
Jedes Jahr eine ausgiebige Radtour irgendwo in Europa – das war eines meiner Urlaubsmottos, seit ich 2019 zum 60er mein E-Bike bekam. Und heuer erstmals nicht als Single-Speed-Fahrer, sondern zu zweit, mit Claudia unterwegs. Unser Ziel: Flandern. Anreise per Bahn nach Aachen, ab dann per Bike mit Übernachtungen in Genk (1), Brüssel (3), Kortrijk (1), Ostende (4), Brügge (2), Gent (2), Antwerpen (3) und Breda (1), am letzten Tag nach Rotterdam und erneut per Bahn nach Amsterdam, von wo uns der ÖBB-Nightjet nach 19 Tagen wieder nach Wien zurückbrachte. Verglichen mit meinen jüngsten Touren (2025 Kattegat-Umrundung, 2024 ostseewärts nach Danzig, beides ab Hamburg) bedeutete dies kürzere Radstrecken, in Summe rund 700 km, und weniger Natur, dafür mehr Städte mit Kultur und Kulinarik. Und gewöhnungsbedürftig für mich: das Reisetempo an meine bessere, wenn auch untrainiertere bessere Hälfte anpassen, die zwar rad-affin ist, aber bald mit einer fiebrigen Erkältung zu kämpfen hatte. Das Wetter war nämlich nicht so hitzerekordverdächtig wie heuer in Wien, sondern deutlich kühler, so um die 20 Grad, und auch feuchter als zu Hause. Auch wenn Regen die Ausnahme blieb.

In Aachen ein Quartier für die erste Übernachtung zu finden, erwies sich als Herausforderung; denn die Kaiser-Karl-Stadt war gerade Schauplatz einer Reit-WM. Freundliche Dominikanerinnen, beheimatet in der hübschen Innenstadt, hatten noch zwei Einzelzimmer frei, Deo gratias! In Aachen war schon Festtagsstimmung. Musikbühnen an mehreren Plätzen rund um den (leider bereits geschlossenen) Aachener Dom, eines der schlechteren Abendessen im Brauhaus. Früh ins Bett, denn unser Tag hatte bereits um 5h für die rechtzeitige Anfahrt zum Wiener Hbf. begonnen und war mit Bangen um das Erreichen der Anschlusszüge in Salzburg und Frankfurt weitergegangen.



Der erste Radtag am 21.8. führte ca. 60 km durch drei Länder: D, NL mit Kaffee in Maastricht, nach dem Erreichen von Flandern am Albertkanaal entlang nach Genk – eine Stadt, mit der ich davor rein gar nichts verband. Wir wählten diesen Übernachtungsort, weil im ursprünglich angepeilten Hasselt – Reit-WM? – nichts Leistbares zu bekommen war. Mit dem Fund von Steinkohle 1902 änderte sich das Leben in der davor idyllischen Heidelandschaft. Es entstanden drei Bergwerke, die Bevölkerung verzehnfachte sich. Mit den 1960er-Jahren erfolgte, ähnlich wie in anderen westeuropäischen Kohleregionen, ein Strukturwandel, in den 1980ern wurden die letzten Minen geschlossen. Heute gibt es auf dem ehemaligen Bergbaugelände ein Begegnungs- und Kulturzentrum, die C-Mine, aus der zwei alte Bohrtürme markant herausragen und in der wir Spaß im eisernen Labyrinth hatten (Fotos 1-3).



Der zweite Radtag sah die längste Strecke – mehr als 100 km – vor, weshalb ich bereits vorab die Teilstrecke Hasselt–Löwen per Bahn eingeplant hatte. Westlich von Genk kann man in einem wasserreichen Heidegebiet an pittoresken Teichen halten und sogar “Radeln durchs Wasser“ erleben. Wir fuhren in einer rund 200 m langen Beton-Metall-Wanne durch einen kleinen See, der Wasserspiegel daneben auf Kopfhöhe. Spektakulär!

Besonders zum Verweilen einladende Natur und Landschaften wie heuer in Portugal oder Skandinavien gab es bei dieser Tour nicht. In Erinnerung bleiben mir die breiten “Radautobahnen” in Belgien und den Niederlanden, die oft entlang der vielen Kanäle oder von Bahnstrecken führen. Schön waren die Routen am Gent-Brügge-Kanal von Ostende in die genannten Städte und jene an der Nordsee bei meinem Ausflug nach Dünkirchen durch unberührte Dünen. Wenig attraktiv dagegen die Fahrt neben Autobahnen von Löwen nach Brüssel und von Breda nach Rotterdam. Generell gilt aber: Von der Fahrradinfrastruktur in Benelux könnte sich Österreich einiges abschauen. Z.B. die asphaltierte Radspur neben Waldwegen, Ampeln, die bei Annäherung eines Rades automatisch auf grün wechseln, oder, dass Fahren gegen die Einbahn genauso üblich ist wie, dass Fußgängerinnen und Radler Verkehrsflächen gemeinsam nutzen. Ich benutzte auf der Reise übrigens Teilstrecken von Eurovelo 4 (Mitteleuropa-Route), 12 (Nordsee-Route) und 5 (Via Romea). Insgesamt führen 8 der mittlerweile 19 europaweiten Fernradwege durch Benelux.







Unser Fokus lag aber auf den Städten. Und was für großartige Städte es in der von uns besuchten Gegend gibt! Ich pfeife mal auf die Chronologie und werbe für Brügge (!), Gent (!), Brüssel, Löwen, Antwerpen – allesamt einen Besuch wert und mit der Bahn auch recht gut erreichbar.
In Löwen/Leuven/Louvain hielten wir uns am 22.8. nur kurz auf – viel zu kurz für die studentisch geprägte Stadt unweit von Brüssel. Wir kamen mit der Bahn aus Hasselt (auch sehr nett) und erkundeten die riesige, beeindruckende Innenstadt mit Stopps im Großen Beginenhof Löwen und die sympathische Kaffeerösterei mit biblischem Bezug: „Onan“ klingt anzüglich, aber der Kaffee war richtig gut – was in Belgien nicht immer der Fall war.

Über das multikulturelle Brüssel hatte ich mich davor bei meinem Sohn Fabian erkundigt, der kurz davor „Europas Hauptstadt“ ebenfalls besuchte. Billige, längst gebuchte a&o-Hostels (nicht zu empfehlen) hier und dann in Antwerpen waren ja der ursprüngliche Anlass für eine ausgiebige Flandern-Visite. Einen Überblick verschafften uns die Hop-on-hop-off-Busse, die es inzwischen ja in allen Großstädten gibt. Das auch von meiner Schwester Martina empfohlene Europa-Viertel war wochenendbedingt nicht so geschäftig wie sonst. Im Haus der europäischen Geschichte hörte ich mir aber einen spannenden Vortrag des Historikers und „englischen Europäers“ Timothy Garton Ash an, der die Vielfalt des Kontinents ebenso aufzeigte wie die Notwendigkeit grenzüberschreitender Kooperation. In Erinnerung ist mir besonders Ashs These, Europa sei dadurch gekennzeichnet, dass man sich auch jenseits der eigenen Heimat zu Hause fühlt. Lohnend war auch ein Besuch im Brüsseler Banksy-Museum, der das subversive Schaffen des von mir sehr geschätzten britischen Street-Art-Pioniers unterhaltsam veranschaulichte.
Ein Hop off erfolgte beim Atomium, dem 1958 anlässlich der Weltausstellung errichteten Wahrzeichen Brüssels. Die milliardenfache Vergrößerung der kristallinen Elementarzelle des Eisens ist als Symbol für das Atomzeitalter zwar schon etwas angekratzt, nach einer Renovierung aber durchaus sehenswert. Rolltreppen in den Röhren verbinden die neun Hohlkugeln, in denen Historie des Bauwerks und Lichtinstallationen zu sehen sind. Im Aussichtsrestaurant ganz oben waren wir wegen der elendslangen Warteschlange der Touristen nicht.
Must-See-Besuche am Grand-Place, beim Manneken Pis (nicht jedoch bei der hockenden Jeanneke Pis) und Open-Air-Darbietungen in der weitläufigen Innenstadt füllten neben kulinarischen Highlights (dazu später mehr) die zwei Tage in Brüssel rasch. Besonders gefielen mir auch die vielen mit Comicszenen bemalten Hauswände; die Belgier sind ja eine Nation von Comic-Liebhabern (Tim und Struppi! Lucky Luke! Die Schlümpfe!).
Hier einige Impressionen von Brüssel:












Eine besondere Stadt ist Brügge/Brugge/Bruges. Da die 120.000-Einwohner-Stadt nie durch Kriege oder großflächige Brände zerstört wurde, ist das spätmittelalterliche Stadtbild mit vielen historischen Gebäuden der Backsteingotik optimal erhalten. Der Wohlstand der ehedem mit der Hanse verbundenen Stadt und kurioserweise auch die wirtschaftliche Stagnation vom 17. bis zum 19. Jhd. trugen dazu bei, dass Besuchenden heute eine der besterhaltenen Altstädte Europas viele Wow!-Effekte beschert wird. Beeindruckend ist der Ausblick vom 83 m hohen Belfried, einem Stadtturm, der in die Hallen am zentralen Grote Markt integriert ist. Von dort stürzte sich der Auftragsmörder Ken in der sehenswerten schwarzen Komödie „Brügge sehen… und sterben?“ in den Tod.
Wir buchten eine Bootsfahrt durch die Kanäle Brügges, fuhren z.B. unter einer bei Hochzeitspaaren beliebten Brücke hindurch und holten später Bussis darauf nach. Wie in vielen flämischen Städten auch hier staunenswerte Kathedralen und Kirchen mit wertvollen Gemälden von Meistern wie Rubens, Antoon van Dyck und davor den Brüdern Jan und Hubert van Eyck oder Rogier van der Weyden, mit prachtvoll geschnitzten Chorgestühlen, Kanzeln und Beichtstühlen, Glasmalerei und Orgeln – insgesamt verbrachten wir einige Stunden in verschiedenen Gotteshäusern, in denen manchmal eine Bezahlsperre zu einem Museumsbereich besteht (nicht für mich Journalistenausweisbesitzer).
In Brügge besuchten wir sowohl die Heilig-Blut-Basilika mit einer der bedeutendsten Reliquien, der „Ampulle mit dem Blut Christi“, als auch die Liebfrauenkirche mit Michelangelos Brügger Madonna samt dem vor seiner Mutter stehenden Jesusknaben. Deutlich profaner unser Besuch im Restaurant De Halve Maan (dt.: Der Halbe Mond), der ältesten Stadtbrauerei Brügges, zu der das Gebräu durch kilometerlange Leitungsrohre aus der Vorstadt gelangt.






Unbedingt erwähnen muss ich auch unser Quartier in Brügge. Das B&B Huis Billiet ist ein denkmalgeschütztes Schmuckstück des Brügger Architekten Huib Hoste aus den 1920er Jahren, das ursprünglich als Diamantschleiferei diente und von unseren Gastgebern Jessie und Dries liebevoll für Wohnzwecke adaptiert wurde. Die beiden wohnen in der völlig umgebauten Schleiferei, wir nächtigten in einem der zwei geschmackvoll eingerichteten Zimmer im Haupthaus. Großartiges Frühstück! Wärmste Empfehlung für alle, die mal nach Brügge kommen.

Gent, unsere nächste Stadt, ist mehr als doppelt so groß wie Brügge und deutlich moderner, studentischer, weniger touristisch und „herausgeputzt“, dennoch mit fast 10.000 denkmalgeschützten Gebäuden ausgestattet. Hat mir auch sehr gut gefallen. Unsere Gastgeberinnen waren wie schon in Aachen Klosterschwestern: Das Karmelitinnenkloster ist jetzt als Het Rustpunt eine zentrumsnah attraktive Gaststätte. Wie schon in Brügge unternahm ich einen online empfohlenen Stadtrundgang – mit eineinhalb Stunden in der St.-Bavo-Kathedrale, benannt nach einem hierzulande völlig unbekannten belgischen Heiligen des 7. Jhd.s. Dort steht mit dem Genter Altar aus den 1420er-Jahren einer der meistbewunderten, von reichen Kaufleuten gestifteten Kunstschätze des Christentums (Bild 5). Hauptthema des zentralen Gemäldes der Brüder van Eijk ist die Anbetung des Lammes aus der Offenbarung des Johannes mit Engeln und Heiligen, inmitten einer Wiese mit Darstellungen von 81 identifizierbaren, symbolisch aufgeladenen Pflanzen. Über die Entstehung und die überaus wechselvolle Geschichte der Altartafeln (die am Ende der NS-Zeit bis ins Salzbergwerk bei Altaussee gelangten) wurde ich mit einer 3-D-Brille informiert und stand mit anderen Besuchenden immer wieder lauschend und betrachtend in leeren Nischen der Krypta. Das frisch renovierte Kunstwerk dann oben in einer Kapelle hinter dem Hauptaltar zu sehen, war ein Erlebnis.







Neben Kanälen punktet Gent auch mit dem Zusammenfluss von Leie und Lieve mitten im Zentrum, dem 95 m hohen Belfried, der frühmittelalterlichen Burg Gravensteen und mit einer Graffiti-Straat (Bild 4), in der sich Sprayer so richtig austobten.
In der zweitgrößten belgischen Stadt Antwerpen war ich, ich geb’s zu, schon etwas sightseeing-müde nach den vorangegangenen Übernachtungen in sieben Städten. Außerdem logierten wir wieder in dem öden a&o-Hostel Centraal beim bemerkenswerten Bahnhof und nach einigen schönen Tagen war das Wetter zunächst ziemlich feucht. Dem Regen entflohen wir am 4.9. mit einem Besuch des Koninklijk Museum voor Schone Kunsten (Bild 7) mit kreativ inszenierten Museumsräumen zu verschiedenen Themen. Die Gemälde hier und jene in der Liebfrauenkathedrale versöhnten mich etwas mit den opernhaft opulenten Barockszenerien des berühmtesten Antwerpeners Peter Paul Rubens. Der war ein großer Künstler – und ein gewiefter Unternehmer mit großer Werkstatt. Die Kreuzaufrichtung und Kreuzabnahme in der Kathedrale sind zwar auch dramatisch pompös, aber doch kompositorisch virtuos und sogar berührend. Reizvoll auch der Kontrast zu moderner Kunst in der Kirche, etwa zur Plastik Der Mann, der das Kreuz trägt des Antwerpener Künstlers Jan Fabre.
Via GuruWalk nahmen Claudia und ich an einer Führung durch die Antwerpener Innenstadt teil, Guide Lisbeth machte das richtig gut und flocht auch viel Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ein. Ich erfuhr, dass Antwerpen – obwohl 88 km von der Schelde-Mündung in die Nordsee entfernt – nach Rotterdam den zweitgrößten Hafen Europas besitzt, im 16. Jhd. sogar den weltweit bedeutendsten. Zum Namen der Stadt erzählte uns Lisbeth die Brabo-Legende aus dem 15. Jhd., wonach Antwerpen sinngemäß „Hand werfen“ bedeutet. Dargestellt ist dies mit dem Brabobrunnen auf dem Grote Markt. Der Name stammt aber wahrscheinlich von „an de warp“ (an der Warft).






Dass die gesamte Region samt der Nordseeküste bis weit hinter die französische Grenze extrem unter den Kriegsereignissen von 1939-1945 litt, verdeutlichte öffentliche Tanzfreude anlässlich des Jahrestags des Weltkriegsendes (Bild 6 oben). Den Bewegungslustigen schauten wir eine ganze Weile gern zu, nicht nur, weil viele wie in den 1940ern gekleidet waren. Manchmal sahen wir auf unseren Fahrten auch Betonbunker der deutschen Wehrmacht, und ich historisch Interessierter machte von Ostende aus einen 120-km-Radausflug nach Dunkerque/Dünkirchen. Die Stadt in frz. Flandern ist die nördlichste Frankreichs. Bekannter ist sie allerdings durch die von Christopher Nolan 2016 verfilmte Operation Dynamo: Im Frühjahr 1940 wurde Dunkerque bei den Kämpfen zwischen der deutschen Wehrmacht und den dort eingekesselten Briten und Franzosen weitgehend zerstört. In einer spektakulären Initiative konnte die Royal Navy im Mai bis zum 4. Juni den größten Teil der in die Stadt zurückgezogenen britischen Truppen nach Großbritannien retten. Mehr als 330.000 der ursprünglich 370.000 englischen und 130.000 französischen Soldaten wurden evakuiert – ohne diesen Erfolg wäre das UK zur Fortführung des Kriegs gegen Hitler-Deutschland kaum imstande gewesen.
Kortrijk und Ostende waren die Stationen zwischen Brüssel und Brügge. Claudia wollte unbedingt ans Meer, wir buchten also gleich vier Nächte im wichtigsten belgischen Badeort. Der besteht aus Hotelburgen, die den kilometerlangen Sandstrand zwischen der französischen und niederländischen Nordseeküste säumen, in der vordersten Linie zumindest. Aber auch das „Hinterland“ ist architektonisch nicht interessanter, zu viel wurde im Krieg zerstört. Wir hatten aber ein tolles Apartment in der zweiten Parallelstraße hinter dem Strand mit zwei Terrassen und einem vom Wohnzimmer getrennten Schlafraum. Ich hätte ja nicht einen so langen Aufenthalt gebraucht, aber er erwies sich als Segen: Claudia hatte sich eine fiebrige Erkältung eingefangen und verbrachte einen ganzen Tag im Bett, schlapp wie die faulen Seehunde am Sandstrand von Ostende (Bild 9). An den restlichen Tagen gab’s Schonprogramm. Z.B. Fahrt mit der Kusttram, der längsten Straßenbahn der Welt (Bild 8) über 67 km von De Panne (nahe bei F) bis Knokke (nahe bei NL). Ich fuhr damit nach De Haan, wo auch die NS-Flüchtlinge Albert Einstein und Stefan Zweig in einer der vielen hübschen weißen Villen Meeresluft schöpften, nach Blankenberge und Nieuwport. Tags darauf machte Claudia Ähnliches, während ich auf der Eurovelo 12/4 nach Dunkerque radelte (s.o.).







Nach Kortrijk muss man nicht unbedingt, wenn man Belgien besucht. Aber auf der Strecke von Brüssel zur Nordsee benötigten wir am 25./26.8. eine Zwischenstation. Wirklich sehenswert in dem 80.000-Einwohner-Städtchen ist der Beginenhof ganz im Zentrum. Solche Wohnanlagen der Beginen kommen vor allem im belgischen Flandern und in den Niederlanden vor und beherbergten ab dem 12./13. Jhd. unabhängige Frauengemeinschaften abseits von Ordensgelübden, bestehend aus frommen und sozial engagierten Nachfolgerinnen Christi. Begijnen/Beghinen/Beginen – dieses etymologisch im Dunkeln liegende Wort brachte schon während meines Theologiestudiums die Augen feministischer Studienkolleginnen zum Leuchten. Als Weltkulturerbe eingestufte Anlagen wie jene in Kortrijk besuchte ich auch in Löwen, Brügge und Gent, allerdings geht es den Beginenhöfen wie den überalterten Frauenkonventen: Viele werden anderweitig genutzt, z.B. leben Studierende statt der ausgestorbenen Beginen dort. Schade eigentlich.

Wer Asterix bei den Belgiern gelesen hat, den letzten gemeinsamen Band von Goscinny und Uderzo, weiß, dass die Belgier gutes, reichhaltiges Essen lieben. Und wer wie wir beim Radeln viele Kalorien verbrennt, schätzt die großen vier der Cuisine belge: Pommes frites, Waffeln, Schokolade und Bier. In Brüssel machten wir an drei aufeinanderfolgenden Abenden das Frites Atelier zu unserem Stammlokal. Die knusprigen, niemals lätscherten Erdäpfelstäbchen, zweimal in einer mit Rinderfett gefüllten Fritteuse herausgebacken, gibt es dort in verschiedenen köstlichen Varianten (Bild 10). Dazu ein Glas Stella Artois – herrlich! Ausgezeichnet auch die Moules Frites/Mosselen-friet (Bild 12), die ich zweimal vertilgte.
Die besten Waffeln aßen wir im Maison Dandoy in Brüssel, köstlich kross mit Erdbeeren und Obers drauf (Bild 11), und im House of Waffles in Brügge mit Vanilleeis und Schokosoße… kein Wunder, dass sich auch Marilyn, Elvis, Frankieboy und Muhammad Ali auf den KI-generierten Werbeplakaten im Lokal die Lippen lecken (Bild 13). Und Neuhaus ist so etwas wie der belgische Schoko-Primus mit Stammsitz in Brüssel. Dort kauften wir die erste kleine Pralinenauswahl, in Antwerpen dann nochmals eine zum Mit-nach-Hause-Nehmen.
Nachsatz zum Bier: Ich bevorzuge ja die hellen Lagerbiere. Aus ästhetischen Gründen griff ich im Spar von Ostende zu einem bunten Fläschchen mit einem Radfahrer drauf – und schüttete einen Teil davon weg. Igitt. Claudia war mit einem Kirschgeschmackradler besser bedient. Jedenfalls sind die Belgier stolz auf ihre rund 1000 Biersorten, viele Läden und Beisln werben mit Dutzenden Varianten.





Belgien besteht als so bezeichneter Staat erst seit rund 200 Jahren. Davor waren Flandern, Limburg und Brabant Teile verschiedener Großmächte, u.a. auch der Habsburger Monarchie. Seit 1830 ist Belgien eine konstitutionelle Monarchie und teilt sich heute in das französischsprachige Wallonien und in Flandern, das seine Sprache mit den Niederlanden teilt. Das Land ist gerade für Radbegeisterte eine Reise wert, es gibt günstige Öffis, sonst ein ähnliches Preisniveau wie in Österreich und die Weltoffenheit eines einstigen Kolonialstaates und aktuellen Europazentrums. Nicht so gut bestellt ist es um die Müllabfuhr, aber das machen Kultur und Kulinarik (außer: Kaffee) mehr als wett.
Über die letzten beiden Tage, den 6./7. September, gibt es nicht viel zu erzählen. Unspektakulärer Grenzübertritt auf halber Strecke zwischen Antwerpen und Breda, davor radeln entlang der Bahnstrecke nach Amsterdam, danach durch holländische Landwirtschafts- und Blumenzuchtregionen. Breda ist recht hübsch, die Fahrt am nächsten Tag nach Rotterdam (das ich von meiner Rheinradtour schon etwas kenne) fast 60 km ohne nennenswerte Pause. Warum Nightjet von Amsterdam? Nun, von Antwerpen in Zügen, die Räder mitnehmen, nach Hause zu kommen, ohne dazwischen zu übernachten, erwies sich als unmöglich. Lernt dazu, ihr Bahnunternehmen Europas!