Wenn ich ganz still bin (Dorothee Sölle)
Wenn ich ganz still bin
kann ich von meinem bett aus
das meer rauschen hören
es genügt aber nicht ganz still zu sein
ich muss auch meine gedanken vom land abziehen
Es genügt nicht die gedanken vom festland abzuziehen
ich muss auch das atmen dem meer anpassen
weil ich beim einatmen weniger höre
Es genügt nicht den atem dem meer anzupassen
ich muss auch händen und füßen die ungeduld nehmen
Es genügt nicht hände und füße zu besänftigen
ich muss auch die bilder von mir weggeben
es genügt nicht die bilder wegzugeben
ich muss auch das müssen lassen
Es genügt nicht das müssen zu lassen
solange ich das ich nicht verlasse
Es genügt nicht das ich zu lassen
ich lerne das fallen
Es genügt nicht zu fallen
aber während ich falle
und mir entsinke
höre ich auf
das meer zu suchen
weil das meer nun
von der küste heraufgekommen
und in mein zimmer getreten
um mich ist
Wenn ich ganz still bin
Die große evangelische Theologin Dorothee Sölle (1929-2003; mir fällt gerade auf, dass sie das vierte theologisch ausgebildete Mitglied der protestantischen Kirchen in meiner Sammlung ist) habe ich als Theologiestudent bei einer Gastvorlesung erlebt. Es war die Zeit der großen Friedensdemos im Zuge der NATO-Nachrüstung, und kaum jemand stand damals so glaubhaft, so überzeugend für die Verquickung von Mystik und Politik wie die deutsche Dichterin und Friedensaktivistin. In „Wenn ich ganz still bin“ beschreibt sie einen Vorgang, der den Kern von Spiritualität bildet: Loslassen, Hingabe, Einswerden mit dem Lebendigen – und daraus nicht unverändert hervorgehen.