Die gestundete Zeit (Ingeborg Bachmann)
Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.
Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!
Es kommen härtere Tage.
Als ich als Rucksacktourist in Europa unterwegs war, hatte ich mehrmals Bachmann- Gedichte im Gepäck. Zu ihnen habe ich ein ganz besonderes Verhältnis: Viele von Bachmanns Sprachbildern bleiben mir fremd – und hallen dennoch in mir nach, waren immer wieder Inspirationen und Anstöße für eigene Lyrik. Bei Zeilen dieser an der Liebe, am Leben verbrannten Poetin wie “die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe” oder “Lösch die Lupinen!” spüre ich heute noch Beklemmung.
Als Germanistikstudent faszinierten mich erst Bachmanns wunderbare Erzählungen, die der Grazer Theologieprofessor Karl Woschitz immer wieder in seine Neues-Testament-Vorlesungen einflocht; ihre Gedichte entdeckte ich erst danach, hörte auf Schallplatte ihre monotone Mädchenstimme rezitierend in einem Seminar. Beides – Gedichte und Erzählungen – absolut lesenswert.
Zur „gestundeten Zeit“ schrieb ich übrigens einmal eine Art Gegengedicht. „Es kommen wärmere Tage“, hieß es dort, in optmistischere Sprachbilder gekleidet. „Steig in den Fluss und schwimme, / das andere Ufer vor Augen“,und: „Dein Blick folgt der Strömung:/ Die auf ewig verheißene Zeit / Wird sichtbar am Horizont.“ Aber die Bachmann hat schon recht, die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar: „Es kommen härtere Tage.“
