Adventmail 2020/01 (Krankheit)

Markus Augustin (1643-1685) war im Wien der Barockzeit so etwas wie eine Mischung aus Mundl, Helmut Qualtinger und Wolfgang Ambros. Ein Wiener Original. Sangesfreudig, humorvoll, trinkfest. Seine Legende ist bekannt: 1679, während der großen Pestepidemie, wurde der stockbesoffene Augustin für tot gehalten und zusammen mit Pestleichen in ein offenes Massengrab geworfen. Am folgenden Tag erwachte er und machte sich mit Musik bemerkbar, bis Retter ihn aus der Grube zogen. Er und seine Ballade „O du lieber Augustin“ mit den Zeilen „Jeder Tag war ein Fest, / Und was jetzt? Pest, die Pest! / Nur ein groß’ Leichenfest, / Das ist der Rest“ gelten bis heute als Inbegriff dafür, dass man mit Humor alles überstehen kann.

Augustinbrunnen in Wien-Neubau erinnertr an den Bänkelsänger und Sackpfeifer des 17. Jht.s

Die wundersame Rettung aus der Pestgrube erwähnte auch der aus Schwaben zuag‘raste kaiserliche Hofprediger Abraham a Sancta Clara (1644-1709), freilich, um vor Trunksucht zu warnen. Der Ordenspriester verbrachte die elfmonatige Pestepidemie in geschützter Isolation im Haus eines adeligen Wiener Gönners, und er war nicht nur Spaßbremse, sondern auch Antisemit genug, um neben Hexen auch die Juden für die Seuche verantwortlich zu machen. Dass es zu dieser Zeit infolge von Vertreibungen gar keine Juden in Wien gab, focht ihn nicht an.
Wien erlebte in der Neuzeit zahlreiche Ausbrüche des von Flöhen übertragenen „schwarzen Todes“, den schwersten 1679, als mindestens ein Fünftel der damals 70.000 Einwohner starben, nicht zuletzt wegen beengter Wohnverhältnisse und mangelnder Hygiene: Die Bedrohung durch die Osmanen ließ viele Menschen Schutz in der befestigten Innenstadt suchen. Auf engem Raum wurde hier Vieh gehalten und geschlachtet, Müll einfach auf die Straße gekippt; Gewerbebetriebe wie Gerbereien sorgten für verunreinigte Hausbrunnen.
Allen Warnungen des Leibarztes der Kaiserinwitwe, Uni-Rektor Paul de Sorbait, zum Trotz wurden im Frühsommer 1679 noch große Volksaufläufe durchgeführt (Demonstrationen von Pest-Leugnern sind keine überliefert). Ab Juli kam es zu Tausenden Todesfällen, die Kaiserfamilie floh aus der Stadt. In den Gassen Wiens lagen oft tagelang Tote umher, die von dazu gezwungenen Häftlingen dann zu Hunderten in Gruben vor den Stadtmauern geworfen und mit Kalk übergossen wurden.
Erst die kalte Jahreszeit gebot der Epidemie Einhalt. Im April 1680 forderte sie die letzten Opfer. Im Juni wurde am Wiener Graben bei einer Dankfeier eine hölzerne Dreifaltigkeitssäule enthüllt, die 1687 durch die noch heute als „Pestsäule” bezeichnete Marmorsäule ersetzt wurde. Im Zuge der Corona-Krise wurde sie wieder zu einem Ort im Herzen der Stadt, wo mit der Bitte um einen glimpflichen Ausgang der Pandemie zahlreiche Kerzen, Kinderzeichnungen und Gebetstexte niedergelegt wurden.

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