Adventmail 2009/04 (Was geschah am … Dezember?)

Am 4. Dezember …
… 1915 wurde der Hauptbahnhof in Leipzig mit der Schlusssteinweihe komplett in Betrieb genommen. Und am 9. Juli 2009 besuchten meine Liebste und ich diesen Bahnhof auf der Reise von Wien nach Reykjavik.
Und das kam so: Wir hatten einen Air-Berlin-Flug von Wien nach Frankfurt gebucht sowie eine „Iceland-Express“-Fortsetzung von Frankfurt nach Island. Der erste Teil der Reise verlief planmäßig. Am Riesen-Flughafen von Frankfurt machten wir es uns angesichts einer dreistündigen Pause bis zum Weiterflug im Restaurant gemütlich, stellten uns dann rechtzeitig zum Check-In an – und hörten von der Dame am Schalter den Satz: „Ich muss Ihnen etwas Unangenehmes mitteilen: Sie sind am falschen Flughafen.“
Unser Flug sollte nämlich von Frankfurt-Hahn erfolgen, somit ca. 120 km entfernt und näher bei Luxemburg als bei Frankfurt gelegen. Für einen Transfer war es zu spät. Was also tun an diesem warmen Sommerdonnerstag?
Es folgten hektische Telefonate und Gespräche mit Info-Schalter und Fluglinien. Nächster „Iceland-Express“-Flug am Sonntag, hieß es, aber voll. Also Dienstag. „Iceland Air“ würde tags darauf fliegen – um zusätzlich 650 Euro pro Person. Anflüge von Verzweiflung.
Dann hatte unsere Island-Reiseveranstalterin schließlich die rettende Idee: Spätabends gab es von Berlin-Schönefeld aus einen weiteren Abflug und noch freie Plätze. Wenn wir es schaffen würden, bis dahin quer durch Deutschland noch nach Berlin zu kommen, würden wir mitgenommen.
Also zur DBB, buchen eines ICE-Tickets nach Berlin mit Umsteigen in Leipzig…
Alles ging gut aus, wir kamen gegen halb 12 Uhr nachts Ortszeit noch bei Tageslicht in Reykjavik an und begannen einen der schönsten Urlaube, die wir je erlebt hatten.
Ach ja: Der Hauptbahnhof Leipzig ist mit einer Grundfläche von 83.640 Quadratmetern der flächenmäßig größte Kopfbahnhof Europas und wirklich beeindruckend.

Adventmail 2009/03 (Was geschah am … Dezember?)

Am 3. Dezember …
… 1965 erschien das sechste Studioalbum der besten Band ever: Mit „Rubber Soul“ wollte das Management der Beatles schon vor 44 Jahren am Weihnachtsgeschäft mitnaschen. In Österreich waren die daraus entnommenen Singles in der Jahreshitparade 1966 jedoch weit hinter Größen wie Roy Black („Ganz in Weiß“), Chris Andrews („Yesterday Man“) oder Freddy Quinn („Hundert Mann und ein Befehl“), und Ö3 wurde erst zwei Jahre nach „Rubber Soul“ gegründet.
Irgendwann Ende der Sixties sang ich vorm Einschlafen immer wieder Beatles-Songs unter der Bettdecke in Phantasie-Englisch nach. Es waren Titel wie „She Loves You“, „Can’t Buy Me Love“ oder „I Should Have Known Better“ und somit durchwegs Songs aus der frühen, naiv-fröhlichen, „kind-kompatiblen“ Phase der Band. Erst später, in der AHS-Zeit, entdeckte ich auf Klassenausflügen beim gemeinsamen Singstreifzug durch „Beatles Complete“ die Meisterwerke der Spätzeit wie „Abbey Road“, zusammen mit dem titellosen Weißen Album der Favorit meiner Studienzeit.
Dazwischen lag „Rubber Soul“, von John Lennon in einem Interview einmal als „pot album“ und damit als Marihuana-inspiriert bezeichnet. Wenn ich die Tracklist ansehe, kann ich nur staunen über die unglaubliche Kreativität, die vor allem das Komponistenduo Lennon/ McCartney auszeichnete. George Harrison steuerte „If I Needed Someone“ und „Think for Yourself“ bei und spielte bei „Norwegian Wood“ erstmals auf einem Popsong eine Sitar; auch Ringo Starr wurde bei „What Goes On“ netterweise als Co-Komponist angegeben. Zwei während der Sessions zwischen Mitte Oktober und Ende November 1965 aufgenommene Lieder wurden nicht für das Album verwendet, sondern zeitgleich als Single (Doppel-A-Seite) veröffentlicht: Day Tripper/We Can Work It Out.
Mein Liebling auf „Rubber Soul“ ist „Nowhere Man“ mit dem brillanten Text von John. Oder doch die melodiöse Ballade „Michelle“ mit Pauls charmant-holprigem Französisch? Vielleicht aber auch „Girl“, wo John hörbar durch die geschlossenen Zähne die Luft einsaugt. Und da ist da auch noch „In My Life„: „There are places I’ll remember/All my life/ though some have changed…“
Eins noch: Warum eigentlich „Rubber Soul“? Das titelgebende Wortspiel (Rubber Sole = Gummisohle) geht angeblich auf Paul zurück, der sich über die zunehmende Begeisterung der Briten für Soulmusik amüsierte. Er bezog sich dabei vermutlich auf die abschätzige Bezeichnung plastic soul, die US-Musiker für die britische R&B-Szene verwendeten.

Adventmail 2009/02 (Was geschah am … Dezember?)

Am 2. Dezember …
… wurde ein 18-jähriger Habsburger von einer Revolution (!) in Österreich (!!) auf den Thron gehievt und als Franz Joseph I. zum Kaiser gekrönt. Und das kam so: Nach dem Hungerwinter 1847/1848 fegte der Volksunmut am 13. März den rigiden Restaurationspolitiker Metternich von den Schalthebeln der Macht. Vor allem das Bürgertum wollte Mitbestimmung und Freiheit nicht nur in Krähwinkel. (Kaiser Ferdinand I. – ein Onkel Franz Josephs – sagte angeblich damals in nasalem Schönbrunnerdeutsch zu seinem Staatskanzler: „Was mach’n denn all die viel’n Leut‘ da? Die san so laut!“ Metternich darauf: „Die machen eine Revolution, Majestät.“ Des Kaisers konsternierte Rückfrage: „Ja, dürfen’s denn des?!“) Trotz vieler Zugeständnisse musste Ferdinand im Oktober 1948 samt seinem Hofstaat vor erneuten Wiener Unruhen nach Olmütz fliehen. Am 2. Dezember dankte der führungsschwache Kaiser zugunsten seines Neffen ab. Der wurde noch am selben Tag in Olmütz im kleinen Kreis gekrönt.
Ein neues Gesicht sollte die Donaumonarchie bewahren. Ob es wie bei vielen seiner Ahnen von „Progenie“ – einem zu großen, ausgeprägten Unterkiefer, bei dem die unteren Schneidezähne vor die oberen beißen (sog. „Habsburger-Kinn“) – geprägt war, entzieht sich meiner Kenntnis. Schon auf frühen Darstellungen trug Franz Joseph den für ihn typischen Backenbart.
Und immer zeigte er sich in der Uniform des obersten Kriegsherrn. Der erzkonservative „rothosige Leutnant“, wie seine Kritiker spöttelten, war am Beginn seiner Regierungszeit keineswegs die Vaterfigur der Phase vor dem Ersten Weltkrieg. Im Gegenteil: Er war unpopulär bis zur Verhasstheit, wurde mit dem repressiven Säbelregiment des Nachmärz assoziiert. Sein neoabsolutistischer Anspruch, ohne jedes Parlament zu regieren, erschien schon damals unzeitgemäß.
Erwin Ringel, der Analytiker der „österreichischen Seele“, sagte einmal über Kaiser Franz Joseph: „Der Mann wurde schon in der Kindheit durch seine Mutter und die Erziehung vernichtet, hat dann 68 Jahre regiert, (und) hat in dieser überlangen Zeit keine einzige konstruktive Idee gehabt…“ Der Kaiser war pessimistisch, durchdrungen von Pflichtbewusstsein und der gleichzeitigen Scheu vor Veränderungen oder gar Reformen. Die hätte vielleicht sein Sohn Kronprinz Rudolf in Angriff genommen. Doch der starb ebenso tragisch wie seine Mutter Sisi. Als ihm 1898 die Nachricht vom Attentat in Genf überbracht wurde, soll Franz Joseph geseufzt haben: „Mir bleibt auch nichts erspart!“

Adventmail 2009/01 (Was geschah am … Dezember?)

Am 1. Dezember …
… 1955 ereignete sich ein schönes Beispiel für ein kleines Ereignis mit großer Wirkung. Die „Neville Brothers“ aus New Orleans schrieben darüber für ihr großartiges Album „Yellow Moon“ (1989) einen Song, den ich immer wieder gerne höre. Er beginnt so:
„Sister Rosa Parks was tired one day after a hard day on her job.
When all she wanted was a well deserved rest, not a scene from an angry mob.
A bus driver said, „Lady, you got to get up, cuz a white person wants that seat.“
But Miss Rosa said, „No, not no more. I’m gonna sit here and rest my feet.“

Die damals 42-jährige Rosa Parks hatte also eine Menge Zivilcourage. Ihre Weigerung, im Bus einem Weißen ihren Sitzplatz zu überlassen, trug der damals in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung aktiven Sekretärin und Schneiderin die Verhaftung und eine Geldbuße wegen Störung der öffentlichen Ordnung ein. Die „Ordnung“ in Montgomery im US-Staat Alabama sah nämlich vor, dass es in öffentlichen Bussen zwei Bereiche gab: eine für white people in den ersten vier Sitzreihen, dahinter jene für coloured people. Rosa setzte sich in den mittleren Abschnitt, den schwarze Passagiere benutzen durften; allerdings war eine komplette Reihe zu räumen, sobald auch nur ein weißer Fahrgast dort sitzen wollte. No, not no more, dachte sich Rosa Parks und regte Martin Luther King damit zum 382-tägigen Montgomery Bus Boycott an. Der wiederum wesentlich zur Aufhebung der Rassentrennung in den USA beitrug.
Den Gerechten schenkt Gott ein langes Leben. Rosa Parks starb am 24. Oktober 2005 im Alter von 92 Jahren. Der US-Senat beschloss daraufhin Rosas öffentliche Aufbahrung im Kapitol – sie war die erste Frau in den USA, welcher diese besondere Ehrung zuteil wurde.
Nochmals die Neville Brothers im Refrain: „Thank you Miss Rosa. You were the spark that startet our freedom movement. Thank you sister Rosa Parks.“

Adventmails 2009 (Ankündigung)

Was geschah am … Dezember?
So, liebe FreundInnen, lautet die diesjährige Leitfrage meines schon traditionellen virtuellen Adventkalenders*) Ich habe zu jedem Datum vom 1. bis 24. Dezember Ereignisse aus dem Internet recherchiert und kurz beschrieben, und zwar Ereignisse unterschiedlichster Art vom Rockkonzert bis zum Konklave und mit verschiedensten Persönlichkeiten von Muhammad Ali bis Richard Löwenherz. Es soll Euch AdressatInnen unterhalten und gleichermaßen kleine intellektuelle Aha-Erlebnisse verschaffen. Es ist nämlich so: Ich bin jetzt 50 und immer noch neugierig. Immer noch bildungshungrig und voll Staunen über die Vielfalt des Lebens. Somit ist jedes der folgenden 24 „Adventkästchen“ in Eurem Maileingang auch ein Dankgebet für all die Großartigkeiten und Banalitäten, für die Einblicke in entfesselnde Großherzigkeit und auch abgrundtiefe Bosheit, die einem Menschen mit wachen Sinnen und frischem Geist begegnen.
In diesem Sinn, einen ertragreichen Advent! Robert
*) Im Dezember 2002 versandte ich jeden Tag einen bemerkenswerten Bucheinstieg; 2003 ging es mir um gute „letzte Sätze“ – also darum, mit welchen Worten LiteratInnen ihre Bücher beenden. 2004 sammelte ich mit Eurer Hilfe „geglückte Momente“, 2005 stand das zum Advent passende Thema „warten“ 24mal im Mittelpunkt. 2006 ging’s um Listen aller Art, 2007 um einen „Countdown zu den Zahlen 24 bis 1. Und im Vorjahr, 2008, schrieben ich (und einige andere AutorInnen) Briefe ans Christkind (und einige andere AdressatInnen). Die diesjährigen Adventmails stelle ich übrigens auf Facebook in die Gruppe „Adventsmails“ zum Nachlesen und Kommentieren.