Juli Zeh, Über Menschen, btb 2022 *****

Eine Berliner Werbetexterin aus dem grün-linksliberalen Milieu beschließt während der Corona-Pandemie mit all ihren behördlichen Einschränkungen und ideologischen Aufladungen, ihren Freund Robert (ausgerechnet!) und dessen Ich-weiß-genau-was-richtig-ist-Attitüde zu verlassen und aufs Land zu ziehen. Bracken heißt der fiktive Ort in Brandenburg, und das klingt laut Dora, der Hauptfigur, wie eine Mischung aus Brache und Baracken. Neben ihrem billig erworbenen, spartanisch ausgestatteten Haus wohnt ein Nachbar, der wie aus einer anderen Welt stammt. „Gote. Ich bin hier der Dorfnazi“, stellt sich der Kahlrasierte über die Mauer zwischen den Grundstücken vor. Fast gegen ihren Willen entsteht kontinuierlicher Kontakt zwischen Dora und dem einsilbigen, wegen rechtsradikaler Gewalt verurteilten Mann, der mit Freunden im Garten das Horst-Wessel-Lied singt und seine kleine Tochter Franzi während der Ferien bei sich beherbergt.

Wahrscheinlich ist diese sich festigende Beziehung der drei (plus Hund bzw. „Töle“, wie Gote sagt) nicht. Aber die gelernte Verfassungsjuristin Juli Zeh versteht es, das Verlassen der üblichen „Blasen“ plausibel zu machen. Sie findet einen Tonfall, der Humor, Aktualität und Tiefsinn verbindet und in das Geschehen reinzieht. Der Verständnis schürt und den Dorfnazi gegen Ende hin fast sympathisch erscheinen lässt.

Wer’s mag, wenn es ordentlich menschelt und die „Einfühlung“ der Vernunft vorzieht, der wird sich von diesem Roman bestens unterhalten fühlen, schrieb ein Kritiker in der „Zeit“ süffisant. Ich gestehe: Ich mochte das „Rührstück“, wie es in Rezensionen mehrfach hieß. Und die selbst aufs Land gezogene Zeh beeindruckte mich für ihre treffsicheren Dialoge zwischen Dora und Gote, zwischen Dora und ihrem Vater, einem abgeklärten Mediziner, der in der Geschichte noch eine wichtige Rolle bekommt. Und es gibt Sätze, über die man nachdenken mag, z.B.: „Die Tragik unserer Epoche … besteht darin, dass die Menschen ihre persönliche Unzufriedenheit mit einem politischen Problem verwechseln.“

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