Adventmail 2025/5 (Anfang/Ende)

Er bekam einen stieren Blick. Fletschte die Zähne. Packte die Stöcke, als wollte er Blut aus ihnen herauspressen. Schien die Piste fressen zu wollen.

Die Rede ist von Skistar Hermann Maier, genannt Herminator in Anlehnung an den über Leichen gehenden Terminator. Der Olympiasieger (2x), Weltmeister (3x) und Gesamtweltcupsieger (4x) ist einer der Sportler mit einem besonders auffälligen Startritual. Auf Youtube gibt es sogar eine Zusammenstellung mit „Start Impressionen“ von Maier. Noch extremer, wenn auch nicht so erfolgreich wie der Herminator, gestaltete Slalomweltmeister Manfred Pranger sein Startritual. Wenn er mit Tunnelblick und Schaum vor dem Mund unverständliche Wortkaskaden ausstieß, fragte ich mich immer: Was um Gottes willen hat der eingenommen?

Das Startritual des „Herminators“. Unvergessen.

Überaus minutiös, ja zwanghaft legte Rafael Nadal (Tennis) den Beginn und auch den weiteren Verlauf seiner Wettkämpfe an: Wasserflasche millimetergenau ausrichten, vor jedem Punkt die Hosen und das Shirt zurechtzupfen, sich über Haare und Nase streichen – immer in derselben Reihenfolge. Für ihn sei das ein Mittel, „Ordnung im Kopf“ zu schaffen, sagte er 22-fache Grand-Slam-Sieger.

Sprintweltrekordler Usain Bolt inszenierte sich gerne vor dem Publikum: Vor dem Start und nach Siegen zeigte der Jamaikaner seine ikonische „Lightning Bolt“-Pose, bei der er schräg in den Himmel zeigte.

Tormaschine Cristiano Ronaldo stellt sich vor Freistößen breitbeinig hin, atmet tief ein, blickt konzentriert auf das Tor und führt dann den typischen Anlauf aus. Nach Toren springt er mit Drehung in die Luft und landet mit ausgebreiteten Armen, bereit für Ovationen (mehr bekommt bei mir aber Messi).

Für Aufsehen sorgt immer wieder das Ritual von Neuseelands Rugby-Team, der „All Blacks“: Vor jedem Spiel führen sie den traditionellen Haka, einen Maori-Kriegstanz, auf. Dieses Ritual ist nicht nur Einschüchterung der Gegner, sondern Ausdruck von Identität, Stolz und Teamgeist.

Und auch ich habe ein Ritual vor wichtigen Fußballspielen: Fenster abdunkeln, Getränk vorbereiten, Polster richten, Füße hochlagern, an der Aufstellung herummäkeln, „Pscht!“ zur Liebsten sagen.

Adventmail 2025/4 (Anfang/Ende)

Wann beginnt menschliches Leben? Kaum eine Frage berührt Ethik, Religion, Medizin und Recht gleichermaßen tief. In der Geschichte der abrahamitischen Religionen war der Beginn des menschlichen Lebens nie nur eine biologische Feststellung, sondern immer auch eine Glaubensfrage: Wann erhält der Körper eine Seele, wann beginnt moralische Verantwortung? Judentum, Christentum und Islam eint, dass sie den Beginn menschlichen Lebens nicht primär medizinisch, sondern theologisch verstehen: als Moment, in dem Gott Leben gibt.

Im Christentum wurde die Frage nach dem Beginn des Lebens früh mit der Idee der Beseelung verbunden. Augustinus und später Thomas von Aquin übernahmen von Aristoteles die Lehre der „verzögerten Beseelung“ – beim Mann etwa nach 40 Tagen, bei der Frau erst nach 90. Erst danach galten der Fötus als beseelt und der Schwangerschaftsabbruch als Tötung. Mit der modernen Embryologie im 19. Jhd. und dem moralischen Universalismus der Neuzeit verschob sich die Position: Heute lehren die christlichen Kirchen, dass das menschliche Leben mit der Befruchtung beginnt. Jede Abtreibung gilt seither als moralisch verwerflich, auch wenn seelsorglich mittlerweile stärker zwischen individueller Schuld und tragischer Lebenssituation unterschieden wird.

Die Humanbiologie definiert den Beginn eines individuellen menschlichen Organismus heute weitgehend einheitlich: Mit der Befruchtung entsteht eine Zygote mit eigenem, unverwechselbarem genetischem Code. Entwicklung und Identität setzen kontinuierlich ein. Doch Biolog:innen betonen zugleich, dass diese Feststellung deskriptiv, nicht normativ ist: Sie sagt nichts darüber aus, wann „Personsein“ oder rechtliche Schutzwürdigkeit beginnt. In der Forschungsethik hat sich daher ein pragmatischer Kompromiss etabliert – die 14-Tage-Regel. Bis zum Auftreten des sogenannten „primitiven Streifens“ darf an Embryonen geforscht werden; danach nicht. Diese Grenze soll den Punkt markieren, an dem sich eine individuelle Entwicklung unumkehrbar festlegt.

Das europäische Rechtssystem spiegelt diesen Spagat wider. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat keinen einheitlichen Beginn rechtlicher „Personschaft“ definiert. Stattdessen lässt er den Staaten einen weiten Ermessensspielraum: Ob und bis wann eine Abtreibung erlaubt ist, bleibt nationale Angelegenheit – solange die Grundrechte der Frau nicht unzumutbar eingeschränkt werden. In fast allen europäischen Ländern sind Abbrüche in den ersten zwölf bis vierzehn Wochen legal, danach nur bei medizinischen Indikationen oder schweren Fehlbildungen.

So entsteht ein bemerkenswertes Nebeneinander: Während religiöse Traditionen vom göttlichen Ursprung des Lebens ausgehen, betrachtet die moderne Wissenschaft den Menschen als biologischen Prozess, und das Recht sucht praktikable Grenzen in einem moralisch aufgeladenen Feld.

Die Frage, wann menschliches Leben beginnt, hat damit nicht an Schärfe verloren – sie hat nur die Arena gewechselt. Zwischen Zygote, Seele und Selbstbestimmung bleibt sie der Punkt, an dem sich Glauben, Wissenschaft und Recht berühren – und manchmal unversöhnlich widersprechen.

Adventmail 2025/3 (Anfang/Ende)

„Schön. Wow!“ Das waren laut seinem Schriftstellerbruder Daniel Glattauer die letzten Worte, die der fast ebenso bekannte Journalist, Pädagoge und Autor Niki Glattauer vor seinem Tod am 4. September sagte. Die Entscheidung, seinen assistierten Suizid schon Tage vor dessen Durchführung in einem Interview anzukündigen und zu begründen, hat die österreichische Öffentlichkeit sehr bewegt. Auch ich, der zu diesem Zeitpunkt radelnd in Skandinavien unterwegs war, verfolgte den Fall aufmerksam.

Und ich war gespalten: Die Motive des unheilbar krebskranken Glattauer konnte ich gut nachvollziehen. Auch seinen Wunsch, dass mehr über das Tabuthema Sterbehilfe diskutiert wird. Dennoch fürchte ich mich vor der möglichen Tendenz, dass ein selbst festgelegter Todeszeitpunkt als würdigere oder gar als einzig würdige Art des Sterbens gesehen wird. Und dass auf Schwerkranke der Druck normal wird, anderen nicht länger zur Last zu fallen und sich selbst zu „entsorgen“.

Glattauers „Schön. Wow!“ scheint immerhin darauf hinzuweisen, dass sein Abschied aus dieser Welt, umgeben von ihm lieben Menschen, wunschgemäß verlief. Ganz ähnlich schied Apple-Mitgründer Steve Jobs 2011 erst 56-jährig aus dem Leben: Seine letzten Worte „Oh wow. Oh wow. Oh wow.“ verstand seine Schwester Mona Simpson als Ausdruck von Staunen im Angesicht des Todes.

Weitere „famous last words“ gefällig? Sokrates mahnte 399 v. Chr. nach dem Leeren des Schierlingsbechers seinen Begleiter: „Kriton, wir schulden Asklepios einen Hahn. Vergiss nicht, ihn zu opfern.“ Allen bekannt ist wohl das „Es ist vollbracht“ von Jesus am Kreuz (Joh 19,30). Auch Goethes schwer zu deutendes „Mehr Licht!“ 1832 auf seinem Sterbebett wird oft zitiert.

Gute Manieren bis zuletzt bewies Marie Antoinette († 1793), die zu ihrem Henker sagte, nachdem sie ihm auf dem Weg zur Guillotine auf den Fuß getreten war: „Pardon, Monsieur, ich habe es nicht mit Absicht getan.“ Typisch für den bissigen Humor von Karl Marx († 1883) war seine Antwort an seine Haushälterin, die ihn nach letzten Worten fragte: „Gehen Sie raus! Letzte Worte sind für Narren, die noch nicht genug gesagt haben.“ Auch von Oscar Wilde († 1900) ist eine ironische Bemerkung in seinem Pariser Sterbezimmer überliefert: „Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich.“ Den Vogel hinsichtlich Humors bis zum letzten Atemzug schoss James Donald French ab. Zu den journalistischen Beobachtern seiner Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl 1966 in den USA sagte der verurteilte Mörder: „How’s this for your headline? ‘French Fries’.“

Was würde ich selbst gerne zuletzt sagen? Keine Ahnung. Ich denke, ich halte es mit dem tödlich getroffenen mexikanischen Revolutionsführer Pancho Villa (†1923), dem der Schlusssatz an einen Journalisten zugeschrieben wird: „Lass es nicht so enden. Schreiben Sie, dass ich etwas gesagt hätte!“ Soll heißen: Wenn mir nix G’scheites einfällt, möge man mir etwas andichten.

Adventmail 2025/2 (Anfang/Ende)

Das neue Jahr hat schon begonnen. Zumindest das Kirchenjahr, das nach katholischer wie evangelischer Tradition immer am ersten Adventsonntag beginnt, heuer also am 30. November (orthodoxe Christ:innen begingen ihr Neujahrsfest schon am 1. September). Die Trennung von christlich-sakraler und profaner Zeitgliederung und Kalenderordnung besteht erst seit der Reformation. Noch deutlich später dran war die Lateinische, also „westliche“ Kirche mit Zentrum Rom: Bis zur Festsetzung des Neujahrstages im Jahr 1691 durch Papst Innozenz XII. auf den 1. Jänner galt in weiten Teilen Europas der 6. Januar (Hochneujahr) auch als profaner Jahresbeginn.

Auf die Alten Römer gehen die Monatsbezeichnungen von September bis Dezember zurück – also 7./8./9./10. Monat. Damit war es bereits lange vor Christi Geburt vorbei. Ab dem Jahr 153 v. Chr. wurde der Beginn des Amtsjahrs vom 1. März auf den 1. Jänner verlegt, auf den Tag des Amtsantrittes der Konsuln. Mit Caesars (julianischer Kalender-) Reform begann dann auch das Kalenderjahr zu diesem Zeitpunkt und tut das bei uns bis heute.

Einer nachvollziehbaren Logik folgt die Festsetzung des Jahresbeginns, wenn der Frühling zur Tag- und Nachgleiche anfängt. Am 21. März ist Neujahr im Iran, bei den Kurden, in Indien und Pakistan sowie weiteren -istan-Ländern (Tadschik-,Usbek-, Kirgis-, Turkmen- und Afghanistan).

Beweglichen Terminen folgen unsere älteren Glaubensgeschwister: Rosch ha-Schana feierten Juden 2025 ab Sonnenuntergang des 23. September, 2026 (im Judentum schon das Jahr 5787) ist der Termin dann 12./13. September. Die jüngeren Geschwister können etwa alle 33 Jahre doppelt feiern: Denn das muslimische Jahr ist etwa 11 Tage kürzer als unser der Sonne folgendes und verfügt über keine Schaltmonate; dadurch wandert der Neujahrstermin kontinuierlich nach vorne. Der chinesische Neujahrstag fällt auf einen Neumond zwischen dem 21. Jänner und dem 21. Februar – heuer war der 29. Jänner der Beginn des Jahres der Schlange.

Christ:innen beginnen ihre Zeitrechnung mit der (eigentlich früher erfolgten) Geburt Jesu, Muslime mit der Hidschra, der Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina im Jahr 622 n. Chr. Im Buddhismus orientiert man sich am Todesjahr des Buddhas Siddhartha Gautama 544 v. Chr., im Judentum an der biblisch errechneten Schöpfung des Himmelsgewölbes durch JHWH am Jom Rischon, dem 6. Oktober 3761 v. Chr.

Andere Kulturen leiteten ihre Zeitrechnung vom Amtsantritt der jeweiligen Herrscher ab, so die altägyptische. Die altgriechische Jahreszählung fußte auf Olympiaden (die erste nach 776 v. Chr.), die Römer zählten ab urbe condita („753 stieg Rom aus dem Ei“). Gerade mal 13 Jahre dauerte der 1792 verordnete französische Revolutionskalender, ähnlich kurz die von Mussolini ausgerufene „Era Fascista“, die er 1927 mit 1922 beginnen ließ. „Tausendjährige Reiche“ dauern meist deutlich kürzer, Gott sei Dank.

Adventmail 2025/1 (Anfang/Ende)

Udo Jürgens war erst 43, als er singend behauptete, dass „Mit 66 Jahren“ das Leben anfängt. Der Text stammte von einem noch deutlich jüngeren, vom damals 27-jährigen Linzer Wolfgang Hofer, der viele weitere Jürgenslieder textete. „Ihr werdet euch noch wundern, wenn ich erst Rentner bin“, heißt es, und dann ist die Rede von Motorrad und Lederdress, Straßenmusik und Diskobesuch, Jazzbandgründung und Blumen beim San-Francisco-Trampen.

Nun, ich wurde im September 66 und kann mich für diesen klischeehaft humorbemühten Text nicht erwärmen. Der Neubeginn als Rentner ist für mich kein Aufbruch ins Ausgeflipptsein, kein Durchbruch zu Dingen, die man sich vorher versagte. Auch wenn ich (weiterhin) ausgedehnte Radtouren unternehme oder rund um die alte Donau laufe, merke ich das zunehmende Alter. Der Ruhepuls ist deutlich höher als zu meinen Halbmarathonzeiten, der Bauch nicht mehr so straff, Falten und Altersflecken nehmen zu, Sehkraft und Gehör nehmen ab, Haare wachsen an Stellen, wo sie unerwünscht sind, Wehwehchen stellen sich ein und brauchen länger, bis sie wieder abklingen. Oder bis ich mich an sie gewöhne.

Neu sind Verantwortlichkeiten für die so richtig alt gewordenen Eltern und die Rücksichtnahme auf körperliche Beeinträchtigungen der Ehefrau. Neu ist auch der erforderliche Interessensausgleich durch meine deutlich erhöhte Präsenz im gemeinsamen Haushalt. Und angenehm neu ist die weggefallene fixe Arbeitszeit: Ich kann – gegen Honorar und/oder zu meinem Vergnügen – schreiben, wann ich Lust habe. Die Frei-Zeit kann ich/können wir für viele Reisen und Ausflüge nutzen, für Kontaktpflege, für Museumsbesuche und Einkäufe zu Zeiten, da andere in der Arbeit sind.

Unterm Strich ist es ein angenehmer Lebensabschnitt. Und in DEM Punkt haben Jürgens/Hofer hoffentlich recht: „Mit sechsundsechziiiig ist noch lang noch nicht Schluss.“

Adventmails 2025 (Ankündigung)

Liebe Adventmailbezieher:innen,

ich bin – wie meine Claudia – seit Jahresbeginn in Pension, die 32 Jahre als Redakteur der Kathpress gingen zu Ende (wenn auch nicht meine freie Mitarbeit dort und anderswo). Zu meinen drei Enkelsöhnen kamen im Februar zwei süße Mädchen dazu, ein weiteres wächst – juhuu! – gerade im Schwiegertochterbauch; im August verstarb mein Stiefvater, wie es formelhaft heißt, nach kurzer, schwerer Krankheit. Das sind die individuellen Zugänge zu meinem diesjährigen Adventmailthema „Anfang und Ende“. Zu denen kommen noch eine Reihe politischer: Trumps Demokratieabbruchbirne begann zu schwingen, Österreich hat eine neue Ampelregierung, der Gaza-Krieg stoppte nach furchtbaren Gemetzeln usw. In der katholischen Kirche – meinem langjährigen Arbeitsfeld – endete die Ära von Franziskus und Schönborn, jene von Leo und Grünwidl begann.

Ab 1. Dezember also wie gehabt tägliche „Kästchen“ mit Wissenswertem und Unterhaltsamem, mit Persönlichem und Allgemeingültigem rund um die Frage, wie etwas anfängt oder aber aufhört. Ich werde dafür meine heuer eingerichtete Website www.robertmitschaeibl.eu nutzen (auf der auch sämtliche Adventmails der vergangenen Jahre verewigt sind!), auf den zusätzlichen Kanälen Facebook und Mailversand wird es nur mehr „Appetizer“ geben.

Seit ich dieses Projekt im Dezember 2002 begann, sind Advent(s)kalender – analog und digital – zahlenmäßig geradezu explodiert. Zuletzt sah ich 24 im Advent zu öffnende Gewürzgläschen, zudem Minibüchlein mit Zusammenfassungen von Literaturklassikern und Geolino-Anleitungen für kindlichen Experimentierspaß. So viel „Konkurrenz“ in einer ohnehin allzu geschäftigen Zeit könnte mich zum Verstummen bringen. Tut es aber nicht. Dazu hab ich viel zu viel Freude am Brainstormen, Recherchieren, Formulieren und zu viel Ermutigung seitens des „Stammpublikums“, zu dem ja auch DU zählst. Am Montag beginnt’s, ad multos annos!

Noch ein Hinweis: Am Mittwoch, 10. Dezember, wird es um 19 Uhr in der autofreien Siedlung in Wien-Floridsdorf (Nordmanngasse 27, „Aquarium“) eine Best-of-Lesung meiner Adventmails geben. Ich gestalte den Abend gemeinsam mit der Autorin Sonja Rosenzweig, die bereits Leseerfahrung in der Siedlung hat. Wäre schön, wenn Du Dir dafür Zeit nehmen würdest!

Adventmail 2024/24 (Farben)

Ich gehe gern in Kirchen. Morgen nachmittags in die Weihnachtsvesper in den Stephansdom (wenn es mein Heiligabend-Dienst zeitlich erlaubt). Selten am Sonntag, da wird mir bei Gottesdiensten schnell mal fad. Aber regelmäßig als Tourist, wenn ich z.B. mit dem Fahrrad in eine fremde Stadt komme und mir dann gerne deren spirituelles Zentrum – einen Dom oder sonstige Kirche – aufsuche. Es stimmt schon: Gotteshäuser haben heute oft etwas Museales, auch wenn draußen vor der Kirchenpforte reges Getriebe herrscht, finden sich drin im Haupt- und in den Nebenschiffen meist wenige Interessierte. Und von denen knipsen viele. Auch ich.
Aber das tue ich nicht ohne Ehrfurcht vor dem Herzblut, das Dutzende Menschen über Generationen in Kirchen gestalterisch hinterließen. Wie arm dagegen die Einkaufstempel, die Banken, Versicherungen oder Verwaltungsgebäude, die sich sonst so in Stadtzentren sammeln. Auf die Kirchenbank setzen, den Blick nach oben lenken, den konsumfreien Raum, gefüllt mit den Bitt- und Dankgebeten Tausender, genießen – das mag ich und tue es bei jeder Reise. Und auch manchmal in der Heimat.
Und besonders liebe ich das Spiel von Farbe und Licht der Kirchenfenster, das zu den oft dunklen Räumen einen reizvollen bunten Kontrast bildet. Ich durchsuchte meine Reisefotos und halte euch einige der schönsten Beispiele dafür vor Augen, dass Theologie leuchten kann, wenn sie statt auf Formeln und Paragrafen auf Durchlässigkeit und Buntheit setzt.
Mögt ihr zu Weihnachten und im Jahr 2025 auch viele solcher Augenblicke haben, die Labsal für die Seele sind! Das wünscht euch von Herzen Robert (der heute und am Freitag seine letzten Arbeitstage als Kathpress-Redakteur hat)

Rosette im Straßburger Münster

Oben ein Foto von der prächtigen Rosette im Münster von Straßburg, wo ich im Sommer 2022 radelnd unterwegs war. Und weitere „live erlebte“ vier von Gerhard Richter, Kölner Dom; Stanisław Wyspiański, Franziskus-Basilika Krakau; Markus Prachensky, Stadtpfarrkirche Enns; Marc Chagall, Fraumünster Zürich

Markus Prachensky, Stadtpfarrkirche Enns

Adventmail 2024/23 (Farben)

Es ist der letzte Tag vor Weihnachten. Ich habe lange zugewartet, um über „Ampelkoalition“ zu schreiben. So wie es heute aussieht, kommt Türkis-Rot-Pink in Österreich unter viel Hängen und Würgen zustande.
In Deutschland gab es ja die Ampel in den korrekten Farben Rot-Gelb-Grün. Doch Gelb, die Liberalen, schalteten von Grün auf Rot, die Koalition zerbrach. In Österreich wurde bereits in den 1990er Jahren ein Regierungsbündnis von SPÖ, Liberalem Forum und Grünen diskutiert – und letztlich verworfen. Jetzt waren die Vorzeichen für eine Einigung angesichts eines enormen Budgetlochs ungleich schwieriger.

Die deutsche Ampelkoalition
zerbrach an inneren Querelen

Ich wage mal einen Ausblick:
Türkis, Rot und Pink finden einen Minimalkonsens, den sie als „Kein weiter wie bisher“ verkaufen (was für die seit langem regierende ÖVP eine kuriose Aussage ist). Die Flaggschiff-Projekte der Regierungspartner – strenge Ausländer- und Asylpolitik bzw. Standortsicherung (ÖVP), Vermögenssteuern bzw. Gesundheitsreformen (SPÖ) und Bildungsoffensive bzw. Föderalismuseinhegung (NEOS) – werden durch Klientelpolitik und die Vorbehalte der anderen Partner so ausgehöhlt, dass sie der eigenen Anhängerschaft als fauler Kompromiss erscheinen. Das Unvermögen, dem jeweils anderen Erfolge zu gönnen, führt wie schon bei Türkis-Grün zu einem schwelenden Dauerkonflikt.
Den die FPÖ mit ihrer gehässigen Stammtisch-Oppositionspolitik zu nützen weiß. Und weitere Erfolge bei der Landtagswahl im Burgenland, den Gemeinderatswahlen in NÖ, der Steiermark und in Vorarlberg und sogar deutliche Zuwächse bei der Landtagswahl in Wien erzielt. Dennoch hält die österreichische Ampel bis zur nächsten Bundespräsidentenwahl 2028 durch, zerbricht dann aber an inneren Querelen. Bei der anschließenden NR-Wahl erreicht die FPÖ 35 Prozent, der neue Bundespräsident Otmar Karas kann nicht anders, als Oppositionsführer Kickl diesmal mit der Regierungsbildung zu beauftragen.
Die dann mit einem VP-Wirtschaftsbündler als Juniorpartner gebildete Regierung macht für die Wirtschaftskrise die Migration verantwortlich, ignoriert die zunehmenden Klimakatastrophen, legt der EU jeden greifbaren Stein in den Weg, stutzt den ORF auf ein willfähriges Medienorgelchen zusammen und schaltet die Medien gleich, reagiert auf die wachsende Protestbewegung auf den Straßen mit bisher ungekannter Polizeigewalt…
Nein, stopp, so nicht, bitte nicht! Lasst uns alle miteinander dazu beitragen, dass es so nicht kommt und Österreich ein Land bleibt, in dem wir gerne alt werden.

Adventmail 2024/22 (Farben)

Sich zu schminken ist eine jahrtausendealte Praxis, die in fast allen Kulturen der Menschheit zu finden ist. Die Gründe für das Schminken, seine Bedeutung und die verwendeten Materialien haben sich dabei im Laufe der Geschichte stark gewandelt. In Europa reicht die Geschichte des Schminkens von antiken Ritualen bis hin zur modernen Kosmetikindustrie. Ob als Ausdruck von Zugehörigkeit, als Mittel zur Repräsentation oder als Verdeutlichen der eigenen Persönlichkeit – das Schminken hat sich über die Jahrhunderte immer wieder gewandelt. In der modernen Gesellschaft ist es nicht nur ein kosmetischer Akt, sondern auch ein Mittel der Selbsterkenntnis und -verwirklichung, das in seiner Vielfalt für die individuelle Freiheit steht.
Ich selbst hatte eine etwas hippieeske Zeit während meines Studiums, in der ich nicht nur von Muttern gestrickte Legwarmer und ein aus dem Lockenkopf hinten herabhängendes Zöpfchen trug. Ab und an verwendete ich einen Kajalstift, um meinen Augen mehr Kontur zu geben. Ich fand mich attraktiver damit.
Und das ist auch der Grund für Schminken generell. Schon im Alten Ägypten wurden Kosmetika zur Betonung von Augen, Lippen und Haut eingesetzt. Im antiken Hellas galt starkes Make-up als sittenlos, während die Römerinnen es als Zeichen des Wohlstands betrachteten. Sie verwendeten Bleiweiß als Grundierung für eine blasse Haut, die als vornehm galt, und färbten die Lippen und Wangen rot. Ersteres war gesundheitsschädlich, aber was soll’s, wenn man/frau schöner sein möchte?
Nach dem Mittelalter, in dem Schminken oft als Sünde betrachtet wurde, erlebte die Kosmetik in Renaissance und Barock einen enormen Aufschwung. In den höfischen Kreisen Italiens und später in Frankreich wurde es zunehmend Mode, das Gesicht zu pudern und die Lippen und Wangen rot zu färben. Eine blasse Haut war das Ideal – und das blieb jedenfalls für Frauen bis ins 20. Jht. so, als das Reisen in sonnige Länder zum Statussymbol wurde. Am Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. trugen Männer und Frauen Puder, Rouge und künstliche Schönheitsflecken (sogenannte „Mouches“), die je nach Position und Form Flirtsignale aussendeten.
Im 19. Jahrhundert setzte sich zunehmend der Trend zur „natürlichen Schönheit“ durch. Kosmetika wurden zwar noch verwendet, jedoch eher dezent und nur in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen. In England und Frankreich wurde der Begriff „Schönheitspflege“ allmählich als etwas Normales und Akzeptables angesehen.
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts veränderte sich das Schminken in Europa radikal. Durch den Einfluss von Film und Werbung wurde Kosmetik zu einem Massenprodukt. Die Kosmetikindustrie entwickelte sich in rasantem Tempo und Marken wie Maybelline und L’Oréal wurden populär. Freilich blieb das Schminken Spiegelbild der raschen gesellschaftlichen Veränderungen. In den 1950er Jahren herrschte das Ideal der gepflegten Hausfrau vor, in den 1970er Jahren wurde das Outfit schriller, zugleich gab es feministisch inspirierte Kritik an der Erwartung, Frauen hätten den Männern zu gefallen. Heute ist die Kosmetikkultur diversifiziert und individualisiert wie nie zuvor. Social Media und Influencer tragen das ihre dazu bei, dass Außenwirkung wieder enorm wichtig geworden ist.

Adventmail 2024/21 (Farben)

„Bildung. Alles, was man wissen muss“ (1999) lautet ein 700-Seiten-Konvolut des studierten Anglisten, Historikers und Philosophen Dietrich Schwanitz, das ich mit Begeisterung verschlang. Wie schon Egon Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“ war das ein Buch, das Allgemeinwissen pointiert und unterhaltsam vermittelt. Und das Kapitel bei Schwanitz, das mich am meisten amüsierte, war jenes über „verbotenes Wissen“, über das, „was man nicht wissen sollte“. Darin war von „Königs“ die Rede, also von europäischen Herrscherhäusern und dazugehörigem Tratsch in der Regenbogenpresse, von Celebrities, aber auch von Leistungssport und Autovernarrtheit, vom Fernsehprogramm und den Banalitäten darin.
Apropos. Es gibt Menschen, die ich sehr schätze und die ich lieb habe, die sehen sich gerne Dinge wie „Dschungelcamp“, „Love Island“, „Der Bachelor“ oder „Masked Singer“ an (ich will jetzt keine Namen nennen). Neulich bin ich beim Rumzappen auf ein Trash-TV-Format gestoßen, bei dem Singles ihre möglichen Partner nackt kennenlernen können. Bei „Naked Attraction – Dating hautnah“ stand eine Frau vor sechs Telefonzellen-artigen Boxen, die nicht den Blick in das Gesicht des Kandidaten freigaben, aber dafür auf alles, was südlich der Brust lag. „Geht’s noch tiefer?!“, dachte ich mir.
Aber ich wollte heute eigentlich über „Die Bunte“ schreiben, die der Burda-Verlag seit 70 Jahren auflegt. „Neues aus der Welt der Reichen und Schönen, der Stars und Sternchen, der Royals und des Adels“ ist da zu lesen, „auch aktuelle Trends aus den Bereichen Beauty, Mode, Lifestyle und Gesundheit werden aufgegriffen“, heißt es. Die verkaufte Auflage betrug im 3. Quartal 2024 322.075 Exemplare; das ist zwar ein Minus von 57 Prozent gemessen an der Zahl von vor 25 Jahren, aber immer noch viele Frauen blättern als Lesezirkel-Abonnentin oder unter der Trockenhaube eines Frisörs darin herum. Und lesen womöglich Fake News: Tom Cruise, angeblich „zeugungsunfähig“, klagte „Die Bunte“ ebenso erfolgreich wie der deutsche Ex-Bundespräsident Christian Wulff (angedichtete Affäre) oder Caroline von Hannover (erfundenes Interview).
Da kann ich als „Falter“-Abonnent nur sagen. Hol mich hier raus!