Adventmail 2005/08 (warten)

Fegefeuer

Das Fegefeuer (lat.: purgatorium) ist nach der römisch-katholischen Lehre ein Ort der Läuterung, in dem die Seele eines Verstorbenen auf das ewige Leben im Himmel vorbereitet wird. Im Fegefeuer besteht die Qual darin, dass der Verstorbene zwar schon die vollkommene Gegenwart und Liebe Gottes spürt, sich aber aufgrund seiner Sünden dieser Liebe nicht würdig fühlt. Der Mensch wird so von seiner letzten Schuld durch seine Reue geläutert. Die sogenannten armen Seelen sind im Fegefeuer also nicht endgültig festgehalten, sondern sie haben immer die Gewissheit, daraus entlassen zu werden. Die Wurzeln zu dieser Idee reichen bis ins frühe Christentum.
In der neueren Theologie wird der Gedanke des Fegefeuers als eines Ortes mit “zeitlichen Strafen” abgelehnt. Stattdessen sprechen die Theologen von einem Reinigungsgeschehen. Fegefeuer sei ein Bild der Hoffnung des Gläubigen auf eine Läuterung und Reinigung durch Gott. Mit Mutmaßungen über zeitliche und räumliche Dimensionen dieses Geschehens hält man sich heute zurück. Weiterhin wird jedoch daran festgehalten, dass die Lebenden den Verstorbenen durch Gebet, Feier der Messe und Taten der Nächstenliebe zu Hilfe kommen können.
In der Kunst wurde der Zustand des Menschen im Fegefeuers immer mit preisender Gestik dargestellt, während in Höllendarstellungen der Mensch nur leidet. Die berühmteste literarische Darstellung des Fegefeuers findet sich in der Göttlichen Komödie von Dante.
Es gibt immer wieder auch säkulare Versionen des Fegefeuer-Themas, etwa in der Film-Komödie “Und täglich grüßt das Murmeltier”: Ein zynischer, selbstsüchtiger Reporter (Bill Murray) gerät in eine “Zeitfalle”, aus der er erst befreit wird, als er gelernt hat, Gutes zu tun und andere Menschen zu lieben.

Adventmail 2005/05 (warten)

Berliner Student bietet Anstehservice an

Mit dem Slogan: “Ich stehe für Sie an – Sie haben Zugang ohne Warten”, wirbt Martin Schwedusch beim Auktionshaus Ebay für seinen Anstehservice zur MoMA-Ausstellung. Zum Preis von zehn Euro pro Stunde stellt sich der Student geduldig in die meterlange Schlange vor der Neuen Nationalgalerie. “Inzwischen muss man mit vier bis sechs Stunden Mindestanstehdauer rechnen”, meint der Wartespezialist. Sein Rekord liege jedoch bei neun Stunden. Die Nachfrage seiner Dienste ist enorm; der clevere Geschäftsmann hat sogar schon eine Kollegin, die sich die Aufträge mit ihm teilt. “Ich selbst kann mich nämlich immer nur für eine Gruppe von bis zu fünf Personen anstellen. Ansonsten würde ich wohl Ärger mir den anderen Besuchern bekommen”, so Schwedusch. “Hektisch wird es erst im Eingangsbereich.” Er hält die Geduld und Disziplin, die in der Schlange herrschen, für bemerkenswert. Zum Zeitvertreib hat der Profi Hörbücher und einen Audiokurs für Chinesisch griffbereit.
(Aus: Berliner Morgenpost, Freitag, 3. September 2004)

Adventmail 2005/03 (warten)

Samuel Beckett, “Warten auf Godot”

Der Titel lässt vermuten, dass Godot eine abgeleitete Form des englischen Wortes “God” (Gott) ist. Godot ist die “Verkleinerungsform”, die im Französischen ähnlich wie Pierrot von Pierre abgeleitet wird. Wenn das Warten auf Godot ein Warten auf Gott ist, der die beiden Protagonisten Wladimir und Estragon erlösen soll, ergibt sich eine denkbare Erklärung: Die Menschen streben auf einen Gott hin, der sie erlöst.
Es besteht eine starke Unsicherheit durch das ganze Stück hindurch, die zwei Landstreicher warten auf Godot, obwohl sie gar nicht mehr genau wissen, ob sie tatsächlich mit ihm verabredet sind. Estragon erinnert sich nicht mehr, Wladimir weiß nicht mehr, was sie ihn genau gefragt haben: “… Eigentlich nichts Bestimmtes … eine Art Gesuch … eine vage Bitte …” und Godot hat ihnen versprochen: “… Er würde mal sehen … Er müsse überlegen…”
Wiederkehrende Motive sind die andauernde Ungewissheit in der Verabredung mit Godot, die Irrationalität dieser Person an sich und die sich steigernde Hoffnungslosigkeit. Nur weil sie an den Versuchen scheitern, sich umzubringen, verbleiben sie wartend. Die beiden führen einen unaufhörlichen Dialog mit dem Ziel, sich abzulenken. Estragon: “Das tun wir, um nicht zu denken.”

PS: Eine Ergänzung zum gestrigen Mail: www.zeitverein.com (Danke, Petra!)

Adventmail 2005/01 (warten)

Die Spielregeln des Wartens
Wir warten auf das, was wir schätzen. Je länger die Warteschlange, umso wertvoller ist das Produkt.
Wir schätzen das, worauf wir warten müssen. Wartezeit erhöht den Wert.
Der Mächtigere bestimmt, wer wie lange wartet. Komme bei ihnen nie zu spät.
Je länger man auf dich wartet, umso höher ist dein Status. Denn Warten bedeutet auch Respekt.
Geld verschafft einen Platz vorne in der Warteschlange.
Wenn man sich in eine Warteschlange drängelt, sollte man es hinten tun. Dort wird es noch am ehesten akzeptiert.

(nach Robert Levine, Autor des – sehr empfehlenswerten! – Buches „Eine Landkarte der Zeit“)

Adventmails 2005 (Ankündigung)

Liebe FreundInnen!
Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch ein virtueller Adventkalender von mir. Ihr erinnert euch, sofern ihr schon in den letzten Jahren von mir bedacht worden seid: 2002 gab’s täglich Buchanfänge, 2003 „letzte Worte“ in Büchern, im Vorjahr sammelte ich mit eurer Hilfe knapp beschreibbare Glücksmomente. Heuer habe ich „warten“ als Leitmotiv gewählt – was ja gut zum Advent passt. Ich habe im Internet Spuren des Wartens in unterschiedlichsten Zusammenhängen verfolgt, habe frei assoziiert und möglichst auch um die Ecke gedacht. Das Ergebnis werdet ihr in den kommenden 24 Tagen täglich in eurer Mailbox vorfinden und hoffentlich ähnlich viel Spaß daran haben wie ich beim Zusammenstellen.
Habt eine möglichst geruhsame Vorweihnachtszeit mit reichlich Muße-Inseln für Dinge, die euch Freude machen!
Alles Liebe,
Robert

Adventmail 2004/24 (Glücksmomente)

Mystik in der Konzilsgedächtniskirche
Wieder einer dieser unnötigen Arbeitsaufträge, dachte ich. Ins Kardinal König Haus schickte mich mein Chef, wo Ordensleute aus ganz Österreich zum Thema „Lebensquelle Liturgie“ tagten: „Berichten Sie darüber, irgendwas. Die Kathpress muss dort präsent sein.“ (Bei derart „brisanten“ Storys heißt es bei uns in der Redaktion meist ironisch: „Ruf schon mal den Kindermann an, damit er die Titelseite in der ‚Krone’ freihält…“) Ich erwartete also nichts, was journalistisch etwas abwerfen würde, zumal ich nur noch zum letzten Tagungspunkt, dem abschließenden Gottesdienst, zurechtkam.
Lustlos setzte ich mich in die Konzilsgedächtniskirche, einen großen Kirchenraum mit dem Charme einer Tiefgarage. Rund um mich etwa 300 Frauen und Männer in ihrer Ordenstracht, bis auf einige musizierende Klosterschüler fast alle jenseits der 50.
Die Liturgie begann. Alle hatten ein Heftchen mit Liednoten und -texten vor sich. Ich gestehe, ich bin kein großer Fan von Messen. Meist langweile ich mich, finde die liturgische Sprache angestaubt, die Musik betulich oder eben nicht die meine. Und dieses Aufstehen und wieder Setzen und noch immer nicht genau wissen, wann was.
Nach wenigen Minuten wurde ich ruhig. Der Stress des Tages (ich hatte schon eine Pressekonferenz und einige Kurzberichte hinter mir) fiel von mir ab, jetzt schätzte ich den altbekannten Ablauf und registrierte die achtsame Gottesdienstgestaltung.
Dann sang der Ordensschüler-Chor das Kyrie. „Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich“, tönte es in hübschen Harmonien. Nicht nur wegen meiner sechs Dioptrien fühlte ich mich betroffen. „Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich.“
Jetzt passierte etwas: Ich wusste mich mit einem Mal unmittelbar gemeint, in meinem Innersten berührt. „Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich. Wandle sie in Heimat, Herr, erbarme dich.“ Es war, als sängen sie für mich. Und ich fühlte mich nicht ertappt in meiner Bedürftigkeit, nicht erniedrigt durch die Bitte um Erbarmen, sondern mit einem Mal, völlig unerwartet, grund-los, unendlich getragen, beheimatet und geliebt.
Nach der letzten Strophe hatte ich Tränen in den Augen, vor Glück, vor Rührung und Dankbarkeit, dass so was passieren kann, mitten im Alltag, allen Umständen zum Trotz…
Robert, 45, Redakteur