Mein Camino 3 (Auf Blasen nach Fao und Viana do Conde)

Die für Tag 3 geplante 27km-Etappe wurde durch Anas Tipps noch um einiges länger und mit 42.000 Schritte zur üppigsten meiner Pilgerreise. Zunächst durchquerte ich auf einem der beschriebenen „Holzwege“ ein karges Naturschutzgebiet, das nördlich an Mindelo anschließt. Ich genoss die weitläufige Küstenlandschaft mit Dünen, Feuchtgebieten, artenreicher Vogel- und Insektenwelt und Frühlingsblüten, vor allem die wild wachsenden weißen Calla-Lilien. Dann immer wieder wasserarme, mäandernde Flüsschen, die sich durch Sand und Steine ihren Weg zum Ozean bahnen. Und der blieb imposant, wellenbrechend, rauschend, immer wieder zum Stehenbleiben und Bewundern motivierend.
Es war Samstag, und ich merkte, dass auch die Einheimischen ihre Freizeit gern am Strand und deren Lokale verbringen. Anfangs war es noch morgendlich ruhig, ab der Brücke nach Vila do Conde zunehmend bevölkert. Ich folgte Anas Rat und bestieg nach der Brücke einen Hügel mit dem jetzt zum Luxushotel umgebauten, wuchtig-wehrhaften Karmelitinnenkloster darauf. Die Aussicht von dort auf den Hafen lohnt ebenso wie ein kurzer Aufenthalt in der Franziskanerkirche daneben und der Blick auf das kilometerlange historische Aquädukt de Santa Clara, das am Kloster endet. Durch den Hafen vorbei an einem Piratenschiff ging’s zum wellenumtosten Leuchtturm und davor zur Capela de Nossa Senhora da Guia, wo Fischersfrauen für die erfolgreiche Rückkehr ihrer Männer beteten und – wenn man das weiß – der religiöse Kitsch kaum stört.

Über eine endlose Strandpromenade mit viel Wochenendbetriebsamkeit wanderte ich nach Varzim, bestaunte auch dort eine riesige Azulejo-Wand, auf der das Fischereileben abgebildet ist. Ausgedehnte Sandstrände, die zum Sonnen-, aber noch nicht zum Ozeanbaden einluden, führten mich zu einem Golfplatz, ab dem der Camino weg vom Meer durch das Landesinnere führt. Statt Remmidemmi wieder Ruhe, statt Flaneuren Berucksackte.

Azulejo-Wand in Varzim, ein Zeugnis des Fischerei-Lebens am Atlantik

Immer wieder Kontakt zu anderen Wandernden. An einem Rucksack erkannte ich den walisischen Drachen und sprach dessen Träger darauf an. Der blödelte: „I have my own dragon with me—my wife is going in front …“ – „Don’t say that“, ermahnte ich ihn. „You are on a spiritual, perhaps holy path.“ Da lachte er.
Eine junge Russin, die in Athen Psychologie studiert, ging zuerst mein Tempo, dann ließ sie sich absichtlich zurückfallen. Das respektiere ich. JedeR soll das gewünschte Maß an Alleinsein haben, und im Übrigen finde ich, auch wenn man zu zweit geht, tut es mal gut, einen (Halb-)Tag ganz allein im eigenen Rhythmus zu sein und seinen Gedanken ungestört zu folgen.
Carina aus Dortmund ging auch allein. Sie erzählte mir, gleich am ersten Tag 37 km gewandert zu sein – und im Unterschied zu mir keine Fußbeschwerden zu haben. Wir entdeckten im Gehen rasch viele Gemeinsamkeiten: Carina arbeitet auch in der Medienwelt, ist Redaktionsassistentin einer ZDF-Vormittagssendung, sie liebt Hape Kerkeling und hatte dessen Camino-Bestseller als Hörbuch dabei, sie genießt es zu reisen und tat dies besonders auf unser beider Lieblingsinsel Neuseeland, wo auch sie mehrere Wochen herumtrampte. Bald ergab sich eine vertraute Ebene zwischen der 42-Jährigen und mir, und da wir denselben Ankunftstag in Santiago planten, tauschten wir Telefonnummern aus, um am Ziel ein Glas miteinander zu trinken.

In Fão trennten sich unsere Wege, Carina ging zum Hauptort Esposende weiter. Ich hatschte zum Axis Ofir Beach Resort Hotel, einem Riesenschuppen direkt am Meer, versorgte meine immer stärker schmerzenden Füße. Die vorbeugend mit Blasenpflaster abgeklebte Druckstelle am rechten Fußballen wurde zum Dauerproblem: Das Pflaster verklebte nämlich mit dem Socken, und als ich den auszog, riss ich das Pflaster samt Haut ab und entblößte eine ca. 2-Euro-große „enthäutete“ Stelle. Ich verschloss diese mit einem weiteren Pflaster und quälte mich in den Trekkingsandalen zum Fischschmaus ins nahe, sehr empfehlenswerte Lokal „Jardim“, wohin mich Techno-Klänge von „Black Coffee“ gelockt hatten. Das Essen war jedenfalls besser als der anschließende Sonnenuntergang im Ozean. Tagsüber frühsommerlich sonnig und warm, abends diesig, also wenig Farbenrausch. Ist die Sonne erst mal weg, wird es im portugiesischen April doch recht kühl – hätte doch ein wärmendes Flanellhemd mitnehmen sollen.
Der nächste Tag, ein Sonntag, sollte dann richtig mühsam werden. Anfangs lief es/ich noch gut durch das touristische Esposende. Ich besuchte eine gut gefüllte Kirche während der Sonntagsmesse, erntete aufmunterndes Lächeln, blieb eine halbe Stunde trotz Nixverstan. Dann im gebirgigen Hinterland mit unebenen, steinigen Untergründen litt ich zunehmend. Um den Schmerz am Ballen unter der großen Zehe zu reduzieren, belastete ich den rechten Fuß stärker auf der Außenseite – und knickte prompt einmal um. Der Knöchel scholl gleich mal an, tat aber nicht sonderlich weh. Zunächst nicht.
Ablenkung bot die gemeinsame Wegstrecke mit Susanne, einer hübschen, rund 50-jährigen Holländerin. Zu ihrer Pilgermotivation meinte sie, sie fühle sich leer, ausgelaugt nach ihrer engagierten Sozialarbeit mit Problemschülern und deren Eltern. Nun wolle sie auch einmal etwas für sich tun. Für allein reisende Frauen eigne sich der Camino gut, sie fühle sich sicher. Das sollte ich auch von anderen Wanderinnen noch öfters hören. Frauen dominieren den Camino Portugues, vor allem den Küstenweg, gefühlt sich zwei Drittel bis drei Viertel der Pilgernden weiblich, mehr als die statistisch erfassten 53 Prozent der in Santiago Ankommenden. Und die Männer, gerade die jungen, gehen oft in einem Tempo, als gelte es einen Wettbewerb zu gewinnen.

Nicht mehr geradeaus wie auf den „Holzwegen“, sondern auf kurvigen Waldwegen näherte ich mich Viana do Castelo. Es zieht sich, bis man endlich die von Gustave Eiffel konstruierte, von kaltem Nebel umrankte Eisenbrücke über den breiten Fluss Lima erreicht, und über einen viel zu schmalen Gehsteig neben dichtem Autoverkehr ging ich hoch über dem Wasser in die Stadt. Wieder ein 40.000-Schritte-Tag, und in mir schrie es „Wann bin ich endlich da?“. Das nette Hotel Laranjeira hat eine Toplage in der City, nur hatten montags leider viele Restaurants Ruhetag und ich wählte notgedrungen ein lautes, wenig einladendes am zentralen Hauptplatz Praça da República. Dort suchte ich am nächsten Morgen auch eine Apotheke auf, ein Kompromiss zum von Claudia telefonisch verordneten Arztbesuch. Der Apotheker machte ein entsetztes, mitleidiges Gesicht, als ich ihm ein Foto von meinem Fuß zeigte, und suchte sogleich die größten Pflaster raus, die er finden konnte. Eins davon klebte ich mir gleich vor der Farmacia am dreischaligen Renaissancebrunnen auf die waidwunde Sohle, war mir aber klar, dass heute normales Wandern unmöglich war. Ich erkundigte mich somit nach öffentlichem Verkehr nach Caminha, wo kurz danach mein nächstes Quartier gebucht war. Es sollte ein Bus werden, der für die 30 km ebenso viele Minuten brauchte. Davor nützte ich die gewonnene Zeit für eine Zahnradbahnfahrt zum Monte de Santa Luzia, einer Art Montmartre nördlich der City, wo sich von der Wallfahrtsbasilika Santa Luzia ein schöner Blick auf Viana bietet. Dort hörte ich meinen Namen rufen. Es war Susanne, sie gönnte sich bei toller Aussicht ein kleines Frühstück zu Füßen der Kirche. Die 85.000-Einwohner-Stadt verdiente sicher mehr Aufmerksamkeit, aber wie so oft bei meinem Camino: abends zu erledigt vom Wandern, um noch was anzusehen, morgens beschäftigt mit Aufbruch.

Ein Wort noch zum Frühstück im Hotel Laranjeira: Wir Pilgernden bekamen unaufgefordert Alufolie und Plastiksackerl, um uns von Essen eine Jause herzurichten, auch Äpfel und Bananen. Anderswo ist das explizit untersagt, hier werden Pilger:innen geschätzt und umsorgt. Ich saß mit einer Mutter und Tochter aus Neuseeland zu Tisch, die bereits seit Lissabon unterwegs waren. Es sollten noch Begegnungen mit Mädchen aus Arizona, einem Trio aus Brasilien, Malaysier und einem Bulgaren folgen. Völkerverbindend, dieser Weg zum einst im Krieg gegen die Mauren instrumentalisierten Apostel Santiago!

Auf dem “Montmartre” von Viana do Costelo

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