manchmal echt nerven kann“. (Na so was, da dürfte ein Funken Selbsterkenntnis durchgeschlagen haben).
Viele witzig-sinnliche Briefe von Manfred – ach, das ist auch schon einige Zeit her und hinterlässt noch immer wunderschöne und tiefe Gefühle.
Ein paar liebe Karten von Männern, denen ich in meinem Herzen keinen Platz eingeräumt habe – warum eigentlich nicht?
Momentan erscheint mir alles leicht und schön – ein ganzes Buch voll Liebe! Ich könnte springen vor Glück. Was ich alles erleben und erfühlen durfte in den letzten paar Jahren!
Und hier noch ein Blatt mit Gedichten von Hans Kruppa. An einem bleibt mein Blick hängen:
Nutze den magischen Augenblick,
der dir die Tür öffnet
in ein Lebensgefühl,
das dich erfüllt und inspiriert

Annemarie, 44, Redakteurin

Adventmail 2004/17 (Glücksmomente)

Es ist gut, so wie es ist
Am vorletzten Freitag im November hab ich mir im Walkman die brandneue U2-CD angehört (die übrigens nicht wirklich gut ist).
Wollt eine rauchen. Jetzt haben wir aber in der Wohnung sozusagen Rauchverbot, außer wenn Gäste da sind.
Bin raus auf den Balkon, hab den Walkman mitgenommen, Abend war’s und ruhig da draußen. Hab mir eine Zigarette angeraucht.
Zufällig kam in dem Moment ein Lied auf der CD, das passte zur Stimmung um mich. Das Lied heißt „One Step Closer“, nebenbei. Zufällig fiel eine Schneeflocke vom Himmel. Die erste, die ich diesen Winter gesehen hab.
Und ich stand da draußen am Balkon meiner neuen Wohnung. Und der erste Schnee fiel. Hab mich umgedreht, bei der Balkontür reingeschaut, meine Frau hat mich gesehen und mir ein Bussi zugeworfen.
Hab mich wieder umgedreht. Die Musik im Ohr. Stand da draußen am Balkon. Innenhof, in Graz. Hab Schneeflocken gesehen, die ersten im Jahr.
Ich hab geweint.
Es war so ein Moment, in dem ich gespürt habe: Es ist gut, so wie es ist.
Manfred, 27, freiberuflicher Grafik-Designer

Adventmail 2004/16 (Glücksmomente)

Schreibfluss mit allen Sinnen
Ich spürte, dass ich dabei war, über eine Schwelle zu gehen. Mein Körper war warm, insbesondere mein Bauch. Ich hatte einen Stift in der Hand und malte zuerst den Umriss meiner linken Hand auf die Mappe. Ich wollte mit der Hand schreiben, und die Hand sollte mein Zeichen sein.
Dann schrieb ich.
Ohne innezuhalten, ohne zu überlegen, den Schreibfluss mit allen Sinnen genießend. Ein paar Zentimeter unter meinem Nabel machte sich ein Freudenpunkt bemerkbar. Während ich schrieb, ließ ich meinen Atem tief hinuntersinken, bis zu diesem Punkt, von dem sich ein Gefühl von Glück und Lust über meinen ganzen Körper ausbreitete. Und darüber hinaus.
astrid, 41 jahre jung, literaturwissenschaftlerin / autorin

Adventmail 2004/15 (Glücksmomente)

Westerngitarre statt Bettumrandung
„Eine Bettumrandung, Norbert“, antwortete meine Mutter endlich, nachdem ich sie wochenlang durch den Advent hindurch mit der Frage gequält hatte, was ich denn als größtes Weihnachtsgeschenk bekommen würde.
Was das genau war, verstand ich nicht, auch wenn sie es mir mehrmals zu erklären versuchte. Irgendwie klang es sehr teuer, jedenfalls hatte so was nicht jeder in meinem Alter! Immerhin – aber nicht das, was ich mir so sehr gewünscht hatte – eine Gitarre.
Natürlich nahm die Bettumrandung – wahrscheinlich unter dem magischen Einfluss des Christbaums, von dem der damals 7-jährige Bub noch heute überzeugt ist – dann doch noch rechtzeitig die Gestalt des ersehnten Instrumentes an.
Dass der jetzt 41-jährige Berater dem 7-jährigen Schüler seine unschreibbare Freude lassen konnte, nein kann, macht den Moment, in dem zwischen den anderen Geschenken eine Westerngitarre sichtbar wurde, zu einem Augenblick zeitlosen Glücks, aus dem beide bis heute Kraft schöpfen.
Norbert, 41, Organisationsberater und Supervisor