Adventmail 2019/17 (Thema Gedichte)

Stufen (Hermann Hesse)

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Dieses Gedicht von Hermann Hesse (von dem ich kaum Lyrik, sondern Romane las) widme ich meiner langjährigen Freundin und Ex-Schwiegermutter Christa, die im Sommer 2018 verstarb. Es wird nicht umsonst bei Begräbnissen oft zitiert, handelt es doch vom Loslassen, der Gelassenheit dabei und der Zuversicht, was Neubeginn betrifft. “Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft zu leben”: Das liest sich doch gut, nicht?

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