Adventmail 2013/20 (Advent-Jukebox)

MORITZ, Kundenbetreuer, Sohn, Korneuburg:
“Long Distance” von den Turin Brakes habe ich für mich entdeckt, als ich bei Robert eingezogen bin. Damals hatte ich schon seit ein paar Jahren meine “Ich-höre-Metal-und-nichts-als-Metal”-Phase abgeschüttelt und bin – auch durch den starken Einfluss meines älteren Bruders – zu Indie übergewechselt. Auf der Suche nach neuer Musik, die mir gefällt, habe ich damals Roberts CD-Sammlung durchwühlt und fündig geworden.
Bis zu dem Zeitpunkt war es einfach nur Musik, die mir sehr gut gefällt. Tieferen Sinn hat das Lied für mich erst bekommen, als meine erste Freundin Charlotte von einem mehrmonatigen Wienaufenthalt zurück nach Frankreich fuhr und wir versuchten, eine Fernbeziehung weiterzuführen. Texte sind für mich bei Musik nicht immer so wichtig, aber die Passage “I let somebody get under my skin / Long distance losing is all that I’ve seen / Now there’s a river” hat einfach wie die Faust aufs Auge gepasst.
Auch in meiner zweiten Beziehung hat das Lied für mich einen speziellen Wert gehabt. Lisa, selbst sehr gute Sängerin, hat mit einem Freund ein Bandprojekt gestartet. Ich bin da irgendwie als zweiter Gitarrist reingerutscht und bei unserem ersten Auftritt war “Long Distance” eines von zwei Liedern, bei denen ich mich auch gesanglich bewähren musste.
Das Lied gehört nach wie vor zu meinen Favorits – mittlerweile nicht nur, weil es musikalisch so gut ist, sondern auch so viele schöne Erinnerungen birgt.

Turin Brakes: “Lond Distance”, www.youtube.com/watch?v=XVnQS_FPeng

Adventmail 2013/19 (Advent-Jukebox)

CLAUDIA, Lehrerin, Liedermacherin, Mutter meiner Söhne, Korneuburg:
Alles verändert sich. Das klang schön, fast romantisch, als ich es das erste Mal auf einer Reise in Nicaragua hörte, an einem warmen Abend am Ufer eines stillen Sees, gesungen von einem jungen Mann, der dazu gekonnt auf seiner Gitarre klimperte. Das passte zur Atmosphäre des Unterwegsseins und beschwor die politische Aufbruchsstimmung, die Erinnerung an die Revolution, die in den 90er Jahren nach dem politischen Sieg konservativer und USA-freundlicher Kreise fast verschüttet zu werden drohte. Nach der Rückkunft von der Reise hatte ich bald eine CD von Mercedes Sosa erstanden, auf der sie dieses Lied singt. Seitdem ist es für mich untrennbar mit ihrer beeindruckenden Stimme verbunden. Und ist ein Lied geworden, das ich in verschiedenen Lebensphasen immer wieder entdeckt habe.
Es ändert sich, alles verändert sich. Wir halten nichts fix in Händen. Ich bin ja eigentlich eine Person, die ein gewisses Bedürfnis nach Struktur, nach klaren Bedingungen hat. In manchen Zeiten ist diese Botschaft ganz schön herausfordernd. Aber die vielen poetischen Bilder, in denen das Lied Veränderung beschreibt, rühren an, lassen in die Melancholie der Vergänglichkeit einstimmen, und klingen in turbulenten Zeiten tröstlich: Alles verändert sich, also ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich verändere.
Schließlich, im Bewusstsein der Unerträglichkeit mancher Zustände, wandelt es sich zur Forderung und Hoffnung zugleich: …und was sich gestern nicht verändert hat, wird sich morgen ändern müssen! Und so schwingt sich Mercedes Stimme aus den sanften und melancholischen Anfangszeilen immer mehr zum Tanz, zu ekstatischen Wiederholungen auf: Cambia, todo cambia!

Mercedes Sosa: Todo cambia, www.youtube.com/watch?v=hf2cnIDyKL8&noredirect=1 (Studioversion, mit spanischem Text).
Eine deutsche Übersetzung: http://schlosserkeichel.wordpress.com/2012/12/31/todo-cambia-alles-verandert-sich/ – dort auch eine Live-Version des Liedes.

Adventmail 2013/18 (Advent-Jukebox)

RUDI, Werbegrafiker, Religionslehrer, Langenzersdorf:
Immer wenn mich das Fernweh packt, landet meine “Maus” im Ordner Sufimusik/Sudan oder auch bei Mohamed Mounir, dem 1954 in Assuan, Ägypten, geborenen “King” – wie ihn die ÄgypterInnen nennen. Er verbindet die traditionelle Sufimusik seiner Heimat, dem nubisch geprägten Süd-Ägypten mit Elementen des Pop, Rock und Funk, schreibt Liebeslieder und Balladen, übt Kritik an Gesellschaft, Politik und Religion. Für die ägyptische Revolution gibt‘s natürlich auch einen Song. Mit Hubert von Goisern zieht er 2003 durch die Lande …
Fernweh: Wenn mir das Leben zu kompliziert wird, lass ich mich tragen von seiner Musik. Wohin? Vielleicht zu Trommlern und Tänzern im Orient oder in die Stille der Wüste, wo nichts mehr übrig bleibt als das zum Leben Notwendige … heute begleitet von Mounirs “Unterm Jasminbaum …” Welchen Weg die Kamele der Phantasie auch einschlagen, lasst euch tragen …
Text: “Under the jasmine tree at night/A breeze, and the flowers beside me/The branches sway above me/Wiping off the tears in my eyes//Under the jasmine tree i sat/I fixed the lute and sang/My tears spread as I cried/I remembered you when you used to come to me.
//A garden beautified by lights/With scent of flowers rising/When I thought of you a fire was lit/And made a flare within my self/I’m alone, missing you and confused/No moon, and no birds chirping/Only the breeze on the trees/Is cheering me up and consoling me.”

2009 singt Mounir auf dem neuen Album von „Ich + Ich“, einem Musikprojekt, das2003 vom Sänger Adel Tawil und der Berliner Musikerin Annette Humpe gegründet wurde, den Titel „Yasmine“ – mit etwas anderem Text …

Mohamed Mounir, Best of, https://www.youtube.com/watch?v=wNVQrV2xsD4&list=PL9LBWB8BcLg0JDJqJ60hvdXOpPSEYrozR

Adventmail 2013/17 (Advent-Jukebox)

CHRISTA, Großmutter meiner Söhne. Wien/Mistelbach
Ein Musikstück, das mich fast mein gesamtes Erwachsenenleben begleitet hat, ist der Walzer “Weaner Mad’ln” von Carl Michael Ziehrer. Ich habe ihn in dem Film “Wiener Mädeln” im Jahr 1949 zum ersten Mal gehört, und war sofort begeistert. Der Film wurde noch im Krieg begonnen, 1945 fertig gedreht und kam erst vier Jahre später in die Kinos. Willi Forst führte Regie und spielte die Hauptrolle. Weitere unvergessliche Schauspieler waren unter anderen Judith Holzmeister, Hans Moser, Fred Liewehr und Curd Jürgens.
In der Szene des Films, die ich ausgesucht habe (man entschuldige die miserable Tonqualität), geht es um einen Wettbewerb zwischen einer amerikanischen Militärband und dem Wiener Orchester des C.M.Ziehrer. Dank der Mitwirkung zweier Sängerinnen, die mit Ziehrer befreundet sind, gewinnen die Österreicher mit ihrem beschwingten Walzer.
Ich besuchte damals, 1949, das Kino mit einem Freund, meiner ersten großen Liebe, und wir haben uns während des Films zum ersten Mal an der Hand gehalten. Wir waren 17. Diese Jugendliebe fand kein Happy End, aber heute noch denke ich an meinen damaligen Begleiter, wenn ich den Walzer “Weaner Mad’ln” höre, zuletzt in der Dokumentation von Hugo Portisch auf ORF III. Unsere damalige Begeisterung hatte sicher auch mit unserem großen Patriotismus für das wiedererstandene Österreich zu tun. Auch dieses Gefühl kann ich, wie die erste Liebe, noch heute verstehen…

Carl Michael Ziehrer : „Wiener Mädeln“, www.youtube.com/watch?v=b1_DqE3BLU8

Adventmail 2013/16 (Advent-Jukebox)

ISOLDE, Biologin, Landeck
Ich war als Kind eine begeisterte Märchen- und Sagen-Schallplatten-Hörerin. Neben Rapunzel, Schneewittchen, Räuber Hotzenplotz war meine absolute Lieblingsschallplatte “Rübezahl”. Immer wieder bin ich eingetaucht in diese teils gruselige, teil lustige Sagenwelt des Riesengebirges (aus dem alle meine Großeltern stammen).
Die Rübezahlplatte habe ich sogar auf Kassette aufgenommen, um sie überall anhören zu können. Für meine Kinder habe ich dann wieder einen Plattenspieler gekauft, damit sie (unter anderem) Rübezahl anhören können.
Viel von der Stimmung der Schallplatte hat die Begleitmusik ausgemacht – eine Musik, bei der ich den schaurigen Rübezahl förmlich vor mir gesehen habe und die mich immer sehr beeindruckt hat.
Lange dachte ich, dass die Musik extra für diese Platte geschrieben wurde – irgendwann bin ich dann im Musikunterricht in der Schule auf den Komponisten gestoßen: Mein Rübezahl wird verkörpert durch ein Stück von Eduard Grieg.

Eduard Grieg: „Peer Gynt“, Suite Nr.1, In der Halle des Bergkönigs, www.youtube.com/watch?v=Y9dzyLvvIRs

Adventmail 2013/15 (Advent-Jukebox)

MARTINA, Politikerin und Schwester, Graz:
Sollte es jemals für Erwachsene modern werden, ein Freundschaftsbuch auszufüllen, in dem man Fragen nach dem liebsten Hobby, dem Lieblingsgegenstand in der Schule, der Körpergröße oder der Haarfarbe beantworten muss, würde ich beim Lieblingslied ohne Zögern „Out of Time“ von Blur hinschreiben.
Ich habe keine herausragende Geschichte, die mich mit dem Lied verbindet. Aber es gibt von Jugend an eine Affinität zu Blur, einer Band, die sich damals – als ich 16 war – noch mehr auf poppige Radiohits konzentrierte. Im Gegensatz zu anderen Gruppen, die ich in diesem Alter verehrt habe, haben sich Blur und insbesondere deren Sänger Damon Albarn von Album zu Album, von Projekt zu Projekt weiterentwickelt – und sie tun das zum Glück noch immer, sodass ich auch als 36-Jährige nicht auf neue Musik von ihnen verzichten muss.
Aber zurück zu „Out of Time“: als ich das zum ersten Mal, im Jahr 2003, hörte, wusste ich: Das ist perfekt! Und das sage ich auch zehn Jahre später noch. Danke für dieses perfekte Lied, das man 1000 Mal hören kann, und in das man sich bei jedem Mal hören immer wieder neu verlieben kann.

Blur: „Out of Time“, www.youtube.com/watch?v=SRkX1Up1vnc

Adventmail 2013/14 (Advent-Jukebox)

CLAUDIA, Versicherungskauffrau und Liebste, Wien
1986, Hamburg; ich habe im Jänner Wien verlassen, meine Familie, Freunde und meinen Job. Mein damaliger Freund hatte bald Arbeit, ich nicht. Österreich war noch nicht bei der EU, deshalb keine Arbeitsgenehmigung. Kontakt nach Österreich hatte ich per Brief und mittels gelegentlicher kurz gehaltener Telefonanrufe. Mein Freund war unterwegs, viel und weit: Indien, Java, Ceylon, Kamerun, Tansania. Es war nicht immer möglich zu telefonieren, zu viele technische Probleme. Dann meldete sich manchmal der “Operator”: We have a power breakdown, there is no connection, please try it again later…..
Ich hatte Schwarzweiß Fernsehen und Radio – und ein Lied, das das Gefühl des Alleinseins in der Fremde sehr gut beschrieb…

Rah Band: „Clouds across the moon“ (1985), www.youtube.com/watch?v=2cXqHWur5Uk&noredirect=1

Adventmail 2013/13 (Advent-Jukebox)

ELISABETH, Psychotherapeutin und Studienkollegin, Wien
Vor circa 15 Jahren: Havanna-Club im ersten Bezirk, kleine Tanzfläche. Ich (noch jünger!) mitten im Tanzgewühl, genieße die Rhythmen, das feurige Spanisch, die runden Hüftbewegungen usw. Salsa-Rhythmen befördern mich in 2 Sekunden auf eine andere Ebene, lassen mich vibrieren, genießen und im Moment sein! Hier einer der Klassiker aus der Zeit: www.youtube.com/watch?v=MQbrq3c3Qr8. (tolle klassische Salsa Melodie mit eigentlich traurigem Text von Hector Lavoe)
Vor 10 Jahren: Ich gehe trotz unseres zweijährigen Sohnes regelmäßig mindestens einmal in der Woche Salsa tanzen, mein damaliger Lebenspartner und ich besuchen Tanzworkshops und sogenannte „Salsa-Kongresse“ – ja, auch das gibt’s! Das Tanzen verbindet uns und gibt unserer Beziehung Leichtigkeit und Würze! Ein Hit aus dieser Zeit: www.youtube.com/watch?v=Kiv53D2Z_CQ&noredirect=1 (bedeutend cooler als der vorige).
Jetzt 2013: Meine beiden (nicht vom Tanzen!) abgenützten Hüften sind inzwischen aus Titan, in der tanzfreien Zeit bin ich auf Congas umgestiegen. Der Rhythmus hat mich eben nicht losgelassen ! Viel zu selten gehe ich tanzen, zum Beispiel montags in die Salsabar, im Albert-Schweizer Haus. Und für graue Dezembertage gibt’s das Wiener Salsaradio!! Lasst Euch beschwingen!

Adventmail 2013/12 (Advent-Jukebox)

HENNING, Redakteur, Arbeitskollege, Maria Anzbach:
Seit 10 Jahren lebe ich mittlerweile in Österreich. Eine wertvolle kulturelle “Integrationsstütze” war mir seither (aber auch schon zuvor, zugegeben…) Hubert von Goisern, den man – neben der unausweichlichen “Christel” auch in Deutschland kennt… Über ihn “gestolpert” bin ich allerdings nicht zu Alpinkatzen-Zeiten, sondern erst bei seinem grandiosen Comeback-Album “Fön”, das mittlerweile auch schon 13 Jahre auf dem Buckel hat. Diese Art “Alpen-Sting” hat mich fasziniert…
Besonders berührt haben mich von dem Album zwei Titel – beides eher langsame Stücke. Zum einen das melancholische, bestens zur kalten Adventszeit passende “spat” (www.youtube.com/watch?v=q_TOMqF8TWw). Die Jodlerei am Beginn ist für einen “Norddeutschen” zugegeben zunächst “hart”, aber man muss durchhalten bis zum Mittelteil: Dann nämlich – für die “Quintzirkler” unter euch – kippt der Song von e-moll in ein E-Dur mit einigen großen Septimen in der Folge, die einen zum Heulen schönen Melodiebogen ergeben… Ganz nüchtern betrachtet…
Und besondere “familiäre Bande” gibt es zum letzten Stück auf der CD – “fia di” (www.youtube.com/watch?v=YigL90aHTdw). Auch dieses kommt eigentlich recht “klassisch” und fast kindlich in der Melodieführung und Begleitung daher, hat aber einige sehr schöne Gitarrenriffs – und einen ebenso schönen Text. “Familiär” ist das Lied deshalb wichtig für mich, weil wir es bei den Taufen unserer Kinder jeweils live “performed” (sprich: gesungen und “gitarriert”) haben. Das war immer ein sehr schöner, stimmiger Moment.

Hubert von Goisern: „spat“ und „fia di“

Adventmail 2013/11 (Advent-Jukebox)

INES, Ethnologin bei „Voluntaris“-Freiwilligendienste und autofreie Nachbarin
Al Jarreau: einer der größten und charismatischsten Stimmkünstler, meiner Meinung nach! Ich habe ihn kennengelernt vor etwas mehr als 20 Jahren im dunkelroten Opel Kadett eines Freundes, dessen Auto-Stereoanlage ungefähr den dreifachen Wert des Fahrgestells besaß, in das sie eingebaut war. Klare Schaffung von Wertigkeiten … und ein Glück für mich – wahrscheinlich ist mir vor allem deshalb die Bedeutung des mir davor unbekannten Künstlers klar geworden (!?)
Beim Jazzfest 1993 in der Wiener Staatsoper der erste Live-Auftritt Al Jarreaus, bei dem ich dabei war. Eines der prächtigsten Konzerte, das ich überhaupt jemals gesehen habe! Ich verstehe bis heute nicht, wie man den Übergang zwischen “sprechen” und “singen” dermaßen unkenntlich machen kann. Es hat definitiv meine Bewunderung für Al gefestigt.
Am 29. Oktober.2012 gastierte ein sichtlich gealterter Al Jarreau im Wiener Konzerthaus. Das Konzert hatte “Wohnzimmercharakter” – mit Gehstock, tief in die Stirn gezogenem Hut und (zu 80 Prozent) mit dem Rücken zum Publikum unterhielt Al sich blendend mit seinen Musiker-Kollegen auf der Bühne. Wir interessierten ihn kaum … nach wie vor ein Hörgenuss mit derselben Stimme wie vor (oder mit?) 20 Jahren! Dieses Jahr steht – wie ich auf seiner Homepage lese – Tokio am Programm … vielleicht auch noch einmal Wien???
Zum Reinhören ein Videoclip von seinem Auftritt beim Jazzfest Wien 2011, bei dem ich nicht dabei sein konnte – aber mit meinem Lieblingstitel.

Al Jarreau: „Spain“, www.youtube.com/watch?v=kWpre_VWXPg