Adventmail 2012/04 (Geburt)

Wer in Regionen mit niedrigem Lebensstandard reist, wird sich als reflektierter Mensch sicher irgendwann des unverdienten Glückes bewusst werden, in einem reichen und sicheren Land wie Österreich geboren zu sein.
„Switzerland is the best place to be born in the world“, hieß es erst gestern in zahlreichen Medien. Unser Nachbarland liegt an der Spitze eines „where-to-be-born index“, das die (prognostizierte) Lebensqualität in 80 Ländern vergleicht. Für diese Liste des Economist Intelligence Unit (EIU) wurden neben wirtschaftlichen auch ökologische, soziale und kulturelle Gesichtspunkte miteinbezogen, z.B. subjektive Lebenszufriedenheit, Verbrechensrate, Vertrauen in öffentliche Institutionen und „health of familiy life“.
Österreich liegt in dem Ranking an 13. Stelle, auf Leader Schweiz folgen Australien und drei skandinavische Länder, Deutschland ist 16.
Das EIU-Ranking ist wie alle Listen dieser Art mit Vorsicht zu genießen. Ein geglücktes Leben hängt von so vielen – auch unvorhersehbaren – Faktoren ab, und vor Unglücksfällen, Liebesschmerz und Krankheit ist man auch in wohlhabenden Ländern nicht gefeit. Dennoch: Die glücklichsten Menschen leben laut Studien in den wohlhabenden Industriestaaten Dänemark, Schweiz, Island, Niederlande und Kanada.
Überall dort ist übrigens die Geburtenrate niedrig (um 10 Geburten pro 1.000 Ew.), in afrikanischen Staaten wie Niger (51), Uganda (47) und Mali (46) dagegen um ein Vielfaches höher. Schon klar, dort sind viele Kinder eine Art Altersversorgung und die Säuglingssterblichkeit ist hoch. Aber ist die Unfähigkeit/Unwilligkeit von Ländern, die eigene Bevölkerungszahl durch eine Balance bei Geburten und Todesfällen zumindest stabil zu halten, nicht auch Zeichen einer ab-/aussterbenden Kultur? Oder ist das FPÖ-Software?

Adventmail 2012/03 (Geburt)

Ich bin Vater dreier Söhne und war – unvergesslich für mich – bei der Geburt von Gregor (25), Moritz (24) und Fabian (16) helfend und dann glücksstrahlend dabei. In einem Kreißsaal war ich allerdings noch nie. Das „Kreißen“ (= Kreischen) des Entbindungsschmerzes erlebte ich beim ersten Mal in einem wohnzimmerähnlichen Raum im Geburtshaus Nußdorf mit, bei den beiden weiteren Geburten mit Hebammenhilfe im trauten Heim.
Obwohl Hausgeburten bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts in allen Teilen der Welt vorherrschende Normalität waren, war damals im Bekanntenkreis manchmal die Frage zu hören: Warum als angehende Eltern so ein Risiko auf sich nehmen? Nun, laut der deutschen „Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe“ sind Hausgeburten ähnlich sicher sind wie klinische Geburten. Und, was auch unsere Hebammen damals glaubhaft versicherten, etwaige Komplikationen bedeuten Verzögerung, und Verzögerung bietet Gelegenheit, doch noch ins Spital zu wechseln.
In vertrauter Umgebung zu entbinden bzw. dabei zu helfen erwies sich für uns als beste Lösung, zumal uns in den Tagen danach Helferinnen unterstützten. Etwas unangenehm war mir jedoch, dass der damals siebenjährige Moritz (im Unterschied zum Distanz haltenden Gregor) während der Geburt Fabians mehrmals ins Schlafzimmer kam und ungeniert in Augenschein nahm, ob etwas bzw. wie viel vom Geschwisterchen schon zu sehen war…
Warum ich mich jetzt daran erinnere? Weil Gregor noch im Dezember Vater wird und ich in Gedanken oft bei ihm, seiner Carmen und meinem künftigen Enkerl bin.

Adventmail 2012/02 (Geburt)

Geburt heißt Anfang. Und mit dem heutigen ersten Adventsonntag, nicht mit dem 1. Jänner, beginnt das (lateinische) Kirchenjahr. Der Advent – die Zeit der “Ankunft” -endet wiederum mit einer Geburt, jener im Stall von Bethlehem.
Falls es dazu kommt. Denn Panikmachesoteriker wollen uns weismachen, dass der Welt am 21.12.2012 die Apokalypse droht. Ich bin ziemlich sicher, dass es in drei Wochen so wie bei ähnlichen Prognosen wieder heißen wird: “Weltuntergang mangels an Beteiligung abgesagt”.
Wie auch immer: Anfang und Ende, Tod und Geburt, Untergang und Neubeginn hängen eng miteinander zusammen. Dass das (lateinische) Christentum den Beginn des Jahreszyklus in der dunklen Jahreszeit ansetzt und die Geburt des Erlösers kurz nach der längsten Nacht, am vormaligen Festtag des Sonnengottes Sol Invictus (25. Dezember), ist ungewöhnlich. Andere Religionen/Kulturen wie die alten Römer (1. März), die Bahai, Khmer, Tamilen und der thailändische Mondkalender beginnen das Jahr im Frühling, wenn die Natur neu erwacht.
Die orthodoxen Kirchen wiederum feiern Neujahr am 1. September, Kopten und Rastafari am 11. September, die französischen Revolutionäre mit dem Jahrestag ihrer Monarchieabschaffung am 22. September (1792), die Kelten am 31. Oktober. Ein variables Neujahrsfest haben Juden und Muslime.
Wie heißt es so schön in Hermann Hesses wunderbarem Gedicht “Stufen”:
“… Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe / bereit zum Abschied sein und Neubeginne, / um sich in Tapferkeit und ohne Trauern / in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, / an keinem wie an einer Heimat hängen, / der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, / er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten…”

Adventmail 2012/01 (Geburt)

„Ich fühle mich wie neugeboren“, sagt man. Und damit ist nicht gemeint: erschöpft, trotz käseschmiereverpickter Äuglein geblendet vom Licht der Welt, orientierungslos, instinktgesteuert und zugleich absolut angewiesen.
Nein, „wie neugeboren“ steht für frische Kräfte, Aufbruch, Euphorie und tiefes Wohlbefinden.
Dabei kann sich niemand an seine Geburt erinnern. In einem Internet-Forum stieß ich zwar auf einen Mann, der behauptete, die grünen Kacheln im Kreißsaal noch vor Augen zu haben. Ich glaube das nicht. Denn gerade der Sehsinn ist bei Neugeborenen noch ganz schwach und entwicklungsbedürftig. Laut physiologischer Forschungen können sie nur 20 bis 30 cm weit gut sehen, sehen alles nur zweidimensional und kommen auch mit den Farben noch nicht zurecht.
Der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth („Die Zeit“ 45/2010) spricht im Blick auf früheste Kindheitserinnerungen von einer biologischen Grenze: Bei Kindern, die jünger als zwei bis drei Jahre sind, seien die relevanten Bereiche im Gehirn noch nicht gut genug ausgebildet, um Erinnerungen korrekt abspeichern und auch lange Zeit später wieder abrufen zu können. Meint man dennoch frühere Erinnerungen zu haben, handle es sich oft um später von anderen Personen Erzähltes, so Roth.
Meine eigene früheste Kindheitserinnerung ist zu banal, als dass sie mir später von anderen erzählt worden wäre: Ich weiß noch, dass sich meine erste Pflegemutter, eine Frau Strauß in Bruck an der Mur, darüber mokiert hat, dass ihr Mann, der Onkel Karl, seinen Kaffee im Stehen beim Küchentisch trank. Da ich mit drei Jahren zu meiner zweiten Pflegemutter, Frau Dietz, kam, muss dieses „einschneidende Erlebnis“ davor gewesen sein.

Adventmails 2012 (Ankündigung)

Liebe AdventmailbezieherInnen!
„Geburt“ soll das Thema meiner diesjährigen vorweihnachtlichen Zusendungen von 1. bis 24. Dezember sein. Das passt nicht nur zum weltweit meistbegangenen Fest im Gedenken an die Menschwerdung Gottes in einem wehrlosen Baby im „Nahen Osten“. Sondern es gibt diesmal auch eigene biografische Anknüpfungspunkte (auf die ich im Verlauf der Mails noch eingehen werde).
Für den heurigen Advent habe ich davon abgesehen, Euch um Beiträge zu ersuchen. Im Vorjahr* tat ich das für die Serie „3 Fragen an…“, und nicht nur ich freute mich über viele spannende Kurzinterviews. Vielleicht mache ich Vergleichbares in den kommenden Jahren nochmal, aber diesmal reizte es mich, ein explizit weihnachtliches Thema von verschiedensten Seiten zu beleuchten, und das, ohne erst „einsammeln“ zu müssen. Selbst Erlebtes und Gedachtes wird dabei immer wieder einfließen.
WICHTIG: Diesmal versende ich keine Mails, sondern verbreite die 24 „Kästchen“ über diesen Link (http://www.advent.springmaus.de/zeig.php?kalender=2897) zu einem virtuellen Adventkalender im Internet sowie für Facebook-Mitglieder über die Gruppe „Adventmails RME“. Das vermeidet übervolle Mailboxen und überlässt Euch mehr Freiheit, wie intensiv Ihr meine Kurzartikel nutzen wollt.
Am Samstag geht’s los, ich wünsche Euch Schmunzelanlässe, Aha-Erlebnisse und sonstige Bereicherungen in der Vorweihnachtszeit.
Alles Liebe,
Robert