Adventmails 2006/17 (Listen aller Art)

Liste meiner Wunschberufe und was daraus wurde:

1.) Sportjournalist
Als 10-jähriger las ich so Sachen wie Heinz Prüllers Karl-Schranz-Biographie oder Teddy Podgorskys Muhammad-Ali-Story, lauschte Kurt Jeschko, Edi Finger und Sigi Bergmann (warum gibts eigentlich keine wirklich mitreißenden SportmoderatorINNEN?) und wusste: So was würd ich auch gern einmal machen.
Jetzt denk ich mir: Einen Winter lang Hermann Maier quer durch die Alpen verfolgen (der mit dem Privatjet ja doch immer schneller ist) oder sich allwochenendlich den Hundskick der Bundesliga geben zu müssen… ist auch nicht das Gelbe vom Ei.

2.) Deutschlehrer
Ich konnte gut Aufsätze schreiben. Und ich hatte immer schon eine Schwäche für die Schwächen anderer. Dieser mit einem Rotstift in der Hand nachzugeben erschien mir am Beginn der Pubertät überaus reizvoll. Beim Studium musste ich allerdings feststellen, dass zur Germanistik auch Hartmann von Aue-Übersetzungen (gähn) und Stifters zweibändige „Bunte Steine“ (dös) gehören. Und die Schwafeleien minderleistender Schüler zu korrigieren erwies sich letztlich als Herausforderung, an der ich nicht mehr wachsen wollte.

3.) Schriftsteller/Drehbuchautor
Als Lyriker war ich am besten, wenn ich grad Bachmann-Gedichte gelesen hatte. Auch wenn ich nur Bruchstücke davon verstand, regten sie mich doch immer wieder zu eigenen, gar nicht immer epigonalen Versen an. Einmal las ich meine Poeme im Grazer Stadtpark – und bekam als Dank von einer schönen Zuhörerin eine Handvoll roter Erdbeeren geschenkt: mein Höhepunkt als Dichter. Durch den Journalismus wurde ich immer unlyrischer, schreibe manchmal was Anlassbezogenes, Prosaisches, träume von Drehbüchern, in denen ich meine Begabung zu pointierten Dialogen entfalte und von einem Roman in der Rente, den meine Enkel nach meinem Tod in PC vulgo Schreibtischlade finden.

4.) Psychotherapeut
„Meinst du, ich wäre geeignet, selber mal Therapeut zu werden?“, fragte ich meine Lehrtherapeutin C.P. am Ende meiner Ausbildung in Integrativer Gestalttherapie. Sie bejahte; ich hätte die nötige Sensibilität und Tiefe. Das genügte mir – zu wissen, dass ich es KÖNNTE. Klar, es ist schon schön, Menschen in Konfliktsituationen „auf den Punkt zu bringen“, sie dazu anzuhalten, sich umfassend zu spüren, ihre Schatten zu sehen und anzunehmen. Aber was, wenn statt Selbsterfahrungsbereiten wirklich einmal ein Psychotiker käme? Nein, da lieber mehr Abstand halten zur Klientel. Z.B. zu fernen LeserInnen, die (bei sich) schmunzeln statt (außer sich) in Heulkrämpfe ausbrechen.

5.) Szenebeislwirt
Das ist mehr so ein Hirngespinst, aber immerhin bin ich ja väterlicherseits Gastwirtenkel. Ich stelle mir ein angenehmes, geschmackvolles Ambiente vor: an den Wänden hängen Bilder von NachwuchskünstlerInnen, auf den Tischen gibts Kerzen und jeden Tag wechselnde Gedichte. In einem großen Nebenraum läuft jeden Tag ein Cineastenfilm. Dazu kreative, internationale Snacks ohne Kaugeräusch oder Kleckergefahr. Im Hauptraum regiert eine kleine, aber feine Speisekarte mit viel Abwechslung, dazu handverlesene Weine aus Österreich. Die Hintergrundmusik eignet sich zum Dabeiplaudern, aber auch zum Zuhören… so was wie Lambchop oder Catpower, was ich derzeit viel höre.
Das wär halt was für ein Team, allein verantwortlich zu sein wär mir zu stressig. Macht wer mit?

Robert, 47, Journalist, Adventlisteninitiator.

Bonustrack:
5 Geschichten, die ich als Redakteur der „Kathpress“ wirklich gern schreiben würde:
Grundeinkommen: Regierung setzt Kirchenmodell um
Kanzlerin Glawischnig: „Vorschlag der Katholischen Sozialakademie eines bedingungslosen Grundeinkommens langfristig am vernünftigsten“
Kathpress-Chefredakteur Leitenberger tritt in den Ruhestand
Bischofskonferenz überlässt Redaktion Entscheidung über Nachfolge
Rätsel um minutenlangen Bruderkuss in Istanbul gelöst
Zahnprothesen der beiden Kirchenoberhäupter Papst Benedikt XVI. und Patriarch Bartholomaios I. hatten sich verheddert
„Wallfahrt der Religionen“ nach Jerusalem war „Meilenstein“
Papst nach gemeinsamer Brettljause mit hochrangigen Vertretern von Judentum und Islam: Bin glücklich über Bekenntnis der bisherigen Konfliktparteien im Nahen Osten zum Frieden
Päpstin nimmt Blues-CD auf
Heilige Mutter besinnt sich auf kreative Weise ihrer afroamerikanischen Wurzeln

Adventmail 2004/24 (Glücksmomente)

Mystik in der Konzilsgedächtniskirche
Wieder einer dieser unnötigen Arbeitsaufträge, dachte ich. Ins Kardinal König Haus schickte mich mein Chef, wo Ordensleute aus ganz Österreich zum Thema „Lebensquelle Liturgie“ tagten: „Berichten Sie darüber, irgendwas. Die Kathpress muss dort präsent sein.“ (Bei derart „brisanten“ Storys heißt es bei uns in der Redaktion meist ironisch: „Ruf schon mal den Kindermann an, damit er die Titelseite in der ‚Krone’ freihält…“) Ich erwartete also nichts, was journalistisch etwas abwerfen würde, zumal ich nur noch zum letzten Tagungspunkt, dem abschließenden Gottesdienst, zurechtkam.
Lustlos setzte ich mich in die Konzilsgedächtniskirche, einen großen Kirchenraum mit dem Charme einer Tiefgarage. Rund um mich etwa 300 Frauen und Männer in ihrer Ordenstracht, bis auf einige musizierende Klosterschüler fast alle jenseits der 50.
Die Liturgie begann. Alle hatten ein Heftchen mit Liednoten und -texten vor sich. Ich gestehe, ich bin kein großer Fan von Messen. Meist langweile ich mich, finde die liturgische Sprache angestaubt, die Musik betulich oder eben nicht die meine. Und dieses Aufstehen und wieder Setzen und noch immer nicht genau wissen, wann was.
Nach wenigen Minuten wurde ich ruhig. Der Stress des Tages (ich hatte schon eine Pressekonferenz und einige Kurzberichte hinter mir) fiel von mir ab, jetzt schätzte ich den altbekannten Ablauf und registrierte die achtsame Gottesdienstgestaltung.
Dann sang der Ordensschüler-Chor das Kyrie. „Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich“, tönte es in hübschen Harmonien. Nicht nur wegen meiner sechs Dioptrien fühlte ich mich betroffen. „Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich.“
Jetzt passierte etwas: Ich wusste mich mit einem Mal unmittelbar gemeint, in meinem Innersten berührt. „Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich. Wandle sie in Heimat, Herr, erbarme dich.“ Es war, als sängen sie für mich. Und ich fühlte mich nicht ertappt in meiner Bedürftigkeit, nicht erniedrigt durch die Bitte um Erbarmen, sondern mit einem Mal, völlig unerwartet, grund-los, unendlich getragen, beheimatet und geliebt.
Nach der letzten Strophe hatte ich Tränen in den Augen, vor Glück, vor Rührung und Dankbarkeit, dass so was passieren kann, mitten im Alltag, allen Umständen zum Trotz…
Robert, 45, Redakteur