Adventmail 2022/07 (Reisen)

Ich bin heuer am Ende des Sommers mit dem Rad von Feldkirch den Rhein entlang bis an die Nordsee gefahren. 1.526 km mit Übernachtungen etwa in Basel, Straßburg, Koblenz, Köln, Duisburg und Nijmegen.
Bereits in den Jahren davor unternahm ich ausgiebige Touren allein mit meinem E-Bike, das ich zum 60er bekam: 2020 von St. Moritz via Innsbruck, Chiemsee, Passau nach Wien, 2021 vom Reschensee quer durch Südtirol und Kärnten nach Graz. Ohne Elektromotor-Unterstützung war ich mit meinem alten Simplon-Rad auch schon entlang von Mosel und Isonzo, in einem großen Kreis um Hamburg sowie auf der Ostseeinsel Rügen unterwegs.
Ich liebe das: mich nach einem stärkenden Frühstück mit prall gepackten Satteltaschen aufs Rad schwingen und losdüsen. In einer Geschwindigkeit, die es erlaubt, mir Zeit für das Besondere zu nehmen, für Ausblicke, Kaffee und Kuchen zwischendurch, Stopps am Ufer mit erfrischendem Bad wie heuer am Rhein und im Bodensee, vor Kirchenbauten zum Innehalten und Kerze-Anzünden für Daheimgebliebene, dann wieder weiter, “On The Road Again” von Canned Heat u.a. vor mich hin trällernd.
Diese Art des Unterwegsseins macht nicht nur mich glücklich: RadlerInnen, denen ich begegne, lächeln mir oft zu, man grüßt sich, tauscht sich über Woher und Wohin aus und gibt sich Tipps.
Ich werde oft gefragt, ob mir die rund 100 km pro Tag nicht zu anstrengend sind. Nein, mit dem E-Bike ist das kein Problem. Die körperlich größte Herausforderung ist das spätestens nach drei Tagen im Sattel beleidigte Sitzfleisch. Aber das lässt nach.
Und das Gepäck? Ist mir das nicht zu wenig? Nochmal nein. Zwischendurchwaschen (wie heuer in der Jugendherberge in Heidelberg) ist immer möglich, Gewand und Toilettezeug sind immer knapp bemessen, auch für Regenschutz und Abendlektüre ist Platz, ebenso für Ladekabel für Radakku, Handy und Kamera.
Das Alleinsein stört mich tagsüber gar nicht. Ich kann da ganz meinem Rhythmus folgen. Abends in Gaststätten vermisse ich Gesellschaft dann aber schon. Andere Gäste sitzen zu zweit oder mehrt an den Tischen – ich allein. Außer in Köln, wo ich heuer ins Gespräch mit Einheimischen kam, über die “Meterwurst” mit Bratkartoffeln, die ich Hungriger mir zum Kölsch bestellt hatte. Ich lernte, dass man auf das kleine 0,2-Kölsch-Glas den Bierdeckel legen muss, sonst bringt die Kellnerin unaufgefordert immer wieder ein neues Blondes.
Mein Lieblings-Radland sind übrigens die Niederlande. Dort wird seit Jahren beim Straßenbau auf “Fietspad” geachtet, wo RadlerInnen bequem und sicher unterwegs sind. Auch in Deutschland ist es üblich, Gehsteige als Begegnungszonen für Räder zu öffnen und so gegenseitige Rücksichtnahme einzuüben. Österreich hat da noch viel zu lernen und Ellbogenmentalität abzulegen.

Irgendwo auf den herrlichen Radwegen im Elsass…

Adventmail 2022/06 (Reisen)

Vor 25 Jahren begannen meine Schwester Martina, mein Bruder Andreas und ich mit Reisen zu runden Geburtstagen unserer Mutter Franziska. Die erste, zu ihrem 60er, führte nach Prag. Die weiteren, im Fünfjahresabstand, nach Laibach, Budapest, Kopenhagen, nach Sirmione am Gardasee und zuletzt Ende Oktober, kurz vor Mutters 85er, nach Triest. Ob es weitere Reisen gibt, wird sich zeigen; auszuschließen ist es nicht, denn von Franziskas acht Geschwistern, allesamt zwischen Ende 70 und Anfang 90, leben bis auf eine Schwester noch alle.
Allerdings werden Städteerkundungen wie die drei Tage in Triest allmählich mühsam. Das Gehtempo der Jubilarin passte schlecht zu dem der anderen, wir behalfen uns mit dem Zugeständnis von Soloerkundungen von jeweils einer/m von uns “Kindern”. Vorrang hatten natürlich Franziskas Bedürfnisse – die Reisen mit ihr sind ja ein Geschenk. Konkret bedeutete dies abendliches Kartenspielen, Besuch von Geschäften, die z.B. mich wenig interessierten, lange Pausen mit Aperol Spritz, und mein Bruder hatte für die dreistündige Autoanreise aus Graz eine Playlist mit Schlagern wie “Azzurro” von Adriano Celentano, “Hinterrrr den Kulissen von Paris” von Mireille Mathieu oder “Das alte Haus von Rocky Docky“ von Bruce Low zusammengestellt.
Reisen mit einer Seniorin erfordert aber nicht nur Konzessionsbereitschaft, sondern ist auch immer wieder unterhaltsam: Ein Ausflug in die nahe slowenische Küstenstadt Koper sorgte für “Also so was hab ich noch nicht erlebt”-Empörung bei Franziska: Im Café des zentralen Hauptplatzes habe sie auf dem Weg zum Damenklo an Pissoirs vorbeigehen müssen, an denen sich gerade zwei Männer erleichterten. “I hob eh wegg’schaut – glaubt’s, das interessiert mi?!”, hieß es kurz vor der Erkenntnis, dass es sich bei besagtem Örtchen um die Herrentoilette gehandelt hatte. Und vor der Rückreise bedauerte Franziska, dass der Rosenstrauß, den unsere Gastgeberin für die 85-Jährige im Appartement als Willkommensgruß platziert hatte, leider schon ganz vertrocknet sei. Ein zweiter Blick ergab, dass sie die Trockenblumen im Flur mit dem durchaus noch intakten Blumengeschenk verwechselt hatte.
Schön, dass die manchmal etwas indisponierte angehende Greisin über sich selbst lachen kann…
Falls jemand von euch in nächster Zeit mal nach Triest reist (Direktzug von Wien/Graz!), noch ein heißer Lokaltipp: In der Osteria de Scarpon aßen wir zu viert abends zweimal um insgesamt 85 Euro. Die lustige Wirtin spendierte (!) jeweils Dolci und Grappa nach den köstlichen Fischgerichten.

In dem rosa Haus rechts am Ende des Canal Grande war unser Quartier.

Adventmail 2022/05 (Reisen)

Heute eine Rarität zum Thema “Wanderlust”: Dieser Germanismus steht in der englischen Sprache für „Reiselust“ bzw. „Fernweh“, und so hat Ex-Beatle Paul McCartney einen von George Martin produzierten Song auf seinem Soloalbum “Tug of War” (1982) genannt.
Das hübsche, eingängige Lied geht auf eine persönliche Erfahrung McCartneys bei Plattenaufnahmen auf den Virgin Islands zurück. Dort geriet er in Streit mit dem Kapitän eines Bootes, auf dem er Passagier war. Dieser sei ein unguter Machotyp gewesen, berichtet der begnadete Songwriter im Buch “Listen to what the man said – Paul McCartney und seine Songs” (1993). Im Hafen sei ein anderes Boot mit Namen “Wanderlust” vor Anker gelegen, und dies habe Paul dazu inspiriert, einen Song über die Flucht vor Ärger und die Sehnsucht nach Freiheit zu schreiben.
Was Paul lieber nicht erzählte, lässt uns John Blaney in seinem Buch ”Lennon and McCartney. Together Alone. A Critical Discography of Their Solo Work” (2007) wissen: Es ging bei dem Streit mit dem Kapitän um die Frage, ob Besitz bzw. Konsum von Marihuana an Bord erlaubt bzw. geduldet ist. Paul hatte davor schon in Japan und in den USA Zores wegen des Besitzes weicher Drogen gehabt. Damit wird auch die Songzeile “What petty crime was I found guilty of?” („Welches kleinlichen Vergehens wurde ich schuldig befunden?“) verständlich. Also: “Light out, Wanderlust, help us to be free…”
Im YouTube-Video (https://www.youtube.com/watch?v=Od5JgUOZYEc) sieht man neben Paul und George Martin einen coolen Ringo Starr mit Sonnenbrille an den Drums.

Küstenlandschaft auf Teneriffa

Und hier zwei Reisewitze als Nikologeschenke:
Ein Bauer aus dem Waldviertel hat eine Reise nach Paris gewonnen. Da der Hof sehr einsam liegt, fährt ihn sein Sohn mit dem Traktor ins nächste Dorf zur Bushaltestelle. Von dort geht es mit dem Bus nach Horn. Dann mit dem Bummelzug nach Wien. Dort steigt der Bauer in den Nightjet, der ihn tatsächlich nach Paris bringt.
Der Bauer schaut sich Paris an und ist begeistert. Nach vier Tagen geht es wieder heim. Erst mit dem Nightjet nach Wien, von dort mit dem Bummelzug nach Horn, weiter mit dem Bus ins Heimatdorf, wo ihn sein Sohn mit dem Traktor abholt.
Am nächsten Abend geht der Bauer zu seinem Stammtisch im Dorfwirtshaus. „Na, wia wor’s in Paris?“, wollen die Freunde wissen. „Scho schön, nua a wengl obgelegn is’s hoit.“
*
Karin erzählt der Familie von ihrem Urlaub in Afrika. Sie zeigt mit beiden Händen, wie groß dort die Bananen sind. Da meldet sich der schwerhörige Opa zu Wort. „Ist ja alles schön und gut, Karin, aber kann er dich auch ernähren?“

Adventmail 2022/04 (Reisen)

Aus Beamten mit Ärmelschonern werden kaum je große Dichter. Eine Ausnahme ist Franz Grillparzer. Und Johann Wolfgang von Goethe (JWG,1749-1832), der als 26-jähriger Jurist (mit einer nicht angenommenen Dissertation über das Verhältnis von Staat und Kirche) nach Weimar an den Hof des Sachsenherzogs Carl August übersiedelte und dort Staatsbeamter wurde. Damals hatte er bereits “Götz von Berlichingen” und “Die Leiden des jungen Werthers” veröffentlicht und war ein Literaturstar. Die amtsbedingte Tätigkeit in Weimar mit der Vernachlässigung seiner Kreativität stürzten JWG allerdings in eine persönliche Krise. 1786 stand er vor der Erkenntnis, dass er als faktischer Kultus- und Bergbauminister des Herzogtums seit zehn Jahren nichts Nennenswertes veröffentlicht hatte.
JWG zog die Reißleine und trat seine später auch literarisch verarbeitete “Italienische Reise” an. Sie dauerte mehr als eineinhalb Jahre, von September 1786 bis Mai 1788. Goethes Reisebericht darüber – basierend auf Tagebüchern – entstand allerdings erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt, zwischen 1813 und 1817, als eine seiner wenigen autobiografischen Schriften.
JWG brach am 3. September 1786 von seiner Kur in Karlsbad auf, ohne irgendjemanden außer seinen Sekretär und Diener Philipp Seidel einzuweihen. Herzog Carl August hatte er davor schriftlich um unbefristeten Urlaub gebeten und erwirkt, dass er seine Ämter für die Dauer der Reise niederlegen durfte, das Gehalt jedoch weiter bezog.
Der europaweit bekannte Autor reiste, meist per Postkutsche, inkognito als „deutscher Maler“ unter falschem Namen. JWG war überwiegend allein unterwegs, ohne Diener oder Sekretär – damals sehr ungewöhnlich für einen geadelten Geheimrat. Seine Route führte von Böhmen nach Regensburg, München, Seefeld, Innsbruck, über den Brenner nach Bozen, zum Gardasee, nach Verona, Venedig (wo er 17 Tage verbrachte), Bologna, Perugia bis nach Rom, wo er vier Monate blieb.
JWG war hochgebildet und auf seine Reise bestens vorbereitet. Die römische und griechische Kunst sowie berühmte Bauwerke waren ihm seit langem vertraut. Schon vorher hatte er seiner Italiensehnsucht Ausdruck verliehen im berühmten Gedicht “Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn…” JWGs Italienisch wurde auf der Reise bald fließend. Das Unterwegssein allein mag durchaus beschwerlich gewesen sein; JWG erwähnt dies aber nur selten, denn: “Ich habe nichts gewollt, als das Land sehen, auf welche Kosten es sei…” Wobei ihn die Kunst (der Antike) weit mehr interessierte als die soziale Realität Italiens.

Berliner würden sagen. JWG war JWD, nämlich in der Campagna

In Rom quartierte er sich beim Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein in der Via del Corso Nr. 18 (jetzt ein Museum) ein, der später das bekannte Gemälde ”Goethe in der Campagna” schuf. Dort bestand eine Art Wohngemeinschaft von deutschsprachigen Künstlern. JWG machte sich intensiv mit der Ewigen Stadt vertraut und befand: “Es ist ein saures und trauriges Geschäft, das alte Rom aus dem neuen herauszuklauben… Man trifft Spuren einer Herrlichkeit und einer Zerstörung, die beide über unsere Begriffe gehen. Was die Barbaren stehenließen, haben die Baumeister des neuen Roms verwüstet.”
Ab Februar 1787 reiste JWG, zusammen mit Tischbein, nach Neapel – erneut für einen längeren Aufenthalt. Dann folgte eine genaue Erkundung Siziliens. Im Juni 1787 ging es zurück nach Rom. JWG entschied sich, bis über den kommenden Winter zu bleiben. Er betrieb naturwissenschaftliche Studien, malte, widmete sich seiner Geliebten Faustina, schrieb “Iphigenie auf Tauris” und den “Egmont” fertig und komponierte sogar eine Schauspielmusik für letzteren. Interessant für mich als Kathpress-Redakteur JWGs Schilderung einer Papstmesse am Christtag 1786 im Petersdom: “Ihre Zeremonien und Opern, ihre Umgänge und Ballette, es fließt alles wie Wasser von einem Wachstuchmantel an mir herunter. Eine Wirkung der Natur hingegen wie der Sonnenuntergang, von der Villa Madama gesehen, ein Werk der Kunst wie die viel verehrte Juno machen mir tiefen und bleibenden Eindruck.”
Erst nach Ostern 1788 begab sich JWG – auf anderer Route – auf den Heimweg nach Weimar. Die Reise hatte alle schöpferischen Speicher des Dichterfürsten wieder aufgefüllt; bald folgten “Torquato Tasso”, “Faust” und anderes mehr.

Kuppel des Petersdoms mit vorbeifliegendem “Heiligem Geist” (Timing ist alles)

Adventmail 2022/03 (Reisen)

Habt Ihr früher in der Schule auch “Stadt, Land…” gespielt? Kennt Ihr “Scotland Yard”? “Zug um Zug”? “Auf Achse”? “Carcassone”? Mit diesen Brettspiel-Klassikern kann man auch im Wohnzimmer auf Weltreise gehen bzw. unterwegs sein.

Bei mir zuhause wurde und wird immer viel gespielt. Aktueller Liebling auf dem Wohnzimmertisch ist “Der Kartograph”, bei dem es um Erkundungen unbekannter Regionen geht. Meine Claudia und ich haben wohl schon mehr als 100 Partien gespielt – und es nützt sich nicht ab, ist immer wieder reizvoll und spannend.

“Der Kartograph” (auch als erweiterte Variante “Die Kartographin” erhältlich) ist ein “roll & write”-Spiel, das allerdings ohne Würfel auskommt; stattdessen werden Auftragskarten gezogen, die immer wieder für Abwechslung und Unvorhersehbarkeit sorgen. Toll an diesem 2020 als bestes “Kennerspiel des Jahres” nominierten “Pegasus”-Produkt ist auch, dass man es zu zweit, zu dritt, zu viert bis hin zu beliebig vielen spielen kann. 

Worum geht’s dabei? 

Ein Jahr lang haben die königlichen Kartographen Zeit, um die unerschlossenen Ländereien im Norden zu erkunden. Die Königin hat dabei klare Zielvorgaben getroffen. Insgesamt vier Aufgaben gibt sie den Spielenden pro Partie mit auf den Weg – eine für jede Jahreszeit. Verlangt ist etwa, dass man nach Waldpfaden zwischen Gebirgszügen und gut bewässerten Ackerfeldern Ausschau hält oder Dörfer in bestimmten Formen anlegt. Leichter gesagt als getan, denn welche Landschaften mit Tetris-artigen Formen die Spielenden auf ihren gerasterten Karten verzeichnen dürfen, wird über zufällig gezogene Erkundungskarten bestimmt. Mit zunehmender Spieldauer drohen dabei Gefahren z.B. durch Trolle oder dadurch, dass die Aufgaben einander behindern.

Eine gute Strategie mit Weitblick und auch etwas Glück ist gefordert, wenn Ihr die Gebiete Dorf, Acker, Wald und Wasser mit entsprechenden Farbstiften auf der Landkarte eintragt. Ein nettes Weihnachtsgeschenk für alle, die gern spielen.

Türsteher mit Charakterkopf, Innenstadt von Lyon

Adventmail 2022/02 (Reisen)

Jesus war – zumindest in der letzten Phase seines Lebens – ein Wanderprediger. Also einer, der öffentlich auftrat, das nahe Gottesreich verkündete und angesichts dessen zur Besinnung auf das Wesentliche im Leben (“Umkehr”) aufrief. Jesus tat dies in Galiläa und Judäa, ausgehend von seinem Wohnort Nazareth. Die Evangelien erwähnen als Schauplätze seiner Predigten, Heilungen und Wunder u.a. den See Genezareth und Kafarnaum an dessen Nordwest-Ufer, Kana, Bethanien, Naïn, den Berg der Versuchung im Westjordanland und natürlich Jerusalem. Dorthin pilgerte Jesus als frommer Jude regelmäßig an hohen Festtagen.
Das ist ein insgesamt recht überschaubarer Lebensraum. Zwischen Nazareth und Jerusalem ist die Luftlinie nur rund 100 km lang.
Laut dem Matthäusevangelium machte Jesus seine mit Abstand weiteste Reise nach Ägypten. Und das gleich zu Beginn seines Lebens, zusammen mit seinen Eltern auf der Flucht vor dem kindsmordenden König Herodes. Ein Engel war dem Nährvater im Traum erschienen und hatte vor Herodes gewarnt, so der Evangelist: “Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes”, berichtet Matthäus in knappen Sätzen. Und fügt hinzu: “Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen” (Mt 2,14f).
Alle Bibelkundigen und TheologInnen mögen jetzt klug anmerken: Naja, die Bibel ist kein Geschichtsbuch; die Flucht nach Ägypten ist wie der Kindermord in Bethlehem historisch zweifelhaft. Es geht letztlich um den Hinweis auf die Messianität Jesu, die schon im Alten Testament aufleuchtet.
Ja, eh. Aber 40 Jahre nach meinem eigenen Theologiestudium finde ich die neutestamentliche Tendenz, Jesus durch “erfüllte Schriftworte” (und seien sie noch so an den Haaren herbeigezogen) im göttlichen Licht zu zeigen, allzu bemüht. Jesus war auch ohne diese Ausschmückungen und Querverweise auf die Thora eine faszinierende Person und ist bis heute Ansporn für Abermillionen, aus sich und ihrem Leben das Bestmögliche zu machen. Um ihn zu erleben, würde ich glatt nach Israel reisen. Oder nach Ägypten, von mir aus.

Sonnenaufgang erleben auf Dünen im südlichen Marokko

Adventmail 2022/01 (Reisen)

Wenn ich meine bisherigen Top-10-Reisen nennen sollte, dann wäre die…

  1. …Nummer 1 ein Reiseziel, von dem ich immer träumte und das ich 2016 im Zuge einer Wandergruppenreise auch vier Wochen lang erkundete: Neuseeland. Der Inselstaat am anderen Ende der Welt mit dem Kreuz des Südens in seiner Flagge lockte mich schon Jahre davor mit seiner unvergleichlichen Natur: Urwald mit endemischer Flora und Fauna, Vulkane (wie jener, in den der Film-Frodo den magischen Ring warf), Wüste, Fjorde, Hochalpen, Seen und viel Meer.
  2. Friesische Inseln/Nordsee 2017: Eine besonders emotionale Reise mit viel Watt, Sand, herrlichen Sonnenuntergängen, Krabben aus der Tüte und Inselhopping mit Claudia. Ihr machte ich am Hafen von Husum in Schleswig-Holstein einen Heiratsantrag, nach ihrem Ja kauften wir uns gleich dort Eheringe und fuhren nach fast zehnjähriger Beziehung frisch verliebt via Hamburg zurück nach Wien und in ein gemeinsames Leben.
  3. Réunion 2014. Wieder eine Wanderreise, wieder wuchernde Pflanzenwelt, Vulkane, ein Sonnenaufgang auf dem höchsten Berg des Indischen Ozeans (Piton des Neiges, 3070 m), Gewürze, erfrischendes Dodo-Bier und eine supersympathische Reisegruppe, von der ich die netteste beim Radeln heuer im Sommer nach 8 Jahren in Koblenz wiedersah (Hi Bianca, liest du das?).
  4. Azoren 2019: Und nochmals Inselhopping, diesmal mit dem dort lebenden Weltweitwandern-Guide Oliver, der uns die Vielfalt und den Reiz der atlantischen Inseln mit ihren Millionen von Hortensien nahebrachte.
  5. Island 2009: Mit Claudia großartige, baumlose Landschaften mit Geysiren, Wasserfällen, Gletschern bis zum Meer, Walen und Papageientauchern in einer Tour rund um die Insel entdeckt – unvergesslich!
  6. Rheinradtour 2022: Noch ganz frisch, die 1.500-km-Raderinnerung entlang der Perlenreihe mit großartigen Städten wie Konstanz, Basel, Colmar, Straßburg, Heidelberg, Köln, Düsseldorf, Nijmegen und Rotterdam. Dazu später mehr.
  7. Kapverden 2017: Inselhopping die dritte, mit Gruppenwanderungen in großartig karger Landschaft mit Guide Lena und Begegnungen mit Musik, Kulinarik, Gastfreundschaft vom Feinsten.
  8. Sardinien 2013: Beeindruckende Strände und Sonnenuntergänge, Pecorino und Vino bianco, die Murales im Dorf Orgosolo, die Geier an der Westküste bei Bosa, die Altstädte von Alghero und Cagliari – einfach schön.
  9. Kykladen 1984: Eine “Jugenderinnerung” an die Endloszuganreise mit Maria, Sepp und Ursula nach Athen, Übernachtungen unter freiem Himmel auf Anaphi, der südlichsten Kykladeninsel. “Olympische Spiele” und Gedichteschreiben am Strand, Tavli und Karten (Holländer Hans lehrte uns “Hühnerficken”) spielen.
  10. Georgien 2018: Ach, die georgische Küche: mit Walnusspaste gefüllte Melanzani, Teigtaschen Chinkali, Streetfood Khachapuri, dazu das orientalische Tiflis, die 5.000er des Kaukasus, Batumi an der Schwarzmeerküste, der grandiose Roman “Das achte Leben” von Nino Haratischwili.
Wandern im einzigartigen Tongariro-Nationalpark, Neuseeland

Adventmails 2022 (Ankündigung)

ich liebe es zu reisen. Mit offenen Sinnen per Fahrrad, entspannt mit dem Zug, mit großer Reichweite mit dem Auto und – ja, ich gebe es zu – auch mit dem Flugzeug, um in sonst nicht erreichbare (Desti)Nationen zu gelangen. Warum also “reisen” nicht zum Thema meiner diesjährigen Adventmails machen? Zumal mit etwas Flexibilität das Unterwegssein auch mit dem Advent (=Ankunft) zu tun hat, denn irgendwoher muss der Messias ja gekommen sein (vielleicht aus High-land?).
In den 24 Tagen bis zum Weihnachtsfest 2022 soll es u.a. um meine sommerliche Radreise den Rhein entlang gehen, um berühmte Reisende, um die besten Roadmovies und meine Weltmusik-Lieblinge, um Reisetagebücher, Wallfahrten, Wanderprediger, Fantasiereisen und (Massen)Tourismus. All das gut unterfüttert mit “Recherchereisen” im Internet und vielen persönlichen Erfahrungen. Garnieren werde ich jedes Adventmail mit einem der unzähligen Reisefotos, die sich im Lauf der Jahre auf meiner Festplatte angesammelt haben.
Über Kommentare Eurerseits freue ich mich immer. Wünsche eine angenehme Adventzeit, Robert

Adventmail 2021/24 (Gefühle)

Ein geschundener, ausgemergelter Männerkörper auf einem weißen Leinentuch, nackt bis auf den bedeckten Unterleib, die Haut gelblich-fahl. Die Augen des Liegenden sind geöffnet, ebenso der von einem struppigen Bart umrahmte Mund. Doch es besteht kein Zweifel, dass es sich hier um einen Toten handelt. Einer unbelegten Legende zufolge nutzte der deutsch-schweizerische Maler Hans Holbein der Jüngere für dieses Bildnis eine aus dem Rhein geborgene Leiche als Studienobjekt.

Hans Holbein der Jüngere, „Der Leichnam Christi im Grabe“ (um 1521/22)

Ich stieß auf das Ölgemälde „Der Leichnam Christi im Grabe“ (um 1521/22) durch einen Artikel des Wiener Theologen Jan Heiner Tück über Dostojewski. Es versetzte mich in Staunen und hielt meinen Blick lange fest. Was für ein Bild von Verletzlichkeit, Verlorenheit, Vergänglichkeit! Und das soll der Heiland sein, der Erlöser, der Gottessohn, an dessen Frohbotschaft von der Auferstehung der Toten auch 2000 Jahre nach seinem elendigen Verbrechertod noch 2,26 Milliarden Menschen weltweit festhalten?? Ist sowas glaubwürdig, im Vergleich mit dem unter dem Bodhi-Baum in sich ruhenden Prinz Siddhartha Gautama, dem in Glaubensschlachten siegreichen Muhammad oder dem 92-jährig, überaus kinder- und auch sonst steinreich verstorbenen Sektengründer Sun Myung Moon? Gemessen an diesen Erfolgsmenschen war Jesus ein Loser.
Dostojewski suchte während eines Schweiz-Aufenthaltes 1867 eigens das Baseler Museum auf, um das dort nach wie vor ausgestellte Holbein-Bild zu sehen. Er war tief verstört davon und griff es später in seinem Roman „Der Idiot“ auf: „Vor diesem Bild kann manchem der Glaube verlorengehen!“, lässt er den Fürsten Myschkin sagen.
Auch Papst Franziskus anerkannte in seiner ersten Enzyklika „Lumen fidei“ (2013) über Holbeins toten Christus, das Gemälde zeige „auf sehr drastische Weise die zerstörende Wirkung des Todes“. Und doch werde „gerade in der Betrachtung des Todes Jesu der Glaube gestärkt“, der Glaube an Jesu unerschütterliche Liebe zum Menschen, die sich sogar dem Tod nicht entzogen habe, so der Papst; „ihre Totalität ist über jeden Verdacht erhaben und erlaubt uns, uns Christus voll anzuvertrauen“.
Ja, „über jeden Verdacht erhaben“, da hat was. Was mich an Jesus immer angezogen, ja fasziniert hat, ist sein Wirken, seine Wirkung jenseits des üblichen Machtdenkens, seine Hinwendung zu den „Kleinen“, sein offenes Ohr für eine als Heidin geltende Frau am Brunnen, sein Umgang mit als Sündern geltenden Geldeintreibern oder mit gläubig gewordenen Besatzungssoldaten, mit Bettelarmen oder Aussätzigen. Ich selbst bin wohlsituiert und auf die Butterseite des Lebens gefallen. Aber Erlösung im Sinn von „es geht alles gut aus“ – ja, bitte, die kann ich brauchen! Wie jedeR von uns.
Wer Holbeins Bild genau betrachtet, entdeckt ein Detail, das eine deutsche evangelische Kirchenzeitung am Karfreitag so umschrieb: „Gott zeigt dem Tod den Mittelfinger.“
Zeigt auch Ihr all dem Toten und Kranken um Euch den Mittelfinger, meine Lieben, und habt ein freudvolles Weihnachtsfest und ein beglückendes Jahr 2022.

Adventmail 2021/23 (Gefühle)

Es wird eine Zeit kommen, da wir wieder ohne grünen Pass die Gastronomie nutzen können. Deshalb bat ich zum Thema „Verlangen nach Essen“ einige von euch um Restauranttipps – in Wien und anderswo. Lest, sucht aus und kehrt ein, sobald es wieder möglich ist. Prost Mahlzeit!

Sabine, Angestellte der United Nations Industrial Development Organization (UNIDO) in Wien schrieb: Wer in Wien gut essen gehen will, sollte unbedingt ins „Ströck Feierabend“ (https://feierabend.stroeck.at) gehen. Tolles Frühstück! Kleine, aber sehr gute Mittag-/Abendkarte mit ausgewählten Produkten. Vom Brot brauche ich gar nicht zu reden. Im Feierabend gibt es Spezialbrote, die einfach köstlich sind.

Tomas, Leiter des Literaturhauses Salzburg, Cousin: ESSEN, WAS AUF DEN TISCH KOMMT… In der Mozartstadt kann man nicht nur musikalisch weit reisen, sondern auch kulinarisch … Das erste Mal, als ich das „ISTRA“ (www.istra.at) im künstlerischen Andräviertel nahe der Linzergasse in der rechten Altstadt besuchte, wurde uns ein Platz im gemütlichen Inneren zugewiesen – und niemand fragte nach der Bestellung. Doch plötzlich stand eine köstliche Fischplatte, Brot, Wasser und Wein auf dem Tisch. Mahlzeit! Inzwischen, nach mehreren Besuchen, weiß ich: Eine klassische Speisekarte gibt in dieser Konoba nicht – wozu auch? HIER ISST MAN FISCH, HIER TRINKT MAN WEIN, lautet das Motto des kroatischen Restaurants. Das reicht vollkommen. Und im Sommer gibt es auch ein paar Plätze an der Straße. Reservierung empfohlen!

Susi, Sozialarbeiterin aus Breitenfurt/NÖ: „Mein Lieblingslokal für besondere Anlässe (oder zumindest nicht für ‚zwischendurch‘ – wg der Geldbörse) ist das „Schreiners“ in der Wiener Westbahnstraße (http://www.schreiners.cc/index_full.php): Warum? Es passt alles – gute Qualität beim Essen (die besten Spinatködel), Speisekarte wird auf einer Tafel von dem/r KellnerIn präsentiert, österr. Küche mit regionalen Produkten, der schönste Innenhof/Gastgarten mitten in der Stadt, innen gemütliches Wirtshaus. Auf gut Glück ohne Reservierung hinzugehen ist leider von der Chance her wie ein Lottogewinn. Nur Barzahlung möglich.
Für zwischendurch oder die kleinere Geldbörse ein Wiener Wirtshaus im 15. Bezirk: „Gasthaus Quell“ (http://www.gasthausquell.at/) – große Portionen, fleischlastig, Cerna Hora (!), wirklich alte Wirtshausstube, sehr „gemischte“ Gäste – im Sommer ein paar Tische im Freien neben der Kirche.
Oder im 11.Bezirk: „Gasthaus Stern“ (www.gasthausstern.at) – „gehobenere“ gute Wiener Küche – adaptierte, „elegante“ Wirtshausstube – haben einen Gastgarten- ist ok (im Innenhof, umgeben von höheren Wohnhäusern).

Isolde, Biologin in Innsbruck: Wohin du unbedingt essen gehen solltest, wenn du in Tirol gleichzeitig auf den Berg gehen willst: Da viele Tiroler_innen viel auf Bergen unterwegs sind (so viel ebene Flächen haben wir ja auch nicht), ein Tipp für eine Hütte mit netter Familienwanderung, Schitour, Einkehren… und natürlich gutem Essen ist die „Untermarkter Alm“ (www.ualm.at/de/huette/willkommen/) in Hoch Imst. Besonders das Frühstück ist sehr empfehlenswert, aber auch sonst das Essen, samt Weinkarte. Hinunter gehts entweder mit dem Alpine Coster, zu Fuß, mit dem Lift, der Rodel, den Schi, dem Radl…. Und wer bleiben will: Zimmer gibts auch.

Andreas, Regionalleiter Region Süd im BBRZ Österreich, Bruder: Meine berufliche Tätigkeit lässt mich viel in Österreich herumkommen. Wenn es irgendwie geht, versuche ich berufliche Termine mit gutem Essen zu kombinieren. Über die Jahre haben sich so einige Stammlokale herauskristallisiert, die einem in der Fremde nicht nur Kulinarik, sondern auch ein kleines Stück Vertrautheit bieten können. Plätze, wo man sich auch alleine nie allein fühlen würde. Ich möchte hier Lokale in vier Städten anführen, die ich wirklich liebe.
Immer wieder führen mich Dienstreisen nach Innsbruck. Dort gibt es zwei gastronomische Highlights für mich, die ich uneingeschränkt empfehlen kann: der „Gasthof Lamm“ (www.lamm-innsbruck.at) besticht durch eine wunderbare Weinkarte und eine kreative Speisekarte, basierend auf regionalen Produkten. Die Tatsache, dass der Besitzer noch ein Reggae-Internetradio nebenbei betreibt, mag zur tollen entspannten Atmosphäre im Lokal betragen. Wer Fisch liebt muss ins „Fischiff“ (https://fruchthof.at/restaurant-fischiff). Beste Fischsuppe, frische Zutaten und Südtiroler Weißwein lassen den Gaumen regelrecht frohlocken.
In Linz führt mich der Weg nach der Arbeit öfters in die wohl beste Cocktailbarszene des Landes auf engstem Raum. Kompetente BarkeeperInnen in der „Easy Bar“ (www.cocktailbareasy.at) und der „Frau Dietrich“ (www.frau-dietrich.at) kredenzen Eigenkreationen abseits jeglicher Karte. Da fällt es einem schwer, nach drei Getränken einen Schlusspunkt zu setzen.
In Wien nächtige ich öfters in der Nähe des Karlsplatzes, wohl auch, weil ich in der Früh nicht auf ein traditionelles Schnittlauchbrot im Cafe Museum (www.cafemuseum.at) verzichten mag und am Abend (immer noch) gerne ins „Vietthao“ (https://speisekarte.menu/restaurants/wien-1/vietthao) gehe. Ach, knuspriger Schweinebauch, alleine der Gedanke an dich lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen …
Wer in Graz Zwischenstopp macht, dem sei neben den Angeboten am Lendplatz, die man an sonnigen Tagen alle uneingeschränkt empfehlen kann, noch „Die Amsel“ (www.dieamsel.at) ans Herz gelegt. Wirtin Barbara Musek vermittelt ab der ersten Sekunde das Gefühl, sich hier wohlzufühlen.