Adventmail 2004/22 (Glücksmomente)

Ganz Wien schnarcht – bis auf zwei
Im Dunkeln blitzt schon Banales hell. Klingt verdammt philosophisch, ist aber so.
Zum Beispiel gestern Nacht: halb zwei Uhr früh, das Büro geleert, die letzten Muntermacher verdrückt (halbroher Hotdog und TWIX – aber reden wir nicht davon), das Wasser im Glas abgestanden, der Schreibtisch unter den Zetteln unauffindbar. Und vor der trüben Linse am verschmierten Monitor: ein halbfertiger Artikel.
Es ist wie Fegefeuer: Schreibblockade, Sinnsturm im Hirn, fast fertig – aber am Ende fehlt immer noch das dicke Ende. Was ja – wie alle wissen – das schwierigste ist. Langsam kriecht auch noch die übernächtigte Kälte in den Pullover, und der Möchtegern-Schlafschweiß dazu. Lieber heimgehen kuscheln? Sinnlos, am Morgen muss das Opus fertig sein.
Jetzt auch noch Unklarheit wegen zweier Telefonnummern. Welche ist richtig: die oder die? Da hilft nur probieren. Der Anrufbeantworter wird’s schon richten.
Doch – oops: Da ist ja wer. Da kämpft auch jemand gegen seine Synapsen. Da klingt es genauso müde und mürbe vom Hörer zurück.
„Ja unglaublich: Sie sind noch im Büro?“, stammle ich.
„Ja, das ist eben so, wenn man das Büro neben dem Schlafzimmer hat.“
„Was machen Sie denn noch, um Gottes Willen?“
„Ich plage mich durch drei Gesetzestexte. Und Sie?“
„Ich wollte eigentlich nur die Telefonnummer ausprobieren. Sie ist offenbar richtig. Gute Nacht – und tun Sie nicht mehr zu lange…“
Das war fein. Das war richtig nett. Ganz Wien schnarcht vor sich hin – und die zwei Traumtänzer, die sich das selbst vermurkst haben, finden sich…
Doris, 30, Journalistin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert