Über Robert Mitscha-Eibl

Katholischer, weltoffener Publizist im aktiven Ruhestand; gebürtiger Steirer, durch Theologie- und Germanistikstudium ausgebildeter Lehrer, später Redakteur bei Kathpress, verheiratet mit Claudia, dreifacher Vater, fünffacher Großvater

Adventmail 2025/21 (Anfang/Ende)

Das Damengambit ist nicht nur eine der erfolgreichsten Netflix-Serien der letzten Jahre (empfehlenswert!), sondern auch eine häufig gespielte Schacheröffnung. Sie folgt der Idee, den weißen c-Bauern gegen den etwas stärkeren schwarzen Damen-Bauern zu tauschen und sich z.B. mit dem aufrückenden Königsbauern (e2–e4) eine Bauernmajorität im Zentrum zu verschaffen.
Wer von euch nicht Schach spielt, wird mit den folgenden „goldenen Regeln“ der Spieleröffnungen nicht viel anfangen können:

– Besetze falls möglich das Zentrum (die vier Felder in der Mitte des Schachbretts d4, d5, e4, e5) mit eigenen Bauern. Oder mache einen Zug, der auf das Zentrum einwirkt, z. B. 1. c4.
– Entwickle in der Regel erst die Leichtfiguren, und zwar erst Springer, dann Läufer.
– Sorge möglichst früh für eine sichere Positionierung des Königs durch die Rochade.
– Ziehe jede Figur in der Eröffnung möglichst nur einmal.
– Entwickle die Figuren so, dass sie ihre maximale Wirksamkeit erzielen (also beispielsweise Sb1–c3 und nicht Sb1–a3).
– Bringe die Dame und die Türme nach der Entwicklung der Leichtfiguren und der Rochade ins Spiel.
– Überlege Dir Bauernzüge besonders gut, weil Du sie nicht rückgängig machen kannst.

Ich lernte Schach als kleiner Volksschüler von einem entfernten Bekannten. Am meisten spielte ich in der Schulzeit – Turniere mit Schulkollegen des BG Kapfenberg in Freistunden und Pausen. Danach kaum mehr, obwohl ich Schach für eines der besten Spiele halte, das man zu zweit spielen kann. Meine Liebste meint jedoch, sie verliert schon oft genug bei „Kartograph“, „My City“ oder „Patchwork“ gegen mich … seufz

Adventmail 2025/20 (Anfang/Ende)

Ich hab gezögert, etwas so was Persönliches hier zu schreiben. Aber der Tod meines Stiefvaters war einer der biografischen Anknüpfungspunkte für die diesjährige Themenwahl Anfang/Ende und mein Umgang damit könnte auch für „Fernstehende“ interessant sein.

Sepp ist tot. Als ich diese WhatsApp-Nachricht bekam, war ich radelnd in Dänemark unterwegs, am Beginn einer zweieinhalbwöchigen Tour durch Skandinavien und Norddeutschland (https://www.robertmitschaeibl.eu/?p=2177). Kurz vor Reiseantritt war schon klar, dass der 78-Jährige unheilbar an Krebs erkrankt ist, dass er – nur 3 Wochen nach der Diagnose –im KH Leoben in die Palliativstation verlegt wird. Dass der Tod so schnell eintritt, machte mich fassungslos. Und löste einen Schwall an Erinnerungen aus. Viele davon unerfreulich, denn mein Verhältnis zu Sepp war seit jeher getrübt.

Die Übersiedlung 1969 nach der Hochzeit mit dem zehn Jahre jüngeren Elektriker aus Kapfenberg in dessen dortiges Elternhaus bezeichnete meine davor alleinerziehend in Bruck lebende Mutter als größten Fehler ihres Lebens. Bald kam mein Bruder auf die Welt, die Spannungen zwischen meiner Mutter und ihren Schwiegereltern verstärkten sich, Sepp stand dazwischen. Mich nahm er in Kauf, beachtete mich wenig, wollte nie mein Vater sein, zumal er nun ja einen „richtigen Sohn“ hatte und 8 Jahre später auch eine Tochter. Die Ehe war – auch nach dem Wechsel in eine Mietwohnung – über viele Jahre unglücklich, wird erst heute von meiner jetzt verwitweten Mutter verklärt. Auch ich hatte eine familiär unglückliche Jugend, bekam von Sepp zu hören, dass er mich am liebsten los wäre. Ich war ein schlechter Schüler, las viel und weitete meinen Horizont erst so richtig mit Beginn des Studiums in Graz.

Als Familienvater kam ich regelmäßig aus Wien auf Besuch ins von Sepp fast im Alleingang neu gebaute Familienhaus nach Kapfenberg. Unser Verhältnis war über Jahre eine Art Stillhalteabkommen. Besuche mied ich erst, als ich bei einem Erbgespräch erneut explizit zu hören bekam, dass mich Sepp nicht als Teil seiner Familie betrachtet.

Die Trauer meiner Mutter und meiner Geschwister über seinen Tod berührt auch mich. Und ich sehe Sepp differenziert – neben seiner Grobheit auch seine Fähigkeiten als Handwerker und Baumeister oder seine Fürsorge für meine zur Greisin gewordenen Mutter in den vergangenen Jahren.

Beim Begräbnis Mitte September mochte ich in die schönfärberischen Nachrufe zwar nicht einstimmen, wollte aber auch keine „Abrechnung“ am offenen Grab. Ich wies darauf hin, es sei mir wichtig, dass Altlasten nicht zu Klötzen an den Beinen werden, die jede Entwicklung hemmen und de facto unfrei machen. Engherzigkeit und Verbitterung drohen einem, der nicht loslassen kann. Dass ich das konnte, war ein langer Prozess, bedurfte einiger Psychotherapie und wurde erleichtert durch meinen Glauben an einen Gott, der mit Unzulänglichkeiten barmherzig umgeht.

Und noch was sagte ich Sepp, bevor ich ein Blütenblatt ins Erdloch zu seiner Urne warf: Danke für die besten Geschwister, die ich mir wünschen kann…

„Entrüstungswettlauf rund um das Künstlerhaus“

Die Aufregung kam reichlich spät, umso heftiger wird sie nun im Advent von Entrüstungswettläufern geschürt: Die Rede ist von der Ausstellung „Du sollst dir ein Bild machen“, mit der das Wiener Künstlerhaus noch bis 8. Feber 2026 eine Brücke zwischen der christlichen Bildtradition und zeitgenössischer Kunst schlägt. Mehr als einen Monat nach der Eröffnung der Schau und nach wohlwollenden Einschätzungen von kirchlichen Kunstkennern wie „Kulturbischof“ Glettler, Dompfarrer Faber, Jesuit Schörghofer und „Kultum“-Graz-Leiter Rauchenberger brach ein Empörungssturm los.

Die „Österreichische Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“, eine Gruppe katholischer Traditionalisten, sammelt – mit mäßigem Zuspruch – Unterschriften für die sofortige Schließung der Schau; FP-Politiker von Kickl abwärts und der rechte ÖVP-Flügel surfen auf der Empörungswelle mit. Der Tenor: Das Künstlerhaus vertrete eine Agenda von Wokeness und Sexualisierung, agiere antichristlich in einer Weise, wie sie gegenüber dem Islam undenkbar wäre, und dürfe nicht mit Steuergeld gefördert werden.

Was sind die Steine des Anstoßes, mit denen Kritiker die Ausstellungsgestalter und mit ihnen die Wiener Kulturpolitik bewerfen? Inkriminiert werden vor allem ein Pietà-Bild mit Maria als Transfrau mit angedeutetem Penis, eine Priesterfigur als betender Wolf im Schafspelz, ein mit Latexnoppen überzogenes Kruzifix sowie der schon 1990 skandalisierte „gekreuzigte Frosch“ von Martin Kippenberger, den einst auch der über jeden Progressismusverdacht erhabene Bischof Egon Kapellari gegen Blasphemievorwürfe verteidigte.

Das zweite der zehn Gebote besagt, man solle sich kein Bild von Gott machen. Mit ihrem titelgebenden Verstoß dagegen provoziert das Künstlerhaus natürlich – wie dies auch viele kirchlich beauftragte Großwerke der Kunstgeschichte tun. Manche Exponate mögen befremden, verstören. Aber man kann darauf auch anders reagieren als mit Schaum vor dem Mund, nämlich: sich herausrufen (pro-vocare) lassen aus einer allzu vertrauten Ikonographie, einem bequemen Glauben, einem musealen Gott. Wie sagte Bischof Glettler nach der Eröffnung so schön: „Die Ausstellung ist ein Beleg für das unendliche Ringen, dem Geheimnis Gottes, der sich in eine verwundete Welt eingeschrieben hat, irgendwie gerecht zu werden.“ Und die Linzer Kirchenzeitung empfahl: „Du sollst dir selbst ein Bild machen.“ (leicht verändert erschienen in DIE FURCHE 51/52, 18.12.2025)

Adventmail 2025/19 (Anfang/Ende)

Es gibt jede Menge Weltuntergangscartoons. Wie ein (schlechter) Witz wirken auch Berichte über immer wieder vorausgesagte Weltuntergänge, zu denen es dann – Überraschung! – doch nicht kam.

Der baptistische Prediger William Miller war einer von vielen Bibelforschern, der aus Zeitangaben der Heiligen Schrift die baldige Wiederkunft Christi und den damit verbundenen Weltuntergang berechnen zu glauben meinte. Zwischen dem 21. März 1843 und dem 21. März 1844, später präzisiert auf 22. Oktober 1844, sollte es so weit sein. In banger Erwartung kündigten viele Gläubige ihre Arbeit, lösten Farmen auf, verkauften Häuser und Habseligkeiten, beglichen Schulden oder verschenkten Besitz, um sich „bereit“ zu machen. Als an diesem Tag nichts geschah, erlebten die „Milleriten“-Gemeinden einen Schock: Tränen, Spott von außen, Glaubenskrisen und Abwanderungen. Dumm gelaufen.

Langfristig spaltete sich die Bewegung. Ein Teil gab die Berechnungen auf, andere deuteten das Datum um (nicht sichtbares himmlisches Ereignis). Aus dieser Neuorientierung entstand später u. a. die Siebenten-Tags-Adventisten-Tradition.

Armageddon-Spezialisten sind auch die ab den 1860er-Jahren aus Bibelforschern rund um Charles Taze Russell (1852-1916) hervorgegangenen Zeugen Jehovas. Im Jahr 1874 sagte die Gruppe zum ersten Mal einen Weltuntergang voraus. Dieses Datum sollte nur eine von zahlreichen anderen Gelegenheiten sein, zu der Gott – nach Meinung der Zeugen endlich – die Erde richten und die Ungläubigen vernichten sollte. Spätere Apokalypsen wurden für 1878, 1881, 1910, 1914, 1918, 1925, 1975, 1984 und 1994 vorausgesagt – jeweils endzeitliche Ereignisse, von denen die Zeugen glaubten, sie wären in der Bibel prophezeit worden und stünden „über jedem Zweifel“ oder seien „von Gott bestätigt“. Russell starb im Jahr 1916, hinterließ jedoch weitere apokalyptische Vorausberechnungen für die Jahre 1918, 1925 und 1975.

Das Ausbleiben dieser Ereignisse führte jedes Mal zu Glaubwürdigkeitskrisen, in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre etwa gingen Missionstätigkeit und Wachstum der Zeugen Jehovas statistisch signifikant zurück.

Schon Martin Luther machte seinerzeit gleich drei Jahre als mögliche Termine für den Weltuntergang publik: 1532, 1538 und 1541. Danach ließ er bis zu seinem Tod im Jahr 1546 zu keiner weiteren Prognose hinreißen.

Ich stehe hier und kann nicht anders, als den Kopf zu schütteln über die immer wiederkehrende Tendenz, Religion als eine Art esoterisches Geheimwissen für Auserwählte zu missbrauchen.

Johanna Grillmayer, „Ein guter Mann“ (Müry Salzmann 2025) ****

Bei einem Buch, in dem mein Name steht (ganz am Ende, unter den Danksagungen an Unterstützende) kann ich nicht objektiv bleiben. Aber egal. Es ist der dritte Band der Trilogie („That’s life in Distopia„, „Ein sicherer Ort„) meiner Freundin und Journalistenkollegin Johanna rund um eine nicht näher beschriebene Katastrophe, die die Menschheit bis auf einen überschaubaren Rest Überlebender auslöschte. Und ich gestehe, Fortsetzungen oder gar Cliffhanger, bei denen ich ein, zwei Jahre aufs Weitererzählen warten muss, mag ich an sich nicht sonderlich. Erinnert mich zu sehr an „Der Herr der Ringe“ oder jetzt wieder die „Avatar“-Reihe.

Ich brauchte jedenfalls einige Dutzend Seiten, bis ich wieder hineinfand – in das Dorf im Burgenland, in dem sich Jola(nthe?), ihre (mindestens) zwei Männer Jakob und Marek, die Dorfchefin Em(ma) und all die anderen eine neue Heimat geschaffen haben. Es ist inzwischen 20 Jahre NdE (nach dem Ereignis), die uns gewohnten Errungenschaften der Zivilisation geben allmählich ihren Geist auf: Geräte, Kleidung, Papier, Straßen. Nicht nur die Beschaffung von Ersatz bzw. Alternativen ist kompliziert, auch das Beziehungsgefüge in dem kleinen Gemeinwesen, in dem herkömmliche Kleinfamilienmodelle nicht mehr taugen und auch noch Bedrohungen von außen (durch „Lederjackenbanden“) zu bewältigen sind.

Johanna mutmaßte, dass ich deswegen schwer ins Buch fand, weil mir eine anfangs geschilderte Abtreibung gegen den Strich gehen könnte. Nein. Erstens verliert für mich ein Text nicht dadurch an Attraktivität, weil darin geschilderte Geschehnisse meinen Ethikvorstellungen widersprechen, zweitens halte ich Abtreibung für eine legitime Option von Frauen in einer Zwangssituation – wobei der Staat ernsthaft für stützende Rahmenbedingungen zu sorgen hätte.

Die zweite Generation, die VdE nur vom Hörensagen kennt, bekommt in Johannas drittem Band viel mehr Bedeutung; Jolas Kinder Judith und Noah, mit Abstrichen Aron, gewinnen dabei Kontur, die anderen Figuren bleiben blass. Und mehr Augenmerk hätte ich mir auch für die thrillerhafte Abwehr der Bandengewalt gewünscht, die spannungsmindernd allzu knapp – geradezu „explosionsartig“ – geschildert wird.

Im weiteren Verlauf nimmt die Handlung so richtig Fahrt auf. Nicht zuletzt den neuen Möglichkeiten zu verdanken, die die Wiederinstandsetzung alter Bahnlinien mit sich bringt.

Fazit: Wer nicht schon die einzelnen Bände der Trilogie las, möge sie hintereinander gleich auf einmal lesen.

„Killing Carmen“, Volksoper, 17.12.2025 *****

Die Bar von Lillas Pastia 13 Jahre nach den in der Bizet-Oper erzählten Ereignissen. Statt Remmidemmi mit einer tanzenden, singenden, trinkenden Carmen im Mittelpunkt nun tote Hose mit lediglich drei in Erinnerungen schwelgenden Gästen: Leutnant Morales, einst umsonst bemüht um die Gunst des rassigen Vollblutweibs, ebenso der ehedem ruhmreiche, zum düsteren Trankler herabgesunkene Torero Escamillo und die früher in Don José verliebte Micaëla. Die drei fanden sich ein, um Zeugen der Hinrichtung des seit 13 Jahren einsitzenden Eifersuchtsmörders der Carmen zu werden – und die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen.

Damit werden Carmen und ihr Kurzzeit-Lover Don José auf der Bühne wieder lebendig, es beginnt ein Wechselspiel zwischen der Jetztzeit und dem unvergessenen Drama, wobei letzteres den Großteil des Dargestellten einnimmt. Das bekannte Ende mit den Schüssen des Verschmähten auf Carmen und der Todesglocke für den dafür Hingerichteten kommt nach fast zwei Stunden dann etwas abrupt.

Dem Publikum gefiel’s – und mir auch

Davor sorgen aber der französische Opernstar Katia Ledoux (Carmen), Stefan Cerny mit beeindruckendem Bass, Musical-Sänger Anton Zetterholm (Don José) und die Schauspieler Florian Carove (Morales) und Julia Edtmeier (Micaëla) für ein kurzweiliges Programm. Das Operngenre wird dabei oft wohlklingend zugunsten von Jazz, Flamenco, Musical, Chanson und Pop verlassen, einige gute Inszenierungsideen sorgen für Heiterkeit und Abwechslung.

Mir gefiel Nils Strunks bunte Regie-Mischung aus Operntradition und moderner Adaptierung, die beteiligten Musiker (Piano/Akkordeon, Trompete, Schlagzeug) überzeugten. Dass Carmen die Geschichte eines Femizids an einer Frau erzählt, „die mit den Männern spielt“, wie von meinem Freund Heinrich kritisch eingewendet, stört mich gar nicht. Vielleicht gehe ich Opernmuffel auf meine alten Tage ja noch ein paar weitere Male in entsprechende Musiktheatersäle – meine Premiere in der Volksoper machte Lust darauf.

Adventmail 2025/18 (Anfang/Ende)

„Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“ Mit diesen Worten bringt der Verfasser des letzten Buches der Bibel, der Apokalypse/Offenbarung des Johannes, einen theologischen Allmachtsanspruch zum Ausdruck: Von Gott/Christus ging alles aus, auf ihn steuert alles zu – er umfasst die ganze Wirklichkeit. Wer’s glaubt, wird selig, sag ich jetzt mal ganz ohne Ironie.

Aber ich wollte auf etwas anderes hinaus: auf Alphabete. Alpha und Omega sind Anfang und Ende der Buchstabenliste des in der Antike kulturdominanten Griechischen, in dem auch das Neue Testament geschrieben ist. Davon stammen u.a. das heute weltweit meistverbreitete lateinische Alphabet sowie das kyrillische ab. Das A und O wird bis heute noch als Umschreibung für die Quintessenz von etwas benutzt. Unser deutsches Alphabet ist eine Variante des lateinischen Alphabets. Von diesem stammen die 26 Buchstaben A bis Z; hinzu kommen noch die Umlaute ä, ö und ü sowie das ß.

Von Marokko bis zum Irak werden das arabische Alphabet und dessen Varianten verwendet. Im Chinesischen gibt es insgesamt über 100.000, für jeweils eine Silbe stehende Schriftzeichen. Die meisten werden jedoch nur noch selten verwendet, im Alltag reiche die Kenntnis von 3000 bis 5000 Zeichen aus, heißt es. Ich war jedenfalls froh, dass bei meinem Chinabesuch 2011 die Straßenschilder in Peking und Shanghai auch mir vertraute Buchstaben zeigten, wie im Jahr darauf auch jene in Marrakesch oder Rabat.

„Mimi ist da“ war meiner Erinnerung nach einer der ersten Sätze, anhand derer ich das Schreiben erlernte. Vokale und häufige, motorisch leicht bewältigbare Konsonanten bilden auch heute noch den Anfang. Laut Studien des deutschen Schreibmotorik-Instituts beginnen die meisten Kinder mit vier Jahren, ihren Namen zu schreiben. Vorschulkinder sind in der Regel hoch motiviert, schreiben zu lernen, erst recht, wenn sie ältere Geschwister haben. Mein Jüngster, Fabian, späterer Popper-Schüler, erledigte mit 4 bereits den erbetenen Gästebucheintrag bei der Oma.

Adventmail 2025/17 (Anfang/Ende)

Meine sieben Lieblingsfilme über die Apokalypse:

„Interstellar“ (USA/GB 2014) Der Film von Christopher Nolan spielt in einer dystopischen Zukunft, in der die Menschheit die Erde verlassen muss und ein neues Zuhause auf einem anderen Planeten sucht. Der ehemalige NASA-Pilot Cooper (Matthew McConaughey) nutzt für seine Mission ein Wurmloch, das in eine andere Galaxie zu einem Planetensystem um ein Schwarzes Loch führt. Ausführlich beschrieb ich den Film, als er in Österreichs Kinos kam, für die Adventmailserie 2014. Der Plot klingt mehr nach Fiction als nach Science, aber in die Entstehung des Films war der Astrophysiker und spätere Nobelpreisträger Kip Thorne wissenschaftlich eingebunden.

„Melancholia“ (Dk/Sv/F/D 2011) Der Endzeitfilm des Dänen Lars von Trier erzählt von der depressiven jungen Justine (Kirsten Dunst), die das Ende der Welt durch die Kollision mit einem anderen Planeten vorhersieht. Dazu kommt es auch; in der Schlusssequenz des mit viel Wagner-Musik gestalteten Films sitzt Justine mit ihrer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) und ihrem kleinen Neffen in dessen „magischer Höhle“ aus Ästen, die sie behüten soll, und erwarten händchenhaltend den Weltuntergang.

„Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (GB/USA 1964) Ein Klassiker von Stanley Kubrick über den Kalten Krieg und die nukleare Abschreckung, voll von bitterböser Satire und einem ikonisch gewordenen Bild: Der Kommandant eines Bombers der US-Luftwaffe schafft es, eine davor störrische Wasserstoffbombe aus ihrer Verankerung zu lösen und nähert sich rittlings auf der Bombe sitzend, mit Freudengejohle und seinen Cowboyhut schwenkend, seinem Einschlagort auf sowjetischem Terrain. Peter Sellers brilliert in einer Tripple-Rolle als nazihafter Wissenschafter, US-Präsident und britischer Austauschoffizier, wobei er einen Teil der Dialoge improvisierte. Einer von vielen Must-see-Filmen von Meister Kubrick.

„WALL·E – Der Letzte räumt die Erde auf“ (USA 2008) Es ist das Jahr 2805 und nach 700 Jahren des Müllsammelns ist der Protagonist WALL·E der einzige noch funktionsfähige Aufräumroboter, die Erde freilich noch immer eine desolate Müllhalde. Der verbliebene Rest der Menschheit hat sich auf dem Raumschiff Axiom durch Automatisierung, mediale Dauerberieselung und geringe Gravitation zu fettleibigen, degenerierten Wesen entwickelt. Ein Raumtransporter setzt auf der Erde den Roboter EVE (Extraterrestrial Vegetation Evaluator) aus, um nach photosynthesefähigem, organischem Leben zu suchen. EVE spürt dieses auch auf in Form des Pflänzchens, das WALL·E entdeckt hat und zum Ausgangspunkt für die Wiederbesiedlung der Erde. Verdienter Oscar und Golden Globe 2009 für diesen familientauglichen Disney-Animationsfilm.

„The Road“ (USA 2009) Hoffnungslosigkeit ist das bestimmende Gefühl dieser bewegenden Vater-Sohn-Geschichte inmitten einer sterbenden Welt. Das sollte eigentlich bei einem Endzeitfilm nicht weiter verwundern. Tut es aber doch, weil „The Road“ auf bizarre Sci-Fi- und Fantasy-Szenarien verzichtet. Wie in der großartigen Romanvorlage von Cormac McCarthy wird die bewegende Reise eines Vaters (Vigo Mortensen) und seines jungen Sohnes in Richtung Meer erzählt. Da einige Jahre nach einem apokalyptischen Ereignis alles Leben am Verenden ist, hoffen sie im Süden eine lebensfreundlichere Umgebung zu finden, sehen sich aber Gefahren durch Diebe und sogar Kannibalen gegenüber.

„Matrix“ (USA/AUS 1999) In einer postapokalyptischen Zukunft wurde die Menschheit von Maschinen besiegt und zu Energielieferanten degradiert. Nur eine überschaubare Gruppe von Menschen leistet Widerstand und dringt in die virtuelle Welt ein, die den Menschen in ihren Nährstofftanks vorgegaukelt wird. Eine spezielle Truppe unter der Führung von Morpheus (Laurence Fishburne) findet den in Legenden angekündigten Auserwählten Neo (Keanu Reeves), der die Menschen in die Freiheit führen soll. Ein in Style und Inhalt höchst einflussreicher Streifen der Wachowski Brothers

„Don’t look up“ (USA 2021) Als ein Asteroid auf die Erde rast, wenden sich die Astronomen Kate (Jennifer Lawrence) und Randall (Leonardo DiCaprio) an die Öffentlichkeit. Doch ihre Warnungen verpuffen ungehört, weswegen sie sich auf große Tour durch die Medien begeben. Doch es stellt sich auch die Frage, wie korrekt ihre Vorhersagen und Berechnungen tatsächlich sind. Irgendwo zwischen Dramedy und Sci-Fi stimmt der Endzeitfilm von Adam McKay schwarzhumorige Töne an und punktet mit einer grandiosen Besetzung.

Adventmail 2025/16 (Anfang/Ende)

In meinen 32 Jahren als Kathpress-Redakteur hab ich nur zwei Pontifikatsanfänge (Benedikt, Franziskus) und zwei Pontifikatsenden (Johannes Paul II., Benedikt) miterlebt. In seiner langen Ära leistete der Wojtyła-Papst einen wesentlichen Beitrag zum Fall des Eisernen Vorhangs in Europa, es gab aber auch Einschränkungen der theologischen Freiheit (Hans Küng!) und fatale Bischofsernennungen (Groer, Krenn, Eder…). Seinem Tod nach 26½-jähriger Amtszeit gingen Jahre körperlicher Gebrechlichkeit bis hin zur Sprechunfähigkeit voraus. Auf die mehrfache Anregung zum Rücktritt entgegnete der polnische Papst, er lege die Dauer seiner Amtszeit in Gottes Hände.

Anders sein Nachfolger Joseph Ratzinger, der schon unter Johannes Paul II. sowas wie der zweite Mann im Vatikan war und als Präfekt der Glaubenskongregation bei fortschrittlichen Theologen wie mir kaum Sympathiepunkte sammelte. Als er am 19. April 2005 als Benedikt XVI. mit seinem zähnefletschenden Lächeln auf den Balkon des Apostolischen Palastes trat, war ich trotz seiner bescheidenen Worte über sich als „einfachen und bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn“ entsetzt über die Wahl. Der intellektuelle Deutsche auf dem Stuhl Petri war im Februar 2013 – als 85-Jähriger – einer der wenigen Päpste, die freiwillig von ihrem Amt zurücktraten. Was ich ihm hoch anrechne, auch wenn er sich danach von Konservativen noch als „Papa emeritus“ instrumentieren ließ.

Groß war dagegen meine Freude, als Jorge Mario Bergoglio mit den schlichten Worten „Fratelli e sorelle, buonasera“ sein Papstamt antrat. Noch dazu erstmals als ein Franziskus, nach dem glaubwürdigsten aller Heiligen. Ich saß damals mit dem Grazer Bischof Egon Kapellari im Konferenzzimmer der Kathpress und sollte dessen Reaktion in eine Meldung gießen. „Was, ein Jesuit?!“, nahm der Bischof überrascht Bezug auf eine weitere Premiere. Papa Francesco blieb mir sympathisch, trotz gelegentlicher Machismo-Ausrutscher; aber so sind ältere Herren aus Lateinamerika nun mal.

Seinen Tod im April 2025 und die Wahl Leos XIV. im Mai verfolgte ich von der stressarmen Pensionistenbank aus, wohl wissend, was sich da grad in der Redaktion abspielt. Vom ersten US-Amerikaner als Pontifex Maximus habe ich noch einen wenig nuancierten Eindruck. Dass er sein Amt mit den Worten “Peace be with you! Beloved brothers and sisters, this is the first greeting of the Risen Christ“ begann, finde ich in Zeiten wie diesen immerhin sympathisch und passend.

Adventmail 2025/15 (Anfang/Ende)

„Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist das nicht das Ende.“ Dieses Zitat wird immer wieder John Lennon zugeschrieben. Laut dem Tiroler Literaturwissenschaftler Gerald Krieghofer, der in „Die besten falschesten Zitate aller Zeiten“ (Molden 2023) über „Kuckuckszitate“ informiert und dazu auch bloggt (https://falschzitate.blogspot.com/), war der Urheber aber nicht Lennon, sondern der brasilianische Autor Fernando Sabino (1923-2004). Der sei deprimiert gewesen und habe von seinem Vater folgenden Trost vernommen: „Mein Sohn, am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“

Was nicht gut und wo leider auch noch kein Ende absehbar ist: bei der inflationär in Politik-, Wirtschafts- und jetzt auch Sportinterviews verwendeten Floskel „am Ende des Tages“ (AEDT). Geht mir mächtig auf den Sack. JedeR, die/der auf sich hält, meint, diese aus dem Englischen entlehnte Phrase (at the end of the day) verwenden zu müssen. Weil Alternativen wie „im Endeffekt“, „letzten Endes“, „letztlich“, „schließlich“ oder „schlussendlich“ zu wenig sophisticated wirken?

Die Berliner Genossenschaftszeitung „taz“ veröffentlichte 2022 eine „Floskelkritik“ unter dem resignierenden Titel „Ohne Ende am Ende des Tages“. Schon vor mehr als zehn Jahren hätten wache Kolleg:innen „angemessen angepisste Artikel“ über das „algenblütenartige Anwachsen“ von AEDT geschrieben, ist dort zu lesen. Damals allerdings im Managersprech verortet, „heute schallt sie einem schon frühmorgens aus jedem zweiten Politinterview entgegen, mit einer mümmeligen Mundgeruch verbreitenden Penetranz, dass sich einzig der Weg zurück in Bett als Rettung vor einem trüben Tag und seinem unvermeidlichen Ende anbietet“, wie es herrlich polemisch weiter heißt.

Die Berliner Agentur „textbest“ wies darauf hin, dass es AEDT hinter „zeitnah“ bereits 2015 auf Platz 2 bei den „10 schlimmsten Floskeln im Bürodeutsch“ schaffte. Heute stecke die Floskel allerdings „in der Spätphase ihrer Karriere als ausgelutschte Metapher“. Lasst uns hoffen so! Oder wird am Ende des Tages klar sein, dass wir den Tag nicht vor dem Abend hätten loben sollen?