Adventmail 2004/05 (Glücksmomente)

Ich habe mich getraut
Es war einer dieser Tage, an denen ich aus mir selbst heraus zufrieden und voller Lebensfreude war, ohne dass ich einen konkreten Grund dafür hätte nennen können. Schon auf der Treppe zum Bahnsteig hinauf half ich einer jungen Frau den Kinderwagen hochzutragen. Die U-Bahn war schon eingefahren und damit Sie in den niederen Einstieg des mittleren Waggons noch einsteigen konnte, lief ich bis zur Mitte des Zuges vor, um ihr die Türe aufzuhalten… und bin auch selbst dort eingestiegen. Zum Glück! Da stand ich nun, ein wenig außer Atem, und ließ meinen Blick über die anderen Fahrgäste schweifen.
Meine Augen blieben an einem Mann hängen, der in einem Buch las. Braungebrannt, dunkle Haare, grau melierter Drei-Tage-Bart, heller Sommeranzug…. Er gefiel mir und ich ließ meinen Blick auf ihm ruhen. Die Energie meiner unbewussten Aufmerksamkeit hat ihn wohl berührt, er sah hoch und fing meinen Blick auf. Ich lächelte ein wenig verlegen – fühlte mich ertappt. Er aber erwiderte mein Lächeln gleich, ermunterte mich mit seinem Blick und nickte mir zu. Wir lächelten uns ungewöhnlich lange an. Solange ich es eben konnte, dann musste ich verlegen wieder wegsehen, wieder hinsehen… – bis er ein kleines Büchlein aus der Jackentasche zog und anfing etwas aufzuschreiben. Ich war mir ganz sicher: „Der schreibt mir jetzt seine Telefon-Nummer auf! Endlich ein Mann, der in einer einmaligen Situation ‚richtig’ reagiert!“, dachte ich.
Kurz bevor er aussteigen musste, stand er auf, kam auf mich zu und sagte mit angenehm tiefer Stimme: „Sie haben ein wunderschönes Lächeln. Trauen Sie sich!“ Dann gab er mir den Zettel, lächelte mich noch mal mit leuchtenden Augen an, und stieg aus. Er hatte mir seinen Namen und seine Telefon-Nummer aufgeschrieben!
Nun – ich habe mich getraut (!), und wir sind seit eineinhalb Jahren ein Paar…
Damaris, 41, Sozialarbeiterin

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