31. Dezember 1969. Ein Mann hangelt sich an der Mauer hoch. Unten stehen seine Widersacher und werfen wütend mit Schneebällen nach ihm. Sie treffen auch, aber ihn stört das nicht weiter. Er ist ein großer, ein kräftiger Mann. Einer, der sein Leben lang seinen Körper gestählt hat, um unempfindlich gegen Schmerzen zu sein. Um stärker als andere zu sein. Um sich durchs Leben zu schlagen. Um über so eine hohe Mauer zu kommen.
Der Mann heißt Eckehard „Ekke“ Lehmann. Die mit den Schneebällen sind Gefängniswärter. Die Mauer trennt die Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel vom Rest der Welt. Und in diesen Rest schafft es Lehmann an diesem Silvestertag auf spektakuläre Weise.
Der Mann wurde zur Legende, von Boulevardzeitungen hofiert wie später Jack Unterweger in Österreich, ein Recke namens Ekke, über den eine Biografie betitelt mit „Ohne Kompromiss“ erscheint, den Mime Ben Becker im Knast besucht – und dessen Rekord im berühmten Guiness-Buch nachzulesen ist: Weitere zehnmal, so oft wie niemand sonst, entkam Lehmann nach der geschilderten Premiere als 22-Jähriger aus Gefängnissen, wo er wegen Vergewaltigung, gefährlicher Körperverletzung, Raub, Einbruch und Fahren ohne Führerschein einsaß. Dabei half dem stattlichen, 1,92 m großen 100-Kilo-Mann sein Charme, mit dem er Sozialarbeiterinnen und Polizistinnen bezirzte. Einmal schnappte sich Herr Lehmann einfach die Pistole, die ein Polizist bei der Vernehmung auf dem Tisch liegen ließ und marschierte ins Freie. Ein anderes Mal entkam er in einem Wäschesack auf der Ladefläche eines LKW. Legendär war eine Flucht in den 1970er-Jahren, bei der er schließlich im Strandbad Wannsee entdeckt wurde. 100 Polizisten umstellten die Anlage, doch Ekke entkam mit einem Segelboot.
Immer wieder geriet er mit dem Gesetz in Konflikt; einmal auf der schiefen Bahn heißt offenbar: schwer wieder ins Gleichgewicht kommen. Der letzte im Internet zu findende Eintrag über ihn stammt aus dem Juni 2013: Lehmann wollte sich nach mehr als 25 Jahren hinter Gittern eigentlich zur Ruhe setzen, hieß es im „Tagesspiegel“. „Ein Prozess um Körperverletzung mit Todesfolge aber endete am Freitag mit Schuldspruch. Drei Jahre und zehn Monate Haft ergingen gegen den 66-Jährigen.“