Adventmails 2016/04 (Familie)

Nicht dass ich behaupten würde, die Gegenwart sei frei von Turbulenzen oder das Leben heute generell beschaulich. Aber wenn ich mir die Lebenszeit und –welt meiner Großeltern vor Augen halte (mit denen ich mich anlässlich des großen „Eiblischen-Festes“ am 24. September beschäftigte), so muss ich doch sagen: Die Existenz meiner Generation ist ungleich abgesicherter als derjenigen, die zwei Weltkriege miterlebt hat.
Schon unglaublich, wie viel sich in nur zwei Generationen verändert hat: Als Opa Hans 1909 und Oma Resi 1911 geboren wurden, saß Kaiser Franz Joseph seit mehr als sechs Jahrzehnten auf dem Habsburgerthron. Die Amtszeit des letzten österr. Kaisers Karl (1916-18) haben die beiden in voller Länge miterlebt. Als Opa und Oma noch in die Windeln machten, wurde die Titanic in einer Werft in Belfast gebaut; sie war bei der Indienstnahme am 2. April 1912 das größte Schiff der Welt – allerdings nur bis zum 15. April 1912.
Als Opa geboren wurde, der spätere Eisenbahner, fuhren auf den Normalspurbahnnetzen der Monarchie noch ausschließlich Dampfloks. Die Strecke Wien-Pressburg wurde 1914 elektrifiziert, die Semmeringbahn schrittweise erst ab 1956. Es gab noch keine Fließbänder, keine Reißverschlüsse und keine Verkehrsampeln – all das wurde erst zwischen 1912 und 1915 erfunden bzw. entdeckt. Auch Radio oder gar Fernsehen waren 1909 und 1911 noch unbekannt. Am 1. April 1923 wurde erstmals eine Hörfunksendung in Österreich ausgestrahlt – Klavierstücke auf Radio Hekaphon in Wien.
Damals gingen Hans und Resi noch in die Schule. 1869 wurde in Österreich die Schulpflicht von 6 auf 8 Jahre verlängert, Oma und Opa besuchten so lange eine Volksschule, Hauptschulen für die 10- bis 14-Jährigen wurden erst 1927 eingeführt. Dass Bildung ein Privileg ist, erkennen wir an den Biografien von Hans und Resi Eibl; auch deren neun Kinder konnten kein Gymnasium oder gar eine Uni besuchen, erst in meiner Generation wurde das zur Normalität, erst recht in jener meiner Kinder. Dabei wäre Oma gerne Lehrerin geworden.
Wieviel sie vom Ersten Weltkrieg mitbekamen, wissen wir nicht; jedenfalls überlebten sie ihn ebenso unbeschadet wie ihre Eltern. Und ebenso die Pandemie der Spanischen Grippe, die 1918-20 25 Millionen Opfer forderte, darunter Egon Schiele, Max Weber und Sophie Freud.
Die Kennenlerngeschichte von Oma und Opa ist ein Schmankerl: Hans kam als „Auswärtiger“ zu Resi – eigentlich zu ihrer Schwester Maria – in die Feldbacher Gegend und machte sich damit bei den einheimischen Burschen nicht beliebt: Der kommt und will uns unsere Dirndln abspenstig machen?! Man lauerte dem dreisten Stenz auf, doch ausgerechnet die Eltern von Maria und Resi boten dem jungen Mann über Nacht Schutz vor den Fäusten der Einheimischen; und siehe da – es stellte sich heraus, dass Resi dem Hans besser gefiel als Maria. Und offenbar auch umgekehrt, denn 1931 wurde Hochzeit gefeiert.
Damals litt Österreich nach unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929. Es gab eine enorme Arbeitslosigkeit und eine Polarisierung in der Politik zwischen Sozialisten und Christlich-Sozialen bzw. Austrofaschisten. Die Chance auf eine bessere Arbeit bei der Eisenbahn war der Grund, warum Hans und Resi aus der bäuerlichen Ost- in die industrialisierte Obersteiermark, nach Leoben, übersiedelten. Zwischen 1932 und 1944 bekam das Paar neun Kinder, durch den „Anschluss“ an Hitlerdeutschland 1938 kamen die ersten fünf Kinder der Eibls in Österreich, die weiteren vier aber im Deutschen Reich zur Welt.
In der Endphase des Kriegs wurden die Eibl-Kinder fort aus der bombengefährdeten steirischen Industriezone in ländliche Gebiete in Sicherheit gebracht – eine wochenlange Trennung, die allen Beteiligten schwer fiel.
Opas Kriegseinsatz in Marburg war nur kurz, als Eisenbahner wurde er zur Erhaltung der Infrastruktur gebraucht. Er hatte keine Kriegsgefangenschaft durchzustehen, wohl aber ein hungerndes Nachkriegsösterreich. Zusätzlich zur einheimischen Bevölkerung mussten nach der Befreiung vom NS-Regime auch noch etwa 300.000 Heimatvertriebene vorwiegend aus slawischen Gebieten des „1000-jährigen“ Reichs versorgt werden.
Erst im Herbst ihres Lebens wurde es für Hans und Resi geruhsam: Zurück in der Oststeiermark empfingen sie gerne Besuch ihrer Kinder und Enkel, bei denen Opa so manches Bummerl beim Schnapsen bekam und Oma selbst gezogenen Krauthäuptelsalat mit reichlich Kernöl servierte.

Der „Eiblische“-Stammbaum, liebevoll gestaltet von Gastgeberin Iris

Wie sehr ihr bewegtes Schicksal sie zusammengeschweißt hatte, mag man daran erkennen, dass Hans und Resi 1989 innerhalb weniger Wochen verstarben – ein weiteres Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung, den Fall der Berliner Mauer im selben Jahr und den Zusammenbruch des Kommunismus, schenkten sie sich…

Adventmails 2016/03 (Familie)

Ich nannte sie Tante, heute würde man sagen: Tagesmutter. Ab meinem dritten Lebensjahr brachte mich meine Mutter, bevor sie zur Arbeit in die Schuhabteilung des „GÖC“ (Grosseinkaufsgesellschaft österreichischer Consumvereine) ging, an jedem Werktag in die Wohnung des ebenfalls am Brucker Koloman-Wallisch-Platz gelegenen Wohnung von Josefine Dietz.
Es ist eine meiner ersten Kindheitserinnerungen: Ich staunte über die aufgebaute elektrische Eisenbahn des etwa 15-jährigen Enkels der damals 60-jährigen dauergewellten Frau, die sich durch Kinderbetreuung ein Zubrot zur wohl spärlichen Witwenpension verdienen wollte. Die resolute Art der Frau Dietz habe sie ziemlich eingeschüchtert, erzählte mir meine Mutter damals. Aber mich wieder mitzunehmen ging nicht – als Alleinerzieherin und Vollzeitangestellte brauchte sie eine Untertagsbleibe für mich. Später sollte sie die alte Frau schätzen lernen nach dem Motto „raue Schale, weicher Kern“.
Wobei auch der Kern manchmal sehr hart blieb. Dafür, dass ich keine Schwammerl oder Rahmsuppe mochte, hatte die Tante wenig Verständnis. Denn gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Die damals übliche schwarze Pädagogik bekam stärker als ich ein später aufgenommenes, zweites Pflegekind zu spüren: Der etwa gleichaltrige Wolfi machte sich manchmal in die Hose, was die Tante einmal so in Rage brachte, dass sie dem weinenden Buben den Inhalt seiner Unterhose ins Gesicht schmierte.
Aber Frau Dietz hatte, wie es so schön heißt, auch ihre guten Seiten, auch nach meinem 8. Geburtstag, als mir meine Mutter das nachmittägliche Alleinezuhausebleiben schon zutraute, besuchten wir sie manchmal. Und erst viel später, in der Studienzeit, schrieb ich folgendes Gedicht:

Als ich klein war,
hatte ich Angst

Meine Pflegemutter hatte Rahmsuppe gekocht.
Ich hasste Rahmsuppe.
Meine Pflegemutter sagte: Iss!!!
Ich aß und mich ekelte.
Der Kümmel würgte mich.

Ich erbrach das Verschluckte wieder in den Teller.
Meine Pflegemutter merkte nichts.
Ich aß weiter,
schluckte Erbrochenes und Rahmsuppe hinunter
und auch Furcht und Verzweiflung.

Was mir zu denken gibt:
Heute finde ich Rahmsuppe gar nicht so übel.

Adventmails 2016/02 (Familie)

Donald Trump ist – viel mehr, als er Republikaner ist – ein Selbstdarsteller. Und ein Nepotist. Ihr wisst schon, das ist einer, der seinem Neffen (lat. Nepos) Posten, Aufträge, Einfluss, jedenfalls Vorteile, verschafft. Bzw. dem Mann seiner Tochter und „eigentlichen First Lady“ (Tagesanzeiger) Ivanka, über den wiederum die FAZ schon am 17. November schrieb: „Der Einfluss von Schwiegersohn Jared Kushner in Donald Trumps Team ist kaum zu überschätzen.“ Wie das „Wall Street Journal“ berichtete, soll Kushner im Weißen Haus eine Schlüsselrolle übernehmen, wobei noch entschieden werde, ob es eine offizielle oder inoffizielle unbezahlte Stelle wird, die er besetzen soll. Ivana Trump, die erste Frau des Wahlsiegers, brachte sich als amerikanische Botschafterin in ihrem Geburtsland Tschechien ins Gespräch. Ihre Qualifikationen: Sie spreche Tschechisch und sei „ziemlich bekannt in der ganzen Welt“, lautete die Eigenwerbung.

Ob derlei Vetternwirtschaft die Amerikaner verstört, wage ich zu bezweifeln. Immerhin gibt es im Land aller möglichen Begrenztheiten einen Gewöhnungseffekt hinsichtlich einflussreicher Familien wie den Kennedys (John F. machte – eine Premiere in der US-Demokratie – seinen gleichwohl fähigen Bruder Robert F. zum Justizminister), den Bushs oder den Clintons. In Österreich fällt mir aus jüngerer Zeit nur Erwin Pröll ein, dessen Nepos Josef einst die große ÖVP-Hoffnung und Kanzlerkandidat war.
Verwandtenbevorzugung gibt es, seit Politik betrieben wird, und sie fällt umso leichter, je geringer die demokratische Kontrolle ist. Berüchtigt war der Kardinalnepotimus von Kirchenfürsten in Mittelalter und Neuzeit. Bis zum 17. Jahrhundert wurden etwa päpstlichen Verwandten ganze Teilgebiete des Kirchenstaates als Lehen gegeben, um eigene Fürstentümer zu errichten. Der letzte für seinen Nepotismus bekannte Papst war Pius XII., der seinen Neffen Giulio, Carlo und Marcantonio Fürstentitel und hohe Posten in Italiens Politik und Finanzwelt verschaffte.
Übrigens: Nach JFK‘s Präsidentschaft wurde der Nepotismus in den USA gesetzlich verboten: Bei Ämtervergaben dürfen keine nahen Verwandten berücksichtigt werden. Das gilt (noch?) auch für The Donald. Dennoch saßen seine drei Kinder aus erster Ehe im Übergangsteam, das nach der Wahl mit Hochdruck daran arbeitete, Trumps Regierung zusammenzustellen. „Viele Beobachter fühlen sich an Clan-Strukturen von Bananenrepubliken erinnert, bei denen nicht klar ist, wo die Politik endet und das Familiengeschäft beginnt“, spottete die FAZ über die Entwicklung in einer der ältesten Demokratien der Welt.

Adventmails 2016/01 (Familie)

Der unmittelbare Anstoß zur diesjährigen Adventmail-Serie erfolgte durch ein Familientreffen der „Eiblischen“.
Meine 1989 verstorbenen Großeltern Johann (Jgg. 1909) und Theresia Eibl (Jgg. 1911) wurden zwischen 1932 und 1944 neunmal Eltern – von Maria, Theresia, Helene, Alfred, Franziska (meiner Mutter), Hildegard, Hans, Ingrid und Edeltraud. Diese neun Kinder waren wiederum fruchtbar und mehrten sich – wenn auch zeitgeistbedingt nicht mehr so exzessiv. 21 Enkel bilden die nächste Generation; einige von ihnen – z.B. ich – sind inzwischen selber wieder Großeltern.
Interessant übrigens, dass sich die weibliche Überzahl in meiner Eltern/Tanten/Onkel-Generation wieder ausgeglichen hat: Meine CousInen und ich sind geschlechtsmäßig ausgewogen, bei unseren Kind(eskind)ern gibt es einen männlichen Überhang. Unterm Strich: halb Frauen, halb Männer.
Aber das nur nebenbei.
99 Personen wurden eingeladen, als es nach dem Muster der regelmäßigen Treffen der Geschwister Maria bis Edeltraud (die allesamt noch leben!) heuer im September ein generationenübergreifendes Meeting geben sollte. Und 99 waren auf dem überdimensionalen Stammbaum verzeichnet, den die Gastgeberin, meine Cousine Iris, an einer Wand angebracht hatte. Zwei Drittel davon, 65, folgten der Einladung, viele davon lernten sich überhaupt erst kennen bzw. sahen sich nach vielen Jahren wieder.
Was auch an der großen geografischen Breite der Eiblischen liegt. Sie sind verstreut im gesamten deutschsprachigen Raum – von Hamburg und Bonn im Norden über Aarau und Baden bei Zürich im Westen bis Graz im Süden und Floridsdorf im Osten. Ach ja, ein Großcousin von mir lebt mit Family seit kurzem in London, weshalb er seine ursprüngliche Zusage zum Familientreffen wieder zurücknehmen musste.
Diese Einbindung in eine so große Sippschaft (auch mein Vater, von dem ich getrennt aufwuchs, hat drei Geschwister und einige Nichten/Neffen, drei Kinder sowie sieben Enkel) spüre ich im Alltag wenig, mit meinen nicht gerade ums Eck wohnenden Eltern und Geschwistern telefoniere ich selten – obwohl ich sie alle sehr lieb hab. Aber zugleich fühle ich mich irgendwie familiär gut aufgehoben, wissend um Hilfsbereitschaft im Krisenfall, wohlig eingebunden in einen Strom des Lebens und seiner Weitergabe, der das Dasein (neben vielem anderen) bereichert.