Liebe AdventmailbezieherInnen, ich hab einmal halb blödelnd gesagt, dass ich als 1959 Geborener eigentlich nie unmittelbar mit Ereignissen zu tun hatte, die Geschichte schrieben. Mondlandung, Mauerfall oder Nine Eleven erlebte ich nur via TV. Seit heuer ist das anders – 2020 wird als Pandemie-Jahr unvergesslich bleiben, und wir alle waren/sind auch ohne Infektion hautnah davon betroffen.
Somit lag es nahe für mich, das auch zum Thema meiner diesjährigen Adventreihe zu machen. Aber keine Angst: Um COVID-19 soll es bestenfalls am Rande gehen, das beschäftigt mich beruflich schon genug. Nein, ich möchte das breiter angehen. Krank, gesund und alles, was dazwischen liegt, soll mein Thema sein. Und dies auch nicht nur schwarzmalerisch und todernst, sondern unterhaltsam Horizont erweiternd und mit einem kräftigen Schuss Humor. Wie ich meine Adventmails halt auch in den Vorjahren anlegen wollte.
Ich wünsche euch ab 1. Dezember 24 vergnügliche Aha-Erlebnisse. Mögt Ihr dieses schreckliche Jahr (über das ich mal gescherzt hab: „Wenn jetzt noch ein Hämorrhoiden-Schwarm auf uns zukommt, wird’s echt ein Anus horribilis.“) gesundheitlich, sozial und wirtschaftlich bestmöglich überstehen!
Robert
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Adventmail 2019/24 (Thema Gedichte)
Dem tau auf der spur (Robert ME)
ich baum
hol mir das wasser
nicht nur aus der erde
und nachts
wenn keiner mich sieht
wandre ich mondwärts
dem tau auf der spur
Ich bin keiner, der sein Christentum, seine Spiritualität vor sich herträgt. Und ehrlich, vieles vom traditionell Kirchlichen ist mir zu betulich und auch zu langweilig, zu viel Besitzstandsicherung und zu wenig Aufbruch, dem ein Zauber innewohnt. Aber andererseits genügen die Oberfläch- und Vergänglichkeiten dieser Welt doch nicht. Gott ist mein Zeuge: Es muss doch mehr als (das) alles geben.
Ich wünsche Euch alles – naja, möglichst viel davon – zu Weihnachten und im kommenden Jahr. Und ich danke für die vielen netten Feedbacks auf meine diesjährige Adventserie.
Adventmail 2019/23 (Thema Gedichte)
Wenn ich ganz still bin (Dorothee Sölle)
Wenn ich ganz still bin
kann ich von meinem bett aus
das meer rauschen hören
es genügt aber nicht ganz still zu sein
ich muss auch meine gedanken vom land abziehen
Es genügt nicht die gedanken vom festland abzuziehen
ich muss auch das atmen dem meer anpassen
weil ich beim einatmen weniger höre
Es genügt nicht den atem dem meer anzupassen
ich muss auch händen und füßen die ungeduld nehmen
Es genügt nicht hände und füße zu besänftigen
ich muss auch die bilder von mir weggeben
es genügt nicht die bilder wegzugeben
ich muss auch das müssen lassen
Es genügt nicht das müssen zu lassen
solange ich das ich nicht verlasse
Es genügt nicht das ich zu lassen
ich lerne das fallen
Es genügt nicht zu fallen
aber während ich falle
und mir entsinke
höre ich auf
das meer zu suchen
weil das meer nun
von der küste heraufgekommen
und in mein zimmer getreten
um mich ist
Wenn ich ganz still bin
Die große evangelische Theologin Dorothee Sölle (1929-2003; mir fällt gerade auf, dass sie das vierte theologisch ausgebildete Mitglied der protestantischen Kirchen in meiner Sammlung ist) habe ich als Theologiestudent bei einer Gastvorlesung erlebt. Es war die Zeit der großen Friedensdemos im Zuge der NATO-Nachrüstung, und kaum jemand stand damals so glaubhaft, so überzeugend für die Verquickung von Mystik und Politik wie die deutsche Dichterin und Friedensaktivistin. In „Wenn ich ganz still bin“ beschreibt sie einen Vorgang, der den Kern von Spiritualität bildet: Loslassen, Hingabe, Einswerden mit dem Lebendigen – und daraus nicht unverändert hervorgehen.
Adventmail 2019/22 (Thema Gedichte)
alle Lust will Ewigkeit,
will tiefe, tiefe Ewigkeit
(Friedrich Nietzsche)
auch ich friedrich
spür diese klaffende sehnsucht
nach ewiger
ich nenn’s Geborgenheit
auch ich friedrich
wollte augenblicke
am liebsten lossprengen von ihrer
verkettung mit dem zeitablauf
auch ich friedrich
ließe mich liebendgern
in die zusammenhanglosigkeit fallen
hoffend
in jemandes umarmung zu landen
Von Nietzsche las ich kaum etwas, eher noch über ihn – z.B. das großartige Buch des US-Psychiaters Irvin Yalom „Und Nietzsche weinte“. Ich wusste somit auch nicht genau, was der deutsche Philosoph mit dem oben genannten Zitat aus „Also sprach Zarathustra“ meinte. Aber es hat mich zu diesem Gedicht inspiriert, das letztlich nichts anderes sagt als: Allein und zeitlich begrenzt kann ich/man nie vollkommen glücklich sein.
Adventmail 2019/21 (Thema Gedichte)
Geschütteltes (Eugen Roth)
Du sollst dein krankes Nierenbecken
Nicht mit zu kalten Bieren necken.
Auch müsstest du bei Magenleiden
Den Wein aus sauren Lagen meiden.
Glaub nicht, dass alle Zungen lügen,
Die warnen vor den Lungenzügen.
Auf Pille nicht noch Salbe hoff,
Wer täglich dreizehn Halbe soff.
Wer kann mit frohem Herzen schmausen,
Wenn tief im Stockzahn Schmerzen hausen?
Du spürst der ganzen Sippe Groll,
Die pflegen dich bei Grippe soll.
Statt jeden, der noch lacht, zu neiden,
Am Neid dann Tag und Nacht zu leiden,
Sich Kummer, weil man litt, zu machen:
Ists besser, selbst gleich mitzulachen.
Ich besitze seit September 1982 – es steht im Einband – ein 448 Seiten starkes gelbes Reclam-Büchlein, das trägt den Titel „Deutsche Unsinnspoesie“. Die Sprachspiele darin und den Humor habe ich, der ich schon als Kind gerne Wilhelm Busch las und später meinen Söhnen aus dem „Sprachbastelbuch“ vorlas, immer wieder genossen. Und mich anregen lassen zu eigenen Blödeleien. Zum Beispiel zu folgender, zu der ich mir heute denke: Es war eine Zeit kreativer Muße, da mir solches einfiel, ungestört von Berufsalltag, eigenem TV-Gerät oder gar Smartphone:
Ob ihr wohl wisst,
was „Cefhist“
ist?
Ganz einfach „Fetisch“
alphabetisch.
Adventmail 2019/20 (Thema Gedichte)
Sibylle ging fort (Robert ME)
Sibylle, wo bist du?
Irgendwo da draußen,
sehr damit beschäftigt, frei zu sein.
Weit weg von hier, von mir.
Da verdunstet etwas,
sehr wohl betrauert, bedacht ganz ohne Gleichmut.
Wo ist sie, frage ich?
Irgendwo da draußen,
ihre Dinge tuend, während ich die meinen.
Vielleicht ein wenig anders fühlend als vorher.
Vielleicht ein wenig anders überhaupt.
Wo sie sei, fragt man.
Und ich berichte mit bereitgedachten Sätzen,
die Ungenauigkeiten der Erzählung un-
bemerkt von mir, weil akzeptiert.
Raue Wege glättet das Vergessen.
Was war die Frage?
Nach dem Kästner von gestern heute dasselbe Thema: Trennung, Dazu der Schmerz darüber und dessen Nachlassen durch die Gnade des Vergessens. Eine Sybille gab’s übrigens nie, aber einige andere, deren Absenz eine schmerzliche Lücke hinterließ und weniger geglättete Wege (dieses Bild würde ich heute so nicht mehr verwenden), als ich damals schrieb.
Adventmail 2019/19 (Thema Gedichte)
Sachliche Romanze (Erich Kästner, 1928)
Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.
Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.
Trennungen tun weh und machen immer auch etwas rat- und orientierungslos. Stimmig eingefangen hat dies der zu Unrecht v.a. für seine Kinderbücher bekannte Erich Kästner in diesem 1928 entstandenen, auch biographisch angeregten Gedicht.
Ich kannte es schon, als mich ein mir lieber Mensch daran erinnerte und auch auf die Vertonung durch den famosen Hermann van Veen aufmerksam machte. Da kommt Wehmut auf…
Adventmail 2019/18 (Thema Gedichte)
Interpretation eines Vierzeilers (Robert ME)
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Manche Gedichte sind derart verklausuliert,
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dass zwischen den Zeilen gelesen werden muss,
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um hinter ihren verborgenen Sinn zu kommen.
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Was mich an Lyrik ja oft befremdete (als ich sie noch regelmäßig las), ist die Häufung von Elfenbeinturmsprache darin, von publikumsignoranter Hermetik und dem Gestus der Bedeutungsschwangerschaft. Darüber machte ich mich im obigen Gedicht ein wenig lustig. Und auch im unten stehenden:
Poetik (Robert ME)
Wen nes sch ona
mIn hal tma
nge lts oso llt
ewe nig ste
nsd ieF orm inO
rdn ung sei
n.
Adventmail 2019/17 (Thema Gedichte)
Stufen (Hermann Hesse)
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Dieses Gedicht von Hermann Hesse (von dem ich kaum Lyrik, sondern Romane las) widme ich meiner langjährigen Freundin und Ex-Schwiegermutter Christa, die im Sommer 2018 verstarb. Es wird nicht umsonst bei Begräbnissen oft zitiert, handelt es doch vom Loslassen, der Gelassenheit dabei und der Zuversicht, was Neubeginn betrifft. “Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft zu leben”: Das liest sich doch gut, nicht?
Adventmail 2019/16 (Thema Gedichte)
sendung des sohnes (Robert ME)
die verbotenen wälder
in unserer unbeirrten
doch irrenden zeit
bergen die gefahr
du könntest dich stoßen
an wurzeln an steinen im rund
es stimmt: sie tun not
willst du dein leben retten
zerstreu deine kühe
die saat wirf von dir
und lab dich an quellen
der feuersalamander
setz dich nicht aus
auf der lichtung
sieh dich vor und geh tiefer
dann streift dich
die eule des nachts im flug
du schweig
wenn du die wölfe heulen hörst
sei wachsam: du bleibst
nicht allein in den pochenden wäldern
so nimm meinen segen nimm abschied
und nimm deinen lauf
halt schritt durch das uns angestammte
du wirst schon erwartet
jetzt flieh!
Ich war schon Vater, als ich dieses Gedicht in den 1990ern schrieb. Der Bachmann‘sche Duktus ist geprägt von Zukunftspessimismus, der heute angesichts von „Fridays for Future“ fast prophetisch anmutet: Meine Generation schafft es nicht mehr, das Ruder herumzureißen. Es braucht Junge, die sich nicht blenden lassen von Scheinwerfer-Lichtungen und vom Heulen der Wölfe, die den Mut haben, in unerwünschte Bereiche vorzudringen und sich dabei von der Weisheit streifen zu lassen.
Doch ich will nicht selbst nicht den Kopf in den Sand stecken. „Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch“, dichtete Friedrich Hölderlin schon vor mehr als 200 Jahren.