Adventmails 2015/02 (Flucht)

Wir saßen im Votivkino und reichten einander immer wieder die kleine Whisky-Flasche, um ein Schlückchen zu nehmen. Bis sie leer war.
Das passte zum Film, den meine Kinorunde und ich uns diesmal ausgesucht hatten. In „The Angel’s Share“ (GB, 2012) von Altmeister Ken Loach geht es um den jungen Robbie aus Glasgow, der wegen Prügeleien in Konflikt mit dem Gesetz kommt. Sein Sozialarbeiter, der gutmütige Harry, nimmt Robbie, dessen schwangere Freundin Leonie und drei weitere Loser-Typen, die zu gemeinnütziger Arbeit verdonnert wurden, mit zu einer schottischen Whisky-Destillerie. Bei einer Verkostung von Single Malts beweist Robbie erstaunliche Kennerqualitäten, außerdem erfahren Robbie und seine Gefährten, dass in einer Brennerei in den Highlands ein Fass mit einem der teuersten Whiskys der Welt versteigert werden soll. Mithilfe seiner schusseligen Komplizen gelingt es Robbie, dort vier Flaschen des edlen Gesöffs abzuzweigen, um sich damit eine sorgenfreie Zukunft zu ermöglichen. Eine Flasche, die Robbie am Ende aus Dankbarkeit Harry schenkt, hat er mit „Angels’ Share“ beschriftet.
Warum ich das erzähle? Erstens, weil der Loach-Film sehenswert ist (er erhielt bei den Festspielen von Cannes den Preis der Jury) und sicher irgendwann mal im TV läuft. Und zweitens, weil „Angel’s Share“ zu unserem Thema passt: Den „Anteil der Engel“ nennt man nämlich jenen Teil der Whiskymenge, die im Laufe der Lagerung aus einem Fass verdunstet. Alkohol „verflüchtigt“ sich, geht in gasförmigen Zustand über, wie nicht nur Chemiker wissen. Statt Menschen, die in den Alkohol flüchten, rückt Sozialkritiker Loach Alkohol ins Bild, der sich auf vielerlei Weise verflüchtigen kann – und dabei eine ganze Menge Komik freisetzt.

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