Alte Musik – Edelsteine
- Eustache du Caurroy (1549–1609): „Pavane pour le roy“ aus Requiem des Rois de France, gespielt vom Ensemble „doulce mémoire“.
Meine Tanzmusik, wenn ich in bester Laune bin. Am Anfang hört man taktelang nur den fetzigen Rhythmus der Trommeln, die Erwartung wächst und wächst, bis die mittelalterlichen Bläser mit ihrer unvergleichlichen alten Stimmung einsetzen. Oder man sucht sich jemanden, dem man beim Zuhören in die Augen sehen kann. - Johannes Ockeghem (1410–1479): Chanson „S’elle m’amera je ne scay“ gesungen vom „Orlando Consort“.
Die Zeile „Robin et Marion s’en vont au bois joli“ klingt mir oft im Ohr, weil sie so kinderliedhaft klingt, und doch etwas anderes meint. An der Oberfläche ist der Chanson ein Minnelied mit dem bekannten Inhalt: „Ob sie mich lieben wird, das weiß ich nicht, doch will ich tun, was ich kann, ein wenig ihre Gnade zu erlangen.“ Parallel dazu läuft aber in der Mittelstimme unabhängig ein anderes Lied: „Kleine Camusette, du bringst mir fast den Tod. Robin und Marion gehen in den Wald, gehen fort, Arm in Arm, und schlafen ein.“ - Don Carlo Gesualdo (1560–1613): „Omnes amici mei“ aus Tenebrae gesungen vom „Taverner Consort“.
Für verzweifelte Stunden. Gesualdo hat die verrückteste geistige Musik des Mittelalters geschrieben, die in ihren Dissonanzen für klassische Ohren extrem ist. Als reicher Fürst von Venosa musste er sich nicht nach Auftraggebern richten und suchte seine Texte so aus, dass er möglichst bizarre Wortausmalungen unterbringen konnte. „Alle meine Freunde haben mich verlassen und die, die mir Fallen stellen wollen, haben die Oberhand. Die ich geliebt habe, haben mich verraten, (…) sie haben mich gezwungen, Essig zu trinken.“ Wer den Text mitliest, dem wird angesichts der Harmonik bei den „insidias“ (Hinterhalte) schwindelig, und bei „amici mei“ dreht sich ihm der Magen um. - Richard Sumarte (16. Jht.): „Daphne“ gespielt von Paolo Pandolfo auf der Gambe.
Dieses kurze Instrumentalstück ist von wunderbarer Leichtigkeit, die Akustik im berühmten El Escorial in Spanien ist exzellent, man hört den Fingeraufsatz auf dem Griffbrett und den Atem. In dieser Direktheit kann der Gambenspieler Feinheiten geschehen lassen ohne den Klang irgendwie zu pressen. Meine schönste Solo-Cello-CD in ihrer Gelassenheit und Intimität. - Samuel Scheidt (1587–1654): „Allein Gott in der Höh’ sei Ehr“ in der Einspielung von Dietrich Kollmannsperger.
Als Orgelliebhaberin habe ich diesen Organisten bei meinem Besuch in Tangermünde dazu gebracht, mir eine Stunde lang diese älteste erhaltene Orgel vorzuführen, die 1994 restauriert worden ist. Ebenfalls in der alten Stimmung kann man schon Bach so gut wie nicht mehr auf ihr interpretieren. In Anlehnung an meinen ersten Listenpunkt wechseln bei dieser Choralbearbeitung die einzigartigen Bläserstimmen der Orgel mit dem Plenum ab, was mich durch die Klangkraft (nicht Lautstärke!) dieser Stimmung und den fanfaren- und gleichzeitig schicksalshaften Gestus des Refrains immer wieder erschüttert und fasziniert.
Jule Rosner, 23, Klavierstudentin in Berlin