Ein deutscher Auslands-Oscar-Kandidat, der bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde – das klingt doch bestens, um das Kinojahr womöglich sogar mit dem Filmhighlight des Jahres ausklingen zu lassen, dachte ich, als ich am vorletzten Tag des Jahres bei eisigen Temperaturen ins DeFrance radelte. Das 149-Minuten-Drama von Mascha Schilinski beschreibt mit Zeitsprüngen und Schicksalsparallelen einen Erinnerungsstrom aus dem Leben von vier Mädchen über einen Zeitraum von circa 100 Jahren auf einem Bauernhof in der ehemaligen DDR. Die Szenen im ungewohnten 4:3-Bildformat dazu zeigen die siebenjährige Alma in den 1910er Jahren, die Teenager Erika den 1940er-Jahren und Angelika im Staatskommunismus der 1980er-Jahre bis hin zu Lenka und ihrer kleinen Schwester in der Gegenwart.
„Der erste Impuls war eigentlich der Hof, auf dem wir gedreht haben“, erzählt Regisseurin Schilinski über die Idee zum Film. „Gemeinsam mit […Drehbuchautorin, Anm.] Louise Peter saß ich auf diesem Hof, wir haben eigentlich beide jeweils andere Sachen geschrieben. Aber dieser Hof hat geatmet. Wenn wir durch die Räume gegangen sind, haben wir die Jahrhunderte gespürt.“
„In scheinbar alltäglichen, geradezu rhapsodischen Momentaufnahmen und Stimmungsbildern lässt ‚In die Sonne schauen‘ die Zeitebenen der Mädchen ineinanderfließen und ihre Erlebnisse miteinander sprechen. Darin wirkt der Film oftmals wie ein wundersames, eigensinniges Kinogedicht in freiem Versmaß, das sich einer eindeutig vorwärtsschreitenden Narration selbstbestimmt entzieht.“ So heißt es in der euphorischen Kritik des „Filmdienst“. Nun, mir wurden die oft rätselhaften zwei Stunden im Kinosaal nicht lang, aber ich vermisste doch Stringenz statt assoziatives „freies Versmaß“, bei dem Zeiten und Personen fast ineinanderfließen. Immer wieder starke Bilder von Landleben, Gewalt, Sexualität, Familienkorsetts und Todessehnsucht. Nicht ganz meines, aber interessant und eigenwillig kreativ allemal.
„Ein weirder, also ein in jeder Hinsicht des Wortes merk-würdiger Film“, heißt es im „Perlentaucher“. Und: „Man weiß danach nicht, was man sich wünscht: ob er Solitär bleiben oder doch lieber Schule machen soll.“ Vielleicht nochmals (mehrmals?) anschauen?