Adventmail 2004/04 (Glücksmomente)

Der Hohe Riffler
Für mich als Tirolerin haben Berge naturgemäß eine besondere
Bedeutung. Der prägendste Berg war und ist für mich der Hohe Riffler.
Der höchste Berg der Verwallgruppe zwischen Stanzertal und Paznauntal
hat mich während meiner ganzen Kindheit und Jugend begleitet. Von
dem Schreibtisch in meinem Zimmer im Elternhaus sah ich direkt auf den
Riffler mit seinem weißen Gletscher.
Und auch in unserer jetzigen Wohnung haben wir ein Fenster extra so
geplant, dass wir gerade noch einen Blick auf den Riffler erhaschen.
Trotzdem hat es 33 Jahre gedauert, bis ich es geschafft habe, diesen
Berg zu besteigen.
Ein paar Jahre vorher hatten wir schon den halben Weg zurückgelegt und
mussten dann aber im dichten Schneetreiben umkehren. Ende August 2001
war es dann aber so weit: Mit einer Gruppe von Arbeitskolleginnen und
-kollegen wanderten wir zunächst auf die Edmund Graf Hütte. Nach einem
gemütlichen Hüttenabend stiegen wir am nächsten Tag bei wunderschönem Wetter auf den Gipfel. Das Panorama war überwältigend, die Sicht klar bis weit über Landeck
hinaus.
Jedes Mal, wenn ich jetzt zum Riffler hinaufschaue, freue ich mich
darüber, dass auch ich einmal dort oben war.
Isolde, 36 Jahre, Biologin

Adventmail 2004/03 (Glücksmomente)

So ist das bei uns…
Eines schönen Sommerabends sitze ich im ältesten Cafe der Welt, im Cafe Nofara – gleich neben der prächtigen Ommayaden-Moschee in der historischen Altstadt in Damaskus. Ich trinke vorzüglichen arabischen Kaffee mit – sicher frisch gemahlenem – Kardamom. Glück.
Hier gibt es auch noch jede Woche den alten Geschichtenerzähler.
Neben mir zwei junge Syrer. Ich komme mit ihnen ins Gespräch. Sie stellen sich vor: Einer ist Zahnarzt, der andere … vergessen. Dann sagen sie – stolz: „Wir haben aber nicht die gleiche Religion!“ Sie ahnen, dass mich das überrascht. Einer ist Moslem, der andere Christ. Sie sind schon lange Freunde, die Religion ist kein Hindernis dafür: „So ist das bei uns …“
Ich ändere meine „Voreinstellungen“, denke noch an all das, was sich einige hundert Kilometer von hier – im Irak – abspielt. Ich unterhalte mich gut mit ihnen, trinke den letzten Schluck Kaffee sehr nachdenklich und verabschiede mich.
Ich habe in Damaskus nicht nur Arabisch gelernt.
Rudi, so um die 50, Computer-Layouter

Adventmail 2004/02 (Glücksmomente)

„Nein, jetzt noch nicht.“
Ich liege in meinem Zimmer und lese, als mein 12-jähriger jüngster Sohn mit seiner Decke zu mir kommt und sich neben mich legt, um zu plaudern und zu kuscheln.
Plötzlich setzt er sich auf und sieht mich mit einem eigenartigen Ausdruck im Gesicht an. Auf meine Frage, warum er mich so ansieht, wird er verlegen.
Dann sagt er: „Du schaust schon so alt aus.“
Und plötzlich ist er ganz gerührt und birgt seinen Kopf in meiner Armbeuge. Ich sage zu ihm: “ Naja, mit 45 ist man auch nicht mehr jung. Machst du dir schon Sorgen?“
Darauf er: „Nein, jetzt noch nicht.“
Anschließend haben wir darüber gesprochen, was nach dem Sterben wohl kommt.
Gaby, 45, Psychotherapeutin

Adventmail 2004/01 (Glücksmomente)

Liebe FreundInnen,
das ist das erste in einer Reihe von 24 Mails für meinen dritten elektronischen Adventkalender. Bisher haben 18 Leute auf meine Bitte reagiert, als Beitrag dafür Glücksmomente schriftlich festzuhalten. Und manche haben noch Bereitschaft signalisiert, sich der Mühe des Formulierens zu unterziehen. Vielleicht fühlen sie sich ja motiviert durch die täglichen Zusendungen, dafür zu sorgen, dass die Serie nicht vor dem Heiligen Abend abreißt und ich improvisieren muss… Für die nächsten zweieinhalb Wochen hab ich jedenfalls viel schönen Lesestoff. DANKE allen dafür.
Und hier das erste Adventmail (übrigens das erste von allen, das ich bekommen hab), alle weiteren unkommentiert:

Es gibt Glücksmomente in meinem Leben, die lassen sich zu jeder Tageszeit und bei jedem Wetter wiederholen, und das geht so:
Ich komme vom Michaelerplatz, durchquere den Inneren Burghof und trete auf den Heldenplatz hinaus. Nach einigen Schritten bleibe ich stehen und schaue mich um, und Begeisterung erfüllt mich angesichts der Fülle an Schönheit. Ich sehe – im Sonnenglanz oder von Regenwolken verhangen – die Hofburg, die beiden Museen, das Parlament, das Rathaus, das Burgtheater, die Minoritenkirche, dazu noch die Reiterstandbilder, blühende oder auch schneebedeckte Sträucher, alte Bäume, Rasenflächen, Menschen.
Andere Leute mögen darüber lächeln, aber bei mir stellt sich da jedes Mal wieder dieses Glücksgefühl ein: Hier, wo ich zur Welt gekommen bin, hier darf ich leben, hier in Wien!

Christa, 72, Pensionistin (Übersetzerin)

Adventmails 2004 (Ankündigung)

LiebeR FreundIn!

„Und – hast du für heuer schon eine Idee?“
Fragen wie diese zeigen mir, dass meine in den letzten beiden Jahren per Mail verbreiteten „virtuellen Adventkalender“ nicht nur für mich zu einer lieb gewonnenen Tradition geworden sind. Du erinnerst dich: Im Dezember 2002 versandte ich jeden Tag einen bemerkenswerten Bucheinstieg; im Vorjahr ging es mir um gute „letzte Sätze“ – also darum, mit welchen Worten AutorInnen ihre Bücher beenden. Mir hat es Spaß gemacht, allmorgendlich einen Adventgruß an mir liebe Menschen zu richten, und fast alle AdressatInnen haben es genossen, jeden Tag was Lustiges/Nachdenkliches/Originelles in ihrer Mailbox vorzufinden.

Das soll auch heuer wieder so sein.
Doch ich brauch diesmal deine Hilfe.
Ich stelle mir vor, „geglückte Momente“ zu sammeln. Und zwar „leichte“, nicht schicksalsschwere, von tiefsten Gefühlen triefende Begebenheiten – nein, „sparkling short stories“ sollen es sein. Augenblicke, die das Leben lebenswert machen. Kleine, nachvollziehbare Erfahrungen und Eindrücke, die auf das Besondere statt auf das Allgemeine abzielen, die konkret und anschaulich zu schildern sind.

Und genau darum bitte ich dich: Dir einen solchen geglückten Moment zu vergegenwärtigen, auf einer Länge von 5 bis 15 Zeilen niederzuschreiben und bis zum ersten Adventsonntag, dem 28. November, an mich zu mailen.

Am Ende des Kurztextes sollte dein Name stehen, dein Alter und dein Beruf – damit man/frau sich vorstellen kann, WER da was erlebt hat. Es macht ja einen Unterschied, wann und wie ein 8-jähriger Schüler glücklich ist, und wie das bei einer 72-jährigen Pensionistin aussieht. Ich reihe die Texte dann und schicke 24 Mails mit einem (oder auch zwei, denn aussortiert wird niemand) Glücksmoment/en an genau jene Leute, die diesen meinen Brief erhalten. Die meisten werden einander fremd sein, manche werden sich (er)kennen. Wie auch immer, es wird mit einem Lächeln zu lesen sein. Denke ich.

Es mag mit Mühe und Nachdenkarbeit verbunden sein, schwer in Worte zu Fassendes dennoch zu versprachlichen. Bitte nimm diese Anstrengung auf dich. Der Lohn wird eine Perlenkette voller aufbauender Erfahrungen sein, die gerade in der lichtarmen Zeit des Jahres gut tut…
Eine schöne Zeit bis zum Adventbeginn wünscht dir
Robert

PS: Wer seinen Namen lieber nicht preisgeben möchte, weil das bei einem Glücksmoment wie der gelungenen Flucht nach einem Banküberfall oder einem sexuellen Höhenflug peinlich wäre, kann ein Pseudonym wählen; ich schweige über die wahre Identität wie ein Grab. Versprochen.