Adventmail 2020/02 (Krankheit)

Ich rufe meine Mutter (83) an, um mich bei ihr über ihr Wohlbefinden und meine Kinderkrankheiten zu erkundigen. Typisch für sie: Noch bevor ich dazu eine Frage stellen kann oder über „Hallo, wie geht’s?“ hinauskomme, erfahre ich von einem Blutgerinnsel in ihrem Kopf und einem Knoten in ihrer Brust (wobei sich beides als harmlos herausgestellt habe und sie „pumperlg’sund“ sei), über ihre jüngsten Mahlzeiten und dass sie erstmal den Fernseher leiser stellen muss, weiters, dass sie von ihrer Schwester Hilde zum Essen eingeladen wurde, dass Tante Resi (87) immer verwirrter wird und es der ältesten Schwester Maria (88) wohl am besten von allen geht.
Ja, Masern und Schafblattern hätte ich wohl gehabt, meint sie, als meine Frage zu ihr durchdringt, aber insgesamt sei ich als Kind wenig krank gewesen. Und ich bekomme noch Zusatzinfo über meine Mandeloperation und das gebrochene Schlüsselbein als Vorschulkind, ihren Enkerln möchte sie ein Weihnachtsbrieferl nach Wien senden, das Wetter sei in Kapfenberg auch so schlecht und es ärgere sie immer noch, dass die freche Tochter meiner Pflegeeltern (meine Mutter war berufstätige Alleinerzieherin) ca. 1962 über mein von ihr gestopftes Wevenit-Hoserl meinte, es sei unpassend für einen Friedhofbesuch. Gefühlte Redezeit nach fünf Minuten: sie 280, ich 20 Sekunden… „Schön, dass d‘ ang’rufen hast.“
Meine Mutter Franziska ist das fünfte von neun Kindern, die meine Großmutter zwischen 1932 und 1944 bekam. Alle sieben Schwestern und zwei Brüder leben noch. Gute Gene scheine ich auf von der Vaterseite mitbekommen zu haben. Mein Vater Rudolf ist 79 und der jüngste von vier Geschwistern; die beiden ältesten sind an die 90 und leben noch, der dritte verstarb im Vorjahr 83-jährig.
Solcherart mit steirischem Erbgut bestens ausgestattet, sollte ich also – wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht – älter werden als die mir als 61-Jährigem laut Statistik Austria noch zustehenden 22,5 Jahre. Dann werde ist – erneut statistisch gesehen – an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung sterben, wie jeder zweite der im Vorjahr verblichenen 40.700 Männer in Österreich. Oder an Krebs, der zweithäufigsten Todesursache im fortgeschrittenen Alter. Unwahrscheinlich ist, dass ich durch Selbstmord sterbe (57 Fälle von Über-80-jährigen im Jahr 2019), an einem Autounfall (17) oder dass ich ertrinke (2 Fälle).
Gute Aussichten also auf weitere 20 Adventmailserien.

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