Einmal den Camino bis zum Ziel in Santiago de Compostela gehen – das wäre doch ein schönes Projekt nach dem Antritt der Pension, dachte ich. Im Kopf spukte mir dieser Plan schon länger herum, angestoßen durch einen Besuch in der galicischen Hauptstadt während einer Portugal-Autotour mit Freunden 2012, durch Kinofilme wie die Komödie „St. Jacques – pilgern auf französisch“ (2005), „Dein Weg“ mit Martin Sheen (2010), „Mein Weg – 780 km zu mir“ vom Australier Bill Bennett (2024) und die Hape-Kerkeling-Adaption „Ich bin dann mal weg“ (2015); den letzten Anstoß gab die vergnügliche Buchvorlage des deutschen Comedy-Stars mit demselben Titel, die ich 2025 las.
Ich machte mich schlau, wie so ein Camino anzugehen wäre. Entschied mich gleich mal für die deutlich kürzere Variante zum populären, 800 km langen Camino Francés: Von Porto aus sollte es losgehen, gut machbar in 2 Wochen, gut erreichbar durch einen Direktflug aus Wien, zudem ein höchst einladender Ausgangs- und Zielort meiner Reise.
In den Social Media gibt es Dutzende Camino-Gruppen, dort holte ich mir ebenso Tipps wie auf Seiten wie www.jakobsweg.de, sah mir YouTube-Videos an – und plante die Etappen. Elf Wandertage sollten es werden einschließlich des Anreisetags mit Fußmarsch von einer zentralen Metrostation in Porto bis zum ersten Quartier am westlichen Stadtrand. Wie Hape Kerkeling wollte ich mir den Luxus von durchwegs vorab reservierten Einzelzimmern mit eigenem Bad und WC gönnen, für Hostels mit Stockbett-Ansammlungen ohne jede Privatsphäre fühle ich mich zu alt.
Die folgenden beiden Karten sind (verkürzende) Google-Maps-Kopien meiner Strecken in Portugal (links) von Porto nach Valenca und Spanien (rechts) von Valenca nach Santiago.


Zu meiner Vorbereitung gehörten lange Spaziergänge, meist entlang der Alten Donau, mit unterschiedlichem Schuhwerk. Dabei schieden die knöchelhohen Bergschuhe aus, weil zu klobig, zu schwer, und ins Gebirge würde gerade der von mir präferierte Küstenweg entlang des Atlantiks ja nicht führen. Ich entschied mich nach mehreren 20.000-Schritte-Wanderungen für gut eingelaufene Trekking-Schuhe und nicht für die leichteren, jedoch nässeempfindlichen Jogging-Schuhe. Was wohl ein Fehler war.
Und der Rucksack, so hieß es, sollte maximal 10 Prozent des Körpergewichts schwer sein. Das schaffte ich handgepäcktauglich mit 7,5 kg genau, beschränkte mich bei der Kleidung auf das notwendigste und schnellst trocknende, Rei in der Tube kam jedenfalls mit, ebenso Kamera, Ladegeräte und als einziges Buch ein Neues Testament im Taschenbuchformat. In dem las ich letztlich nicht einmal eine Seite; die Behelfs-Lesebrille nach zwei erst kurz vor Reiseantritt absolvierten Katarakt-Operationen erwies sich als ungeeignet für längeres Lesen der 9-Punkt-Schrift, die Buchstaben verschwommen wohl nicht nur aus Müdigkeit. Die spirituelle Erbauung musste somit anders erfolgen.

Meine etwas – wie soll ich es nennen? – ermattete Religiosität zu beleben war eine Hoffnung, die ich mit dem Jakobsweg verband. Vielleicht würde der tägliche äußere Aufbruch auch einen innerlichen anregen, dachte ich mir. Hape schrieb von Gottesbegegnungen, zu denen es komme, wenn man sie geschehen lässt, sich „leer“ macht, offen, durchlässig. Mir hing dabei noch ein Gespräch nach, das ich kürzlich mit meiner besten Freundin über den Glauben hatte. Sie, obzwar studierte Theologin, sieht als nunmehrige Psychotherapeutin die christliche Vorstellung eines liebenden, gütigen Gottes als psychologisch erklärbares Bedürfnis nach Angenommen-sein durch ein imaginiertes höchstes Wesen. Mir ist das zu wenig, und Gott kann manchmal ganz schön unbequem sein und sich querlegen, wenn es um Vertröstung und Selbstbestätigung geht.
Kurz nach meiner Ankunft in Porto um 9.30 Ortszeit sah ich bei der Metrofahrt ins Zentrum eine Jesus-Skulptur mit ausgebreiteten Armen in einem Vorgarten, eine Miniaturausgabe der Statue Santuário de Cristo Rei jenseits der Tejo-Brücke in Lissabon. Ein schöner Willkommensgruß, dachte ich und freute mich auf das Kommende.