Adventmail 2019/15 (Thema Gedichte)

Die allzu fröhlichen Mönche (Robert Gernhardt)

Die Riesentanne Theodor
stund justament vorm Klostertor.

»Auf«, sprach der Abt zu seinen Mannen,
»sie stört, wir tragen sie von dannen!«

»Das machen wir«, erscholl’s im Chor,
doch wer nicht wich, war Theodor.

Trotz allem Rickeln, Ruckeln, Rackeln
kam Theo nicht einmal ins Wackeln.

»Genug«, sprach Bruder Jobst verlegen,
»auf unserm Vorsatz liegt kein Segen.«

»Genau«, sprach auch der Abt gequält,
»Es soll nicht sein, die Sägen fehlt.«

Die Brüder schwiegen erst genant,
dann nahm ein Kichern Überhand.

Ein Kichern, das sie nicht verließ,
obwohl der Abt sie schweigen hieß.

Sie kicherten in einer Tour,
bis auch der Papst davon erfuhr.

»Was hör ich da?« sprach der erbost,
»Die Brüder sind wohl nicht bei Trost!

Das ist ja grad, als ob die Herren
statt Zister- Kicherzienser wären!«

Als unsre Mönche dieses hörten,
da kicherten sie nicht, sie röhrten.

Sie röhrten derart laut und lang,
daß es selbst Gott zu Ohren drang.

»Mein Gott«, rief der, »der Lärm empört mich,
das Rühren röhrt mich nicht, es stört mich!«

Kaum, daß er sich derart versprach,
als schon ein Riesenkrach losbrach.

Er stammte von der Brüder Schar,
die nun nicht mehr zu halten war.

Wildwiehernd zog die ganze Bande,
ein Bild des Schreckens, durch die Lande.

Und brüllte wohl noch heut’ herum,
wär sie nicht längst schon tot und stumm,

stumm, wie der Riese Theodor,
die Tonne vor dem Klostertor.

Äh – Tante. Tunte. Tinte. Titte –
doch was soll das Gelächter bitte?

Weh mir, welch greller Höllenchor
steigt aus der Erde Schoß hervor?

Mein Gott – es sind die braunen Brüder
und – Hummel hilf! – sie röhren wieder!

Es muss wohl auch in meine Studienzeit in Graz fallen, da ich auf Robert Gernhardt stieß. Ein humorbegabter Besucher meiner damaligen WG sorgte mit folgender Perle der Unsinnspoesie für Heiterkeit: “Eines Tags geschah es Kant,/ daß er keine Worte fand./ Stundenlang hielt er den Mund,/ und er schwieg, nicht ohne Grund./ Ihm fiel absolut nichts ein,/ drum ließ er das Reden sein./ Erst als man zum Essen rief,/ da wurd’ er wieder kreativ,/und er fand die schönen Worte:/ ‘Gibt es hinterher noch Torte?'”
Ich nahm das damals selber zum Anlass, mich auf Theologenfesten als Unsinnspoet zu versuchen. Es entstanden Zeilen hart an der Grenze zur Blasphemie. Oder hat Gott auch selbst gelacht? Was meint Ihr?: “Als Jesus nach Judäa kam, da wurden Blinde taub und lahm.”, “Kaum war Zacharias blind, bekam Elisabeth ein Kind” oder “Die Eva kocht’ so lang den Kürbis,/ bis er vollkommen weich und mürb is’./ Doch Adam schreit. Bei meinem Bart!/ Der Kürbis ist noch völlig hart!/ Man sieht’s an diesem Ehestreit:/ Der Sündenfall ist nicht mehr weit.

Adventmail 2019/14 (Thema Gedichte)

Magnificat 2.0 (Robert ME)

Maria was haben sie
zu wenig gestürzt
aus dir gemacht
die Mächtigen vom Thron
aus deinen Worten, die
zu viel ich bin
am Himmel kratzen
die Magd des Herrn
und doch flüstert
deine Mädchenstimme
erhöht die Niedrigen

Planänderung. Hier sollten heute eigentlich Epigramme von Angelus Silesius stehen, aber dann ist etwas Unvorhergesehenes passiert: Ich wachte noch vor 6 Uhr auf – und ich hatte einen lyrischen Einfall: Mir kam die Idee, das Magnificat, den umstürzlerischen Lobpreis Marias aus dem Lukasevangelium, mit feministisch inspirierter Kritik zu verschränken. Nämlich daran, dass dieser Hymnus gegenüber dem „Mir geschehe nach Deinem Willen“-Bild der stets gehorsam leidenden Gottesmutter ins Hintertreffen geriet. Noch im Bett ein Griff nach einem Notizblatt. Danach nicht mehr einschlafen können.
Ich hatte tags zuvor über ein feministisch-theologisches Symposion an der Uni Graz berichtet. Dort schrieb ich vor 35 Jahren eine Diplomarbeit über Maria von Nazareth. Mag sein, dass dies meine literarische Ader ins Fließen brachte, obwohl ich heute – offen gesagt – nicht sehr oft mariologische Gedanken spinne.
Mein Text ist noch zu frisch, als dass ich seine Qualität aus gebührender Distanz beurteilen könnte. Insofern mute ich euch eine Art Werkstattbericht zu. Mit für mich offenen Fragen wie: Soll ich die Magnificat-Zitate wirklich mit den Anfragen an Maria abwechseln lassen? Oder lieber beides in eigenen Absätzen bündeln? Hm… was meint Ihr?
Jedenfalls: Danke für deinen Musenkuss, Magnificatwoman, du Powerfrau im Himmel!

Ausschnitt aus Edvard Munchs berühmter “Madonna”

Adventmail 2019/13 (Thema Gedichte)

Gründe (Erich Fried)

„Weil das alles nicht hilft
Sie tun ja doch was sie wollen

Weil ich mir nicht nochmals
die Finger verbrennen will

Weil man nur lachen wird:
Auf dich haben sie gewartet

Und warum immer ich?
Keiner wird es mir danken

Weil da niemand mehr durchsieht
sondern höchstens noch mehr kaputtgeht

Weil jedes Schlechte
vielleicht auch sein Gutes hat

Weil es Sache des Standpunktes ist
und überhaupt wem soll man glauben?

Weil auch bei den andern nur
mit Wasser gekocht wird

Weil ich das lieber
Berufeneren überlasse

Weil man nie weiß
wie einem das schaden kann

Weil sich die Mühe nicht lohnt
weil sie das alle gar nicht wert sind“

Das sind Todesursachen
zu schreiben auf unsere Gräber

die nicht mehr gegraben werden
wenn das die Ursachen sind

Der Grazer Katholischen Hochschulgemeinde verdanke ich Einiges. Z.B. eine Begegnung mit Erich Fried – damals für mich Germanistikstudenten ein absoluter Hero. Ich erinnere mich noch, dass der damals etwa 60-Jährige eine allzu allegorisch-schwülstige Interpretation eines seiner Liebesgedichte zurückwies: Er sei halt verliebt gewesen, that‘s it.
Unprätentiös und ehrlich, ohne „lyrisches Getue“ sind Frieds Gedichte, und seine Neigung zu Klartext hat dem „Stören-Fried“ gerade für seine mehrheitlich politischen Texte oft Probleme eingetragen. Doch wie heißt es so schön in seinem berühmtesten Gedicht: „Es ist was es ist / sagt die Liebe“.

Adventmail 2019/12 (Thema Gedichte)

Liebesgedicht (Kurt Marti)

wenn
e lawine
vo zärtlechkeit
für is z’begrabe
über is abe
geit
stirben i
gärn e chly
wett i
nid grettet sy

Dieses Gedicht des reformierten Pfarrers Kurt Marti (1921-2017) in Berner Mundart ist eines von wenigen, die ich seit Jahrzehnten auswendig kann. Mehrmals musste ich es Claudia, meiner Liebsten, in unseren gemeinsamen Jahren aufsagen.
Und erst heuer im Sommer rezitierte ich es vor Schweizer Wanderern – zu deren Verwunderung – auf einem Schneefeld im georgischen Kaukasus, den Gletscher des majestätischen Uschba (4737m) vor Augen. Von einer Zärtlichkeitslawine mitgerissen werden – was für ein schönes Bild für Hingabe!

Adventmail 2019/11 (Thema Gedichte)

Wenn es Gott gibt (Robert ME)

Wenn es Gott gibt
macht mich
seine liebe
frei und lebendig

wenn es Gott
nicht gibt
macht mich
die illusion seiner liebe
frei und lebendig

wie auch immer
es ist wohl schon gnade
dass es Gott
geben könnte

Blaise Pascal, berühmte naturwissenschaftliche, literarische und philosophische Größe des französischen Barock, formulierte ein Argument für den Glauben an Gott, das mich nachhaltig beeindruckt und das mir Skeptiker sehr entspricht: Pascal schrieb, es sei stets eine bessere „Wette“, an Gott zu glauben, weil der zu erwartende Gewinn dieser Überzeugung stets größer sei als der Verlust im Fall des Unglaubens.
Ich selbst glaube an einen befreienden, herausfordernden Gott, der/die mich an meine besten Möglichkeiten erinnert und liebevoll mit meinem Dahinter-Zurückbleiben umgeht. Somit gilt auch:

ohne titel (Robert ME)

anderswo
bin ich dagegen
bei gott dagegen
bin ich

Adventmail 2019/10 (Thema Gedichte)

Von guten Mächten (Dietrich Bonhoeffer)

  1. Von guten Mächten treu und still umgeben,
    behütet und getröstet wunderbar,
    so will ich diese Tage mit euch leben
    und mit euch gehen in ein neues Jahr.
  2. Noch will das alte unsre Herzen quälen,
    noch drückt uns böser Tage schwere Last.
    Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
    das Heil, für das du uns geschaffen hast.
  3. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
    des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
    so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
    aus deiner guten und geliebten Hand.
  4. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
    an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
    dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
    und dann gehört dir unser Leben ganz.
  5. Laß warm und hell die Kerzen heute flammen,
    die du in unsre Dunkelheit gebracht,
    führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
    Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.
  6. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
    so laß uns hören jenen vollen Klang
    der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
    all deiner Kinder hohen Lobgesang.
  7. Von guten Mächten wunderbar geborgen,
    erwarten wir getrost, was kommen mag.
    Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
    und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Heuer las ich eine Biografie über einen anderen evangelischen Theologen und NS-Widerstandskämpfer – Dietrich Bonhoeffer (1906–1945). Das obige Gedicht entstand in Gestapo-Haft. Bonhoeffer schrieb am 19. Dezember 1944 an seine Verlobte Maria und fügte dem Brief die kurz davor entstandenen Strophen als „Weihnachtsgruß für Dich und die Eltern und Geschwister“ an. Das Gedicht bezog sich auch auf seine eigene Situation – er musste mit seiner baldigen Hinrichtung rechnen.
Ungeachtet dessen versicherte Bonhoeffer seiner Verlobten: „Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt… Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat.“
Bonhoeffers Gedicht wurde mehrfach vertont – am gelungensten von Siegfried Fietz –, es findet sich in etlichen kirchlichen Liederbüchern und die letzte Strophe auf vielen Partezetteln.
Dietrich Bonhoeffer wurde am Morgen des 9. April 1945 gehängt. Der damalige SS-Lagerarzt berichtete darüber 1955, er habe in seiner fast 50-jährigen medizinischen Tätigkeit „kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen“.

Adventmail 2019/09 (Thema Gedichte)

Als die Nazis die Kommunisten holten (Martin Niemöller)

“Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten,
habe ich nicht protestiert;
ich war ja kein Gewerkschafter.
(Als sie die Juden holten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Jude.)
Als sie mich holten,
gab es keinen mehr, der protestierte.”

Martin Niemöller (1892-1984) war deutscher evangelischer Theologe und Widerständler der „Bekennenden Kirche“, den die Nazis in verschiedene KZ steckten. Ich schätze dieses sein Plädoyer für Zivilcourage und Unbeugsamkeit, das er selbst nach dem Krieg öfters zitierte. In der ursprünglichen Version kommt die Strophe mit den Juden noch nicht vor. Niemöller hat sie später selbst hinzugefügt – vielleicht, weil er sich für seinen eigenen Antisemitismus schämte. Hatte er doch 1935 in einer Predigt von den Juden als „hochbegabtem“, wenn auch betrügerischem Volk gesprochen, „das Ideen über Ideen hervorbringt, um die Welt damit zu beglücken; aber was es auch beginnt, verwandelt sich in Gift“.
Niemöller hat dazugelernt, er wurde einer der konsequentesten Pazifisten der deutschen Wiederaufbauzeit – auch wenn er mit dem Staat Israel nichts anfangen konnte und wollte.

Adventmail 2019/08 (Thema Gedichte)

am schlossberg im märz (Robert ME)

himmelverschlüsselter
duft an den ufern meines ganges
lässt nasenflügel schlagen
krokusbunt ist das muster des sauerstoffs
tannenzweigstellen minutenlanger ewigkeit
wind und spatzen liebespaaren sich darauf
aussichtsvoll
und wie der zerlassene schnee
befreit von schmutziger vergangenheit
bin ich
winterpelz und regenhaut sind ausgezogen
die sonnenfinger berühren mich nackt

Es war am Grazer Schlossberg an einem der ersten sonnigen Frühlingstage. Ich hatte ein Notizbuch mit und schrieb diese Zeilen – ungewöhnlich für mich sonst zuhause im Bett Sinnierenden und Formulierenden – gleich dort hinein. Später feilte ich wohl noch daran, ich weiß es nicht mehr. Es ist so eine Art komprimierter Osterspaziergang aus Goethes Faust 1: Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein.

Adventmail 2019/07 (Thema Gedichte)

Die gestundete Zeit (Ingeborg Bachmann)

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!
Es kommen härtere Tage.

Als ich als Rucksacktourist in Europa unterwegs war, hatte ich mehrmals Bachmann- Gedichte im Gepäck. Zu ihnen habe ich ein ganz besonderes Verhältnis: Viele von Bachmanns Sprachbildern bleiben mir fremd – und hallen dennoch in mir nach, waren immer wieder Inspirationen und Anstöße für eigene Lyrik. Bei Zeilen dieser an der Liebe, am Leben verbrannten Poetin wie “die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe” oder “Lösch die Lupinen!” spüre ich heute noch Beklemmung.
Als Germanistikstudent faszinierten mich erst Bachmanns wunderbare Erzählungen, die der Grazer Theologieprofessor Karl Woschitz immer wieder in seine Neues-Testament-Vorlesungen einflocht; ihre Gedichte entdeckte ich erst danach, hörte auf Schallplatte ihre monotone Mädchenstimme rezitierend in einem Seminar. Beides – Gedichte und Erzählungen – absolut lesenswert.
Zur „gestundeten Zeit“ schrieb ich übrigens einmal eine Art Gegengedicht. „Es kommen wärmere Tage“, hieß es dort, in optmistischere Sprachbilder gekleidet. „Steig in den Fluss und schwimme, / das andere Ufer vor Augen“,und: „Dein Blick folgt der Strömung:/ Die auf ewig verheißene Zeit / Wird sichtbar am Horizont.“ Aber die Bachmann hat schon recht, die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar: „Es kommen härtere Tage.“

Ingeborg Bachmann, fremde Vertraute meiner Studienzeit

Adventmail 2019/06 (Thema Gedichte)

vom baum der lust (Robert ME)

feucht und heiß
ist die liebe
wenn du sie lässt
und es zischt
wenn du sie berührst
halt aus
bis die liebe
faucht und beißt
bis sie keucht und reißt
die frucht vom baum der
lust im Paradies

Im Adventmail 6 Erotik made by RME. Beim Durchlesen meiner alten Texte habe ich den Eindruck, zwei Tabus sind überproportional vertreten: Sex und Religion. In diesem Fall geht es um beides. Wobei: Ich vermute, ich wäre durch die Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse weniger verführbar gewesen als durch jene vom Baum der Lust. Aber von dem ist in der Genesis ja gar keine Rede. Nur davon, dass sich Adam und Eva nach dem Sündenfall ihrer Nacktheit bewusst wurden.