Adventmail 2024/04 (Farben)

„Das Fräulein stand am Meere / Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre / Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter, / Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter / Und kehrt von hinten zurück.“

Das dichtete Heinrich Heine (1797-1856), nachdem er seine romantische Phase mit einem kräftigen Schuss Ironie hinter sich gelassen hatte. Er karikiert die idyllisierende Betrachtung eines allbekannten Naturgeschehens und parodiert Motive, die in der Romantik von zentraler Bedeutung waren; der Sonnenuntergang stand für den Übergang vom Endlichen in das Unendliche.
Ich spotte ja auch gern, aber bei Sonnenuntergängen fehlt mir jeder Hang zum lapidaren „so what?!“ Wie oft stand ich schon am Meere – nein, ich saß eher – und sah dem uns allen Leben schenkenden Feuerball beim vermeintlichen Ins-Wasser-Eintauchen zu, immer wieder von Neuem begeistert vom himmlischen Farbenspiel.
Ich hab mein Fotoarchiv nach Sonnenuntergängen durchforstet und stelle hiermit meine schönsten (No-filter-)Fotos ins heutige Adventkästchen…

Adventmail 2024/03 (Farben)

In Kathpress-Meldungen kommt immer wieder mal die „Regenbogenpastoral“ vor. Das ist keine Initiative, die den im Buch Genesis vorkommenden Regenbogen als Zeichen des Bundes zwischen Gott JHWH und dem nach der Sintflut verbliebenen Rest der Menschheit („Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen…“ – na gottseidank aber auch) hervorhebt. Vielmehr geht es um die innerkirchlich nicht unumstrittene Hinwendung zur Gruppe der „Queer“.
Der Regenbogen ist heute ein weithin anerkanntes Symbol der LGBTQ+-Bewegung und symbolisiert Vielfalt, Stolz und die Einheit aller Geschlechter und sexuellen Orientierungen. Den Anstoß dazu gab wohl der US-Künstler und Aktivist Gilbert Baker, der 1978 auf Anregung des Stadtrats von San Francisco und ersten offen schwulen Politikers in den USA, Harvey Milk, die erste Regenbogenfahne entwarf. Deren Buntheit sollte die Diversität und Einzigartigkeit der queeren Gemeinschaft repräsentieren. Inzwischen existieren viele Versionen der Regenbogenfahne, darunter die „Progress Pride Flag“, die zusätzliche Farben enthält, um marginalisierte Gruppen innerhalb der LGBTQ+-Community, wie „People of Color“ und Transgender-Personen, besser zu repräsentieren.
Trotz der inzwischen großen Verbreitung der Regenbogenfahne gibt es immer wieder auch Konflikte r und um das, wofür sie steht. In vielen konservativ geprägten Gesellschaften und Staaten mit einer starken religiösen Prägung gelten LGBTQ+-Rechte als kontrovers und als Beleg einer westlich-liberalen, „woken“ Agenda, die angeblich traditionelle Werte und Moralvorstellungen bedroht. Beispiele hierfür sind Putins Russland, Polen unter der PIS-Partei, zuletzt Georgien, Saudi-Arabien, Iran und afrikanische Staaten wie Uganda und Nigeria, wo Homosexualität teils streng verboten ist und LGBTQ+-Personen strafrechtlich verfolgt werden.
Apropos: Eines meiner ersten Interviews in den 1980ern als Mitarbeiter des kritischen „Kirche Intern“-Magazins führte mich in die Wiener Rosa Lila-Villa. Der Sprecher der Initiative „Homosexualität und Kirche“ (HuK), Johannes L., erzählte mir damals u.a., der Präfekt der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger sei schwul. Das Magazin heißt heute „Kirche In“, der Villa steht Türkis voran, das „Kirche“ in HuK wurde zu „Glaube“, der Glaubenshüter wurde Papst Benedikt XVI. So ändern sich die Zeiten.

Adventmail 2024/02 (Farben)

Am Sonntag, dem 17. November, um 18 Uhr war es soweit: Der Hashtag lautete #eXit, ein Wortspiel für den Ausstieg aus der Social-Media-Plattform X (früher: Twitter). Dutzende österreichische Medienmacher und andere bekannte Persönlichkeiten legten ihre Accounts still – darunter Ingrid Brodnig, Florian Klenk, Corinna Milborn und Michael Jungwirth. Die Initiative kam von ZiB2-Moderator Armin Wolf, der in seinem Blog schrieb, mit Twitter und im Kontakt mit seinen 600.000 Followern sei es lange „schön“ gewesen. „Ich hätte mir meinen Job in den letzten 16 Jahren ohne Twitter gar nicht vorstellen können im tagesaktuellen Journalismus.“ So habe er dort viele interessante Leute kennengelernt, sich auch sehr amüsiert und sei auf viele Dinge gestoßen, die er sonst nie erfahren hätte, erinnerte sich der von mir sehr geschätzte ORF-Anchorman.
Doch in den letzten Jahren habe sich X „täglich immer weiter radikalisiert“. Seit der Übernahme durch Elon Musk sei es „voller Lügen, aggressiv“, ja, „toxisch“ geworden. Irre hätten X überflutet, Propaganda-Bots, Neonazis, Rassisten, Sexisten, Incels und Verschwörungs-Paranoiker. Deren Inhalte seien durch den Algorithmus nach oben gedrängt worden. Musk selbst sei dabei wie der „Über-Troll“ aufgetreten und habe auch Verschwörungstheorien verbreitet, so Wolf.
Für viel Aufmerksamkeit sorgte ein „Interview“, das Musk mit Trump im US-Wahlkampf auf X führte. Musk ließ Trump seine Falschbehauptungen unwidersprochen verbreiten – unter anderem über Migration, wo der nunmehr Gewählte mit völlig übertriebenen Zuzugszahlen hantierte. „Der hat eine Propaganda-Bude daraus gemacht für seinen Freund Donald Trump. Und das finde ich problematisch bei jemandem, der sagt, sein oberstes Kriterium ist free speech“, erklärte Wolf.
Wie viele andere genervte X-Nutzer wechselte er zu Bluesky. Das sei so etwas wie Twitter vor zehn Jahren, sagte Wolf über den seit 2021 bestehenden Mikroblogging-Dienst. Seit heute, da ich das schreibe (28.11.), ist auch Kardinal Christoph Schönborn – als erster österreichischer Bischof – im blauen Himmel präsent. Der User:innen-Zuwachs lag bei Bluesky Ende November bei circa 250.000 neuen Nutzern pro Tag, hieß es. Auch ich als einer, der findet, die sozialen Medien brauchen Regularien zum Schutz der Demokratie, flattere mit dem blauen Schmetterling mit.

Adventmail 2024/01 (Farben)

Es geht diesmal, wie angekündigt, um Farben.
Als ich im Winter 2004/05 in die autofreie Mustersiedlung in Wien-Floridsdorf übersiedelte und ich damit für mein noch recht frisches Single-Dasein nach der Scheidung eine eigene Heimstatt fand, bemalte ich zwei Wände in meiner neuen Maisonette-Wohnung mit einem Terracotta-Farbton. Das sollte Aufbruch signalisieren, Lebendigkeit, Power für den neuen Lebensabschnitt. Nach einiger Zeit folgte im unteren Zimmer – der Reihe nach bewohnt von meinen studierenden Söhnen – ein Anstrich in Türkisblau und Gelb.
Damals dachte ich noch nicht daran, dass mir beim Wiederausziehen auferlegt werden würde, die Wände wieder übergabefreundlich, d.h. in übermalungsgeeigneten hellen Farbtönen zu hinterlassen. Vor dem Umzug in die Wohnung meiner Liebsten jenseits der Bezirksgrenze in der Donaustadt plagte ich mich somit noch tagelang damit, die betreffenden Wände erblassen zu lassen – was gar nicht leicht war. Außerdem ist die Motivation enden wollend, sich noch ausgiebig einer Altwohnung zu widmen, wenn man schon in einer schöneren neuen lebt.
Seit Herbst 2018 wohne ich in einer Wohnung, deren vier Zimmer ich je unterschiedliche, geschmackvolle Farbgestaltungen vorfand. Im südseitig gelegenen Wohnzimmer z.B. harmoniert eine Wand in Brombeerton mit freundlichem Gelb, im Schlafzimmer ergänzen sich Lila und Zartrosa, meinem Arbeits- und Rückzugsraum habe ich umgestaltet: Nun trifft eine Tapete in Steinmauerdesign auf Wände in hellem Beige. Am ungewöhnlichsten – nämlich rundum in dunkelviolett gehalten – ist die Toilette.
Es stehen Erneuerungen an. Denn bei der Erstbemalung vor mittlerweile 20 Jahren wurde auf die Beständigkeit der Wandfarben noch kein Augenmerk gerichtet. Was z.B. dazu führt, dass unter dem jährlich wechselnden großformatigen Landschaftskalender im Wohnzimmer die Brombeerfarbe noch deutlich frischer wirkt als auf dem Rest der Wand. Ein schönes Projekt für die demnächst beginnende „bunte“ Zeit nach der Phase der Vollerwerbsarbeit…

Adventmails 2024 (Ankündigung)

Liebe Adventmail-Bezieher:innen!

Ein blaues Wunder. Rosarote Brille. Gelbe Gefahr. Grauer Alltag. Goldener Schnitt. Den roten Faden verlieren. Schwarzsehen. Sich grün und blau ärgern… u.s.w.
Farben spielen nicht nur in der Sprache eine große Rolle, sondern aktuell auch in der Politik, wenn sich Schwarz(türkis)/rot/pink auf eine neue Regierung in Österreich verständigen und die Blauen und Grünen außen vor lassen. Oder in der Natur, wenn sich im Herbst die Blätter bunt verfärben. Oder in der Mode, in der Nahrung, im Sport (grün gegen violett; Blackies gegen Rotjacken)…
Farben sind auch das Thema meiner diesjährigen Adventmailserie, der insgesamt bereits 21. Das erste Brainstorming dazu machte ich auf der elfstündigen Bahnfahrt von Danzig nach Wien, mir fielen auf Anhieb 20 und mehr Aspekte ein, zu denen ich Lust zu recherchieren hatte. Euch erwarten bis zum Heiligen Abend somit Adventkästchen über vieles, was das Leben bunt macht.
Viel Vergnügen und eine angenehme Vorweihnachtszeit wünscht euch Robert