Tonio Schachinger, Echtzeitalter, Rowohlt 2023 *****

Manche Bücher lesen sich schnell – entweder weil sie an viele eigene Erfahrungen anknüpfen oder einfach gute Literatur sind. Tonio Schachingers „Echtzeitalter“ bietet beides.
Es geht um Till Kokorda und seine Schülerjahre im – dem Therasianum nachempfundenen – Elitegymnasium Marianum. Dort gerät er unter die strenge Fuchtel des Deutsch und Französisch unterrichtenden Klassenvorstand Dolinar, verliert den Vater durch dessen Krebstod, verfällt sukzessive dem Echtzeitstrategie-Computerspiel (AOE/Age of Empire 2), schließt in der Oberstufe Freundschaft mit Fina – und Feli, in die er sich erst heimlich, dann deklariert und erfolgreich verliebt, während er erwachsen wird.
Eine Coming-of-Age-Geschichte also, in einem Ambiente, das mit Bildungsdünkel und teils schwarzer Pädagogik auf eines von drei Studien vorbereitet – Jus, Wirtschaft oder Medizin. Und das vor dem Hintergrund von bekannt Wienerischem wie Karlsplatz, Café Alt Wien oder Ellmayer sowie von zeitnahen Ereignissen wie dem Ibiza-Skandal, der Kanzlerschaft von Kurz oder der Pandemie, die Till die Hürde Matura schließlich leicht nehmen lässt.
Schachinger, geboren in Neu-Delhi als Spross eines österreichischen Diplomaten und einer Künstlerin mexikanisch-ecuadorianischer Herkunft, verarbeitet in seinem 2023 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman viel Biografisches. Und er macht das geistreich, humorvoll, unterhaltsam, mit einer ihm schon für seinen Debütroman von der Buchpreis-Jury attestierten „rotzigen, witzigen und originellen“ Erzählerstimme. Gut, Internet-Gaming interessiert mich nicht wirklich, auch meine Tetris- und Gran-Turismo-Phase liegen lang zurück, aber Schachinger macht die Faszination eines Identität suchenden und zum autogrammbegehrten Nerd-Star werdenden Teenagers dafür plausibel. Der „Standard“ lobte den Autor für ein Buch, „das Pointen schleudern und zugleich seine Figuren psychologisch schlüssig reifen lassen kann“. Gut gesagt.

Jon Fosse, Ein Leuchten, Rowohlt 2023 ***

1.) Literaturnobelpreisträger aus Norwegen, 2.) meine Frau fand dieses Büchlein auf ihrer leseintensiven Reha „meditativ“ und interessant – zwei gute Gründe, um „Ein Leuchten“ von meinem Jahrgangskollegen (1959) Jon Fosse zur Hand zu nehmen.
Der Inhalt des 70-Seiten-Bändchens ist schnell erzählt: Ein namenloser Mann setzt sich ins Auto und beginnt draufloszufahren, ohne konkretes Ziel biegt er mal rechts, mal links ab. Landet schließlich am Ende eines Waldweges, kann nicht mehr wenden. Es wird Nacht, es beginnt zu schneien, doch anstatt Hilfe zu holen, steigt der Mann aus und dringt immer tiefer vor in die Dunkelheit, bis er sich verirrt. Müde und frierend begegnen ihm der Reihe nach ein leuchtendes Wesen, seine Eltern und ein barfuß gehender Mann in Schwarz – allesamt nicht wirklich (be)greifbar.
Hat hier einer, der die Zivilisation in Richtung Natur verlässt, Visionen voll Symbolik und Mystik? Eine Nahtod-Erfahrung? Wer es fossen kann, der fosse es. „Nur das Mysterium des Glaubens zählt, und dass du versuchst, Teil davon zu sein“, zitierte ein von mir 2024 bearbeiteter Kathpress-Artikel den Norweger mit Zweitwohnsitz Hainburg. Und die KNA-Kollegen zitierten Fosse mit: „… für mich ist das Schreiben die ehrlichste Art, ein Gebet zum Ausdruck zu bringen“.
Für SZ-Rezensentin Sigrid Löffler bleibt Fosse allzu sehr im Ungefähren, stilistisch „im Zeichen des Irgendwie“. Löfflers erster Verdacht, der Autor „verulke“ mit seinem Buch einen Nahtod-Bericht der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross, bestätige sich nicht. Denn: „Fosse hat keinen Humor.“
Nun, ich fand den ohne jeden Absatz heruntergeschriebenen, mit stilistischen Eigenheiten und mit Wiederholungen gespickten Text nicht unspannend – auch wenn das Ende etwas abrupt wirkt und nichts „auflöst“. Dieses Ende kommt ja recht bald. Wie gesagt: 70 Seiten, für die der Verlag im Hartcover 22 Euro verlangt.

Louise Erdrich, Jahr der Wunder, Verlag Aufbau 2023 **

Es gibt Bücher, da findet man – da finde ich – nicht rein. Das bedeutet zwar allabendliche Lektüre vorm Einschlafen, aber auch: nach ein paar Seiten müde werden und am nächsten Tag nicht mehr genau wissen, wer wie was.
„Jahr der Wunder“ von der US-Amerikanerin mit deutschen und indigenen Wurzeln, Louise Erdrich, war so ein Buch. Dabei ist sie Pullitzer-Preisträgerin (für „The Night Watchman“/“Der Nachtwächter“ 2021) und las wie ich die Indianerbücher Karl Mays, die ihr der Vater Ralph Erdrich, tätig in einem Büro für Indianerfragen, empfahl.
Um die in den USA ähnlich wie Afroamerikaner benachteiligten Indigenen geht es auch in „The Sentence“, wie der „unterhaltsame Geisterroman“ (taz) im Original heißt – also „Satz“, aber auch „Strafe“. Letztere fasst die Hauptfigur Tookie für einen missglückten Freundschaftsdienst aus, nach zehn Jahren leseintensiver Haft wird sie Buchhändlerin in einem Laden, den es in Minneapolis wirklich gibt, gegründet von Louise Erdrich. Außer um Tookies Kolleginnen und diverse (schräge) Kund:innen geht es auch um ihren Mann Pollux, um dessen Tochter Hetta und deren Baby Jarvis.
Zwei historische Ereignisse prägen außer der sich durchziehenden Liebe zu Büchern die Handlung: die Covid-Pandemie und der Polizei-Totschlag an George Floyd. Mehr aber noch eine verstorbene Kundin, die im Laden herumgeistert und Tookie das Leben schwer macht. Vor allem diese permanenten Schikanen der Untoten wurden mir beim Lesen bald zuviel, störend fand ich auch, dass vieles vom Erwähnten bezüglich indigener Kultur und Unterdrückungsgeschichte für Unbedarfte wie mich nicht einmal in Fußnoten erläutert wird.

Elisabeth Strout, Mit Blick aufs Meer, btb 2012

Grumpy old men ist im Amerikanischen eine stehende Wendung für mürrische Männer, die im Alter offenbar leicht in diese Stimmung verfallen. Elisabeth Strout schrieb über eine grumpy old woman und nennt ihren mit dem Pulitzer-Preis 2009 ausgezeichneten Roman nach ihr: Olive Kitteridge (im Dt. ein nichtssagender Titel). Wobei: Kurzgeschichtenzyklus trifft es besser als Roman, denn auf den 350 Taschenbuchseiten finden sich 13 Storys, in denen die pensionierte, einst gefürchtete Mathelehrerin Olive und ihr Mann Henry oft nur am Rande oder gar nicht vorkommen.
Die Geschichten spielen in der fiktiven Küstenstadt Crosby im US-Bundesstaat Maine und wurden teilweise schon Jahre vor der Bündelung als Roman in Zeitschriften veröffentlicht. Strout versteht es meisterhaft, Charaktere und Lebenswenden in wenigen Strichen literarisch glaubhaft und lebendig werden zu lassen. Sie erzählt so „lebensklug“ von Familien, Liebe und Alter, „dass sich dem Rezensenten doch eine ganze Welt erschlossen hat“, heißt es in der FAZ. Ganz und gar begeistert war Eva Menasse in der „Zeit“: Dicht seien gute und böse Formen menschlichen Verhaltens ausgeleuchtet, den Lesenden werde wenig an Abgründen und unglücklichen Einsichten erspart. Das „Wunder“ jedoch bestehe darin, „dass die Lektüre den Leser gleichzeitig mit dem Fatalismus versöhne“.
Im Mittelpunkt steht die stets zu ruppigen Bemerkungen bereite Olive, die auch ihren sie liebenden Ehemann Henry, Ex-Apotheker und eine Seele von einem Menschen, oder den introvertierten Sohn Chris nicht mit ihren sehr dezidierten Meinungen und ihrer Ich-weiß-wie-es-sich-gehört-Mentalität verschont. Ersterer „entzieht sich“ durch einen Schlaganfall, letzterer durch die Hochzeit mit einer von Olive bald gehassten selbstbewussten Ärztin und der Übersiedlung nach Kalifornien ans andere Ende des Kontinents. Olive überrascht immer wieder durch Selbstlosigkeit und Mitgefühl, bekommt aber harte Lektionen auferlegt, um mit wachsender Einsamkeit und Depression zurechtzukommen. Eine Titelheldin, an der man sich bestens reiben kann, die einen nicht kalt lässt.

2014 wurde die vielfach ausgezeichnete US-Miniserie „Olive Kitteridge“ mit Frances
McDermond erstausgestrahlt, die aus den 13 Romangeschichten 4 Episoden destilliert

Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg – Meine Reise auf dem Jakobsweg. Malik 2006 *****

Meine Lust auf den Jakobsweg wird immer größer. Und das liegt auch an Hape Kerkelings Bestseller, das bis heute das meistverkaufte deutsche Sachbuch ist und mehr als hundert Wochen lang auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste war.

Hape Kerkelings Strecke von St. Jean weg (wobei er sich ca. 100 km mit Bus und Auto ersparte)

Wobei: Sachbuch trifft es nicht so ganz. Der sympathische Comedy-Star schreibt viel weniger über den Camino Francés als über seine körperlichen Leiden, v.a. aber über Begegnungen auf seiner fast 700 km langen Tour. Mit anderen Pilger:innen wie der Britin Anne und der Neuseeländerin Sheelagh, mit denen Hape am letzten Drittel seiner Reise eine Art „Triumfeminat“ bildet. Gegenüber der anfangs skeptischen Anne brach er das Eis explizit: „Anne, stopp, bleib mal stehen. Ich muss dir sagen. Ich will KEINEN Sex mit dir. Ich bin nämlich schwul.“
Begegnungen aber auch mit Gott. Hape ist irgendwas zwischen Christ und Buddhist, jedenfalls gläubig. Anfangs noch zweifelnd, immer wieder hinterfragend. Später dann mit deklarierten Gotteserfahrungen und anregenden Überlegungen zu Gott und Kirche (Gott ist der „Film“, ein Meisterwerk, das nichts dafür kann, dass der im „Kino“ Kirche nur unzureichend wiedergegeben wird).
Hape schreibt als Comedian flockig, humorvoll und unterhaltsam, mit viel Ehrlichkeit und Selbstironie. Und er spricht neben Deutsch (und das nur selten auf seiner Tour) auch gut Englisch und Spanisch, dazu Italienisch, Niederländisch und ausreichend Französisch. Sowas erleichtert Kontakte natürlich. Ob ich auch spannende Leute kennenlerne und tiefgründig Gespräche führe, wenn ich auf dem von mir bevorzugten Caminho Português unterwegs bin? I’ll find out, on y va!

Heinrich Steinfest: Sprung ins Leere. Piper 2024 ***

Als neuer „Roman des großen Lebensphilosophen Heinrich Steinfest“ wurde das Buch angekündigt – und was ist der österreichisch-deutsche Erfolgsautor nicht noch alles: bildender Künstler, Fernost-Kenner, passionierter Läufer, zwanghafter Aufräumer, Film- und Kunstliebhaber. Und diese vielen Qualitäten zu bündeln ist nicht leicht, zumal wenn man – wie Steinfest – einen Hang zu, sagen wir, originellen Formulierungen und Sprachbildern hat. Allerdings lassen mich Sätze wie „Ihre Kondition war wie ein kräftiger, erlösender Regen, der an Gewittertagen die schwüle Stickigkeit aus der Luft presste“ die Augen verdrehen und machen mich bei der spätabendlichen Lektüre schnell müde. Über die Hauptfigur teilt Steinfest mit, es sei nicht so, „dass ihre Augen durch den Wechsel von kaltem Grün und kalten Blau bestachen. Klaras wirkliche Augenfarbe war Braun, helles Braun, ein Braun ohne Umstände“. So was zu lesen hemmt meine Pageturner-Lust und bewirkt, dass ich an dem von meiner Schwester empfohlenen Buch mehr als einen Monat herumlas.
Die Handlung? Klara Ingold, Saalwächterin im Wiener Kunsthistorischen, macht sich mithilfe eines vertraut gewordenen Stammgastes des KHM auf die Suche nach ihrer vor 70 Jahren verschwundenen Großmutter, einer Künstlerin. Die Spur führt nach Wuppertal, Japan und zurück nach Österreich auf den Semmering, wo sie die Gesuchte als erblindete 94-jährige Köchin (!) in einem Altersheim endlich findet. Der Plot ist voll von Unwahrscheinlichkeiten wie der angebotenen Hauptrolle in einem japanischen Arthaus-Film, Geheimdiensten, Sumo-Ringern oder Zeitreisen, zudem von einer kaum zu bändigenden Gelehrsamkeit des Autors, die er sogar in Fußnoten ausbreiten zu müssen meint.
Das ficht Steinfest nicht an, denn – wie er kurz vor dem überraschenden Ende des Romans schreibt: „… der nüchterne Betrachter mag beklagen, dass hier gewisse Handlungen einiger Logik und Vernunft entbehren … Andererseits stammt das Fehlen von Logik und Vernunft geradezu aus der Ursuppe menschlichen Verhaltens“. Mag sein. Aber Steinfests Suppe muss nicht jedem/r schmecken. Mir z.B. nicht so richtig. Immerhin macht das Buch Lust, die beschriebenen Gemälde im KHM anzusehen…

Stefanie Sargnagel: Iowa. Ein Ausflug nach Amerika. Rowohlt 2024 ***

Ich muss vorab zugeben: Ich bin kein großer Fan von Sargnagel. Zu görenhaft feministisch, zu grobschlächtig ist mir ihr Humor, den ich bisher v.a. aus „Falter“-Karikaturen kannte. Ihr neues Buch über einen Lehrauftrag am Grinell College, einer Privatuni im Mittleren Westen, über Kreatives Schreiben, bei dem sie von Christiane Rösinger, Liedermacherin und ehemalige Leadsängerin der Lassie Singers, begleitet wird, hat mich positiv überrascht: Die inzwischen etablierte Undergrounds-Autorin hat eine feine Beobachtungsgabe und einen Sinn für unterhaltsame Skurrilitäten aller Art. Es ist halt nur leider so, dass der Zielort in the middle of nowhere der USA nicht viel zu bieten hat. Halbwegs interessante Ausflugsziele der Sargnagel und Rösinger erfordern eine stundenlange Anreise per Auto – und selbst das ist nicht leicht zu bekommen, da auch das nächste Rent a car am Flughafen von Des Moines weit entfernt liegt.
Sargnagel schildert jede Menge Banalitäten – auch private wie ihre Handy-Affinität, Vorliebe für US-Konfektionsware-Serien, Pummeligkeit, ihr Alkoholikerinnen-Problem und sogar ihre Onaniepraxis. Oder ihr spätpubertäres Bedürfnis nach Renitenz: Sargnagel raucht z.B. genau dann Kette, wenn sie merkt, dass ihre Pafferei unter College-Kolleginnen Irritation auslöst. Das kommt daher wie ein etwas überarbeitetes Tagebuch und stellt vor die Frage: Muss ich das alles wissen? Etwas kurz geraten demgegenüber Passagen über die für Europäer:innen verstörende Waffen-Omnipräsenz oder der Kommunismus-Generalverdacht vieler Amis gegenüber allem, was wir hier als soziales Netz schätzen.
Ein Lichtblick in „Iowa“ sind die Dialoge mit der – leider nach zwei Drittel des Buches wieder abreisende – Christiane Rösinger. Ihre Berliner Schnauze kommt auch (originelle Idee!) in Fußnoten selbst zu Wort, in denen sie manche Ungenauigkeiten ihrer Busenfreundin wieder zurechtrückt. Und die alten Lassie-Singers-Hits sind eine echte Entdeckung.

Benoit Simmat/Tristan Garnier: Money, Money, Money (Knesebeck 2024) ****

„Ein Meisterwerk“ nennt der Pariser Finanzwissenschaftler Olivier Bossard diese fundierte, detailfreudige Kulturgeschichte des Geldes in Form einer Graphic Novel. Der Inhalt stammt vom Wirtschaftsjournalisten B. Simmat, zeichnerisch originell und witzig umgesetzt hat sie Illustrator T. Garnier. Das Werk erinnert mich an Hararis „Sapiens“, das gleich die gesamte Frühgeschichte zum Thema hat. Hier als Geld vom frühen Tauschhandel über „Währungen“ wie Kauri-Muscheln und Goldmünzen bis hin zu Wertpapieren und Kryptos.
Ich hatte mir ja erhofft, durch das Werk einen vertieften Einblick in die Mechanismen der Finanzwirtschaft zu gewinnen. Aber wenn ich ehrlich bin, verstehe ich von Geldanlage und den Fallstricken dabei weiterhin recht wenig. Mich da wirklich zu vertiefen interessiert mich auch nicht wirklich, auch wenn ich das in „Money, Money, Money“ Gebotene immer wieder durchaus amüsant fand – und dann die Ausflüge in die Münzsysteme im Kaiserreich Chinas oder die finanzhistorische Bedeutung von König Kroisos/Krösus doch etwas langatmig. Zu kurz gerieten demgegenüber die Info über die wirtschaftlichen Vorteile, die die Amis durch die Dominanz des Dollars als Leitwährung auch in der Zeit des Marshall-Plans hatten.

Elizabeth Strout: Am Meer (Luchterhand 2024) *****

Mein erster Pandemie-Roman: Die Pullitzer-Preisträgerin (2009 für „Olive Kitteridge“) lässt Schriftstellerin Lucy Barton und ihren Ex-Mann William aus New York, wo sich bereits die Covid-Todesopfer häufen, nach Maine in ein Haus in einem abgeschiedenen Küstenort fliehen. Das Paar ist seit Jahren geschieden, die beiden erwachsenen Töchter und deren eigene Probleme fließen in die Handlung rund um das sich wieder annähernde ältere Paar ein. Die studierte Rechtswissenschaftlerin Strout schreibt abseits von „Juristendeutsch“. Es gibt viele kurze Erzähleinheiten, Gedankenschnipseln und Plauderton wie aus einem Notizbuch. Das zerhackt das Geschehen aber nicht etwa, sondern weckt Lust, sich in diesem Erzählstrom einzurichten.
Alle handelnden – und nachdenkenden – Figuren sind dabei glaubhaft und nachvollziehbar geschildert, sie werden einem in Freud und Leid bald vertraut. Das liest sich richtig gut und kommt ganz ohne literarischen Gestus aus. Macht Appetit auf die drei anderen Bücher der Strout, in denen Lucy Barton bereits im Mittelpunkt steht.

Johanna Grillmayer: “Ein sicherer Ort” (Müry Salzmann Verlag 2024)****

Ich bin voreingenommen: Denn ich mag und schätze Johanna Grillmayer und die Gespräche mit ihr (Wie schafft sie es, als Journalistin die Zeit und Energie fürs Bücherschreiben aufzubringen??). Das Thema ihres ersten („That’s life in Dystopia“) und ein Jahr später erschienenen zweiten Buches ist, wie eine überschaubare Gruppe von Frauen, Männern und immer mehr Kindern mit einer nicht näher beschriebenen Katastrophe zurechtkommt, die den allergrößten Teil der übrigen Menschheit vernichtet und zivilisatorischen Errungenschaften, ja Selbstverständlichkeiten den Boden entzieht. Wovon sich ernähren, wenn auch haltbare Konserven ausgehen? Wie leben, wenn Häuser und Verkehrswege allmählich verfallen? Worauf im Zusammenleben Wert legen, wie sich auf was einigen? Wie mit Konflikten, ja Gewalt umgehen, wenn es keine regulierenden Instanzen mehr gibt?
All das anhand der davor in Wien lebenden Jola, ihrer zwei Männer Jakob und Marek und weiterer Gefährt:innen nachzuvollziehen ist spannend und lässt immer wieder darüber nachdenken. Worauf kommt’s an? Und wäre ICH dem Kampf ums Überleben, dem Ringen ums gute Leben gewachsen? Im ersten Band funktioniert das besser als im zweiten, fand ich. In „Ein sicherer Ort“ vermisste ich etwas die nuancierte Charakterzeichnung der Hauptpersonen. Rückblenden in die Zeit „VdE“ (vor dem Ereignis) sind rar, hätten vielleicht das Verständnis für das Agieren danach vertieft. Figuren wie die „Dorfvorsitzende“ Em oder der zwischendurch inhaftierte Gewalttäter Sepp hätten sich mehr Differenziertheit verdient. Unnötig anstrengend fand ich, dass Handlungsbögen durch das Wechselspiel verschiedener Zeitebenen und Perspektiven immer wieder unterbrochen werden und die Fortsetzung erst Seiten später folgt.
Wie schon das erste endet das zweite Buch mit einem Cliffhanger. Erst die angedeutete Übersiedlung der Gruppe vom Ex-Hotel im Alpenvorland ins Burgenland, nun die erfolgreiche Wiederinbetriebnahme einer Bahnlinie in die Steiermark. Offen bleibt, was die ausgeweitete Mobilität für das Dorf bedeutet, ob sich der reuige (?) Sepp in die Gemeinschaft integriert, ob das improvisierte Gerichtsverfahren nachhaltige Wirkung erzielt. Werden diese Fragen im schon geschriebenen dritten und vierten Buch beantwortet?