Adventmail 2019/22 (Thema Gedichte)

alle Lust will Ewigkeit,
will tiefe, tiefe Ewigkeit
(Friedrich Nietzsche)

auch ich friedrich
spür diese klaffende sehnsucht
nach ewiger
ich nenn’s Geborgenheit

auch ich friedrich
wollte augenblicke
am liebsten lossprengen von ihrer
verkettung mit dem zeitablauf

auch ich friedrich
ließe mich liebendgern
in die zusammenhanglosigkeit fallen
hoffend
in jemandes umarmung zu landen

Von Nietzsche las ich kaum etwas, eher noch über ihn – z.B. das großartige Buch des US-Psychiaters Irvin Yalom „Und Nietzsche weinte“. Ich wusste somit auch nicht genau, was der deutsche Philosoph mit dem oben genannten Zitat aus „Also sprach Zarathustra“ meinte. Aber es hat mich zu diesem Gedicht inspiriert, das letztlich nichts anderes sagt als: Allein und zeitlich begrenzt kann ich/man nie vollkommen glücklich sein.

Adventmail 2019/21 (Thema Gedichte)

Geschütteltes (Eugen Roth)

Du sollst dein krankes Nierenbecken
Nicht mit zu kalten Bieren necken.
Auch müsstest du bei Magenleiden
Den Wein aus sauren Lagen meiden.
Glaub nicht, dass alle Zungen lügen,
Die warnen vor den Lungenzügen.
Auf Pille nicht noch Salbe hoff,
Wer täglich dreizehn Halbe soff.
Wer kann mit frohem Herzen schmausen,
Wenn tief im Stockzahn Schmerzen hausen?
Du spürst der ganzen Sippe Groll,
Die pflegen dich bei Grippe soll.
Statt jeden, der noch lacht, zu neiden,
Am Neid dann Tag und Nacht zu leiden,
Sich Kummer, weil man litt, zu machen:
Ists besser, selbst gleich mitzulachen.

Ich besitze seit September 1982 – es steht im Einband – ein 448 Seiten starkes gelbes Reclam-Büchlein, das trägt den Titel „Deutsche Unsinnspoesie“. Die Sprachspiele darin und den Humor habe ich, der ich schon als Kind gerne Wilhelm Busch las und später meinen Söhnen aus dem „Sprachbastelbuch“ vorlas, immer wieder genossen. Und mich anregen lassen zu eigenen Blödeleien. Zum Beispiel zu folgender, zu der ich mir heute denke: Es war eine Zeit kreativer Muße, da mir solches einfiel, ungestört von Berufsalltag, eigenem TV-Gerät oder gar Smartphone:

Ob ihr wohl wisst,
was „Cefhist“
ist?
Ganz einfach „Fetisch“
alphabetisch.

Adventmail 2019/20 (Thema Gedichte)

Sibylle ging fort (Robert ME)

Sibylle, wo bist du?
Irgendwo da draußen,
sehr damit beschäftigt, frei zu sein.
Weit weg von hier, von mir.
Da verdunstet etwas,
sehr wohl betrauert, bedacht ganz ohne Gleichmut.

Wo ist sie, frage ich?
Irgendwo da draußen,
ihre Dinge tuend, während ich die meinen.
Vielleicht ein wenig anders fühlend als vorher.
Vielleicht ein wenig anders überhaupt.

Wo sie sei, fragt man.
Und ich berichte mit bereitgedachten Sätzen,
die Ungenauigkeiten der Erzählung un-
bemerkt von mir, weil akzeptiert.
Raue Wege glättet das Vergessen.

Was war die Frage?

Nach dem Kästner von gestern heute dasselbe Thema: Trennung, Dazu der Schmerz darüber und dessen Nachlassen durch die Gnade des Vergessens. Eine Sybille gab’s übrigens nie, aber einige andere, deren Absenz eine schmerzliche Lücke hinterließ und weniger geglättete Wege (dieses Bild würde ich heute so nicht mehr verwenden), als ich damals schrieb.

Adventmail 2019/19 (Thema Gedichte)

Sachliche Romanze (Erich Kästner, 1928)

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Trennungen tun weh und machen immer auch etwas rat- und orientierungslos. Stimmig eingefangen hat dies der zu Unrecht v.a. für seine Kinderbücher bekannte Erich Kästner in diesem 1928 entstandenen, auch biographisch angeregten Gedicht.
Ich kannte es schon, als mich ein mir lieber Mensch daran erinnerte und auch auf die Vertonung durch den famosen Hermann van Veen aufmerksam machte. Da kommt Wehmut auf…

Adventmail 2019/18 (Thema Gedichte)

Interpretation eines Vierzeilers (Robert ME)

zeile1zeile1zeile1zeile1zeile1zeile1zeile1zeile1
Manche Gedichte sind derart verklausuliert,
zeile2zeile2zeile2zeile2zeile2zeile2zeile2zeile2
dass zwischen den Zeilen gelesen werden muss,
zeile3zeile3zeile3zeile3zeile3zeile3zeile3zeile3
um hinter ihren verborgenen Sinn zu kommen.
Zeile4zeile4zeile4zeile4zeile4zeile4zeile4zeile4

Was mich an Lyrik ja oft befremdete (als ich sie noch regelmäßig las), ist die Häufung von Elfenbeinturmsprache darin, von publikumsignoranter Hermetik und dem Gestus der Bedeutungsschwangerschaft. Darüber machte ich mich im obigen Gedicht ein wenig lustig. Und auch im unten stehenden:

Poetik (Robert ME)

Wen nes sch ona
mIn hal tma
nge lts oso llt
ewe nig ste
nsd ieF orm inO
rdn ung sei
n.

Adventmail 2019/17 (Thema Gedichte)

Stufen (Hermann Hesse)

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Dieses Gedicht von Hermann Hesse (von dem ich kaum Lyrik, sondern Romane las) widme ich meiner langjährigen Freundin und Ex-Schwiegermutter Christa, die im Sommer 2018 verstarb. Es wird nicht umsonst bei Begräbnissen oft zitiert, handelt es doch vom Loslassen, der Gelassenheit dabei und der Zuversicht, was Neubeginn betrifft. “Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft zu leben”: Das liest sich doch gut, nicht?

Adventmail 2019/16 (Thema Gedichte)

sendung des sohnes (Robert ME)

die verbotenen wälder
in unserer unbeirrten
doch irrenden zeit
bergen die gefahr
du könntest dich stoßen
an wurzeln an steinen im rund
es stimmt: sie tun not
willst du dein leben retten
zerstreu deine kühe
die saat wirf von dir
und lab dich an quellen
der feuersalamander
setz dich nicht aus
auf der lichtung
sieh dich vor und geh tiefer
dann streift dich
die eule des nachts im flug
du schweig
wenn du die wölfe heulen hörst
sei wachsam: du bleibst
nicht allein in den pochenden wäldern
so nimm meinen segen nimm abschied
und nimm deinen lauf
halt schritt durch das uns angestammte
du wirst schon erwartet
jetzt flieh!

Ich war schon Vater, als ich dieses Gedicht in den 1990ern schrieb. Der Bachmann‘sche Duktus ist geprägt von Zukunftspessimismus, der heute angesichts von „Fridays for Future“ fast prophetisch anmutet: Meine Generation schafft es nicht mehr, das Ruder herumzureißen. Es braucht Junge, die sich nicht blenden lassen von Scheinwerfer-Lichtungen und vom Heulen der Wölfe, die den Mut haben, in unerwünschte Bereiche vorzudringen und sich dabei von der Weisheit streifen zu lassen.
Doch ich will nicht selbst nicht den Kopf in den Sand stecken. „Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch“, dichtete Friedrich Hölderlin schon vor mehr als 200 Jahren.

Adventmail 2019/15 (Thema Gedichte)

Die allzu fröhlichen Mönche (Robert Gernhardt)

Die Riesentanne Theodor
stund justament vorm Klostertor.

»Auf«, sprach der Abt zu seinen Mannen,
»sie stört, wir tragen sie von dannen!«

»Das machen wir«, erscholl’s im Chor,
doch wer nicht wich, war Theodor.

Trotz allem Rickeln, Ruckeln, Rackeln
kam Theo nicht einmal ins Wackeln.

»Genug«, sprach Bruder Jobst verlegen,
»auf unserm Vorsatz liegt kein Segen.«

»Genau«, sprach auch der Abt gequält,
»Es soll nicht sein, die Sägen fehlt.«

Die Brüder schwiegen erst genant,
dann nahm ein Kichern Überhand.

Ein Kichern, das sie nicht verließ,
obwohl der Abt sie schweigen hieß.

Sie kicherten in einer Tour,
bis auch der Papst davon erfuhr.

»Was hör ich da?« sprach der erbost,
»Die Brüder sind wohl nicht bei Trost!

Das ist ja grad, als ob die Herren
statt Zister- Kicherzienser wären!«

Als unsre Mönche dieses hörten,
da kicherten sie nicht, sie röhrten.

Sie röhrten derart laut und lang,
daß es selbst Gott zu Ohren drang.

»Mein Gott«, rief der, »der Lärm empört mich,
das Rühren röhrt mich nicht, es stört mich!«

Kaum, daß er sich derart versprach,
als schon ein Riesenkrach losbrach.

Er stammte von der Brüder Schar,
die nun nicht mehr zu halten war.

Wildwiehernd zog die ganze Bande,
ein Bild des Schreckens, durch die Lande.

Und brüllte wohl noch heut’ herum,
wär sie nicht längst schon tot und stumm,

stumm, wie der Riese Theodor,
die Tonne vor dem Klostertor.

Äh – Tante. Tunte. Tinte. Titte –
doch was soll das Gelächter bitte?

Weh mir, welch greller Höllenchor
steigt aus der Erde Schoß hervor?

Mein Gott – es sind die braunen Brüder
und – Hummel hilf! – sie röhren wieder!

Es muss wohl auch in meine Studienzeit in Graz fallen, da ich auf Robert Gernhardt stieß. Ein humorbegabter Besucher meiner damaligen WG sorgte mit folgender Perle der Unsinnspoesie für Heiterkeit: “Eines Tags geschah es Kant,/ daß er keine Worte fand./ Stundenlang hielt er den Mund,/ und er schwieg, nicht ohne Grund./ Ihm fiel absolut nichts ein,/ drum ließ er das Reden sein./ Erst als man zum Essen rief,/ da wurd’ er wieder kreativ,/und er fand die schönen Worte:/ ‘Gibt es hinterher noch Torte?'”
Ich nahm das damals selber zum Anlass, mich auf Theologenfesten als Unsinnspoet zu versuchen. Es entstanden Zeilen hart an der Grenze zur Blasphemie. Oder hat Gott auch selbst gelacht? Was meint Ihr?: “Als Jesus nach Judäa kam, da wurden Blinde taub und lahm.”, “Kaum war Zacharias blind, bekam Elisabeth ein Kind” oder “Die Eva kocht’ so lang den Kürbis,/ bis er vollkommen weich und mürb is’./ Doch Adam schreit. Bei meinem Bart!/ Der Kürbis ist noch völlig hart!/ Man sieht’s an diesem Ehestreit:/ Der Sündenfall ist nicht mehr weit.

Adventmail 2019/14 (Thema Gedichte)

Magnificat 2.0 (Robert ME)

Maria was haben sie
zu wenig gestürzt
aus dir gemacht
die Mächtigen vom Thron
aus deinen Worten, die
zu viel ich bin
am Himmel kratzen
die Magd des Herrn
und doch flüstert
deine Mädchenstimme
erhöht die Niedrigen

Planänderung. Hier sollten heute eigentlich Epigramme von Angelus Silesius stehen, aber dann ist etwas Unvorhergesehenes passiert: Ich wachte noch vor 6 Uhr auf – und ich hatte einen lyrischen Einfall: Mir kam die Idee, das Magnificat, den umstürzlerischen Lobpreis Marias aus dem Lukasevangelium, mit feministisch inspirierter Kritik zu verschränken. Nämlich daran, dass dieser Hymnus gegenüber dem „Mir geschehe nach Deinem Willen“-Bild der stets gehorsam leidenden Gottesmutter ins Hintertreffen geriet. Noch im Bett ein Griff nach einem Notizblatt. Danach nicht mehr einschlafen können.
Ich hatte tags zuvor über ein feministisch-theologisches Symposion an der Uni Graz berichtet. Dort schrieb ich vor 35 Jahren eine Diplomarbeit über Maria von Nazareth. Mag sein, dass dies meine literarische Ader ins Fließen brachte, obwohl ich heute – offen gesagt – nicht sehr oft mariologische Gedanken spinne.
Mein Text ist noch zu frisch, als dass ich seine Qualität aus gebührender Distanz beurteilen könnte. Insofern mute ich euch eine Art Werkstattbericht zu. Mit für mich offenen Fragen wie: Soll ich die Magnificat-Zitate wirklich mit den Anfragen an Maria abwechseln lassen? Oder lieber beides in eigenen Absätzen bündeln? Hm… was meint Ihr?
Jedenfalls: Danke für deinen Musenkuss, Magnificatwoman, du Powerfrau im Himmel!

Ausschnitt aus Edvard Munchs berühmter “Madonna”

Adventmail 2019/13 (Thema Gedichte)

Gründe (Erich Fried)

„Weil das alles nicht hilft
Sie tun ja doch was sie wollen

Weil ich mir nicht nochmals
die Finger verbrennen will

Weil man nur lachen wird:
Auf dich haben sie gewartet

Und warum immer ich?
Keiner wird es mir danken

Weil da niemand mehr durchsieht
sondern höchstens noch mehr kaputtgeht

Weil jedes Schlechte
vielleicht auch sein Gutes hat

Weil es Sache des Standpunktes ist
und überhaupt wem soll man glauben?

Weil auch bei den andern nur
mit Wasser gekocht wird

Weil ich das lieber
Berufeneren überlasse

Weil man nie weiß
wie einem das schaden kann

Weil sich die Mühe nicht lohnt
weil sie das alle gar nicht wert sind“

Das sind Todesursachen
zu schreiben auf unsere Gräber

die nicht mehr gegraben werden
wenn das die Ursachen sind

Der Grazer Katholischen Hochschulgemeinde verdanke ich Einiges. Z.B. eine Begegnung mit Erich Fried – damals für mich Germanistikstudenten ein absoluter Hero. Ich erinnere mich noch, dass der damals etwa 60-Jährige eine allzu allegorisch-schwülstige Interpretation eines seiner Liebesgedichte zurückwies: Er sei halt verliebt gewesen, that‘s it.
Unprätentiös und ehrlich, ohne „lyrisches Getue“ sind Frieds Gedichte, und seine Neigung zu Klartext hat dem „Stören-Fried“ gerade für seine mehrheitlich politischen Texte oft Probleme eingetragen. Doch wie heißt es so schön in seinem berühmtesten Gedicht: „Es ist was es ist / sagt die Liebe“.