Die Koffer waren gepackt, die Vorfreude groß. 20 Tage Costa Rica sollten unsere Pensionsantrittsreise werden. Zwei Wochen mit einer Weltweitwandern-Gruppe unterwegs, danach noch einige Tage Entspannung im Karibikbadeort Cahuita mit Nationalparkbonus, so der Plan. Flug am Samstag, 8. März (Weltfrauentag und unser 7. behördlicher Hochzeitstag), via Paris nach San José.
Am Vorabend noch essen im Donauzentrum, kein Geschirr mehr beschmutzen. Beim Zurückradeln in der Attemsgasse dann die Katastrophe: Claudia gerät mit dem Vorderreifen in die Straßenbahnschienen, stürzt, zertrümmert sich die Schulter, prellt sich die Hüfte, Schrammen im Gesicht, Brille kaputt. Ich höre hinter mir ihren Schreckensschrei, den Aufprall, ich hüpfe sofort vom Rad, sie liegt mitten auf der Straße. Claudia wegzuzerren scheitert an ihren Schmerzen, aber sofort sind helfende Hände da, stoppen die nachkommenden Autos, jemand legt eine zusammengefaltete Jacke unter Claudias Kopf. Es bildet sich ein Stau, auch eine Straßenbahn auf dem Weg in die Remise muss stehenbleiben. Ich mache mir Sorgen, dass die alarmierte Rettung überhaupt zufahren kann – eventuell gegen die Einbahn?
Die Sanitäter kommen nach ca. zehn Minuten mit einem fahrbaren Bett, hieven die schmerzgeplagte Claudia darauf. Ich fahre mit ins Donauspital, nachdem ich die Räder abgesperrt habe. Dort Wartezeit. Erstdiagnose, Röntgen (unter Schmerzensschreien), dann ist der Knochenbruch offiziell, der Urlaub passé. Claudia bekommt einen Schulter-stabilisierenden Gurt (den sie seit 6 Tagen ununterbrochen trägt). Heimfahrt mit dem Taxi in die abreisebereite Wohnung mit den bereitgestellten Koffern. Tränen der Enttäuschung, des Entsetzens über so viel Pech.

In den nächsten Tagen Nachuntersuchung im Spital, Computertomografie, Suche nach Schulterspezialisten. Glück im Unglück: Claudia ist – als ehemalige Allianz-Mitarbeiterin – gut versichert, hat ein Anrecht auf Privatbehandlung und OP in der Privatklinik. Und die Stornoversicherung wird die Kosten für den entgangenen Urlaub übernehmen.
Die Frustration darüber tritt gegenüber der Sorge um die Gesundheit in den Hintergrund, als klar wird, wie schwerwiegend die Verletzung ist und es unsicher ist, ob das Schultergelenk je wieder so wird, wie es war. Ich werde zum Pfleger, Chauffeur, Koch, Haushälter, Begleiter bei medizinischen Besprechungen. Claudia braucht Unterstützung bei Alltäglichstem, beim Aufrichten, bei der Hygiene, beim Herausdrücken der Schmerztabletten. Morgen Nachmittag wird sie unter Vollnarkose 1 bis 2 Stunden operiert, bekommt eine Titanplatte und Schrauben ins Gelenk, bleibt dann bis Samstag oder Sonntag in der Klinik.
Ich habe das Gefühl, dass nach Pensionsantritt mit Jahreswechsel schon wieder eine neue Lebensphase beginnt: versorgen, mich kümmern, weniger statt mehr Freiheiten. Diese Rolle kannte ich bisher so nicht, da brauche ich noch Übung. Aber ich mache Claudia keine Vorwürfe; der Unfall und ihr jetziges Angewiesensein entzweien uns nicht, sie schweißen zusammen. Hilfreich trotz aller Probleme: der Humor („Wie gut, dass wir erst kürzlich unsere Testamente gemacht haben“) und die vielen Anrufe Anteil nehmender Verwandter und Freund:innen.
Costa Rica muss warten. Aber wir kommen. Irgendwann.
