Adventmail 2024/05 (Farben)

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich zuletzt so richtig „blau“ war. Muss Jahrzehnte her sein. Mit blau gemeint ist betrunken, rauschig, aug’soffn, bumzua, og’füüt, blunznfett – nicht politisch (never ever). Der Ausdruck „blau sein“ für den alkoholisierten Zustand hat angeblich tatsächlich etwas mit der Farbe Blau und der mittelalterlichen Färberei zu tun. Indigo als Färbemittel war damals recht teuer und wurde meist durch die heimische Pflanze „Färberwaid“ ersetzt.
Für das Verfahren brauchte man Sonne, heißes Wetter – und Männer, die viel Alkohol tranken. Für eine zufriedenstellende Farbgewinnung hätte die direkte Zugabe von Alkohol an sich genügt, aber dann wäre das Färben wieder teurer geworden – und weniger feuchtfröhlich. Also wählte man den Umweg „Mann“ und dessen alkohollastigen Urin. Die Blätter des Färberwaids wurden in einen Trog gelegt, dann musste Flüssigkeit darauf, bis sie bedeckt waren. Daher tranken die Färber den ganzen Tag Bier – und pinkelten in den Behälter.
Die Erzeugung der Farbe Blau erforderte neben Gärung aber auch Sonneneinstrahlung. Daher sah die Arbeit der Färber so aus: in der Sonne liegen, viel Alkohol trinken, in den Bottich pinkeln und ab und zu umrühren. So kam es zur Umschreibung „blau“ für „betrunken“ sein, die Färber waren aber nicht nur blau, sie machten auch blau.
Und auch der „blaue Montag“ rührt angeblich daher: Gefärbt wurde in der Regel am Sonntag, so dass die Gesellen tags darauf betrunken neben ihren Erzeugnissen lagen und auf das „Farbwunder“ warteten. Davor hatten sie die Stoffe aus den Trögen geholt und im Freien zum Trocknen aufgehängt. Denn erst durch die Oxidation an der Luft verwandelte sich das gelbe Indoxyl – die Farbstoff-Vorstufe bei der natürlichen und synthetischen Herstellung von Indigo – in das gewünschte Blau. Weil die Färber dabei kaum arbeiteten, entstand aus dem technischen Vorgang des Blaumachens die Redewendung für „Nichtstun“.

Adventmail 2024/04 (Farben)

„Das Fräulein stand am Meere / Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre / Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter, / Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter / Und kehrt von hinten zurück.“

Das dichtete Heinrich Heine (1797-1856), nachdem er seine romantische Phase mit einem kräftigen Schuss Ironie hinter sich gelassen hatte. Er karikiert die idyllisierende Betrachtung eines allbekannten Naturgeschehens und parodiert Motive, die in der Romantik von zentraler Bedeutung waren; der Sonnenuntergang stand für den Übergang vom Endlichen in das Unendliche.
Ich spotte ja auch gern, aber bei Sonnenuntergängen fehlt mir jeder Hang zum lapidaren „so what?!“ Wie oft stand ich schon am Meere – nein, ich saß eher – und sah dem uns allen Leben schenkenden Feuerball beim vermeintlichen Ins-Wasser-Eintauchen zu, immer wieder von Neuem begeistert vom himmlischen Farbenspiel.
Ich hab mein Fotoarchiv nach Sonnenuntergängen durchforstet und stelle hiermit meine schönsten (No-filter-)Fotos ins heutige Adventkästchen…

Adventmail 2024/03 (Farben)

In Kathpress-Meldungen kommt immer wieder mal die „Regenbogenpastoral“ vor. Das ist keine Initiative, die den im Buch Genesis vorkommenden Regenbogen als Zeichen des Bundes zwischen Gott JHWH und dem nach der Sintflut verbliebenen Rest der Menschheit („Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen…“ – na gottseidank aber auch) hervorhebt. Vielmehr geht es um die innerkirchlich nicht unumstrittene Hinwendung zur Gruppe der „Queer“.
Der Regenbogen ist heute ein weithin anerkanntes Symbol der LGBTQ+-Bewegung und symbolisiert Vielfalt, Stolz und die Einheit aller Geschlechter und sexuellen Orientierungen. Den Anstoß dazu gab wohl der US-Künstler und Aktivist Gilbert Baker, der 1978 auf Anregung des Stadtrats von San Francisco und ersten offen schwulen Politikers in den USA, Harvey Milk, die erste Regenbogenfahne entwarf. Deren Buntheit sollte die Diversität und Einzigartigkeit der queeren Gemeinschaft repräsentieren. Inzwischen existieren viele Versionen der Regenbogenfahne, darunter die „Progress Pride Flag“, die zusätzliche Farben enthält, um marginalisierte Gruppen innerhalb der LGBTQ+-Community, wie „People of Color“ und Transgender-Personen, besser zu repräsentieren.
Trotz der inzwischen großen Verbreitung der Regenbogenfahne gibt es immer wieder auch Konflikte r und um das, wofür sie steht. In vielen konservativ geprägten Gesellschaften und Staaten mit einer starken religiösen Prägung gelten LGBTQ+-Rechte als kontrovers und als Beleg einer westlich-liberalen, „woken“ Agenda, die angeblich traditionelle Werte und Moralvorstellungen bedroht. Beispiele hierfür sind Putins Russland, Polen unter der PIS-Partei, zuletzt Georgien, Saudi-Arabien, Iran und afrikanische Staaten wie Uganda und Nigeria, wo Homosexualität teils streng verboten ist und LGBTQ+-Personen strafrechtlich verfolgt werden.
Apropos: Eines meiner ersten Interviews in den 1980ern als Mitarbeiter des kritischen „Kirche Intern“-Magazins führte mich in die Wiener Rosa Lila-Villa. Der Sprecher der Initiative „Homosexualität und Kirche“ (HuK), Johannes L., erzählte mir damals u.a., der Präfekt der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger sei schwul. Das Magazin heißt heute „Kirche In“, der Villa steht Türkis voran, das „Kirche“ in HuK wurde zu „Glaube“, der Glaubenshüter wurde Papst Benedikt XVI. So ändern sich die Zeiten.

Adventmail 2024/02 (Farben)

Am Sonntag, dem 17. November, um 18 Uhr war es soweit: Der Hashtag lautete #eXit, ein Wortspiel für den Ausstieg aus der Social-Media-Plattform X (früher: Twitter). Dutzende österreichische Medienmacher und andere bekannte Persönlichkeiten legten ihre Accounts still – darunter Ingrid Brodnig, Florian Klenk, Corinna Milborn und Michael Jungwirth. Die Initiative kam von ZiB2-Moderator Armin Wolf, der in seinem Blog schrieb, mit Twitter und im Kontakt mit seinen 600.000 Followern sei es lange „schön“ gewesen. „Ich hätte mir meinen Job in den letzten 16 Jahren ohne Twitter gar nicht vorstellen können im tagesaktuellen Journalismus.“ So habe er dort viele interessante Leute kennengelernt, sich auch sehr amüsiert und sei auf viele Dinge gestoßen, die er sonst nie erfahren hätte, erinnerte sich der von mir sehr geschätzte ORF-Anchorman.
Doch in den letzten Jahren habe sich X „täglich immer weiter radikalisiert“. Seit der Übernahme durch Elon Musk sei es „voller Lügen, aggressiv“, ja, „toxisch“ geworden. Irre hätten X überflutet, Propaganda-Bots, Neonazis, Rassisten, Sexisten, Incels und Verschwörungs-Paranoiker. Deren Inhalte seien durch den Algorithmus nach oben gedrängt worden. Musk selbst sei dabei wie der „Über-Troll“ aufgetreten und habe auch Verschwörungstheorien verbreitet, so Wolf.
Für viel Aufmerksamkeit sorgte ein „Interview“, das Musk mit Trump im US-Wahlkampf auf X führte. Musk ließ Trump seine Falschbehauptungen unwidersprochen verbreiten – unter anderem über Migration, wo der nunmehr Gewählte mit völlig übertriebenen Zuzugszahlen hantierte. „Der hat eine Propaganda-Bude daraus gemacht für seinen Freund Donald Trump. Und das finde ich problematisch bei jemandem, der sagt, sein oberstes Kriterium ist free speech“, erklärte Wolf.
Wie viele andere genervte X-Nutzer wechselte er zu Bluesky. Das sei so etwas wie Twitter vor zehn Jahren, sagte Wolf über den seit 2021 bestehenden Mikroblogging-Dienst. Seit heute, da ich das schreibe (28.11.), ist auch Kardinal Christoph Schönborn – als erster österreichischer Bischof – im blauen Himmel präsent. Der User:innen-Zuwachs lag bei Bluesky Ende November bei circa 250.000 neuen Nutzern pro Tag, hieß es. Auch ich als einer, der findet, die sozialen Medien brauchen Regularien zum Schutz der Demokratie, flattere mit dem blauen Schmetterling mit.

Adventmail 2024/01 (Farben)

Es geht diesmal, wie angekündigt, um Farben.
Als ich im Winter 2004/05 in die autofreie Mustersiedlung in Wien-Floridsdorf übersiedelte und ich damit für mein noch recht frisches Single-Dasein nach der Scheidung eine eigene Heimstatt fand, bemalte ich zwei Wände in meiner neuen Maisonette-Wohnung mit einem Terracotta-Farbton. Das sollte Aufbruch signalisieren, Lebendigkeit, Power für den neuen Lebensabschnitt. Nach einiger Zeit folgte im unteren Zimmer – der Reihe nach bewohnt von meinen studierenden Söhnen – ein Anstrich in Türkisblau und Gelb.
Damals dachte ich noch nicht daran, dass mir beim Wiederausziehen auferlegt werden würde, die Wände wieder übergabefreundlich, d.h. in übermalungsgeeigneten hellen Farbtönen zu hinterlassen. Vor dem Umzug in die Wohnung meiner Liebsten jenseits der Bezirksgrenze in der Donaustadt plagte ich mich somit noch tagelang damit, die betreffenden Wände erblassen zu lassen – was gar nicht leicht war. Außerdem ist die Motivation enden wollend, sich noch ausgiebig einer Altwohnung zu widmen, wenn man schon in einer schöneren neuen lebt.
Seit Herbst 2018 wohne ich in einer Wohnung, deren vier Zimmer ich je unterschiedliche, geschmackvolle Farbgestaltungen vorfand. Im südseitig gelegenen Wohnzimmer z.B. harmoniert eine Wand in Brombeerton mit freundlichem Gelb, im Schlafzimmer ergänzen sich Lila und Zartrosa, meinem Arbeits- und Rückzugsraum habe ich umgestaltet: Nun trifft eine Tapete in Steinmauerdesign auf Wände in hellem Beige. Am ungewöhnlichsten – nämlich rundum in dunkelviolett gehalten – ist die Toilette.
Es stehen Erneuerungen an. Denn bei der Erstbemalung vor mittlerweile 20 Jahren wurde auf die Beständigkeit der Wandfarben noch kein Augenmerk gerichtet. Was z.B. dazu führt, dass unter dem jährlich wechselnden großformatigen Landschaftskalender im Wohnzimmer die Brombeerfarbe noch deutlich frischer wirkt als auf dem Rest der Wand. Ein schönes Projekt für die demnächst beginnende „bunte“ Zeit nach der Phase der Vollerwerbsarbeit…

Adventmails 2024 (Ankündigung)

Liebe Adventmail-Bezieher:innen!

Ein blaues Wunder. Rosarote Brille. Gelbe Gefahr. Grauer Alltag. Goldener Schnitt. Den roten Faden verlieren. Schwarzsehen. Sich grün und blau ärgern… u.s.w.
Farben spielen nicht nur in der Sprache eine große Rolle, sondern aktuell auch in der Politik, wenn sich Schwarz(türkis)/rot/pink auf eine neue Regierung in Österreich verständigen und die Blauen und Grünen außen vor lassen. Oder in der Natur, wenn sich im Herbst die Blätter bunt verfärben. Oder in der Mode, in der Nahrung, im Sport (grün gegen violett; Blackies gegen Rotjacken)…
Farben sind auch das Thema meiner diesjährigen Adventmailserie, der insgesamt bereits 21. Das erste Brainstorming dazu machte ich auf der elfstündigen Bahnfahrt von Danzig nach Wien, mir fielen auf Anhieb 20 und mehr Aspekte ein, zu denen ich Lust zu recherchieren hatte. Euch erwarten bis zum Heiligen Abend somit Adventkästchen über vieles, was das Leben bunt macht.
Viel Vergnügen und eine angenehme Vorweihnachtszeit wünscht euch Robert

Adventmail 2023/24 (Tiere)

Es ist wieder so weit: Ich hole Tonfiguren aus Lateinamerika, die ich vor ein paar Jahren im Salzburger Bildungshaus St. Virgil gekauft habe, aus ihrer Schachtel, löse sie vom schützenden Zeitungspapier und stelle sie im Wohnzimmer zu einem weihnachtlichen Ensemble zusammen: Maria, Josef und das neugeborene Kind, die drei Weisen aus dem Morgenland – und Ochs und Esel, die bei den meisten Krippenszenerien nicht fehlen dürfen. Dabei ist im Weihnachtsevangelium nach Lukas keine Rede von diesen beiden Nutztieren, erwähnt werden nur Hirten, die auf freiem Feld Nachtwache bei ihrer Schafherde hielten und dann (wohl ohne die Tiere allein zu lassen) auf Geheiß der Engel den Messias bewundern.
Aber warum Ochs und Esel?
Dafür gibt es theologische Gründe. Und weil dem Volksglauben die Berichte in den Evangelien zu karg, zu wenig ausgeschmückt waren.
Die früheste noch existierende, wenn auch stark stilisierte künstlerische Darstellung von Ochs und Esel, die dem Jesuskind huldigen, ziert einen Sarkophag in Sant’Ambrogio in Mailand, entstanden etwa um 385 n. Chr., kurz nachdem das Christentum im Imperium Romanum zur Staatsreligion erklärt worden war.
Glaubensgeschichtlich waren Ochs und Esel – von Kirchenvätern der Spätantike allegorisch gedeutet als vom Gesetz unterjochte Juden und als Heiden – schon VOR Maria und Josef an der Krippe. Außerdem verweisen beide Tiere schon auf die gesamte Geschichte Jesu: Der Ochse war ein gängiges Opfertier, er kündigt somit das Opfer Christi schon an. Der Esel wiederum war das Reittier der Könige – siehe Palmsonntag! – und der Karawanenführer; nur mit einem Esel an der Spitze einer Karawane konnte man die oft steinigen Wüstenpassagen sicheren Schrittes durchqueren und dessen feines Witterungsvermögen für den Lebensquell Wasser optimal nutzen.
Explizit genannt wurden beide Tiere in dem um 600 n. Chr. entstandenen apokryphen – also nicht in den Kanon der Bibel aufgenommenen – „Pseudo-Matthäus-Evangelium“. Dort heißt es: „Sie (Maria) legte den Knaben in eine Krippe, und Ochs und Esel beteten ihn an. Da ging in Erfüllung, was durch den Propheten Jesaja gesagt ist: ‚Es kennt der Ochse seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herren. Aber Israel erkennt’s nicht und mein Volk vernimmt’s nicht. ‚“ (Jes 1,3) Eine implizite Mahnung zum Glauben also.
Franz von Assisi war der erste, der zu Weihnachten ein Krippenspiel veranstaltete. Im kleinen Dorf Greccio in Latium wollte er zu Weihnachten 1223 den Menschen die Botschaft von Weihnachten näherbringen, indem er die Dorfbewohner:innen samt ihrem Getier einlud, die Betlehemszene selbst nachzuspielen – ein offenkundiger Gegensatz zu den festlichen Pontifikalmessen in den damaligen Kathedralen. Ochs und Esel stellten die Armseligkeit eines Stalles dar. Franziskus wollte damit laut dem Südtiroler Theologen Martin Lintner sinngemäß vermitteln: „Wir sind arme Leute und leben oft in schäbigen Behausungen. Auch unser Inneres gleicht oft einem Stall – da gibt es Mist und Unrat, aber auch heimelige Wärme. Jesus ist sich jedenfalls nicht zu minder, bei uns einzukehren.“

PS: Euch allen ein herzerwärmendes Fest heute Abend und eine beglückende Weihnachtszeit.

Adventmail 2023/23 (Tiere)

Rilkes „Panther“ würde als eines der berühmtesten Tiergedichte gut in diese Serie passen. Doch es war für viele von uns Schullektüre und es ist traurig. So traurig, „als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt“.
Lieber was Lustig-Gereimtes zum Thema Tiere. Von drei Meistern der deutschen Sprache.

Christian Morgenstern: Möwenlied
Die Möwen sehen alle aus,
als ob sie Emma hießen.
Sie tragen einen weißen Flaus
und sind mit Schrot zu schießen.

Ich schieße keine Möwe tot,
Ich laß sie lieber leben –
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Wofern du Emma heißest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.

Joachim Ringelnatz Die Ameisen
In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Rest der Reise.

So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht.

Heinz Erhard: Der Guck-Guck
Der Guck-Guck ist ein Vogeltier,
das weiß man ganz genau.
Kommt er jedoch als Hund zur Welt,
so nennt man ihn Schau-Schau.

Adventmail 2023/22 (Tiere)

Im Alten Testament wird erzählt, dass Mose fuchsteufelswild wurde, als er mit den beiden Steintafeln und den Zehn Geboten darauf vom Sinai wieder herunter zu den Israeliten kam. Dieses „störrische Volk“ (O-Ton Jahwe) hatte sich ungeduldig wartend neue Götter gewünscht und ausgerechnet Moses Bruder Aaron dazu gebracht, ihm ein Goldenes Kalb zur Verehrung zu schaffen. In dem viele Fragen aufwerfenden Kapitel 32 des Buches Exodus heißt es, „als Mose dem Lager näher kam und das Kalb und den Tanz sah, entbrannte sein Zorn“. Er packte das häretische, aus Goldschmuck gegossene Machwerk, „verbrannte es im Feuer und zerstampfte es zu Staub“. Monotheismus und Götzendienst sind unvereinbar, so das Fazit der Erzählung.
Heilige Tiere wie das Wohlstand symbolisierende junge Rind finden sich in vielen Kulturen weltweit und sehr früh in der Menschheitsgeschichte. Jäger/Sammler waren vom Jagderfolg abhängig, bäuerliche Kulturen von Herdentieren; und um das Wohlwollen der Gottheiten zu sichern, wurden ihnen Tiere geopfert (auch dem Gott Israels, vorzugsweise Lämmer von Schafen oder Ziegen; Arme opferten ersatzweise Tauben).
Und Gottheiten wurden selbst mit Tieren identifiziert, besonders im Alten Ägypten: Apis war der heilige Stier von Memphis und zugleich irdische Verkörperung des Gottes Ptah; die Göttin Hathor wieder trat in Kuhgestalt mit Hörnern auf, Thot wurde mit Ibiskopf, Anubis mit dem eines Schakals dargestellt, Horus als Falke, und auch viele andere Tiere wurden als heilig angesehen: Widder, Katzen, Mantelpaviane, Krokodile und sogar Mistkäfer (Skarabäen). Der griechische Göttervater Zeus näherte sich Europa als Stier und Leda als Schwan. In nördlichen Kulturen genossen Bär, Bison und Pferd kultische Verehrung, in den Indiokulturen Amerikas Schlange und Jaguar. Die indische Mythologie mit ihren heiligen Kühen, Affen und Ratten und dem elefantenköpfigen Ganesha sei hier nur kurz erwähnt.
Und welche Tiere vergöttern wir heutzutage? Unvergessen ist „Das Fest des Huhns“, die köstliche Dokumentarfilm-Parodie aus dem Jahr 1992. Die Sitten und Gebräuche der „Ureinwohner“ Oberösterreichs werden darin von afrikanischen Forschungsreisenden im Stil europäischer Anthropologen beschrieben. Über die „Religion“ finden sie heraus, dass die Kirchen zwar leer sind, die Menschen sich jedoch in Zelten zusammenfinden, dort literweise Bier trinken, dazu hauptsächlich Hühner essen und anschließend dann kollektiv den kultischen Vogerltanz aufführen. Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass das Lamm als Opfersymbol vom Huhn abgelöst wurde.

Adventmail 2023/21 (Tiere)

Große, verdienstvolle Männer, manche mit Pferden unterm Hintern und mit Tauben auf dem Haupt, die ihnen aufs selbige kacken, sind die üblichen Hauptdarsteller der Denkmäler in den europäischen Kulturmetropolen. In Edinburgh stießen meine Liebste und ich auf unserer Schottlandreise 2014 auf ein Kontrast-Standbild: Beliebteste Sehenswürdigkeit der Stadt ist die kleine Statue eines treuen Hundes namens Bobby. Der bronzene Skye Terrier hockt bescheiden und jenseits von Grandiosität auf der Spitze einer Granitsäule eines Brunnens mitten in der Altstadt. Und das Denkmal steht dort seit 150 Jahren, errichtet kurz nach dem Tod des Hundes.
Geboren wurde Bobby angeblich am 4. Mai 1855, er gehörte John Grey, einem Wachmann der Stadtpolizei von Edinburgh. Der starb drei Jahre später, 1858, und fand in Greyfriars Kirkyard seine letzte Ruhestätte. Bewacht wurde Greys Grab fortan von seinem treu ergebenen Terrier: Bobby soll den Rest seines enorm langen Hundelebens dort am Friedhof verbracht haben. 14 Jahre lang – und damit länger als die durchschnittliche Lebenserwartung von Terriern – hat der Hund angeblich das Grab seines ehemaligen Besitzers bewacht, bis er selbst am 14. Januar 1872 starb.
Bobbys Treue sorgte schon damals für Aufsehen und Bewunderung. Lady Burdett-Coutts, Präsidentin des Damenkomitees der Tierschutzorganisation „Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals“ (RSPCA), gab die Statue zu Bobbys Ehren noch kurz vor seinem Tod beim bekannten Bildhauer William Brodie in Auftrag. Enthüllt wurde sie am 15. November 1873 und ist heute als „Greyfriars Bobby“ (nach dem Namen des Friedhofs) das kleinste denkmalgeschützte Objekt Edinburghs.

Terrier Bobby – der treueste Hund Schottlands

Wir wollen jenen unromantischen Kritikastern nicht glauben, die behaupten, die ganze Geschichte sei nur erfunden bzw. Bobbys sei ein einfacher Streuner gewesen, der auf dem Friedhof herumschlich, weil er dort immer wieder etwas zu essen bekam.
Dennoch ist die Geschichte bei den Bewohnern wie Touristen von Edinburgh äußerst beliebt. Reisende aus der ganzen Welt bestaunen die kleine Hundestatue und reiben (zum Unmut des um Denkmalschutz bemühten Stadtrates) an ihrer Nase. Denn das soll Glück bringen.
Ich habe 2014 nicht gerieben. So viel Skepsis muss sein.