Adventmail 2020/07 (Krankheit)

An keiner Infektionskrankheit sterben in Europa so viele Menschen wie an Grippe. Aber das nur nebenbei. Ausgangspunkt soll heute die laut WHO häufigste Infektionskrankheit weltweit sein – Karies. 99 Prozent der Erwachsenen sind davon betroffen. Sie (Karies ist ein Femininum) ist eine Zivilisations- oder Wohlstandserkrankung; die beste Möglichkeit der Vorbeugung ist eine Beschränkung der Zuckeraufnahme, kombiniert mit täglich zweimaligem Zähneputzen mit fluoridhaltiger Creme.
In meiner Schulzeit wurden in den Klassen jahrelang Fluortabletten ausgeteilt. Um Karies vorzubeugen, hieß es. Davon ist man wieder abgekommen, denn – siehe da – die Tablettchen waren gar nicht so gesund wie angenommen. Langjährige hohe Fluorid-Aufnahme kann zu erhöhter Knochenbrüchigkeit führen, in hohen Dosen auch zu Nierenschäden.
1992, lange nach Ende meiner Schulzeit, richtete die damalige Grünen-Chefin Madeleine Petrovic eine parlamentarische Anfrage an Unterrichtsminister Rudolf Scholten zu der seit 1957 durchgeführten Fluortablettenaktion an Schulen. „Manche verantwortungsbewusste LehrerInnen fühlen sich für die tägliche Medikamentenabgabe an Schulkinder weder fachlich noch rechtlich kompetent und ‚entsorgen‘ die ihnen von den Schulbehörden aufgedrängten Fluortabletten über die Toilette oder die Sondermülldeponie“, hieß es darin. Die Steirer waren zu diesem Zeitpunkt schon seit 19 Jahren ausgestiegen, aus sachlichen und rechtlichen Gründen, wie es hieß. Die Grünen zitierten eine Grazer Studie, wonach Karies bei Volksschülern während der Fluortablettenaktion (1957-1973) „objektiv zugenommen (statt abgenommen)“ hatte.
1994 wurde die Ausgabe an den Schulen aller österreichischen Bundesländer eingestellt. Gut gemeint ist manchmal das Gegenteil von gut. So war das auch bei „Sanostol“, das ich als Kind verabreicht bekam. Viel zu viel Vitamin A drin, befand die Stiftung Warentest bei einem Vergleich von 23 Vitaminpräparaten und warnte vor Hypervitaminose, die auch bei zu viel Lebertran droht.
Karies war übrigens ein Dauerthema meiner Jugendzeit. In meiner zweiten Lebenshälfte, mit zunehmend ausgewogener Ernährung, hatte ich damit kaum mehr Probleme.

Adventmail 2020/06 (Krankheit)

Heute ein Nachtrag zum heuer vernachlässigten Krampus, dem unflätigen Nikolo-Begleiter.
„Wer guad pfoazt, braucht kan Oazt“, hieß es in der Steiermark. In Wikipedia gibt es einen ausführlichen Beitrag zum Flatus, wie der Darmwind wissenschaftlich heißt, auch Furz genannt oder Pups, Pimpf, bayerisch Schoaß, österr. Schas – Ausdrücke, „die zum Teil als vulgär empfunden werden“. Sogar ein Tonbeispiel findet sich im Internetlexikon, alle Achtung.
Ungeachtet der tröstlichen steirischen Volksweisheit gelten Fürze als peinlich, sind dadurch potenzielle Heiterkeitsquellen („…da lässt der Vater einen krachen. / Ei, wie da die Kinder lachen! / So kann man auch mit kleinen Sachen / Kindern große Freude machen.“). Windenergie aus dem Gedärm ist jedenfalls ein normales Ergebnis der Verdauungsvorgänge von höheren vielzelligen Tieren, darunter auch Goldfische, Frösche, Pythonschlangen und so gut wie alle Säugetiere. Mag also sein, dass auch ZiB-Redakteuren beim Moderieren, der Queen bei Adelsempfängen oder dem Papst beim Niederknien vor dem Altar schon einmal einer entfleucht ist. Derlei kann durchaus für Belustigung sorgen. Nach Ansicht von Ärzten gelten 24 Gasabgänge in 24 Stunden als normal, erst eine höhere Quote würde als Flatulenz bezeichnet. Erfolgversprechend behandelt wird sie laut einer deutschen „Beobachtungsstudie“ mit einer Pflanzenkombination aus Myrrhe und Kamille plus Kaffeekohle. Auch Bauchmassagen und Wärmflaschen seien hilfreich.
Problematischer als menschliche Gasabsonderungen sind jene der Wiederkäuer: Nach FAO-Schätzungen sind sie die Verursacher von 18 % der anthropogenen Treibhausgasemissionen, 65 % der Lachgasemissionen, 37 % der Methanemissionen und 9 % der Kohlenstoffdioxid-Emissionen. Also bitte: weniger Fleisch essen, allerdings auch Blähendes wie Vollkornbrot, Hülsenfrüchte oder Zwiebeln meiden.
Das Thema ist auch kulturrelevant: Es gab/gibt Kunstfurzer, die durch gezieltes Spannen des Darmschließmuskels die Tonhöhe der Abwinde modulieren. Berühmtheit erlangte der Franzose Joseph Pujol (1857-1945), der unter dem Künstlernamen Le Pétomane (von frz.: le pet „der Furz“) u.a. im Pariser Moulin Rouge auftrat und dort etwa die Marseillaise oder das Kinderlied „Au clair de la lune“ intonierte. Pujol, dessen Leben mehrfach verfilmt wurde, soll die Fähigkeit gehabt haben, via Anus Luft einzusaugen und damit Geräusche und Töne zu produzieren. Ob er auf seinen Tourneen an den Hotelrezeptionen gleich mal einen Koffer abgestellt hat?

Fürze kann man angeblich auch entzünden. Ich habs noch nicht probiert

Adventmail 2020/05 (Krankheit)

Apropos Spanische Grippe: Krankheiten wurden und werden gerne geographisch verortet. Es gab die „Englische Krankheit“, eine meist mit Vitamin-D-Mangel verbundene Erkrankung des wachsenden Knochens und Desorganisation der Wachstumsfugen bei Kindern, die früher mit Lebertran behandelt wurde. Die „Franzosenkrankheit“ ist die Lustseuche Syphilis, eine chronische Infektionskrankheit, die sich in vielfältigem Haut- und Organbefall äußert. Nochmal zurück über den Ärmelkanal: Der „Englische Schweiß“ trat im 15. und 16. Jht. in fünf Seuchenwellen hauptsächlich in England auf und tötete die stark schwitzenden Infizierten innerhalb weniger Stunden. Ursache unbekannt.
Neueren Datums ist das infektiöse Marburgfieber, das jedoch nicht aus Deutschland oder Slowenien stammt, sondern von einer in Afrika und Europa heimischen Fledermausart ausging. Das Trump’sche „Chinese Virus“ wurde zwar erstmals im Dezember 2019 in Wuhan beschrieben, der Ursprung ist aber noch nicht wirklich geklärt, offenbar waren auch hier Fledermäuse der Ursprung.
Als Angehöriger des wilden Bergvolkes hinter dem Semmering wende ich mich noch kurz dem „Steirischen Kropf“ zu. Wobei ich in den meinen ersten 25 Lebensjahren, die ich dort verbrachte, nie einen großkropferten Steirer sah, höchstens manch großkopferte.
1748 war das offenbar noch anders: „So ansprechend das Land in seiner Rauheit ist, so wild, entstellt und monströs sind die Bewohner in ihrer Erscheinung. Sehr viele von ihnen haben hässliche, geschwollene Hälse. Kretins und Taubstumme tummeln sich in jedem Dorf herum“, schrieb der schottische Philosoph und Diplomat David Hume damals aus Knittelfeld in seine Heimat, als er auf seiner Reise von Wien nach Turin ein paar Tage im oberen Murtal verbrachte. Der Anblick der Leute erschien ihm als „der schockierendste, den ich jemals gesehen habe“.

Eine “Struma” als die tastbare, sichtbare und mess-
bare Vergrößerung der im Hals befindlichen Schild-
drüse wird auch Kropf genannt (veraltet: Satthals)

Jodmangel war der Grund für die Verunstaltung vieler Alpenländler, nicht nur der Steirer. Erst 1892/93 forschte der spätere Nobelpreisträger Julius Wagner-Jauregg nach Ursachen und Heilungsmöglichkeiten für diese Struma genannte Schilddrüsenkrankheit und behandelte kretinöse Kinder erfolgreich mit jodhaltigen Tabletten.
Und wem diese Geschichte zu wenig süß ist, sage ich nur eins: Steirabluad is ka Himbeasoft!

Adventmail 2020/04 (Krankheit)

Gegen die Spanische Grippe der Jahre 1918 bis 1920 ist die Covid-19-Pandemie trotz der gegenwärtigen Todeszahlen „a Lapperl“, wie man in Ostösterreich zu einer Lappalie sagen würde. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg, der 17 Millionen Todesopfer forderte, brach über die Welt eine weitere Katastrophe herein. Durch die drei Wellen dieser Influenza-Pandemie starben bei einer Weltbevölkerung von damals etwa 1,8 Milliarden zwischen 20 und 50 Millionen Menschen. Anders als bei Covid-19 waren davon vor allem 20- bis 40-Jährige betroffen, die Sterblichkeitsrate der Infizierten lag bei 5 bis 10 Prozent. Andere Influenza-Pandemien weisen eine Letalität unter 0,1 Prozent auf.
Unter den prominenten Opfern waren Max Weber, Egon Schiele, Sigmund Freuds Tochter Sophie, der schwedische Prinz Erik Gustaf, Rose, die Schwester von US-Präsident Grover Cleveland, Mehmed V., das Oberhaupt des Osmanischen Reiches und Frederick Trump, der Großvater von Donald Trump, der das Covid-19-Virus gerne als „Chinese Virus“ bezeichnet.
Bei der Spanischen Grippe wurde zunächst tatsächlich China als Ausgangspunkt vermutet. In Harbin war im Oktober 1910 eine Epidemie ausgebrochen, deren Symptome jenen der Spanischen Grippe ähnelten. Heute gelten die USA als der wahrscheinlichste Ausgangspunkt. Im Jänner 1918 kam es dort zu den ersten virulenten Grippeausbrüchen, durch Truppenbewegungen im Zuge des Weltkriegs breitete sich die Pandemie weltweit aus.
In New York stellte man übrigens das Spucken auf der Straße unter Strafe, um Ansteckungen vorzubeugen. Etwa 500 Personen wurden verhaftet, weil sie dagegen verstießen.

(von gestern noch aufzuklären: Zipperlein = Urikopathie bzw. Gicht, Rotlauf = Neurodermitis, Gürtelrose und andere Hautausschläge, Nervenfieber = Typhus oder Dysenterie, Fallsucht = Epilepsie, Gallsucht = Ikterus bzw. Gelbsucht)

Adventmail 2020/03 (Krankheit)

Krankheit hat viele Ursachen, und für das deutsche „krank“ gibt es viele Wörter mit unterschiedlichen Wortstämmen. Im Englischen sind das „sick“ und „ill“, ganz andere Wurzeln hat das französische „malade“ oder das spanische „enfermo“.
Das Wort „krank“ hieß im Althochdeutschen, also vor 1.300 Jahren, schon so und bedeutete „hinfällig, schwach“. Aber erst nach der mittelhochdeutschen Zeit (zwischen 1050 und 1350) ersetzte „krank“ das bis dahin vorherrschende „siech“ mit derselben Bedeutung. Das wiederum hat dieselbe Herkunft wie engl. „sick“. Dagegen kommt „ill“ wohl vom Altnordischen “illr” (evil, difficult).
Im Österreichischen ist manchmal noch das etwas aus der Mode gekommene „marod“ zu hören, mit der Bedeutung: nicht ernsthaft krank, aber doch etwas. Dieses Wort geht wohl auf frz. „maraud“ (Lump, umherziehender Bettler) und den Dreißigjährigen Krieg zurück, als hinter der Truppe zurückgebliebene Soldaten als „marodierende“ Räuber und Plünderer berüchtigt waren. Ebenfalls unüblich geworden ist „unpässlich“; es kommt von „passen“ = angemessen, gelegen sein, und wird wohl nur mehr von LeserInnen von Literatur aus dem 19. Jht. scherzhaft verwendet, um Unwohlsein auszudrücken. Oder: keine Lust auf Sex.
Lateinischen Ursprungs ist „malade“, es ist hervorgegangen aus „male habitus“, das wörtlich „schlecht gehalten“ bedeutet. Gleiches gilt für „enfermo“, das auf lat. „infirmus“ („schwach, kraftlos“) zurückgeht.
Das längst nicht mehr lebendige Latein beherrscht weiterhin die Medizin, ja, mit deren Wissenschaftswerdung hat sich das sogar noch verstärkt und historische Krankheitsbezeichnungen* wie Zipperlein, Rotlauf, Nervenfieber, Fallsucht oder Gallsucht finden sich fast nur mehr in alten Romanen.

*damit Ihr das nicht alles googeln müsst, gibt’s morgen eine Fußnote mit den „Auflösungen“

Adventmail 2020/02 (Krankheit)

Ich rufe meine Mutter (83) an, um mich bei ihr über ihr Wohlbefinden und meine Kinderkrankheiten zu erkundigen. Typisch für sie: Noch bevor ich dazu eine Frage stellen kann oder über „Hallo, wie geht’s?“ hinauskomme, erfahre ich von einem Blutgerinnsel in ihrem Kopf und einem Knoten in ihrer Brust (wobei sich beides als harmlos herausgestellt habe und sie „pumperlg’sund“ sei), über ihre jüngsten Mahlzeiten und dass sie erstmal den Fernseher leiser stellen muss, weiters, dass sie von ihrer Schwester Hilde zum Essen eingeladen wurde, dass Tante Resi (87) immer verwirrter wird und es der ältesten Schwester Maria (88) wohl am besten von allen geht.
Ja, Masern und Schafblattern hätte ich wohl gehabt, meint sie, als meine Frage zu ihr durchdringt, aber insgesamt sei ich als Kind wenig krank gewesen. Und ich bekomme noch Zusatzinfo über meine Mandeloperation und das gebrochene Schlüsselbein als Vorschulkind, ihren Enkerln möchte sie ein Weihnachtsbrieferl nach Wien senden, das Wetter sei in Kapfenberg auch so schlecht und es ärgere sie immer noch, dass die freche Tochter meiner Pflegeeltern (meine Mutter war berufstätige Alleinerzieherin) ca. 1962 über mein von ihr gestopftes Wevenit-Hoserl meinte, es sei unpassend für einen Friedhofbesuch. Gefühlte Redezeit nach fünf Minuten: sie 280, ich 20 Sekunden… „Schön, dass d‘ ang’rufen hast.“
Meine Mutter Franziska ist das fünfte von neun Kindern, die meine Großmutter zwischen 1932 und 1944 bekam. Alle sieben Schwestern und zwei Brüder leben noch. Gute Gene scheine ich auf von der Vaterseite mitbekommen zu haben. Mein Vater Rudolf ist 79 und der jüngste von vier Geschwistern; die beiden ältesten sind an die 90 und leben noch, der dritte verstarb im Vorjahr 83-jährig.
Solcherart mit steirischem Erbgut bestens ausgestattet, sollte ich also – wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht – älter werden als die mir als 61-Jährigem laut Statistik Austria noch zustehenden 22,5 Jahre. Dann werde ist – erneut statistisch gesehen – an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung sterben, wie jeder zweite der im Vorjahr verblichenen 40.700 Männer in Österreich. Oder an Krebs, der zweithäufigsten Todesursache im fortgeschrittenen Alter. Unwahrscheinlich ist, dass ich durch Selbstmord sterbe (57 Fälle von Über-80-jährigen im Jahr 2019), an einem Autounfall (17) oder dass ich ertrinke (2 Fälle).
Gute Aussichten also auf weitere 20 Adventmailserien.

Adventmail 2020/01 (Krankheit)

Markus Augustin (1643-1685) war im Wien der Barockzeit so etwas wie eine Mischung aus Mundl, Helmut Qualtinger und Wolfgang Ambros. Ein Wiener Original. Sangesfreudig, humorvoll, trinkfest. Seine Legende ist bekannt: 1679, während der großen Pestepidemie, wurde der stockbesoffene Augustin für tot gehalten und zusammen mit Pestleichen in ein offenes Massengrab geworfen. Am folgenden Tag erwachte er und machte sich mit Musik bemerkbar, bis Retter ihn aus der Grube zogen. Er und seine Ballade „O du lieber Augustin“ mit den Zeilen „Jeder Tag war ein Fest, / Und was jetzt? Pest, die Pest! / Nur ein groß’ Leichenfest, / Das ist der Rest“ gelten bis heute als Inbegriff dafür, dass man mit Humor alles überstehen kann.

Augustinbrunnen in Wien-Neubau erinnertr an den Bänkelsänger und Sackpfeifer des 17. Jht.s

Die wundersame Rettung aus der Pestgrube erwähnte auch der aus Schwaben zuag‘raste kaiserliche Hofprediger Abraham a Sancta Clara (1644-1709), freilich, um vor Trunksucht zu warnen. Der Ordenspriester verbrachte die elfmonatige Pestepidemie in geschützter Isolation im Haus eines adeligen Wiener Gönners, und er war nicht nur Spaßbremse, sondern auch Antisemit genug, um neben Hexen auch die Juden für die Seuche verantwortlich zu machen. Dass es zu dieser Zeit infolge von Vertreibungen gar keine Juden in Wien gab, focht ihn nicht an.
Wien erlebte in der Neuzeit zahlreiche Ausbrüche des von Flöhen übertragenen „schwarzen Todes“, den schwersten 1679, als mindestens ein Fünftel der damals 70.000 Einwohner starben, nicht zuletzt wegen beengter Wohnverhältnisse und mangelnder Hygiene: Die Bedrohung durch die Osmanen ließ viele Menschen Schutz in der befestigten Innenstadt suchen. Auf engem Raum wurde hier Vieh gehalten und geschlachtet, Müll einfach auf die Straße gekippt; Gewerbebetriebe wie Gerbereien sorgten für verunreinigte Hausbrunnen.
Allen Warnungen des Leibarztes der Kaiserinwitwe, Uni-Rektor Paul de Sorbait, zum Trotz wurden im Frühsommer 1679 noch große Volksaufläufe durchgeführt (Demonstrationen von Pest-Leugnern sind keine überliefert). Ab Juli kam es zu Tausenden Todesfällen, die Kaiserfamilie floh aus der Stadt. In den Gassen Wiens lagen oft tagelang Tote umher, die von dazu gezwungenen Häftlingen dann zu Hunderten in Gruben vor den Stadtmauern geworfen und mit Kalk übergossen wurden.
Erst die kalte Jahreszeit gebot der Epidemie Einhalt. Im April 1680 forderte sie die letzten Opfer. Im Juni wurde am Wiener Graben bei einer Dankfeier eine hölzerne Dreifaltigkeitssäule enthüllt, die 1687 durch die noch heute als „Pestsäule” bezeichnete Marmorsäule ersetzt wurde. Im Zuge der Corona-Krise wurde sie wieder zu einem Ort im Herzen der Stadt, wo mit der Bitte um einen glimpflichen Ausgang der Pandemie zahlreiche Kerzen, Kinderzeichnungen und Gebetstexte niedergelegt wurden.

Adventmails 2020 (Ankündigung)

Liebe AdventmailbezieherInnen, ich hab einmal halb blödelnd gesagt, dass ich als 1959 Geborener eigentlich nie unmittelbar mit Ereignissen zu tun hatte, die Geschichte schrieben. Mondlandung, Mauerfall oder Nine Eleven erlebte ich nur via TV. Seit heuer ist das anders – 2020 wird als Pandemie-Jahr unvergesslich bleiben, und wir alle waren/sind auch ohne Infektion hautnah davon betroffen.
Somit lag es nahe für mich, das auch zum Thema meiner diesjährigen Adventreihe zu machen. Aber keine Angst: Um COVID-19 soll es bestenfalls am Rande gehen, das beschäftigt mich beruflich schon genug. Nein, ich möchte das breiter angehen. Krank, gesund und alles, was dazwischen liegt, soll mein Thema sein. Und dies auch nicht nur schwarzmalerisch und todernst, sondern unterhaltsam Horizont erweiternd und mit einem kräftigen Schuss Humor. Wie ich meine Adventmails halt auch in den Vorjahren anlegen wollte.
Ich wünsche euch ab 1. Dezember 24 vergnügliche Aha-Erlebnisse. Mögt Ihr dieses schreckliche Jahr (über das ich mal gescherzt hab: „Wenn jetzt noch ein Hämorrhoiden-Schwarm auf uns zukommt, wird’s echt ein Anus horribilis.“) gesundheitlich, sozial und wirtschaftlich bestmöglich überstehen!
Robert

Adventmail 2019/24 (Thema Gedichte)

Dem tau auf der spur (Robert ME)

ich baum

hol mir das wasser

nicht nur aus der erde

und nachts

wenn keiner mich sieht

wandre ich mondwärts

dem tau auf der spur

Ich bin keiner, der sein Christentum, seine Spiritualität vor sich herträgt. Und ehrlich, vieles vom traditionell Kirchlichen ist mir zu betulich und auch zu langweilig, zu viel Besitzstandsicherung und zu wenig Aufbruch, dem ein Zauber innewohnt. Aber andererseits genügen die Oberfläch- und Vergänglichkeiten dieser Welt doch nicht. Gott ist mein Zeuge: Es muss doch mehr als (das) alles geben.

Ich wünsche Euch alles – naja, möglichst viel davon – zu Weihnachten und im kommenden Jahr. Und ich danke für die vielen netten Feedbacks auf meine diesjährige Adventserie.

Adventmail 2019/23 (Thema Gedichte)

Wenn ich ganz still bin (Dorothee Sölle)

Wenn ich ganz still bin
kann ich von meinem bett aus
das meer rauschen hören
es genügt aber nicht ganz still zu sein
ich muss auch meine gedanken vom land abziehen

Es genügt nicht die gedanken vom festland abzuziehen
ich muss auch das atmen dem meer anpassen
weil ich beim einatmen weniger höre

Es genügt nicht den atem dem meer anzupassen
ich muss auch händen und füßen die ungeduld nehmen

Es genügt nicht hände und füße zu besänftigen
ich muss auch die bilder von mir weggeben

es genügt nicht die bilder wegzugeben
ich muss auch das müssen lassen

Es genügt nicht das müssen zu lassen
solange ich das ich nicht verlasse

Es genügt nicht das ich zu lassen
ich lerne das fallen

Es genügt nicht zu fallen
aber während ich falle
und mir entsinke
höre ich auf
das meer zu suchen
weil das meer nun
von der küste heraufgekommen
und in mein zimmer getreten
um mich ist

Wenn ich ganz still bin

Die große evangelische Theologin Dorothee Sölle (1929-2003; mir fällt gerade auf, dass sie das vierte theologisch ausgebildete Mitglied der protestantischen Kirchen in meiner Sammlung ist) habe ich als Theologiestudent bei einer Gastvorlesung erlebt. Es war die Zeit der großen Friedensdemos im Zuge der NATO-Nachrüstung, und kaum jemand stand damals so glaubhaft, so überzeugend für die Verquickung von Mystik und Politik wie die deutsche Dichterin und Friedensaktivistin. In „Wenn ich ganz still bin“ beschreibt sie einen Vorgang, der den Kern von Spiritualität bildet: Loslassen, Hingabe, Einswerden mit dem Lebendigen – und daraus nicht unverändert hervorgehen.