Adventmail 2019/05 (Thema Gedichte)

Mein Geschlecht zittert (Hilde Domin)

Mein Geschlecht zittert
wie ein Vögelchen
unter dem
Griff deines Blicks.
Deine Hände eine zärtliche Brise
auf meinem Leib.
Alle meine Wachen
fliehn.
Du öffnest die letzte Tür.
Ich bin so erschrocken
vor Glück
daß aller Schlaf
dünn wird
wie ein zerschlissenes Tuch.

Hilde Domin wurde 1909 in Köln als Löwenstein geboren und hieß als Verheiratete ab 1936 Palm. Nach der Flucht des Paares vor den Nazis über England und Kanada in die Dominikanische Republik entfremdete sie sich von ihrem Mann und begann unter dem Pseudonym „Domin“ erst spät zu schreiben. Wie „eine Sterbende, die gegen das Sterben anschrieb“ veröffentlichte Hilde 1959 als vom 22-jährigen Exil geprägte Deutschlandrückkehrerin ihren ersten Gedichtband “Nur eine Rose als Stütze“. Etliche weitere folgten bis zu ihrem letzten, den sie als 91-jährige verfasste.
„Ein Schriftsteller braucht drei Arten von Mut“, schrieb sie einmal: „Den, er selber zu sein. Den Mut, nichts umzulügen, die Dinge beim Namen zu nennen. Und drittens den, an die Anrufbarkeit der anderen zu glauben.“
Wer Sinnlichkeit und Erotik auf so berührende Weise in Worte zu fassen versteht wie die unglücklich verheiratete Hilde im obigen Gedicht, hat diesen dreifachen Mut zweifellos. Auf ihrem Grabstein steht ein von ihr selbst gewählter Spruch: „Wir setzten den Fuß in die Luft / und sie trug“.

“…Alle meine Wachen fliehn. Du öffnest die letzte Tür…”

Adventmail 2019/04 (Thema Gedichte)

Amulett aus dem Gebirge (Reiner Kunze)

(gegen äußere und innere Verletzungen)
Ins geröll
springen
Oder es meiden

Reiner Kunze (*1933) ist ein Bergarbeitersohn aus dem Erzgebirge und war dichtender DDR-Dissident. Ich erlebte ihn während meiner Studienzeit in Graz bei einer Lesung in der Kath. Hochschulgemeinde – damals ein mich prägender Hort katholischer Intellektualität und Kunstbeflissenheit. Kunze ist ein Meister des lyrischen Pinselstrichs. Seinen oft nur wenigen Worten kann man lange nach-denken.
Im obigen Gedicht geht es für mich um eine Lebenshaltung: Weiche ich Hindernissen und Herausforderungen lieber aus, oder lasse ich mich auf Risiken ein? Und letzteres nicht behutsam, abwägend, standsicher, sondern mit Leichtigkeit und Lebenslust: “ins geröll springen”! Na dann…

Adventmail 2019/03 (Thema Gedichte)

Abnabelung (Robert ME)

tausendtägige jahre der fremdbestimmung
sind vorbei und unvergessen. ein-
gestandener hass
auf die beschuldigenden blicke be-
dürftiger erzüchter,
doch in die leiden-
schaft des losgeketteten widerstands
mischt sich angst vor
herankriechender
versohnung.

Peter Turrini, der exakt 15 Jahre älter ist als ich, schrieb viele Dramen. Aber auch ein paar Gedichtbände mit meist biographischen Bezügen. Einen davon las ich vor 25? Jahren und schrieb danach selbst einige Aufarbeitungsgedichte voll von Erlittenem und der Angst vor Wiederholungszwängen. Meine Söhne Gregor, Moritz und Fabian mögen befinden, wie viel an einschränkendem Ererbtem ich IHNEN aufgebürdet habe.

Adventmail 2019/02 (Thema Gedichte)

Ich lebe mein Leben (Rainer Maria Rilke)

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rilke, der inhaltlich und formal wohl begnadetste Lyriker deutscher Sprache, schreibt hier in wunderbaren Versen über das zwangsläufig unvollendete Leben und dessen – schwer erreichbare? – Mitte: Gott. Einen „uralten Turm“ nennt er Ihn, und mir fallen dabei die Steintürme Swanetiens im georgischen Kaukasus ein, wo ich heuer im Sommer urlaubte. Diese archaischen Bauten zerfallen heute teilweise, somit ist Gott vielleicht eher Falke? Gesang? Oder Sturm?
Dazu fällt mir ein, wie in der Bibel (1 Kön 19,11ff) eine Gottesbegegnung des Propheten Elija geschildert wird: „Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln…“ Und genau in diesem Säuseln erkannte Elija Gott, und er verhüllte ehrfürchtig sein Gesicht.
Ich fand in einem in Studienzeiten entstandenen Gedichtchen noch ein anderes Bild für den Höchsten. Es geht so:

Gott
du vöglein
nistest in den augenblicken
in denen mir
zum zwitschern ist

Adventmail 2019/01 (Thema Gedichte)

Der fliegende Robert (Hans Magnus Enzensberger)

Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! -,
spanne den Regenschirm auf
und erhebe mich in die Lüfte.
Von euch aus gesehen,
werde ich immer kleiner und kleiner,
bis ich verschwunden bin.
Ich hinterlasse nichts weiter
als eine Legende,
mit der ihr Neidhammel,
wenn es draußen stürmt,
euern Kindern in den Ohren liegt,
damit sie euch nicht davonfliegen.

Dieses Gedicht des seit kurzem 90-jährigen H. M. Enzensberger greift “Die Geschichte vom fliegenden Robert” aus dem “Struwwelpeter” auf. Und es verkehrt deren Zeigefingerpädagogik (“Wenn der Regen niederbraust,/ Wenn der Sturm das Feld durchsaust,/ Bleiben Mädchen oder Buben / Hübsch daheim in ihren Stuben…”) in ihr Gegenteil. In Enzensbergers Version mit ihrem Freiheitsdrang und auch ihrer Flucht vor der harten Realität habe ich mich schon als junger Mann gut wiedergefunden.
Die Struwwelpeter-Version hat meine erste Frau Claudia mal als Geschenk für mich in eine schöne Zeichnung gepackt. Ich halte dieses 30 Jahre alte A4-Blatt mit einem noch lockigen Robert, der zwischen Regenwolken der Sonne entgegenschwebt, während weniger Wagemutige in engen Häusern kauern, bis heute in Ehren – es hängt in meinem Zimmer.

“Der fiiegende Robert” – ein Text, mit dem ich mich als Reisefreudiger gerne identifiziere

Adventmails 2019 (Ankündigung)

Liebe AdventmailbezieherInnen!

Es gab eine Zeit, da las ich Gedichte.
Ja, mehr noch: Es gab eine Zeit, da schrieb ich Gedichte.
Darauf möchte ich in journalistische Zwecksprache Abgeglittener heuer in meinen Adventmails zurückkommen und euch AdressatInnen ermutigen, euch mit Poesie, mit Lyrik zu beschäftigen – zumindest die paar Minuten am Tag, die das Lesen der 24 Mails erfordert.
Vor 40 Jahren begann ich Germanistik zu studieren, schon davor und erst recht währenddessen versuchte ich mich als Dichter und hatte in Graz auch einige öffentliche Auftritte in dieser Funktion. Der Ertrag dieser Zeit liegt mittlerweile gut verwahrt in Ordnern, die schon vor meiner Übersiedlung zu Claudia vor einem Jahr lange Zeit unbeachtet herumstanden.
In Bananenschachteln verpackt hatte ich auch Lyrikbände von SprachkünstlerInnen wie Bachmann, Fried, Enzensberger, Domin, Gernhardt, Hesse, Marti oder Kunze, deren Verse mir viel bedeute(te)n. Einige möchte ich heuer im Advent vorstellen und kühn mit eigenen sowie mit erläuternden Anmerkungen ergänzen.
Ich weiß schon: Gedichtbände sind heutzutage Ladenhüter und auch Ihr MailbezieherInnen lest mehrheitlich sicher lieber Krimis als Lyrik. Dennoch möchte ich Euch Lyrik ans Herz legen, denn
1. bin ich seit September 60 und blicke aus diesem Anlass gerne zurück auf das, was mich bereichert hat
2. trauere ich angesichts all der journalistischen Handwerksarbeit in meinem Alltag über den Verlust an sprachlich verdichteten, Augen und Herz öffnenden VorLieben
3. finde ich, die von 1. bis 24. Dezember verbreiteten Zeilen sind es wert, (wieder)entdeckt zu werden.

Wenn mir jemand von euch eigene lyrische Genüsse/Ergüsse übermitteln möchte, freue ich mich.
Einen Advent voll von Poesiemomenten in jeder Hinsicht wünscht euch
Robert

Adventmail 2017/24 (Thema Geheimnisse)

„Das Wort Geheimnis ist sicher eines der fundamentalsten Schlüsselworte des Christentums und seiner Theologie“, heißt es einleitend im entsprechenden Artikel in Herders Theologischem Wörterbuch, das seit den 1970er-Jahren in meiner Redaktion geduldig auf Wissbegierige wartet. Zu „Geheimnis“ wollte offenbar noch niemand etwas recherchieren, denn – welche Ironie – just hier war die Seite mit der vorherigen (Eintrag „Geburtenkontrolle“) nein, nicht verklebt, sondern fix verbunden. Ich musste eine Schere einsetzen, um zum vom großen Karl Rahner umschriebenen „Geheimnis“ vorzudringen.
Doch inhaltlich gelang mir das nicht, Rahners Mystagogie erweist sich für mich Theologie-Entwöhnten als nebeliger Schwurbelsprech. Also „Lexikon für Theologie und Kirche“, 1995. Dort heißt es erläuternd zu Rahner, letztlich gebe es nur EIN Geheimnis, nämlich dass sich der unbegreifliche Gott uns „zur Unmittelbarkeit schenkt, so dass er selber die innerste Wirklichkeit unseres Daseins wird“. Alles klar soweit?
Ich glaube an Gott und hoffe auf ein von Liebe durchtränktes Weiterleben nach dem Tod, wie immer das aussehen wird. Und dieser mein Glaube gibt mir immer wieder Anstöße, im Hier und Jetzt meine besten Möglichkeiten auszuloten und zu ergreifen, um mein Dasein und jenes anderer ein wenig mehr zu „beglücken“. Und misslingt dies auch öfter mal, rechne ich auf die Barmherzigkeit eines Gottes, der mich – wie es heißt – mehr liebt als meine mir Nächsten.
Dieser Kern meiner Weltanschauung lässt mich auch über mir reichlich fremde „Geheimnisse“ des christlichen Glaubens hinwegsehen – wie Verwandlung von Wein in das Blut Christi, Reliquienverehrung, Jungfrauengeburt. Auf all das Vorgestanzte, Formelhafte, Altehrwürdige am Katholizismus, das vielen als Stütze dienen mag, könnte ich verzichten. Weil es mich tendenziell langweilt.
Unverzichtbar ist mir jedoch das Lebendige, das sich für Aufmerksame alltäglich zeigt. Louis Armstrong besingt das so berührend: „I see trees of green, red roses too / I see them bloom for me and you / And I think to myself: what a wonderful world / I see skies of blue and clouds of white / The bright blessed day, the dark sacred night … I hear babies crying, I watch them grow / They’ll learn much more than I’ll never know…“
What a wonderful world, für „religiös Musikalische“ voll von den Spuren Gottes. DAS ist mir Geheimnis genug.
Albert Einstein sagte: “Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.”
Seid gesegnet, Ihr Lieben, zu Weihnachten und auch sonst, vom liebenden, herausfordernden, geheimnisvollen Gott.

Adventmail 2017/23 (Thema Geheimnisse)

Er war Alkoholiker in einer psychiatrischen Klinik. Er drehte Kunden als Mitarbeiter in einem Callcenter Systemlotto-Scheine an. Er machte als Somalier Kwami Ogonno und Teil eines Filmteams bei Aufnahmen Erfahrungen mit latentem oder offenem Rassismus in Deutschland. Er suchte als Sandler Obdachlosenunterkünfte auf und erlebte dort zahlreiche Missstände aus nächster Nähe.
Günter Wallraff (*1942) ist eine journalistische Legende. „Man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden.“ Das schrieb er im Vorwort zu seinem Bestseller „Ganz unten“ (1985), dem mit fünf Millionen verkauften Exemplaren und 38 Übersetzungen bis heute erfolgreichsten deutschen Sachbuch seit 1945. Zwei Jahre hatte Wallraff dafür undercover gearbeitet, als türkischer Gastarbeiter Ali Levent Sinirlioglu bei Unternehmen wie McDonald’s und Thyssen… Unerkannt, obwohl er damals schon berühmt war, „berüchtigt“ würden manche sagen. Denn in den 1970er Jahren hatte Wallraff als Redakteur der Bild-Zeitung seinen ersten großen Coup gelandet. Seine dreieinhalbmonatige Zeit als „Der Aufmacher. Der Mann, der bei ‚Bild‘ Hans Esser war“ verarbeitete er in einem gleichnamigen Buch. Darin wies er dem Boulevardblatt schwere journalistische Versäumnisse und unsaubere Recherchemethoden nach.
Inspiriert mag Wallraff dabei von Heinrich Böll gewesen sein, der 1974 mit „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ ebenfalls eine kritische Auseinandersetzung mit dem Axel-Springer-Verlag veröffentlichte. Dem Literaturnobelpreisträger von 1972 hatte der junge Wallraff schon zu Gymnasialzeiten Gedichte geschickt, später heiratete er Bölls Nichte. Vielleicht auch ein Zeichen seiner Beharrlichkeit.
Die muss einer haben – bis zur Starrköpfigkeit und Bereitschaft, für seine Überzeugungen den Kopf hinzuhalten –, wenn er solche Dinge tut: Im Mai 1974 kettete sich Wallraff in Athen an einen Lichtmast und verteilte Flugblätter gegen den Terror der griechischen Militärdiktatur. Geheimpolizisten misshandelten ihn an Ort und Stelle. Im Hauptquartier der Sicherheitspolizei wurde er gefoltert. Nach seiner Verurteilung zu 14 Monaten Einzelhaft kam er ins Gefängnis, aus dem er im August 1974 nach dem Zusammenbruch des Regimes wieder freikam. Nachzulesen ist das alles in Wallraffs „Unser Faschismus nebenan“.
Und im Oktober 2015 wurde bekannt, dass sich der damals 72-Jährige als Austauschgeisel für einen vom IS in Syrien entführten US-Soldaten anbot; die US-Botschaft lehnte allerdings ab.
Seit 2015 wird in Deutschland der „Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik“ an Personen oder Institutionen verliehen, die sich „auf originelle und ausgewogene Weise kritisch mit dem Journalismus auseinandersetzen“.
Wir bräuchten mehr Wallraffs.

Geheimtipp Rudi:
Buch von Gert Voss, “Ich würd’ gern wissen, wie man ein Geheimnis spielt”, daraus Zitat Seite 11: “Wenn sich das Theater am Kino messen will, wird es sicherlich überflüssig. Kino und Fernsehen suggerieren dem Zuschauer, das, was er sieht, sei wirklich. Die Geschwindigkeit der Bilder läßt den Eindruck tatsächlicher Bewegung entstehen. Theater hingegen spielt, um eine Illusion zu erzeugen, und es ist vom Zuschauer überprüfbar, daß es nur aus Imagination besteht. Theater ist eine Demokratie des Auges, Kino ist eine Diktatur des Auges.”

Adventmail 2017/22 (Thema Geheimnisse)

„Ich gehöre der ‚nationalchristlichen Abwehrfront‘ an und habe schon etliche Mohammedaner und Neger aufgemischt. Und am kommenden Wochenende planen wir die Entführung des Großmuftis von Österreich und wollen aufzeichnen, wie er im Ramadan Schnitzel frisst und Bier säuft.“ Nehmen wir an, ein Mann würde solche Worte zu einem Priester sprechen, in einem vertraulichen Beichtgespräch oder sonstigen seelsorglichen Kontext – der Kleriker müsste laut kirchlichem und auch laut staatlichem Recht Stillschweigen gegenüber Dritten bewahren. Es gälte das Beichtgeheimnis, das nicht nur in Österreichs Judikatur respektiert wird – auch in der deutschen oder Schweizerischen; im laizistischen Frankreich würde sich der Beichtvater bei einer Nichtanzeige allerdings strafbar machen. Hierzulande jedoch dürfte ein katholischer Priester, von dem die Polizei Kenntnisse um Straftaten wie obige vermutete, nicht vernommen werden. Und dieses Vernehmungsverbot gilt für alle Geistlichen einer in Österreich bestehenden Kirche oder Religionsgemeinschaft, die eine Seelsorgetätigkeit ausüben.
Das Beichtgeheimnis gilt als „heilig“ und „unverletzlich“: Wer es direkt verletzt, das heißt, sein Wissen bewusst preisgibt, wird nach katholischem Kirchenrecht mit der Exkommunikation bestraft. Ein Priester kann nur (und muss sogar) darauf hinwirken, dass der Beichtende keine weiteren Untaten begeht, dass er sich vielleicht den Behörden stellt, aber er muss die Informationen für sich behalten.
Ab 2010 zutage getretene Altlasten in der Kirche führten zu Vorstößen, im Fall von Kindesmissbrauch das Beichtgeheimnis zu lockern, ja Priester (wie in Irland) zur Anzeige zu verpflichten. Dadurch könnten ev. weitere Taten verhindert werden, wurde argumentiert. Auch die unerträgliche Situation für den Geistlichen würde entschärft, der von der Gefährdung weiterer Opfer weiß, aber nichts unternehmen darf.
Die Rechtslage blieb aber trotz der damals (zurecht großen) öffentlichen Empörung unverändert. Der Innsbrucker Strafrechtler und Kriminologie-Lehrende Klaus Schwaighofer fand dies in einem „Presse“-Gastkommentar auch gut so. Und ich kann ihm folgen. Denn: Man dürfe „davon ausgehen, dass nur Umkehrwillige ihre Sünden beichten. Wer ginge denn noch zur Beichte, wenn er wüsste, dass der Beichtvater ihn anzeigen müsste?“ Wer Priester unter Strafandrohung zur Anzeige zwingt, stellt diesen vor die Wahl zwischen gerichtlicher Strafe oder kirchenrechtlicher Exkommunikation – unzumutbar, wie Schwaighofer befand. Schwierig wäre es auch festzulegen, in welchen Sonderfällen das Beichtgeheimnis durchbrochen werden soll: Mord? Raub? Diebstahl? Wo zieht man die Grenze? Und, so der Experte: Fällt die Barriere hier, kämen auch andere Berufsgeheimnisse in Gefahr: „Wird man als Nächstes auch Rechtsanwälte dazu verpflichten, Verdächtige bestimmter schwerer Straftaten anzuzeigen, die juristischen Rat bei ihnen gesucht haben?“

Adventmail 2017/21 (Thema Geheimnisse)

Apropos “Fremdgeh-Songs”: ER muss länger arbeiten, wieder mal, angeblich. SIE riecht den Braten und vertraut sich seinem besten Freund an. Von ihm fühlt sich die Vernachlässigte verstanden, geborgen, und sie gibt sich schließlich dem hin, der sich als „more than just a friend“ erweist.
Diese Geschichte besingt Kenny Rogers mit sexy-sonorer Stimme in seinem Hit „Daytime friends and nighttime lovers“, und das reimt er mit “Hoping no one else discovers / Where they go, what they do, in their secret hideaway”. Und weiter: “Daytime friends and nighttime lovers / They don’t want to hurt the others / So they love in the nighttime / And shake hands in the light of day.”
Tja, tagsüber freundlicher Small Talk und höchstens Händeschütteln und rituelles Bussi, abends/nachts jedoch eine Intimität, die kein Tageslicht verträgt… Auch wenn es wohl nur selten der beste Freund/die beste Freundin des Partners ist, auf den sich das Begehren richtet – Liebesgeheimnisse rund ums Fremdgehen, sei es nur angedacht oder ausgeführt, werden wohl Thema jeder längeren Beziehung und sind nicht erst seit Madame Bovary und Anna Karenina Thema der Weltliteratur. Wie viel Intimität mit Dritten verträgt eine Zweierbeziehung? Und warum macht es einen Unterschied, ob diese Intimität auch körperliche Facetten hat? Ist es nach einem Seitensprung besser zu „gestehen“ oder ist das nur eine letztlich bequeme Strategie, Verantwortung abzugeben? Vor solche Fragen wird wohl jedes Paar einmal gestellt. Und Geheimrezept gibt’s dazu keines, auch nicht von Kenny Rogers. Ich weiß, wovon ich rede; ich war 18 Jahre verheiratet. Und in einem guten halben Jahr, nach 13 Jahren Pause, werde ich wieder zum Ehemann.

Und den Geheimtipp steuert heute Robert GM. bei:
Weihnachten ist ja auch das Fest des Herbergs-Findens: Im Herzen Wiens versteckt sich das Hotel Orient – Tiefer Graben 30. Es bietet Zimmer für drei Stunden und auch für die ganze Nacht. „Diskretion ist eine der beiden Kerntugenden im Hotel Orient; Sauberkeit die andere.“ Das „Orient“ rühmt sich ein Ort zu sein, „an dem Sehnsüchte gestillt und wieder neu entfacht werden, ein ums andre Mal“.