Adventmail 2025/4 (Anfang/Ende)

Wann beginnt menschliches Leben? Kaum eine Frage berührt Ethik, Religion, Medizin und Recht gleichermaßen tief. In der Geschichte der abrahamitischen Religionen war der Beginn des menschlichen Lebens nie nur eine biologische Feststellung, sondern immer auch eine Glaubensfrage: Wann erhält der Körper eine Seele, wann beginnt moralische Verantwortung? Judentum, Christentum und Islam eint, dass sie den Beginn menschlichen Lebens nicht primär medizinisch, sondern theologisch verstehen: als Moment, in dem Gott Leben gibt.

Im Christentum wurde die Frage nach dem Beginn des Lebens früh mit der Idee der Beseelung verbunden. Augustinus und später Thomas von Aquin übernahmen von Aristoteles die Lehre der „verzögerten Beseelung“ – beim Mann etwa nach 40 Tagen, bei der Frau erst nach 90. Erst danach galten der Fötus als beseelt und der Schwangerschaftsabbruch als Tötung. Mit der modernen Embryologie im 19. Jhd. und dem moralischen Universalismus der Neuzeit verschob sich die Position: Heute lehren die christlichen Kirchen, dass das menschliche Leben mit der Befruchtung beginnt. Jede Abtreibung gilt seither als moralisch verwerflich, auch wenn seelsorglich mittlerweile stärker zwischen individueller Schuld und tragischer Lebenssituation unterschieden wird.

Die Humanbiologie definiert den Beginn eines individuellen menschlichen Organismus heute weitgehend einheitlich: Mit der Befruchtung entsteht eine Zygote mit eigenem, unverwechselbarem genetischem Code. Entwicklung und Identität setzen kontinuierlich ein. Doch Biolog:innen betonen zugleich, dass diese Feststellung deskriptiv, nicht normativ ist: Sie sagt nichts darüber aus, wann „Personsein“ oder rechtliche Schutzwürdigkeit beginnt. In der Forschungsethik hat sich daher ein pragmatischer Kompromiss etabliert – die 14-Tage-Regel. Bis zum Auftreten des sogenannten „primitiven Streifens“ darf an Embryonen geforscht werden; danach nicht. Diese Grenze soll den Punkt markieren, an dem sich eine individuelle Entwicklung unumkehrbar festlegt.

Das europäische Rechtssystem spiegelt diesen Spagat wider. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat keinen einheitlichen Beginn rechtlicher „Personschaft“ definiert. Stattdessen lässt er den Staaten einen weiten Ermessensspielraum: Ob und bis wann eine Abtreibung erlaubt ist, bleibt nationale Angelegenheit – solange die Grundrechte der Frau nicht unzumutbar eingeschränkt werden. In fast allen europäischen Ländern sind Abbrüche in den ersten zwölf bis vierzehn Wochen legal, danach nur bei medizinischen Indikationen oder schweren Fehlbildungen.

So entsteht ein bemerkenswertes Nebeneinander: Während religiöse Traditionen vom göttlichen Ursprung des Lebens ausgehen, betrachtet die moderne Wissenschaft den Menschen als biologischen Prozess, und das Recht sucht praktikable Grenzen in einem moralisch aufgeladenen Feld.

Die Frage, wann menschliches Leben beginnt, hat damit nicht an Schärfe verloren – sie hat nur die Arena gewechselt. Zwischen Zygote, Seele und Selbstbestimmung bleibt sie der Punkt, an dem sich Glauben, Wissenschaft und Recht berühren – und manchmal unversöhnlich widersprechen.

Adventmail 2025/3 (Anfang/Ende)

„Schön. Wow!“ Das waren laut seinem Schriftstellerbruder Daniel Glattauer die letzten Worte, die der fast ebenso bekannte Journalist, Pädagoge und Autor Niki Glattauer vor seinem Tod am 4. September sagte. Die Entscheidung, seinen assistierten Suizid schon Tage vor dessen Durchführung in einem Interview anzukündigen und zu begründen, hat die österreichische Öffentlichkeit sehr bewegt. Auch ich, der zu diesem Zeitpunkt radelnd in Skandinavien unterwegs war, verfolgte den Fall aufmerksam.

Und ich war gespalten: Die Motive des unheilbar krebskranken Glattauer konnte ich gut nachvollziehen. Auch seinen Wunsch, dass mehr über das Tabuthema Sterbehilfe diskutiert wird. Dennoch fürchte ich mich vor der möglichen Tendenz, dass ein selbst festgelegter Todeszeitpunkt als würdigere oder gar als einzig würdige Art des Sterbens gesehen wird. Und dass auf Schwerkranke der Druck normal wird, anderen nicht länger zur Last zu fallen und sich selbst zu „entsorgen“.

Glattauers „Schön. Wow!“ scheint immerhin darauf hinzuweisen, dass sein Abschied aus dieser Welt, umgeben von ihm lieben Menschen, wunschgemäß verlief. Ganz ähnlich schied Apple-Mitgründer Steve Jobs 2011 erst 56-jährig aus dem Leben: Seine letzten Worte „Oh wow. Oh wow. Oh wow.“ verstand seine Schwester Mona Simpson als Ausdruck von Staunen im Angesicht des Todes.

Weitere „famous last words“ gefällig? Sokrates mahnte 399 v. Chr. nach dem Leeren des Schierlingsbechers seinen Begleiter: „Kriton, wir schulden Asklepios einen Hahn. Vergiss nicht, ihn zu opfern.“ Allen bekannt ist wohl das „Es ist vollbracht“ von Jesus am Kreuz (Joh 19,30). Auch Goethes schwer zu deutendes „Mehr Licht!“ 1832 auf seinem Sterbebett wird oft zitiert.

Gute Manieren bis zuletzt bewies Marie Antoinette († 1793), die zu ihrem Henker sagte, nachdem sie ihm auf dem Weg zur Guillotine auf den Fuß getreten war: „Pardon, Monsieur, ich habe es nicht mit Absicht getan.“ Typisch für den bissigen Humor von Karl Marx († 1883) war seine Antwort an seine Haushälterin, die ihn nach letzten Worten fragte: „Gehen Sie raus! Letzte Worte sind für Narren, die noch nicht genug gesagt haben.“ Auch von Oscar Wilde († 1900) ist eine ironische Bemerkung in seinem Pariser Sterbezimmer überliefert: „Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich.“ Den Vogel hinsichtlich Humors bis zum letzten Atemzug schoss James Donald French ab. Zu den journalistischen Beobachtern seiner Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl 1966 in den USA sagte der verurteilte Mörder: „How’s this for your headline? ‘French Fries’.“

Was würde ich selbst gerne zuletzt sagen? Keine Ahnung. Ich denke, ich halte es mit dem tödlich getroffenen mexikanischen Revolutionsführer Pancho Villa (†1923), dem der Schlusssatz an einen Journalisten zugeschrieben wird: „Lass es nicht so enden. Schreiben Sie, dass ich etwas gesagt hätte!“ Soll heißen: Wenn mir nix G’scheites einfällt, möge man mir etwas andichten.

Adventmail 2025/2 (Anfang/Ende)

Das neue Jahr hat schon begonnen. Zumindest das Kirchenjahr, das nach katholischer wie evangelischer Tradition immer am ersten Adventsonntag beginnt, heuer also am 30. November (orthodoxe Christ:innen begingen ihr Neujahrsfest schon am 1. September). Die Trennung von christlich-sakraler und profaner Zeitgliederung und Kalenderordnung besteht erst seit der Reformation. Noch deutlich später dran war die Lateinische, also „westliche“ Kirche mit Zentrum Rom: Bis zur Festsetzung des Neujahrstages im Jahr 1691 durch Papst Innozenz XII. auf den 1. Jänner galt in weiten Teilen Europas der 6. Januar (Hochneujahr) auch als profaner Jahresbeginn.

Auf die Alten Römer gehen die Monatsbezeichnungen von September bis Dezember zurück – also 7./8./9./10. Monat. Damit war es bereits lange vor Christi Geburt vorbei. Ab dem Jahr 153 v. Chr. wurde der Beginn des Amtsjahrs vom 1. März auf den 1. Jänner verlegt, auf den Tag des Amtsantrittes der Konsuln. Mit Caesars (julianischer Kalender-) Reform begann dann auch das Kalenderjahr zu diesem Zeitpunkt und tut das bei uns bis heute.

Einer nachvollziehbaren Logik folgt die Festsetzung des Jahresbeginns, wenn der Frühling zur Tag- und Nachgleiche anfängt. Am 21. März ist Neujahr im Iran, bei den Kurden, in Indien und Pakistan sowie weiteren -istan-Ländern (Tadschik-,Usbek-, Kirgis-, Turkmen- und Afghanistan).

Beweglichen Terminen folgen unsere älteren Glaubensgeschwister: Rosch ha-Schana feierten Juden 2025 ab Sonnenuntergang des 23. September, 2026 (im Judentum schon das Jahr 5787) ist der Termin dann 12./13. September. Die jüngeren Geschwister können etwa alle 33 Jahre doppelt feiern: Denn das muslimische Jahr ist etwa 11 Tage kürzer als unser der Sonne folgendes und verfügt über keine Schaltmonate; dadurch wandert der Neujahrstermin kontinuierlich nach vorne. Der chinesische Neujahrstag fällt auf einen Neumond zwischen dem 21. Jänner und dem 21. Februar – heuer war der 29. Jänner der Beginn des Jahres der Schlange.

Christ:innen beginnen ihre Zeitrechnung mit der (eigentlich früher erfolgten) Geburt Jesu, Muslime mit der Hidschra, der Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina im Jahr 622 n. Chr. Im Buddhismus orientiert man sich am Todesjahr des Buddhas Siddhartha Gautama 544 v. Chr., im Judentum an der biblisch errechneten Schöpfung des Himmelsgewölbes durch JHWH am Jom Rischon, dem 6. Oktober 3761 v. Chr.

Andere Kulturen leiteten ihre Zeitrechnung vom Amtsantritt der jeweiligen Herrscher ab, so die altägyptische. Die altgriechische Jahreszählung fußte auf Olympiaden (die erste nach 776 v. Chr.), die Römer zählten ab urbe condita („753 stieg Rom aus dem Ei“). Gerade mal 13 Jahre dauerte der 1792 verordnete französische Revolutionskalender, ähnlich kurz die von Mussolini ausgerufene „Era Fascista“, die er 1927 mit 1922 beginnen ließ. „Tausendjährige Reiche“ dauern meist deutlich kürzer, Gott sei Dank.

Adventmails 2025 (Ankündigung)

Liebe Adventmailbezieher:innen,

ich bin – wie meine Claudia – seit Jahresbeginn in Pension, die 32 Jahre als Redakteur der Kathpress gingen zu Ende (wenn auch nicht meine freie Mitarbeit dort und anderswo). Zu meinen drei Enkelsöhnen kamen im Februar zwei süße Mädchen dazu, ein weiteres wächst – juhuu! – gerade im Schwiegertochterbauch; im August verstarb mein Stiefvater, wie es formelhaft heißt, nach kurzer, schwerer Krankheit. Das sind die individuellen Zugänge zu meinem diesjährigen Adventmailthema „Anfang und Ende“. Zu denen kommen noch eine Reihe politischer: Trumps Demokratieabbruchbirne begann zu schwingen, Österreich hat eine neue Ampelregierung, der Gaza-Krieg stoppte nach furchtbaren Gemetzeln usw. In der katholischen Kirche – meinem langjährigen Arbeitsfeld – endete die Ära von Franziskus und Schönborn, jene von Leo und Grünwidl begann.

Ab 1. Dezember also wie gehabt tägliche „Kästchen“ mit Wissenswertem und Unterhaltsamem, mit Persönlichem und Allgemeingültigem rund um die Frage, wie etwas anfängt oder aber aufhört. Ich werde dafür meine heuer eingerichtete Website www.robertmitschaeibl.eu nutzen (auf der auch sämtliche Adventmails der vergangenen Jahre verewigt sind!), auf den zusätzlichen Kanälen Facebook und Mailversand wird es nur mehr „Appetizer“ geben.

Seit ich dieses Projekt im Dezember 2002 begann, sind Advent(s)kalender – analog und digital – zahlenmäßig geradezu explodiert. Zuletzt sah ich 24 im Advent zu öffnende Gewürzgläschen, zudem Minibüchlein mit Zusammenfassungen von Literaturklassikern und Geolino-Anleitungen für kindlichen Experimentierspaß. So viel „Konkurrenz“ in einer ohnehin allzu geschäftigen Zeit könnte mich zum Verstummen bringen. Tut es aber nicht. Dazu hab ich viel zu viel Freude am Brainstormen, Recherchieren, Formulieren und zu viel Ermutigung seitens des „Stammpublikums“, zu dem ja auch DU zählst. Am Montag beginnt’s, ad multos annos!

Noch ein Hinweis: Am Mittwoch, 10. Dezember, wird es um 19 Uhr in der autofreien Siedlung in Wien-Floridsdorf (Nordmanngasse 27, „Aquarium“) eine Best-of-Lesung meiner Adventmails geben. Ich gestalte den Abend gemeinsam mit der Autorin Sonja Rosenzweig, die bereits Leseerfahrung in der Siedlung hat. Wäre schön, wenn Du Dir dafür Zeit nehmen würdest!