Am höchsten Punkt des Indischen Ozeans
Nach fünf Tagen steilem Auf und Ab, durch Flüsse und über Pässe kam endlich der Tag des Höhepunkts. Um 4 Uhr früh raus aus den Federn in der kalten Hütte, rein in alle Kleidungsstücke, die wir mitgetragen hatten, die Stirnlampe rauf und dann 600 weitere Höhenmeter rauf auf den Piton de Neiges (3069 m). Auf dem schwarzen Lavaboden konnte man nichts sehen als die weißen Markierungen im Schein der Stirnlampe, und der klare Sternenhimmel wölbte sich über uns. Weithin sichtbare Lichter markierten die Küstenorte der Insel La Reunion. Es wurde immer kälter, je höher wir stiegen. Der gefrorene Boden knirschte unter unseren Tritten, und ich musste an Max Frisch denken, wenn er in „Homo Faber“ sagt, dass die Minuten vor Sonnenaufgang die kältesten sind.
Endlich am Gipfel: Langsam beginnt die Sonne, den Himmel, die Berge und das Meer in rosarotes, dann violettes und schließlich oranges Licht zu tauchen. Aus den schemenhaften Umrissen taucht eine Landschaft auf, die mir die Worte nimmt und das Herz öffnet. Ich stehe am höchsten Punkt und rundherum fällt es steil ab bis zur nahen Küste. Sogar jetzt, wenn ich das schreibe, spüre ich wieder dieses Gefühl der Einheit mit allem, aber auch den Stolz, es geschafft zu haben.
Karin, 48, Psychotherapeutin und Lehrerin