Adventmails 2015/04 (Flucht)

“Great to read that #Zuckerberg wants to donate his shares. Just wonder how much of this was stolen from our societies via tax avoidance? ;)”, twitterte der von mir bewunderte Facebook-Robin-Hood Max Schrems als Reaktion auf die Ankündigung einer Megaspende: Die Jungeltern Mark Zuckerberg und Priscilla Chan hatten anlässlich der Geburt ihrer Tochter Max (die wohl nicht nach Schrems benannt ist) wissen lassen, dass sie im Lauf ihres Lebens 99 Prozent ihrer Facebook-Aktien wohltätigen Zwecken zukommen lassen wollen. „Like all parents, we want you to grow up in a world better than ours today“, schrieben sie an tiny Max.
Der Schremser Max hat natürlich recht: Zuckerberg ist ein Steuerflüchtling. Facebook verschiebt über zwei Tochtergesellschaften in Irland dreistellige Millionenbeträge in die karibische Steueroase Cayman Islands, wo Unternehmensgewinne nicht besteuert werden, wie mich Freundin Michaela hinwies. Stimmt schon. Dennoch bleibe ich bei meiner Ansicht, Österreichs Superreiche könnten sich in puncto Spendenbereitschaft ruhig etwas von den Amerikanern abschauen. „Angeführt von Microsoft-Gründer Bill Gates und Großinvestor Warren Buffett gibt es seit Jahren ein regelrechtes Philanthropie-Wettrennen unter amerikanischen Milliardären“, schrieb Spiegel.online.
„Der Konzern Facebook hat ein Preisschild an die Verbindungen zwischen Menschen gehängt, das ist der Grund für den Börsenwert von rund 300 Milliarden Dollar“, kritisierte Sascha Lobo ebenfalls auf Spiegel.online. Er fand Zuckerbergs Wohltätigkeit ambivalent (im Unterschied zu den Shit-Stürmern z.B. auf derstandard.at): Für seine 45-Milliarden-Dollar-Spende könne er „als echter, unbedingt bewundernswerter Philanthrop“ gelten, meinte Lobo. Aber zugleich auch als „erste Stütze und größter Nutznießer eines Systems, das unbedingt kritikwürdig ist.“
Und übrigens: Wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Wer jemals in seiner Steuererklärung auch nur ein bissi getrickst hat, würde dies (auf dringende Empfehlung seiner Finanzberater) erst recht tun, gehörte ihm ein mächtiges börsennotiertes Unternehmen.

Adventmail 2015/03 (Flucht)

31. Dezember 1969. Ein Mann hangelt sich an der Mauer hoch. Unten stehen seine Widersacher und werfen wütend mit Schneebällen nach ihm. Sie treffen auch, aber ihn stört das nicht weiter. Er ist ein großer, ein kräftiger Mann. Einer, der sein Leben lang seinen Körper gestählt hat, um unempfindlich gegen Schmerzen zu sein. Um stärker als andere zu sein. Um sich durchs Leben zu schlagen. Um über so eine hohe Mauer zu kommen.
Der Mann heißt Eckehard „Ekke“ Lehmann. Die mit den Schneebällen sind Gefängniswärter. Die Mauer trennt die Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel vom Rest der Welt. Und in diesen Rest schafft es Lehmann an diesem Silvestertag auf spektakuläre Weise.
Der Mann wurde zur Legende, von Boulevardzeitungen hofiert wie später Jack Unterweger in Österreich, ein Recke namens Ekke, über den eine Biografie betitelt mit „Ohne Kompromiss“ erscheint, den Mime Ben Becker im Knast besucht – und dessen Rekord im berühmten Guiness-Buch nachzulesen ist: Weitere zehnmal, so oft wie niemand sonst, entkam Lehmann nach der geschilderten Premiere als 22-Jähriger aus Gefängnissen, wo er wegen Vergewaltigung, gefährlicher Körperverletzung, Raub, Einbruch und Fahren ohne Führerschein einsaß. Dabei half dem stattlichen, 1,92 m großen 100-Kilo-Mann sein Charme, mit dem er Sozialarbeiterinnen und Polizistinnen bezirzte. Einmal schnappte sich Herr Lehmann einfach die Pistole, die ein Polizist bei der Vernehmung auf dem Tisch liegen ließ und marschierte ins Freie. Ein anderes Mal entkam er in einem Wäschesack auf der Ladefläche eines LKW. Legendär war eine Flucht in den 1970er-Jahren, bei der er schließlich im Strandbad Wannsee entdeckt wurde. 100 Polizisten umstellten die Anlage, doch Ekke entkam mit einem Segelboot.
Immer wieder geriet er mit dem Gesetz in Konflikt; einmal auf der schiefen Bahn heißt offenbar: schwer wieder ins Gleichgewicht kommen. Der letzte im Internet zu findende Eintrag über ihn stammt aus dem Juni 2013: Lehmann wollte sich nach mehr als 25 Jahren hinter Gittern eigentlich zur Ruhe setzen, hieß es im „Tagesspiegel“. „Ein Prozess um Körperverletzung mit Todesfolge aber endete am Freitag mit Schuldspruch. Drei Jahre und zehn Monate Haft ergingen gegen den 66-Jährigen.“

Adventmails 2015/02 (Flucht)

Wir saßen im Votivkino und reichten einander immer wieder die kleine Whisky-Flasche, um ein Schlückchen zu nehmen. Bis sie leer war.
Das passte zum Film, den meine Kinorunde und ich uns diesmal ausgesucht hatten. In „The Angel’s Share“ (GB, 2012) von Altmeister Ken Loach geht es um den jungen Robbie aus Glasgow, der wegen Prügeleien in Konflikt mit dem Gesetz kommt. Sein Sozialarbeiter, der gutmütige Harry, nimmt Robbie, dessen schwangere Freundin Leonie und drei weitere Loser-Typen, die zu gemeinnütziger Arbeit verdonnert wurden, mit zu einer schottischen Whisky-Destillerie. Bei einer Verkostung von Single Malts beweist Robbie erstaunliche Kennerqualitäten, außerdem erfahren Robbie und seine Gefährten, dass in einer Brennerei in den Highlands ein Fass mit einem der teuersten Whiskys der Welt versteigert werden soll. Mithilfe seiner schusseligen Komplizen gelingt es Robbie, dort vier Flaschen des edlen Gesöffs abzuzweigen, um sich damit eine sorgenfreie Zukunft zu ermöglichen. Eine Flasche, die Robbie am Ende aus Dankbarkeit Harry schenkt, hat er mit „Angels’ Share“ beschriftet.
Warum ich das erzähle? Erstens, weil der Loach-Film sehenswert ist (er erhielt bei den Festspielen von Cannes den Preis der Jury) und sicher irgendwann mal im TV läuft. Und zweitens, weil „Angel’s Share“ zu unserem Thema passt: Den „Anteil der Engel“ nennt man nämlich jenen Teil der Whiskymenge, die im Laufe der Lagerung aus einem Fass verdunstet. Alkohol „verflüchtigt“ sich, geht in gasförmigen Zustand über, wie nicht nur Chemiker wissen. Statt Menschen, die in den Alkohol flüchten, rückt Sozialkritiker Loach Alkohol ins Bild, der sich auf vielerlei Weise verflüchtigen kann – und dabei eine ganze Menge Komik freisetzt.

Adventmails 2015/01 (Flucht)

Als am 12. März 1938 deutsche Truppen in Österreich einmarschierten, hat ER sicher nicht gejubelt. Denn seine Bücher – auch sein 1937 erschienener Erfolgsroman „Jugend ohne Gott“ – standen bei den Nazis auf der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Ödon (eigentlich Edmund Josef) von Horváth, österreichisch-ungarischer Schriftsteller, verließ Österreich Richtung Budapest und Rijeka, bereiste einige andere Städte und kam Ende Mai nach Paris. Am 1. Juni traf er den ebenfalls ins Exil gegangenen Regisseur Robert Siodmak, der später in Hollywood Karriere mit Films Noirs machte, um mit ihm über die Verfilmung von „Jugend ohne Gott“ zu sprechen.
Doch noch am selben Abend wurde der erst 36-jährige Horváth während eines Gewittersturms auf den Champs-Élysées von einer umstürzenden Platane erschlagen. Die Beerdigung fand in Anwesenheit vieler Exilautoren am 7. Juni 1938 auf dem Pariser Friedhof Saint-Ouen statt. Wien widmete ihm später ein Ehrengrab auf dem Heiligenstädter Friedhof.
Dem deutschen Kulturredakteur Rainer Schmitz („Was geschah mit Schillers Schädel“, 2006) verdanken wir spannende Details über Horváths ungewöhnlichen Tod: In Amsterdam, kurz vor seinem Paris-Aufenthalt, prophezeite dem für Aberglauben empfänglichen Dichter eine Wahrsagerin Folgendes: „Sie stehen am Vorabend einer Reise, auf der Sie das größte Erlebnis Ihres Lebens haben werden.“ Frau Siodmak wollte Horváth angesichts des üblen Wetters ins Hotel chauffieren, doch dieser lehnte ab: Autofahren verweigerte er aus Angst ebenso wie das Betreten eines Fahrstuhls.
In Horváths Manteltasche will man eine Notiz mit seinem letzten Gedicht gefunden haben: „Und die Leute werden sagen/ In fernen blauen Tagen/ Wird es einmal recht/ Was falsch ist und was echt./ Was falsch ist, wird verkommen/ Obwohl es heut regiert./ Was echt ist, das soll kommen –/ Obwohl es heut krepiert.“

Adventmails 2015 (Ankündigung)

Liebe Adventmail-BezieherInnen, liebe FreundInnen,
die heilige Familie floh nach Ägypten, um sich dem aus Konkurrenzangst mordenden Herodes zu entziehen. Aber nicht wegen dieses wohl nicht historischen Berichtes aus dem Matthäusevangelium, sondern, weil es in aller Munde ist und auch mich seit Monaten beschäftigt, lautet das diesjährige Thema meiner Adventmails: Flucht. Ich halte den Umgang mit Heimatvertriebenen für so etwas wie den Lackmustest für die Humanität Europas und auch für die Zukunft der EU: Werden Solidarität und Menschenrechte die Oberhand behalten oder die vielbeschworenen Ängste und Sorgen, sprich Gruppeninteressen? Man wird sehen. Derzeit bin ich eher pessimistisch.
Aber nicht in erster Linie komprimierte Flüchtlingsdramen und –schicksale möchte ich mit meiner Adventserie von 1. bis 24. Dezember aussenden, sondern wie schon in den Jahren zuvor auch „Leichtes“, Unterhaltsames, Verblüffendes, zur Rubrik „Wissen, das die Welt nicht braucht“ Zählendes. Ich denke da an Adventmailkästchen zu Stichworten wie Eskapismus, Fliehkraft oder „Fluchtachterl“. Vieles ist hier noch im Entstehen, bin spät dran heuer. (Wer originäre/originelle Zugänge oder Ideen hat, bitte melden.)
Am Dienstag geht’s jedenfalls los. Bis dann!
Robert
PS: Auf Facebook ist immer noch die (geschlossene) Gruppe „Adventmails RME“ eingerichtet. Wer dort dazustoßen will, ist willkommen.