CLAUDIA, Lehrerin, Liedermacherin, Mutter meiner Söhne, Korneuburg:
Alles verändert sich. Das klang schön, fast romantisch, als ich es das erste Mal auf einer Reise in Nicaragua hörte, an einem warmen Abend am Ufer eines stillen Sees, gesungen von einem jungen Mann, der dazu gekonnt auf seiner Gitarre klimperte. Das passte zur Atmosphäre des Unterwegsseins und beschwor die politische Aufbruchsstimmung, die Erinnerung an die Revolution, die in den 90er Jahren nach dem politischen Sieg konservativer und USA-freundlicher Kreise fast verschüttet zu werden drohte. Nach der Rückkunft von der Reise hatte ich bald eine CD von Mercedes Sosa erstanden, auf der sie dieses Lied singt. Seitdem ist es für mich untrennbar mit ihrer beeindruckenden Stimme verbunden. Und ist ein Lied geworden, das ich in verschiedenen Lebensphasen immer wieder entdeckt habe.
Es ändert sich, alles verändert sich. Wir halten nichts fix in Händen. Ich bin ja eigentlich eine Person, die ein gewisses Bedürfnis nach Struktur, nach klaren Bedingungen hat. In manchen Zeiten ist diese Botschaft ganz schön herausfordernd. Aber die vielen poetischen Bilder, in denen das Lied Veränderung beschreibt, rühren an, lassen in die Melancholie der Vergänglichkeit einstimmen, und klingen in turbulenten Zeiten tröstlich: Alles verändert sich, also ist es nicht verwunderlich, dass auch ich mich verändere.
Schließlich, im Bewusstsein der Unerträglichkeit mancher Zustände, wandelt es sich zur Forderung und Hoffnung zugleich: …und was sich gestern nicht verändert hat, wird sich morgen ändern müssen! Und so schwingt sich Mercedes Stimme aus den sanften und melancholischen Anfangszeilen immer mehr zum Tanz, zu ekstatischen Wiederholungen auf: Cambia, todo cambia!
Mercedes Sosa: Todo cambia, www.youtube.com/watch?v=hf2cnIDyKL8&noredirect=1 (Studioversion, mit spanischem Text).
Eine deutsche Übersetzung: http://schlosserkeichel.wordpress.com/2012/12/31/todo-cambia-alles-verandert-sich/ – dort auch eine Live-Version des Liedes.