wenn e lawine vo zärtlechkeit für is z’begrabe über is abe geit stirben i gärn e chly wett i nid grettet sy
Dieses Gedicht des reformierten Pfarrers Kurt Marti (1921-2017) in Berner Mundart ist eines von wenigen, die ich seit Jahrzehnten auswendig kann. Mehrmals musste ich es Claudia, meiner Liebsten, in unseren gemeinsamen Jahren aufsagen. Und erst heuer im Sommer rezitierte ich es vor Schweizer Wanderern – zu deren Verwunderung – auf einem Schneefeld im georgischen Kaukasus, den Gletscher des majestätischen Uschba (4737m) vor Augen. Von einer Zärtlichkeitslawine mitgerissen werden – was für ein schönes Bild für Hingabe!
Wenn es Gott gibt macht mich seine liebe frei und lebendig
wenn es Gott nicht gibt macht mich die illusion seiner liebe frei und lebendig
wie auch immer es ist wohl schon gnade dass es Gott geben könnte
Blaise Pascal, berühmte naturwissenschaftliche, literarische und philosophische Größe des französischen Barock, formulierte ein Argument für den Glauben an Gott, das mich nachhaltig beeindruckt und das mir Skeptiker sehr entspricht: Pascal schrieb, es sei stets eine bessere „Wette“, an Gott zu glauben, weil der zu erwartende Gewinn dieser Überzeugung stets größer sei als der Verlust im Fall des Unglaubens. Ich selbst glaube an einen befreienden, herausfordernden Gott, der/die mich an meine besten Möglichkeiten erinnert und liebevoll mit meinem Dahinter-Zurückbleiben umgeht. Somit gilt auch:
Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.
Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.
Doch willst du uns noch einmal Freude schenken an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, dann wolln wir des Vergangenen gedenken, und dann gehört dir unser Leben ganz.
Laß warm und hell die Kerzen heute flammen, die du in unsre Dunkelheit gebracht, führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so laß uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag.
Heuer las ich eine Biografie über einen anderen evangelischen Theologen und NS-Widerstandskämpfer – Dietrich Bonhoeffer (1906–1945). Das obige Gedicht entstand in Gestapo-Haft. Bonhoeffer schrieb am 19. Dezember 1944 an seine Verlobte Maria und fügte dem Brief die kurz davor entstandenen Strophen als „Weihnachtsgruß für Dich und die Eltern und Geschwister“ an. Das Gedicht bezog sich auch auf seine eigene Situation – er musste mit seiner baldigen Hinrichtung rechnen. Ungeachtet dessen versicherte Bonhoeffer seiner Verlobten: „Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt… Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat.“ Bonhoeffers Gedicht wurde mehrfach vertont – am gelungensten von Siegfried Fietz –, es findet sich in etlichen kirchlichen Liederbüchern und die letzte Strophe auf vielen Partezetteln. Dietrich Bonhoeffer wurde am Morgen des 9. April 1945 gehängt. Der damalige SS-Lagerarzt berichtete darüber 1955, er habe in seiner fast 50-jährigen medizinischen Tätigkeit „kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen“.
Als die Nazis die Kommunisten holten (Martin Niemöller)
“Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Gewerkschafter. (Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Jude.) Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestierte.”
Martin Niemöller (1892-1984) war deutscher evangelischer Theologe und Widerständler der „Bekennenden Kirche“, den die Nazis in verschiedene KZ steckten. Ich schätze dieses sein Plädoyer für Zivilcourage und Unbeugsamkeit, das er selbst nach dem Krieg öfters zitierte. In der ursprünglichen Version kommt die Strophe mit den Juden noch nicht vor. Niemöller hat sie später selbst hinzugefügt – vielleicht, weil er sich für seinen eigenen Antisemitismus schämte. Hatte er doch 1935 in einer Predigt von den Juden als „hochbegabtem“, wenn auch betrügerischem Volk gesprochen, „das Ideen über Ideen hervorbringt, um die Welt damit zu beglücken; aber was es auch beginnt, verwandelt sich in Gift“. Niemöller hat dazugelernt, er wurde einer der konsequentesten Pazifisten der deutschen Wiederaufbauzeit – auch wenn er mit dem Staat Israel nichts anfangen konnte und wollte.
himmelverschlüsselter duft an den ufern meines ganges lässt nasenflügel schlagen krokusbunt ist das muster des sauerstoffs tannenzweigstellen minutenlanger ewigkeit wind und spatzen liebespaaren sich darauf aussichtsvoll und wie der zerlassene schnee befreit von schmutziger vergangenheit bin ich winterpelz und regenhaut sind ausgezogen die sonnenfinger berühren mich nackt
Es war am Grazer Schlossberg an einem der ersten sonnigen Frühlingstage. Ich hatte ein Notizbuch mit und schrieb diese Zeilen – ungewöhnlich für mich sonst zuhause im Bett Sinnierenden und Formulierenden – gleich dort hinein. Später feilte ich wohl noch daran, ich weiß es nicht mehr. Es ist so eine Art komprimierter Osterspaziergang aus Goethes Faust 1: Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein.
Es kommen härtere Tage. Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont. Bald mußt du den Schuh schnüren und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe. Denn die Eingeweide der Fische sind kalt geworden im Wind. Ärmlich brennt das Licht der Lupinen. Dein Blick spurt im Nebel: die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.
Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand, er steigt um ihr wehendes Haar, er fällt ihr ins Wort, er befiehlt ihr zu schweigen, er findet sie sterblich und willig dem Abschied nach jeder Umarmung.
Sieh dich nicht um. Schnür deinen Schuh. Jag die Hunde zurück. Wirf die Fische ins Meer. Lösch die Lupinen! Es kommen härtere Tage.
Als ich als Rucksacktourist in Europa unterwegs war, hatte ich mehrmals Bachmann- Gedichte im Gepäck. Zu ihnen habe ich ein ganz besonderes Verhältnis: Viele von Bachmanns Sprachbildern bleiben mir fremd – und hallen dennoch in mir nach, waren immer wieder Inspirationen und Anstöße für eigene Lyrik. Bei Zeilen dieser an der Liebe, am Leben verbrannten Poetin wie “die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe” oder “Lösch die Lupinen!” spüre ich heute noch Beklemmung. Als Germanistikstudent faszinierten mich erst Bachmanns wunderbare Erzählungen, die der Grazer Theologieprofessor Karl Woschitz immer wieder in seine Neues-Testament-Vorlesungen einflocht; ihre Gedichte entdeckte ich erst danach, hörte auf Schallplatte ihre monotone Mädchenstimme rezitierend in einem Seminar. Beides – Gedichte und Erzählungen – absolut lesenswert. Zur „gestundeten Zeit“ schrieb ich übrigens einmal eine Art Gegengedicht. „Es kommen wärmere Tage“, hieß es dort, in optmistischere Sprachbilder gekleidet. „Steig in den Fluss und schwimme, / das andere Ufer vor Augen“,und: „Dein Blick folgt der Strömung:/ Die auf ewig verheißene Zeit / Wird sichtbar am Horizont.“ Aber die Bachmann hat schon recht, die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar: „Es kommen härtere Tage.“
feucht und heiß ist die liebe wenn du sie lässt und es zischt wenn du sie berührst halt aus bis die liebe faucht und beißt bis sie keucht und reißt die frucht vom baum der lust im Paradies
Im Adventmail 6 Erotik made by RME. Beim Durchlesen meiner alten Texte habe ich den Eindruck, zwei Tabus sind überproportional vertreten: Sex und Religion. In diesem Fall geht es um beides. Wobei: Ich vermute, ich wäre durch die Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse weniger verführbar gewesen als durch jene vom Baum der Lust. Aber von dem ist in der Genesis ja gar keine Rede. Nur davon, dass sich Adam und Eva nach dem Sündenfall ihrer Nacktheit bewusst wurden.
Mein Geschlecht zittert wie ein Vögelchen unter dem Griff deines Blicks. Deine Hände eine zärtliche Brise auf meinem Leib. Alle meine Wachen fliehn. Du öffnest die letzte Tür. Ich bin so erschrocken vor Glück daß aller Schlaf dünn wird wie ein zerschlissenes Tuch.
Hilde Domin wurde 1909 in Köln als Löwenstein geboren und hieß als Verheiratete ab 1936 Palm. Nach der Flucht des Paares vor den Nazis über England und Kanada in die Dominikanische Republik entfremdete sie sich von ihrem Mann und begann unter dem Pseudonym „Domin“ erst spät zu schreiben. Wie „eine Sterbende, die gegen das Sterben anschrieb“ veröffentlichte Hilde 1959 als vom 22-jährigen Exil geprägte Deutschlandrückkehrerin ihren ersten Gedichtband “Nur eine Rose als Stütze“. Etliche weitere folgten bis zu ihrem letzten, den sie als 91-jährige verfasste. „Ein Schriftsteller braucht drei Arten von Mut“, schrieb sie einmal: „Den, er selber zu sein. Den Mut, nichts umzulügen, die Dinge beim Namen zu nennen. Und drittens den, an die Anrufbarkeit der anderen zu glauben.“ Wer Sinnlichkeit und Erotik auf so berührende Weise in Worte zu fassen versteht wie die unglücklich verheiratete Hilde im obigen Gedicht, hat diesen dreifachen Mut zweifellos. Auf ihrem Grabstein steht ein von ihr selbst gewählter Spruch: „Wir setzten den Fuß in die Luft / und sie trug“.
“…Alle meine Wachen fliehn. Du öffnest die letzte Tür…”
(gegen äußere und innere Verletzungen) Ins geröll springen Oder es meiden
Reiner Kunze (*1933) ist ein Bergarbeitersohn aus dem Erzgebirge und war dichtender DDR-Dissident. Ich erlebte ihn während meiner Studienzeit in Graz bei einer Lesung in der Kath. Hochschulgemeinde – damals ein mich prägender Hort katholischer Intellektualität und Kunstbeflissenheit. Kunze ist ein Meister des lyrischen Pinselstrichs. Seinen oft nur wenigen Worten kann man lange nach-denken. Im obigen Gedicht geht es für mich um eine Lebenshaltung: Weiche ich Hindernissen und Herausforderungen lieber aus, oder lasse ich mich auf Risiken ein? Und letzteres nicht behutsam, abwägend, standsicher, sondern mit Leichtigkeit und Lebenslust: “ins geröll springen”! Na dann…
tausendtägige jahre der fremdbestimmung sind vorbei und unvergessen. ein- gestandener hass auf die beschuldigenden blicke be- dürftiger erzüchter, doch in die leiden- schaft des losgeketteten widerstands mischt sich angst vor herankriechender versohnung.
Peter Turrini, der exakt 15 Jahre älter ist als ich, schrieb viele Dramen. Aber auch ein paar Gedichtbände mit meist biographischen Bezügen. Einen davon las ich vor 25? Jahren und schrieb danach selbst einige Aufarbeitungsgedichte voll von Erlittenem und der Angst vor Wiederholungszwängen. Meine Söhne Gregor, Moritz und Fabian mögen befinden, wie viel an einschränkendem Ererbtem ich IHNEN aufgebürdet habe.