Adventmail 2019/10 (Thema Gedichte)

Von guten Mächten (Dietrich Bonhoeffer)

  1. Von guten Mächten treu und still umgeben,
    behütet und getröstet wunderbar,
    so will ich diese Tage mit euch leben
    und mit euch gehen in ein neues Jahr.
  2. Noch will das alte unsre Herzen quälen,
    noch drückt uns böser Tage schwere Last.
    Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
    das Heil, für das du uns geschaffen hast.
  3. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
    des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
    so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
    aus deiner guten und geliebten Hand.
  4. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
    an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
    dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
    und dann gehört dir unser Leben ganz.
  5. Laß warm und hell die Kerzen heute flammen,
    die du in unsre Dunkelheit gebracht,
    führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
    Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.
  6. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
    so laß uns hören jenen vollen Klang
    der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
    all deiner Kinder hohen Lobgesang.
  7. Von guten Mächten wunderbar geborgen,
    erwarten wir getrost, was kommen mag.
    Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
    und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Heuer las ich eine Biografie über einen anderen evangelischen Theologen und NS-Widerstandskämpfer – Dietrich Bonhoeffer (1906–1945). Das obige Gedicht entstand in Gestapo-Haft. Bonhoeffer schrieb am 19. Dezember 1944 an seine Verlobte Maria und fügte dem Brief die kurz davor entstandenen Strophen als „Weihnachtsgruß für Dich und die Eltern und Geschwister“ an. Das Gedicht bezog sich auch auf seine eigene Situation – er musste mit seiner baldigen Hinrichtung rechnen.
Ungeachtet dessen versicherte Bonhoeffer seiner Verlobten: „Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt… Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat.“
Bonhoeffers Gedicht wurde mehrfach vertont – am gelungensten von Siegfried Fietz –, es findet sich in etlichen kirchlichen Liederbüchern und die letzte Strophe auf vielen Partezetteln.
Dietrich Bonhoeffer wurde am Morgen des 9. April 1945 gehängt. Der damalige SS-Lagerarzt berichtete darüber 1955, er habe in seiner fast 50-jährigen medizinischen Tätigkeit „kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen“.

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